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Michael & Michael
Heute im GoDi in der Kirche St. Paul's treffe ich nicht nur Michael, den frisch geschiedenen Engländer, der die Predigt zum Thema "Dämonen in uns" etwas befremdlich fand, sondern auch Michael, den Ehemann von Linda. Und der hat Neuigkeiten für mich. Er ist ja mein Chef-Unterhändler im Fall Taxi-Tussi.
Alles ist ganz anders gelaufen als geplant. Weder ist das Video, das die Taxi-Tussi mit Karacho über den Zebrastreifen donnern zeigt, wie mir die Polizei versichert hatte, beim Gericht eingetroffen noch war es richtig, damals ein Schuldeingeständnis zu unterschreiben, mit dem die Klägerin dann vor Gericht vorstellig werden konnte mit dem Hinweis: "Hier, er hat doch alles gestanden!" Michael meint, ich hätte da nicht die besten Ratgeber (seitens der Uni) gehabt. Ich hätte die 9.000 Yuan nicht zahlen sollen, ohne dass der gesamte Fall ad acta gelegt wird. Die Uni-Leute wollten die Sache nur ganz schnell vom Tisch haben.
Michael erklärt mir, dass noch mal eine Geldsumme gezahlt werden musste. Die ganze Familie sei noch mal notorisch aufgebracht vor Gericht erschienen und sei über den Skandal-Ausländer hergezogen. Das Gericht habe sich dem freilich nicht immer vorbehaltlos anschließen können. Ihre Gesamtforderung (30.000 Yuan) wurde dementsprechend reduziert, aber es wurde noch mal Geld gezahlt, damit die Causa ad acta gelegt werden konnte. Da ich aber damit ja nicht einverstanden war, hat Michael diese Summe mal eben für mich entrichtet. Er will mir auch nicht sagen, wie viel es war ("Some money!"), da das mich ("Jeder Mao an diese Frau ist noch zu viel!") ja doch nur aufregen würde.
"Ich muss dir doch das Geld wiedergeben!", beharre ich und weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Martin, mein simbabwischer Gebetspartner, hatte den Fall im Namen Christi zwar zu einem abgeschlossenen erklärt und so ist es auch gekommen; unterm Strich habe ich auch keinen Pfennig aus eigener Tasche bezahlt. Andererseits bin ich aber zweimal zu einer beträchtlichen Geldsumme verdonnert worden. Und die Taxi-Tussi und ihre paranoide Gesamtfamilie haben noch nicht mal kapiert, dass sie wie eine gesengte Sau über'n Zebrastreifen gebrettert ist und dafür eigentlich den Führerschein auf Lebenszeit hätte verlieren müssen. Es ist auch nie herausgekommen, dass sie sich selbst auf den Boden geworfen und ihren Kopf auf den Asphalt geschlagen hat, um sich anschließend wegen einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus behandeln lassen zu können. (Wie krank ist das eigentlich?) Ein Punkt aber, sagt Michael, habe Wirkung gezeigt: dass es Aufzeichnungen über die im Dienst befindlichen Taxis gebe. Angeblich hat die Tussi ja nach dem Vorfall tagelang ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen können.
"We must forgive!", sagt Michael zum Abschied.
Ironie am Rande: Ich selbst habe mich auch gerade als Retter in der Not betätigt, weil Jianqing alias Xiao Li nach einem ihr zur Last gelegten Geldverlust in ihrer Firma finanziell in die Klemme geraten ist und drei Monatsmieten im Rückstand lag.
Neujahr in Nanjing
Passend zum Geballer draußen habe ich mir "Tränen der Sonne", einen Kriegsfilm mit Bruce Willis, eingelegt. Ansonsten wollte ich mich mit dem Fest heute nicht weiter befassen. Schließlich hatte ich mein Neujahr ja schon - am Strand von Sanya. Um halb eins hält es mich aber doch nicht mehr in der warmen Stube. Ich gehe doch noch mal raus. An der Kreuzung Zhujiang Lu - Zhongshan Lu haben einige Unverwüstliche ihr Pulver immer noch nicht verschossen und bieten mir ein schickes Feuerwerk.
