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Donnerstag, 31. Mai 2012

Thome ist wieder da!
Von didus, 23:59

Gemeint ist der mit seinem ersten Roman gleich fuer den Deutschen Buchpreis nominierte Autor aus Mittelhessen, den ich 2010 erstmals nach Nanjing eingeladen habe. Nun ist das Goethe-Institut auf ihn aufmerksam geworden und hat den Romancier erst mal nach Schanghai eingeladen. Ich habe mich angeschlossen. Spitzenstudent Zhou, der auch als Uebersetzer taetig ist, holt Thome in meinem Auftrag vom Bahnhof ab. An der U-Bahn-Station stosse ich dazu und eroeffne dem Gast aus Deutschland, dass fuer ihn nun eine neue Aera anbreche. Ich habe naemlich nur noch ein Hotelzimmer im teuren "New Era Hotel" fuer ihn finden koennen. Als Dankeschoen bekomme ich ein signiertes Exempar von seinem neuen Buch "Fliehkraefte", das erst im Herbst erscheint. Anschliessend bitte ich ihn und Student Zhou zum Essen in meine Lieblingspizzeria. Spaeter wird er dann augenzwinkernd sagen: "Er schleppt mich immer in so Billigpizza-Laeden!" Naja, ich muss schliesslich aufs Budget achten!  

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Mittwoch, 23. Mai 2012

Punkte-Poker
Von didus, 23:59

Strategisch unklug ist es so kurz hinter doofen Fußballspielen eine Prüfung anzusetzen. Ich sitze mit drei Kolleginnen in der mündlichen Prüfungssitzung zum Erlangen des B.A.-Grades. Student Hao (80 Fehlerpunkte auf 400 Wörter) wollte eigentlich was über Goethe und Schiller machen, hat sich als Militärstudent aber vor wenigen Wochen mal eben für die Bundeswehrreform entschieden. Dabei predige ich seit acht Monaten: »Legt euer Thema frühzeitig fest!« Später machen sich die Kollegen nicht die Mühe, mich nach meiner Meinung zu fragen und ich soll 85 % unterschreiben. Gleichzeitig wird die bienenfleißige Zhu mit 75 % abgefertigt. Da platzt mir, schlecht gelaunt, wie ich schon seit Tagen bin, der Kragen. »Da müsst ihr jemand anders suchen, der euch das unterschreibt«, grantele ich. »Der braucht drei Minuten für einen Satz – für mich bestenfalls 60 %.« Er habe sich aber Mühe gegeben, die Arbeit sei wirklich gut, verteidigt die Betreuerin ihr Urteil von 88 %. Haos B.A.-Arbeit habe ich natürlich nicht gelesen. Am Ende habe ich die werten Kolleginnen auf 80 runtergehandelt, die Note für Zhu auf 78 gestemmt. Bei Gaipl nannten wir das früher »Punkte-Poker«.
War natürlich auch nicht hilfreich, dass Hao mir vor einem halben Jahr eine E-Mail geschickt und darin meine China-kritischen Zeitungstexte (»Chinas Olympia-Show ist vorbei«, »Bombastisches Blendwerk«) gerügt hat. Zitat: »Das kann uns gar nicht motivieren.« Sage ich mir heute auch: Drei Minuten für einen verständlichen deutschen Satz – das kann mich gar nicht motivieren. Schon gar nicht in Wochen wie dieser.

