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Die Nacht
Der australische Inhaber des "Blue Sky" ist leider nicht auf dem Laufenden. Denn ich habe vorher extra gefragt. Wie sich nun herausstellt, hat seine Frau dafür gesorgt, dass heute länger offen ist, aber ihm davon nichts gesagt - ein Problem, das Ausländern in China immer wieder begegnet. Ich schlage vor, ein Schild mit der Aufschrift "CL-Finale hier" ans Fenster zu heften. Lieber nicht, meint der Australier und erzählt von einem massiven Personalproblem. Dann bringt er mir noch eine Sprite. Zu dem experimentellen Bittergetränk, das er mir vorgeschlagen hat, konnte er mich nicht überreden.
Ich werde immer müder (wegen der Hör-mal-wer-da-hämmert-Bauarbeiten kann ich morgens nicht mehr gut ausschlafen) und wegen der leidigen Qualmerei, die ich hier eigentlich für geringer eingeschätzt hatte als im benachbarten "Paulaner Brauhaus", brennen mir die Augen. Aber als der Anpfiff erfolgt, ist alle Müdigkeit wie weggeblasen. Der junge Chinese am Nachbartisch, der mit seinen Kumpels an einer Schale Popcorn nagt (am Popcorn, nicht an der Schale, genau genommen), fragt mich, für wen ich sei, und schweigt bei meiner Antwort betreten. Beim 1:0 wird mir klar, dass die verbliebenen Gäste allesamt Dortmund-Fans sein müssen, denn ich juble allein und bin nach dem verwandelten Elfmeter zum 1:1 der Einzige, der lange Miene zum wieder offenen Spiel macht. Dann kommt Robben. Der Chinese nimmt's mit Fassung. Letztes Jahr hatten wir die langen Gesichter, erinnere ich ihn, als die Dortmunder zum Empfang der Silbermedaille die Tribüne emporsteigen. Draußen hat wie vor einem Jahr beim Finale heftiger Regen eingesetzt. Ich torkele siegestrunken ins "Paulaner", wo mir Hunderte von Chinesen in Bayern-Trikots entgegentaumeln und endlich klar wird, warum die Dortmund-Fans im "Blue Sky" geschaut haben: Sie wollten sicher sein vor grölenden Anhängern des FC B - und dann kam ich!
Ich sehe mir auf der "Paulaner"-Großleinwand, während Scharen von Kellnerinnen damit beschäftigt sind, Bierkrüge wegzuräumen und Tische zu wischen, noch Teile der Jubelparty auf dem Rasen von Wembley an und begebe mich sodann - es ist längst hell - im Strom der Rotgewandeten und in den Strömen, die vom Himmel fallen, zur U-Bahn, die in 45 Minuten wieder fahren wird.
Cleverer Bursche, der ich bin, habe ich mein Dianpingche in einem Uni-Gebäude abgestellt und kann jetzt wenigstens auf einem trockenen Sattel sitzen. Federleicht schwebe ich meinem Bettchen entgegen. Die Bauarbeiter sind gnädig und lassen die Arbeit am Sonntagmorgen ruhen.
Der wichtigste Tag des Jahres
Heute gibt es nach fast zwei Jahren ein Wiedersehen mit Feiqian, einer Studentin des Jahrgangs 07, die auch schon zu Besuch in Großenaspe war. Allerdings ist sie erst mal im falschen Restaurant gelandet und ruft verstört an. Offenbar gibt es zwei "Blue Sky"-Restaurants in der Nähe der Schanghaier Straße. Und ich habe wegen der ansteigenden Hitze und Nervosität mein schönes Bundeswehr-T-Shirt in der U-Bahn ausgezogen und es dann dort liegen gelassen. Eine nach Gewitter lechzende Schwüle liegt über der Stadt. Jetzt muss ich, damit ich Feiqian nicht im Unterhemd gegenübersitze, die hässliche graue Sportjacke, die Mama schon entsorgen wollte, in dem schlecht temperierten Restaurant anbehalten.
Das Wiedersehen mit Feiqian, die von Plänen erzählt, in Deutschland weiterzustudieren, ist allerdings nicht der Grund für die massive Nervosität, die mir in den Gliedern steckt. Der Grund ist nackte Angst: WAS, WENN WIR DAS DING WIEDER NICHT HOLEN?!? Feiqian rückt gegen 22 Uhr wieder ab, nicht ohne meine Pizza zu bezahlen; Ich lese in dem Roman "Indigo", bestelle eine Cola, danach eine Sprite, komme mit dem Besitzer, einem Australier, ins Gespräch, der gar nichts von dem Fußballspiel weiß und mir eröffnet: Eigentlich schlössen sie um zwei.