Schumi
Heute treffe ich Schumi, Schumi Ich habe gerade Bücher im "International Bookstore" abgeholt, dich ich im Dezember bestellt hatte. Da spricht mich Schumi an. Er hat sogar eine Visitenkarte, auf der steht sein Name Schumi Yu samt E-Mail-Adresse drauf: schumi@kompan.com mit dem Zusatz "cn". (Ich muss das so schreiben, damit Schumi nicht so genannten Spammern zum Opfer fällt.) Schumi begleitet mich zwei Straßenzüge lang durch den Schneeregen von Nanjing und ich erfahre, dass er in München an der Ludwig-Maximilians-Universität studiert hat und sogar noch ganz passabel Deutsch kann. Er wird aber nicht müde zu betonen, dass das nichts sei im Vergleich zu meinem Chinesisch. Das sei nämlich das beste Chinesisch, das er je von einem Ausländer gehört habe, was ein doch fragwürdiges Licht auf seine sonstigen nicht-chinesischen Bekannten wirft. Schumi hat nämlich in Deutschland noch viele Freunde aus der Studienzeit, wie er mir berichtet. Die Firma, bei der er jetzt als "Qualitätsmanager" beschäftigt ist, KOMPAN A/S, eine Art IKEA für Kinderspielplätze, ist jedoch eine dänische, aber das macht nichts, liegt ja direkt an der Grenze. Und Deutsche sehen ja, wie man an mir sieht, auch aus wie Dänen. Schumi ist übrigens nicht zum Spaß auf Nanjings Straßen unterwegs, sondern auf dem Weg zum Xuanwu Hu. Hätte ich ihn nicht aufgehalten, wäre er wohl schon da. Das Sauwetter lässt ihn kalt: Den See (ca. 10 km Umfang) wird er wie an vielen Tagen zuvor heute noch im Laufschritt umrunden. Ganz der Schumi eben - muss fit sein für die nächste Saison! (Das neue Jahr beginnt nach dem chinesischen Mondkalender am kommenden Montag.)
Ich muss mich dagegen mit so profanen Dingen wie dem Einkauf im RT-Markt in der Hongwu Lu beschäftigen. An der nächsten Einmündung verabschiede ich Schumi ins freie Training.
Huoguo
Nein, nicht Hugo, sondern Huoguo (Feuertopf) ist der Name eines chinesischen Nationalgerichts, das ich eigentlich gar nicht mal so toll finde. Es handelt sich um eine Art Fleischfondue, nur dass man hier nicht nur Fleisch, sondern einfach alles reinschmeißt in den Kessel mit der brodelnden Brühe, Kohl, Tofu, Maultaschen, Fischfrikadellen, Wurst - einfach alles. Wenn aber Hongzhen und ihr Mann zu sich nach Hause einladen, dann ist das natürlich ganz was anderes und ich bin begeistert und alsbald pappsatt, denn Hongzhen hat ihre gesamte Speisekammer in den Pott geworfen. Muss auch alles weg, denn sonst verdirbt es in der Urlaubszeit. Sie hat noch einen halben Arbeitstag, danach geht es zum Doppelfühlingsfest zunächst in ihre eigene Familie und dann in die ihres Angetrauten.
Ich verabschiede mich von dem jungen Paar und gehe zu Fuß noch einmal ans Ufer des Huangpu, von wo ich einen Blick auf Puxi habe - die Gegenperspektive zum gestrigen Abend. Bei frühlingshaft-sonnigen zehn Grad kann man sich sogar eine Weile auf das Rasenstück dort setzen. In einer McDonald's-Verkaufshütte mitten auf der Promenade scheint keiner zu sein, aber ich rufe einfach mal rein: "Ein Eis!" und schon lugt die Verkäuferin hinter ihrem Magazin hervor. Wenige Minuten später hat sich eine Schlange vor dem Verkaufsstand gebildet. Das erinnert mich verdächtig an meine Rolle während der Busfahrt nach Litang/Osthimalaja im August 2003, als ich den Fahrer nach zwei Stunden zu einer Pinkelpause nötigte und hernach der halbe Bus am Straßenrand stand.