Zhufu nimen!
Die Disputation der Bachelor-Studenten ist wieder ein einziges Kettensägenmassaker, vor allem der Papierkrieg danach, bei dem Papierbögen wild durcheinanderwirbeln. Jeder aus dem Kollegium saugt sich im Minutentakt irgendwelche Gutachten aus dem Finger. Die Bewertung der beiden Arbeiten, die ich betreut habe, geht im Papiermassaker unter. Die Noten hat man ohne mich auch schon ganz gut festgelegt. Dass sich bei der überarbeiteten Fassung Frau Li viel mehr Mühe gegeben hat als Frau Lan wird in diesem Leben leider keine Würdigung mehr erfahren... Hektik und Eile hängen auch damit zusammen, dass alle Lehrkräfte für 18 Uhr zum Abendessen mit den Absolventen bestellt sind, auch die vier, deren Nachprüfungen nach versägter Abschlussprüfung ich noch gar nicht in Augenschein genommen habe.
Wir steigen bei Frau Wang in den nagelneuen Mercedes - ihr Mann verdient wohl gut -, doch da Professor Kong aus ökologischen Gründen keine Klimaanlage eingeschaltet haben möchte, bin ich schweißnass, als wir endlich am Ziel sind - trotz offenen Fensters. Abteilungsleiterin Yin hält nach dem Essen eine kurze Rede, aus der ich mit meinem Rumpfchinesisch nur "Zhufu nimen!" ("Glückwunsch euch allen!") heraushöre. Da das chinesische Wort "zhufu" auch mit "Segen" übersetzt werden kann, fühle ich mich spontan zu ein paar Noten aus "Du bist würdig" inspiriert, die ich nur so vor mich hin brabbele, was die neben mir sitzende Chefin jedoch sogleich zum Anlass für die Ankündigung nimmt, ich wolle das jetzt mit allen singen. Mir ist sofort klar, dass ich aus der Nummer jetzt nicht mehr herauskomme, und hebe also an: "Zhu-fu ni-men, zhu-fu ni-men, zhu-fu ni-men da-jia!" nach der Melodie: "Du bist würd-dig, du bist wür-dig, du bist wür-dig, o Gott!" Das klingt so unwiderstehlich nach Ohrwurm, dass sofort alle mitsingen. Und so schallt es nun durch den Raum: "Zhufu nimen, zhufu nimen, zhufu nimen dajia!"
Dann der dramatischste Moment des heutigen Tages: Hauptfigur ist ausgerechnet Wu, der Student der alle anderen an Körpergröße überragt. Eigentlich soll Wu nur ein paar Grüße von der in Deutschland weilenden Professorin Chen bestellen, die seine B.A.-Arbeit betreut hat, doch was als launige Ansprache gedacht war, wandelt sich plötzlich, da Wu vom Begriff der Endgültigkeit dieses letzten Studientages brutal ereilt wird wie die sprichwörtliche deutsche Eiche von dem Blitz, der sie fällt, zu einem Kampf mit den Tränen. Wu verliert. Stille tritt ein. Nur die kurze Bewegung von Studentin Huang, die mit Papiertaschentüchern zur Stelle ist, ist zu vernehmen. Schließlich geht die Rede weiter. Und als Wu wieder auf seinem Platz sitzt, da passt nichts besser als ein kräftiges: "Zhufu nimen..." Noch Tage später werde ich diese neu kreierte Abschlusshymne auf dem Gang des Sprachlehrgebäudes erklingen hören.
Hör mal, wer da hämmert!
Ich stehe mal wieder senkrecht im Bett. "Wer da nicht durchdreht, der ist schon verrückt!", sage ich zu mir selbst. Ein Höllenlärm aus der Wohnung über mir: ein grauenvolles Gehämmer, gelegentlicher Einsatz von Bohrmaschinen und Kreissägen. Ohrenstöpsel zwecklos. Dabei war ich doch hier in die Walachei gezogen mit dem ernsthaften Vorsatz, hier Ruhe und Frieden zu finden. Tatsächlich habe ich in den letzten Wochen kaum eine Nacht ohne Watte in den Ohren verbracht. Wer da noch kein Ekzem hat, der kriegt auf jeden Fall eins. Völlig entnervt streife ich mir Hemd und Hose über, beschwere mich erst bei den völlig verstörten Bauarbeitern mit den Worten: "Ist das hier ein Arbeits- oder ein Wohnplatz?", pese bei dreißig Grad und sengender Sonne zum Pförtner, beschwere mich da und lande schließlich bei der Hausverwaltung. Die sprechen dann auch ganz rücksichtsvoll am Telefon mit dem Eigentümer, tragen mein Anliegen, die besonders drastischen Lärmemissionen auf später als neun Uhr morgens zu verlagern, weiter; aber befehlen, bringen sie mir schonend bei, könnten sie dem ja nichts. Ab sieben Uhr seien solche Renovierungsarbeiten nun mal erlaubt. Es kommt noch schlimmer. Die Wohnung gegenüber und die Wohnung unter mir sind ab sofort ebenfalls in Renovierung. Höllenkrach als Drei-Fronten-Belagerung: Ich bin umzingelt!
Fazit: Mit dem Lärm ist es wie mit den Mücken: Ich kann dem Feind, der es nur auf mich, auf mich ganz allein abgesehen hat, nicht entkommen. Wer da nicht durchdreht, der ist schon verrückt.
Lehrstuhlangebot an der Universität Suzhou
So lautete die Betreffzeile einer E-Mail, die mich schon vor ein paar Wochen erreicht hat. Ehemalige Studentinnen meines Fachbereichs bauen dort seit vier Jahren eine eigene Deutsch-Abteilung auf und suchen noch kundige Lehrkräfte. Da fährt man doch ma' hin, habe ich mir gesagt. Generell verbinde ich ja meinen Geburtstag gern mit netten kleinen Ausflügen in die Region zwischen Shanghai und Nanjing und bin mithin heute bereits zum dritten Mal an einem 15. Mai in der Stadt, die auch als Venedig des Ostens bezeichnet wird. Dabei habe ich eigentlich gar keine Zeit, denn morgen Nachmittag finden die Magisterprüfungen statt und ich sollte eigentlich die Zeit mit der Lektüre der Magisterarbeiten von Ruilu, Wenxin, Lijie und Siqiao verbringen...
Gestern Abend haben mich zwei Studenten - einer mit rosa T-Shirt als Erkennungszeichen - am Bahnhof abgeholt und mich in das komfortable Uni-Hotel chauffieren lassen. Dort werde ich nun heute um neun Uhr abgeholt von der Institutsleiterin und ihrer augenscheinlich wichtigsten Lehrerin, die sich Anna Liu nennt und rotblond gefärbte Haare hat. Im etwas unaufgeräumten Büro auf dem vor über hundert Jahren von amerikanischen Missionaren errichteten Bilderbuchcampus halten wir ein Schwätzchen. Natürlich kennen beide meine Nanjinger Kollegen. Und im Vergleich mit diesen werden die eigenen Grenzen umso klarer erkennbar: Die Abteilung ist ganz neu, es gibt keine promovierten Lehrkräfte und in diesem Semester erstmals Absolventen. Die bisher beschäftigten deutschen Fachkräfte waren nicht erfahren genug und auch keine Germanisten. Es ist zehn Uhr. Die Chefin muss zum Unterricht. Anna führt mich herum und ich lerne den wunderbar altmodischen Campus von "Soochow University" kennen, durch den der Wind der Geschichte weht. Einzig der Jura-Fachbereich hat den Traditionscampus um einen modernen Klotz erweitert. Sogar eine Kirche gibt es gleich nebenan, in die ich einen Blick werfen darf. Anna scheint sogar reichlich interessiert am christlichen Glauben zu sein. Oder hat man sich vorher über mich erkundigt und weiß, was mir wichtig ist? Ich werde in ein Restaurant mit Spezialitäten aus der Provinz Sichuan eingeladen, bedanke mich herzlich für den informativen Rundgang und verspreche, dass man von mir hören wird. Schon vorher hatte ich allerdings klar gemacht, dass ich zunächst die großzügigen Angebote des Akademischen Austauschdienstes anlässlich der Rückkehr nach Deutschland in Anspruch zu nehmen gedenke. Wenn das Institut für deutsche Sprache allerdings 2014 immer noch auf diesem malerischen Campus beheimatet sein sollte...