Ich ergattere eine Fahrkarte für 18 Uhr, mache es Ralf nach und erwerbe in einem Supermarkt gegenüber vom Bahnhof ein Snickers, das mir das Warten versüßt, und bin um halb acht schon wieder in Nanjing.
Flaschenöffner
Ich treffe Jiaojun, das Mädchen von Michaels Weihnachtsparty, vor dem Ausgang 1 der U-Bahnstation Lujiazui und wäre, obwohl ich mich zu Fuß vom Hotel hierher auf den Weg gemacht habe, sogar fast pünktlich gewesen. Nur leider kommt man unter Tage nicht von Ausgang 2 zu Ausgang 1 und ich muss wieder raus und oben herum. Jiaojun steht schon draußen und sieht mich gleich. Ihre Idee, den Orientalperlturm (Schanghais modernes Wahrzeichen) zu erklimmen, per 180-Yuan teurem Fahrstuhl, kontere ich mit dem Alternativ-Vorschlag, es anderswo (viel billiger) zu versuchen. An der Kasse hat sich Jiaojun auch schön im Hintergrund gehalten. So kann ich nun berichten, wie immens wenig man für das teure, teure Geld geboten bekommt. Da habe ich doch eine "viel bessere Idee": Wir fahren mit dem Fahrstuhl in die "Sky lounge" des der Form halber auch "Flaschenöffner" genannten Schanghaier Weltfinanzzentrums. Hierbei handelt es sich mit 492 Metern immerhin um das vierthöchste Gebäude der Welt und es ist vom dreißig Meter niedrigeren Perlturm nur fünf Fußminuten entfernt. Wenn das keine überzeugenden Argumente sind!
Obwohl wir dort vom 51. Stockwerk aus ebenfalls eine kolossale Sicht auf ganz Schanghai haben (nebenan ragt wie ein aufgeplatztes Organ der metallene Kern des nächsten Giganten empor, der 600 Meter hoch werden soll), kommt mir Jiaojun immer noch ein bisschen verstimmt vor, wie ein kleines Mädchen, dem die Mama einen Lutscher verweigert hat. Dann kommt auch noch ein böser Onkel und teilt ihr (nicht mir) mit, hier solle man sich nicht aufhalten. Dabei ist die "Sky lounge" bis auf eine einzelne Dame an einem Pult mit dem Schriftzug irgendeines Finanzkonzerns menschenleer. Wen können wir hier schon stören? Jiaojun nickt trotzdem artig und wir steigen wieder in den Fahrstuhl. Ich wollte ja eigentlich noch rauf bis in den 77. Stock, aber man muss auch mal fünf gerade sein lassen können.

Jiaojuns Stimmung hellt sich erst beim Essen wieder so richtig auf. In Gino's Pizzeria darf sie so viel bestellen, wie sie will. Man ahnt es schon: Am Ende bekomme ich doch wieder das meiste, weil ja diese jungen Dinger einfach nie Appetit haben. Schon nach dem Salat mahlen die Mühlen langsamer. Ich esse ca. 1,7 Pizzen und 1,5 Salate. Zwischen den Gängen äußert Jiaojun verdächtig viel Interesse an meinen Vermögensverhältnissen und meinem Einkommen, aber das nur so nebenbei. "Oh, das ist aber teuer geworden", tut sie scheinheilig, als Ginos Kellner die Rechnung präsentiert. "Kein Problem", erwidere ich, "viel billiger als mit dem Fahrstuhl rauf zum Perlturm!" In der Tat, so gesehen, habe ich immens gespart! Dann frage ich, ob wir mit der U-Bahn fahren oder zu Fuß zum Kino wandern sollen. Das befindet sich an einem Ort, den die Chinesen großspurig "Times Square" genannt haben. Zu Fuß sei nach dem vielen Essen gut, meint sie, stöhnt dann aber schon nach den ersten dreihundert Metern. "Das kann nicht sein", sage ich. "Du bist aus Hunan. Von dort kommen die härtesten Mädchen!" Danach keine Klagen mehr.