Den Rest des Tages verbringe ich flanierend. Das geplante Treffen mit Ma Jiaojun, die leider nicht aus Schanghai anreisen konnte, ist ausgefallen. Ich wandere also nun noch einmal die vielen Kanäle entlang, sehe bei den unerlässlichen Foto-Shootings zu, zu denen das Ambiente von Suzhou immer wieder einlädt, und werde schließlich vom Regen überrascht. Zum Abendessen gönne ich mir eine Pizza bei "Papa John's". Der fast perfekte Tag klingt aus mit einem Blick von einer der vielen Brücken auf den nachtschwarzen Kanal. Oder anders ausgedrückt: Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss.
Von Pontius zu Pilatus
Es regnet. Ich bin spät dran. Ich möchte von der Uni das Geld erstattet bekommen, das ich im Frühjahr für meine aufwändige Zahnrestauration aufwenden musste. Dafür muss ich in die Innenstadt zum alten Campus. Als ich dort gegen 11.15 Uhr ankomme, heißt es, die zuständige Person habe ihre Unterlagen bereits zusammengepackt und sei gegangen. Mir wurde aber nur mitgeteilt, dass ich am Vormittag kommen soll. Ist 11.15 etwa nicht Vormittag? Zudem findet diese Erstattung nur jeweils an drei Tagen am Monatsbeginn statt, von denen für Mai heute der letzte ist. Ich glaube, gleich laufe ich Amok!
Schon stehe ich beim Amt für Ausländerangelegenheiten in der Tür und um meiner unübersehbaren Erregung entgegenzuwirken, führt man für mich einige Telefonate. Ergebnis: Um 14 Uhr könne ich nun doch noch einmal mein Glück bei der Gelderstattung versuchen. Als ich dort jedoch meine Belege vorlege, heißt es: "Sie brauchen eine Rechnung, aus der alle Einzelposten der Behandlung hervorgehen." Ich brauche eine Weile, bis ich die direkten Konsequenzen dieser Aussage begriffen habe. Für mich heißt das nämlich: Ab in die Zahnklinik! Bis um vier Uhr könne ich die dort zu erhaltende Rechnung noch einreichen.
In der Zahnklinik-Gulou stehe ich zunächst am Schalter, dann schickt man mich zu meiner Ärztin. Die ist ganz verblüfft mich wiederzusehen. Da ich den chinesischen Begriff für "Erstattung" mit "Schadenersatz" verwechselt habe, reagiert sie erst mal ganz verstört. Als das Missverständnis geklärt ist, finde ich mich in der Schalterhalle wieder, allerdings an der kleinen Ecktheke, zu der die Zahnärztin mich geschickt hat. Hätte ich auch gleichen finden können. Dort versteht man mein Anliegen sofort und stellt mir nun endlich die gewünschte Rechnung aus. Da ich bis vier Uhr noch etwas Zeit habe, gehe ich zum nahegelegenen Postamt und verschicke zwei Urkunden für Gewinner des von mir mit Mitteln des Akademischen Austauschdienstes durchgeführten Übersetzungswettbewerbs. Dann bin ich wieder an der Erstattungsstelle. Doch leider kann man mir hier kein Geld geben. Man schickt mich an einen anderen Ort, den ich aber gar nicht kenne. In der Schalterhalle unten bekomme ich eine notdürftige Erklärung und begebe mich auf den Gulou-Campus, wo ich verdachtsweise das Büro für die Ausstellung von Campuskarten aufsuche, da die ja auch immer mit Geldangelegenheiten zu tun haben. Dort zeigt man durchs Fenster auf ein gegenüberliegendes Gebäude, dessen Namen ich mir einpräge. Damit wandere ich los und finde tatsächlich ein Gebäude, dessen Erdgeschoss aussieht wie eine Bankfiliale. Die Atmosphäre - bergeweise Belege und Abrechnungszettel, hinter denen junge Frauen akribisch ihrer Sortier- und Archivierungsarbeit nachgehen - erinnert an den verstörenden Science-Fiction-Film Brazil. Ich stehe erst am falschen Schalter und erhalte dann endlich bei der richtigen Dame mein Geld. Das Geld für die Krone, mit knapp 1900 Yuan der Hauptposten, wird mir leider nicht erstattet, aber ich bin trotzdem ein paar Hunderter reicher.
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