Hongzhen hat via Internet im Kino am "Times Square" zwei Plätze reserviert. Als ich ihre Code-Nummer eingebe, kommt nur eine Karte heraus. Nanu? Ich gebe den Code noch einmal ein. Ein Opi macht uns dann darauf aufmerksam, dass da wohl noch eine Eintrittskarte im Röhrchen steckt - tatsächlich! Mit zwei Mobilfunk-Telefonaten während des Films sind wir in Anbetracht des kleinen Kinosaals vermutlich im Schnitt. Dafür unterhält sich das Ehepaar aus der Mao-Ära neben mir öfter mal in Zimmerlautstärke. Jiaojun erweist sich nun doch endlich als hartes Hunan-Mädel und hält auch bei den brutalen Kriegsszenen wacker durch. Und ich glaube, sie weint am Schluss nicht mal. Das ist ja allerhand! In "Die Blumen des Krieges" geht es um einen hedonistischen Amerikaner, der während des japanischen Völkermords an der Bevölkerung von Nanjing 1937 zur Tarnung in die Robe eines Priesters steigt und sich unter dem Eindruck der blutigen Kriegsgräuel vom Saulus zum Paulus wandelt. Außerdem suchen bunt gekleidete Damen, die sich als Kindergärtnerinnen bezeichnen, in der Kathedrale Unterschlupf. Identifikationspotenial für Jiaojun, die selbst als Erzieherin arbeitet.
Auf dem U-Bahnsteig verabschiede ich mich von meiner jungen Begleiterin, die in die andere Richtung fährt. Für mich ist der Tag damit aber noch lange nicht zu Ende. Denn an der Station Nanjinger Straße treffe ich mich mit meinem Kollegen Ralf, lande mit ihm erst in einem schummerigen Café, wo die heiße Schokolade lauwarm und wässrig ist, aber trotzdem 30 Yuan kostet. Der Grund liegt auf der Hand: Man hat auf der Terrasse einen famosen Blick auf die illuminierte Skyline von Pudong (einschließlich Perlturm und Flaschenöffner). Ralfs Anekdoten aus seinem Privatleben (eine chinesische Lebensabschnittsgefährtin mit bipolarer affektiver Störung, dem Syndrom, über das ich dank der lose mit mir befreundeten Autorin Danyu auch einiges zu berichten weiß) kommentiere ich, soweit im Schummerlicht möglich, fortlaufend mit Zitaten aus der akutellen SPIEGEL-Titelgeschichte "Liebe lieber unvollkommen", der weitgehend bestätigt, was Christen sowieso seit jeher predigen: "Echte Freundschaft schmiedet Paare viel fester zusammen als die Herzklopfdramatik der sogenannten großen Liebe. [...] Die ewigen Beziehungsdebatten führen in der Regel zu nichts, jedenfalls zu nichts Gutem. Sex ist überbewertet" und komme meist viel zu früh im Kennenlernprozess. Als wir gehen, blickt ein Deutscher von seinem tragbaren Computer auf und wünscht uns noch einen schönen Abend. Er gibt uns damit zu verstehen, dass wir ihn mit unserem reichlich privaten Gespräch blendend unterhalten haben. "Hier muss man aufpassen, was man sagt", meint Ralf vorm Fahrstuhl, "überall Deutsche!"
Ralf hat Hunger. In dem nebenan gelegenen Schnellrestaurant treffen wir drei deutsche Jungs und eine Österreicherin auf Wanderschaft. Alle sprechen kein Chinesisch. Aber der Wunsch der Österreicherin nach einem flambierten Eis, bekanntlich keine Spezialität in chinesischen Schnellrestaurants, lässt sich auch mit mir als Übersetzungshilfe, nicht erfüllen. Ralf hat einen Riesenbottich vor sich stehen und isst davon auch nicht mehr als Jiaojun von ihrer Pizza. Dafür erwirbt er dann aber im nächsten Supermarkt noch rasch ein Snickers für den kleinen Hunger danach. Wir lassen den Abend in einer Jazzbar ausklingen, in der Ralf Stammgast ist. Hier scheint vor siebzig Jahren die Zeit stehen geblieben zu sein. Oben auf der Empore, erzählt Ralf, hat Köhler eines seiner letzten Getränke im Amt des Bundespräsidenten zu sich genommen. Ralf hat sich sowohl mit der russischen Mitbetreiberin als auch mit der Kubanerin, die in der Jazz-Band spielt (die allerdings montags, also heute, von einer weniger mitreißenden Truppe vertreten wird), gut bekannt gemacht. Hier kostet die heiße Schokolade 55 Yuan, ist tatsächlich heiß und auch nicht wässrig. Gegen Mitternacht geht's nach Haus.
Das Stadtviertel Pudong, das sich anschickt, so eine Art Manhattan von Schanghai zu werden, ist durch fünf Tunnel und nicht eine Brücke mit dem so genannten Bund, dem Zentrum des alten Schanghai, verbunden; der einzige Tunnel für Fußgänger ist natürlich um diese Uhrzeit geschlossen. Er ist auch mehr so etwas wie ein Erlebnispark. Welcher gehirnamputierte Stadtplaner sich das wieder ausgedacht hat, muss ein Rätsel bleiben. Ich ärgere mich, dass ich für fast 30 Yuan ein Taxi nehmen muss und dann in dem Tunnel, durch den es fährt, auch noch Stau wegen Bauarbeiten herrscht.
Perfekt organisiert
Perfekt organisiert hat meine Ex-Studentin Hongzhen - hier ein Foto aus Deutschland - meinen dreitägigen Ausflug nach Schanghai, wo ich mit der Pädagogik-Studentin Jiaojun verabredet bin, die hier in der letzten Woche an einer einwöchigen Schulung teilgenommen hat und nun warten muss, bis sie ihre Reise nach Hunan antreten kann, wo ihre Eltern sie zum Frühlingsfest erwarten. Fahrkartenerwerb ist in diesen Tagen Glückssache. Meistens muss man seine Fahrkarte fünf Tage im Voraus kaufen, damit man überhaupt noch eine abbekommt.
Hongzhen hat nicht nur Hotel und Kinoplätze gebucht und die entsprechenden Beträge überwiesen, sie hat es sogar fertig gebracht, via Internet mein Telefon aufzuladen, nachdem sie festgestellt hat, dass man mich nicht mehr erreichen kann, was mich in der letzten Woche phasenweise verwirrt hat. "Aber nur zehn Yuan", sagt sie. Es regnet in Strömen, als wir uns an der U-Bahnstation "Century Avenue" treffen, in deren Nähe Hongzhen gerade an einem Spanisch-Kurs teilgenommen hat. Sie geleitet mich zu dem Hotel, in dem sie sonst Firmengäste unterbringt. Es steht genau neben dem Immobilienbüro, in dem ihr Mann als Makler arbeitet. Das Hotel ist im Sechziger-Jahre-Retro-Stil gehalten, mit runden Sesseln und Plüschkissen. Mein Zimmer, keine Fenster, ist reichlich feminin eingerichtet. "Hier steigen öfter Models ab", erklärt Hongzhen, "die lieben das!" Nachdem sie selbst einen Blick riskiert hat, zahle ich ihr erst mal alles zurück, einschließlich der Kinokarten für morgen. Danach essen wir in einem koreanischen Restaurant. Erinnerungen an Yanji werden wach. Später stößt ihr Mann dazu. Er war bei einem Basketballspiel. Schanghai gegen Kanton. Schanghai hat verloren. Ich erfahre so nebenbei auch, warum in Nanjing jeder ICBC-ATM-Bankautomat und auch hier in Schanghai viele Wände plakatiert sind mit dem Konterfei eines Unbekannten. Der Herr mit dem runden Gesicht hat in Nanjing bei einem Banküberfall einen Wachmann erschossen. "Wenn ich er wäre", sage ich zu Hongzhen, "dann hätte ich jetzt einen Bart und Glatkopf."
Ruhe sanft!
Student Li hat eine E-Mail folgenden Inhalts geschickt:
Ich bedanke mich sehr dafür, dass Sie mir eine Gelegenheit bieten können, die Nachprüfung abzulegen. Ich habe schon meinen Fehler bei der Abschlussarbeit erkannt und daraus eine Lehre gezogen. Ich werde mich gut auf die Nachprüfung vorbereiten und möchte eine gute Leistung erzielen. Aufgrund Ihrer Korrektur und Betreuung verbessere ich meine Abschlussarbeit und dann gebe ich die neue Einleitung ab. Ich hoffe, dass Sie mir bei der Abschlussarbeit helfen können. Herzliche Grüße!
Inzwischen habe ich schon wieder ganz andere Sorgen: Ich bin so genervt von dem Lärm auf der Baustelle draußen auf dem Nachbargrundstück, der ja trotz Beschwerden auch nachts nicht endet, dass ich kurzerhand ausziehe: in den Wohnungsflur. Hierbei handelt es sich um den einzigen Raum meiner Wohnung, der keine Fenster hat. Auch mit Blick auf die bevorstehende Knallerei anlässlich des chinesischen Neujahrsfestes eine kluge Entscheidung - Ruhe sanft!
Student Li
Student Li steht da wie ein begossener Pudel. Student Li wurde vor etwa zwei Stunden von mir am Telefon böse angeraunzt. Mitten in einem Satz, den er sprechen wollte, legte ich auf. Student Li hat in seiner Abschlussprüfung 0 Prozent bekommen. Und das kam so:
Als ich den Kurs, an dem Student Li - als er noch einen Schnauzbart trug, erinnerte er entfernt an Jensi Eckert - teilnahm, im jetzt abgelaufenen Semester eröffnete, wies ich hin auf die Tücken von Texten, die man einfach aus dem Internet kopiert und dann als seinen eigenen Text ausgibt. Ich erklärte Guttenberg, Guttenplag und den Begriff Plagiatsjäger. Ich sagte: "Ein Plagiatsjäger, das bin ich." Ich erklärte, wie man ein Plagiat jagt und wie einfach es ist, die Beute zu erlegen. Ich berichtete von meinem Kumpel Arne Heller, der nur ein paar Anführungszeichen vergessen hat, der sogar mit Fußnoten auf alle Quellen verwies und trotzdem auf eine schwarze Liste für Plagiatsfälle gesetzt wurde. Ich erklärte während des Semesters noch viele andere wichtige Details zum Thema wissenschaftliches Arbeiten. Student Li fehlte allerdings meist im Unterricht. Das Semester endete. Die Studenten gaben ihre Abschlussprüfungen ab. Dann las ich die Arbeit von Student Li.
Student Li hat ein Jahr an einer deutschen Hochschule verbracht. Er hat vor vier Tagen an einer Zulassungsprüfung für das Magisterstudium teilgenommen. Diese Prüfung wählt die begabteren Studenten aus, damit sie zu höheren akademischen Weihen gelangen können. Für diese Prüfung wurde Student Li von höherer Seite das Recht eingeräumt, seine Abschlussprüfung, eine vierseitige Einleitung in die noch zu verfassende Bachelorarbeit, zehn Tage später als alle anderen Kursteilnehmer abzugeben, alle, die nicht an einer solchen Zulassungsprüfung teilnehmen. Student Li legte seine Einleitung in mein Fach. Ich las sie. Ich machte Jagd auf die Stellen, die in so hervorragendem Deutsch daherkamen, dass sie nicht von Student Li sein konnten. Die Google-Suchmaschine wies drei Internetquellen aus, in denen dieselben Sätze vorkamen, die Student Li in etwa fünfzig Prozent seines Textes verwendet hatte. Das meiste hatte eine Frau namens Ursula Lehr geschrieben, deren Aufsatz im Internet veröffentlicht wurde. Ursula Lehr war in den Jahren 1989 und 1990 Bundesfamilienministerin. Ich markierte die Stellen, die aus dem Text von Frau Lehr stammten, mit dickem blauem Filzschreiber. Unter die Arbeit schrieb ich die Adressen der drei Internetseiten, auf denen ich die von Student Li zitierten, aber nicht als solche kenntlich gemachten Textabschnitte gefunden hatte. Daneben schrieb ich "Plagiat! 0 %". Ich trug die Null in den Notenbogen ein und legte den Bogen in das Fach der für die Noten zuständigen Professorin, der Vizeleiteirn der Deutsch-Abteilung.
Am nächsten Tag, also heute, hatte ich vormittags acht Anrufe in Abwesenheit. Nachmittags ging ich ins Büro. Die Vizeleiterin fragte mich, ob mir die Folgen klar seien, die diese Bewertung für den Studenten Li habe. Er könne mit einer Prüfungsnote 0 nicht in die Nachprüfung, er könne im Sommer sein Studium nicht abschließen. Ich sagte: "Plagiat ist Null. Was soll ich sonst sagen?" Sie telefonierte mit der Institutsleiterin. Die Vizeleiterin reichte den Hörer an mich weiter. Die Institutsleiterin sagte zu mir: "In Ordnung! Wir machen daraus einen Fall, der für Aufsehen sorgt und an dem alle Studenten erkennen können, das so was nicht geht. Davon können alle lernen."
Es ist drei Uhr. Student Li betritt das Büro. Wie er wirkt, habe ich eingangs schon beschrieben. Student Li sucht nach Worten. Er habe gedacht, ein Plagiat, das sei etwas anderes. Ich sage: Wenn er nicht begriffen habe, was ein Plagiat sei, dann zeige das ja auch nur, dass er das Kursziel nicht erreicht hat. Als Student Li hereingekommen ist, hat die Vizeleiterin des Instituts den Raum verlassen. Student Li fragt, was er machen müsse, damit er eine bessere Note bekommen könne. Nichts, erwidere ich, die Noten seien schon geschrieben, heute letzter Tag. Student Li bleibt vor dem Bürotisch stehen und wiederholt Sätze, Fragen, die ich schon beantwortet habe. Ich sage (sinngemäß): "Man muss Fehler vorher vermeiden und nicht hinterher glatt zu bügeln versuchen." Die Vizeleiterin kommt zurück. Am Telefon noch einmal die Institutsleiterin. Die Vizeleiterin reicht mir das Telefon. "Wir können das nicht machen", sagt die Institutsleiterin. "Das macht zu viel Ärger. Die Uni-Leitung will solche Probleme nicht. Kannst du ihm statt null Prozent ein Prozent geben? Das ist dann auch ein Zeichen, dass die Bewertung ganz schlecht ist, aber er kann noch in die Nachprüfung." Ich denke an die Studentin Wang, die vor zwei Jahren ein unsägliches Papier abgegeben hat, das man auch mit 0 hätte bewerten müssen. Eigentlich war sie noch schlechter als Student Li. Aber schon damals war ja klar, dass Durchfallen seitens der Universität nicht erwünscht ist. Ich blicke auf den Studenten Li, der aussieht wie ein Geprügelter der Kulturrevolution. Ich sage: "1 ist auch o.k."
Künstler unter sich
Spontan habe ich mich entschlossen, die beiden Autoren Michael Roes und Thorsten Becker, die seit den Tagen der großen Weihnachtsfeier an unserer Universität zu Gast sind, zu einem Abendessen zu laden, und zwar, weil es so schön praktisch ist, in dem Restaurant Nanfangyuan gegenüber von meinem Lehrerwohnheim. Michael befindet sich in der letzten Phase von Filmaufnahmen für ein eigenes Projekt, Thorsten hofft auf eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit dem Künstler der Kun-Oper, mit dem zusammen er vor ein paar Tagen in dem Künstler-Café "Sculpting on Time" aufgetreten ist und dafür seinen "Agrippina"-Text mal eben schnell in der chinesischen Übertragung auswendig gelernt hat. Gemeinsam mit Michael Roes hole ich Thorsten Becker am Südeingang ab. Unterwegs bin ich dann nicht mehr so ganz sicher, ob die beiden Künstler wirklich so gut harmonieren, wie ich mir das vorgestellt habe.
BECKER: "Aber das ist nicht wieder so'n Laden, wo man nicht rauchen darf, oder?"
ROES: "Na, ich hoffe aber doch sehr!"
ICH: "Naja, dann hältst du halt mal bis nach'm Essen durch..."
BECKER: "Nee, das will ich nicht, dann kann ich mich nicht richtig entspannen!"
Zunächst rede dann auch nur ich, wahlweise mit Herrn Roes oder mit Herrn Becker. Aber als ich bei der Auswahl des Essens erst mal Rui Lu anrufen muss, weil ich den chinesischen Namen des von mir erwünschten Gerichtes nicht so aussprechen kann, dass die von der Natur mit einem etwas schlichteren Gemüt ausgestattete Bedienung mich versteht, trägt das durchaus zur Unterhaltung und Entspannung bei. Noch entspannender wirkt freilich die Tatsache, dass das Essen hier mal wieder ganz ausgezeichnet schmeckt. Becker berichtet von dem Stress, den die laute Geräuschkulisse ihm bei seinem Auftritt während der Weihnachtsfeier bereitet habe. "Ha", entgegne ich, "du warst doch der eínzige, der das Publikum zum Schweigen bringen konnte!" Und siehe da: Thorsten hält dem Fluppenzwang stand, bis wir gemeinsam draußen vor der Tür stehen und frieren.
Geburtstag mit Huilin
"Just pure friendship" - so begründet Huilin ihre Einladung zum Essen anlässlich ihres heutigen 24. Geburtstages, was ich durchaus schmeichelhaft finde. Mit chinesischen Männern würde es bei so einer Einladung wohl schnell Missverständnisse geben, deute ich ihre Worte. Sie führt mich in ein bereits gebuchtes Restaurant in dem erst rudimentär erschlossenen und daher zur Abendzeit heute schon etwas verödet wirkenden Stadtrandgebiet Xianlin nahe der U-Bahnstation Xianlinzhongxin. Es handelt sich um einen Laden aus der Kategorie: "Iss so viel, wie du kannst". Das lasse ich mir natürlich nicht zweimal sagen. Vorher schiebe ich ihr mit einem "Pure-friendship"-Glückwunsch die Handschuhe von Michaels Ex-Frau rüber (sin-o-meter berichtete), die sie rasch und ohne sie in Augenschein zu nehmen in ihrem Handtäschchen verschwinden lässt, wodurch ihren Blicken natürlich auch die darin geschickt verborgene Schokolade entgeht. Leider sitzen wir etwas zu dicht an der Tür und bekommen am heutigen kühlen Tag immer Zugluft ab. "Immer so kalt, wenn wir zusammen was unternehmen", sage ich. Ähnlich kalt war es beim gemeinsam von uns besuchten Weihnachtskonzert, das nur eine U-Bahnstation entfernt stattfand.
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