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Sonntag, 20. Mai 2012

Die Nacht des Grauens
Von didus, 23:59

So'ne blöde Idee habe ich auch noch nicht gehabt: Wegen des dämlichsten, beknacktesten und vor allem sinnlosesten Fußballspiels meiner gesamten bisherigen Lebensgeschichte fahre ich nach Schanghai, um dem ^°#+* Spiel mit meinen daselbst ansässigen Kollegen Ralf und Thomas in einer ^°#+* Sportsbar zuzuschauen. Ich treffe gegen 23 Uhr im regnerischen Schanghai ein, wir treffen uns in einer Jazz-Bar unweit vom Waitan, wo ich mit Verweis auf Ralf, der mit Thomas und einem deutschen Gastprofessor sowie zwei Damen aus Deutschland schon auf mich wartet, das Eintrittsgeld spare. Der Leadsänger ist cool und kahl wie Seal und holt das Letzte aus seiner E-Klampfe raus; der Trommler scheint ein Jamaika-Direktimport zu sein und irgendwo zwischen Bob Marley, Guru und Voodoo anzusiedeln. Gegen Mitternacht erreicht die Stimmung den Siedepunkt: Eine drahtige Chinesin schnappt sich einen der grauen Sakkoträger vom Tisch vor uns, die aussehen wie Peter Hartz und der VW-Vorstand auf Lustreise, und tanzt mit ihm den Hula-Hoop! Da man das nicht mehr toppen kann, bläst Thomas zum Aufbruch in die Sportsbar. Und das heißt: Alle Frauen gehn nach Haus! Dafür müssen wir unterwegs, vom Taxi an irgendeinem toten Eck rausgelassen, an einer Horde von zudringlichen Rotlichtdamen vorbei. Ich bin von Ralf vorgewarnt und spurte mal schnell vor. Es ist wie bei Monopoli, wenn man auf das Los-Feld kommen will und erst mal die Schlossallee hinter sich bringen muss, die gefährliches fremdes Terrain ist. Bloß: Wir kommen nicht auf Los und sacken 4000 Rubel ein, sondern in eine total verqualmte und von einer Band in alptraumhafte Klänge getauchte Kneipe. Zwar flimmern auf allen Etagen Flimmerkisten, aber wir finden keinen freien Platz mehr. Ich melde mich freiwillig als Geheimagent Didus Banks und pese wieder an den ominösen Damen vorbei. Tatsächlich ermittle ich im Malone's, dem Zielort der Spitzeltour, einen freien Platz mit Blick auf den Bildschirm. Nur ist hier die Live-Musik noch bestialischer, die Luft noch schlechter und die Bedienung, wie sich zeigen soll, noch unfreundlicher. Trotzdem funke ich eine SMS, dass hier die Lage, fußballtechnisch betrachtet, günstiger sei. Der Gastprofessor wird eine freundliche Chinesin nicht mehr los, mit der er im Erdgeschoss beim Eintreten ins Gespräch gekommen ist, als er mit Ralf unten hängen blieb; der zwinkert mir zu und weiß natürlich, dass das eine so genannte Halbweltdame ist. Derweil fiebern Thomas und ich dem Anpfiff entgegen. Die Band hält endlich die Klappe. "Der ist noch nicht drin!" von Thomas wird zum denkwürdigen Satz dieser Nacht. Der Rest ist ^°#+*. Vor der Verlängerung muss ich wegen akuter Erstickungsgefahr mal kurz vor die Tür; es wird bereits hell und regnet Bindfäden. Sprachlos schleppen wir uns nach dem letzten  ^°#+* Elfmeter, der uns gezeigt hat, von wie vielen Feinden wir umgeben sind, vor die Tür. Ich verabschiede mich, sehe die Jungs, die kein Taxi bekommen haben, aber auf dem U-Bahnsteig wieder. Hier ereignet sich eine gespenstische Szene: Eine entweder verwirrte oder lebensmüde Frau wandelt über das U-Bahngleis an den ersten Fahrgästen oben auf dem Bahnsteig vorbei. Ich sage zu den Jungs: "Was macht die denn da? Da müsste doch jetzt eigentlich gleich die erste U-Bahn kommen." Die Frau verschwindet im Tunnel, kommt aber wenig später,  von zwei Begleitern gestützt, wieder zurück. Am Kopf hat sie eine klaffende Wunde. Die Begleiter helfen ihr auf den Bahnsteig. "Die ist bestimmt Bayern-Fan und wollte sich vor'n Zug schmeißen", kommentiere ich die grotesk anmutende Szene, "total angemessene Reaktion!" Findet natürlich keiner witzig. Sollte auch kein Witz sein. Wenige Minuten später rollt die erste U-Bahn an.
Ich fahre vom futuristischen neuen Hongqiao-Bahnhof mit D 3056 um 7.06 Uhr zurück, lege mich zu Hause um halb zehn ins Bett und versäume die große Uni-Feier zum 110. Geburtstag auf dem Campus in Xianlin. Diese Feier ist nämlich genauso sinnlos wie der ganze Rest des Lebens. Als ich völlig zerschlagen gegen zwei Uhr aufstehe, ist die Welt grau, das Leben schwer wie Blei und der Rest auch nicht so einfach.

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Freitag, 18. Mai 2012

Jean-Marie Gustave Le Clézio
Von didus, 23:59

Richtig! Es handelt sich um den Literatur-Nobelpreisträger aus dem Jahre 2008, meinem ersten Jahr hier in Nanjing. Monsieur Le Clézio, der 72 Jahre alt ist, aber aussieht wie 58, ist heute zu Gast an unserer Uni und hält einen Vortrag, zu dem ich etwas verspätet erscheine, da ich ja heute Nachmittag Unterricht habe. Der Hörsaal ist voll, aber ich finde noch einen Platz in der drittletzten Reihe. Der Nobelpreisträger, der eine Gastprofessur an unserer Uni antreten soll, antwortet gerade auf Fragen der Studenten. Auf dem Gang am rechten Rand des Hörsaals erblicke ich meinen Kollegen Alain, der mit seiner Profi-Ausrüstung ein paar Schnappschüsse macht. Outzéma, Französin mit italienischen Wurzeln, traut sich nach der Veranstaltung nicht aufs Podest zum Ehrenfoto. Das hat seinen Grund: Die französischen Lehrer werden von ihrem Institut etwas weniger leutselig behandelt als ich von meiner. Unvorstellbar, dass ich bei einem Essen der Abteilung zu Ehren eines deutschen Gastprofessors nicht zum Essen geladen bin. Doch Alain und Outzéma spazieren zwar, ebenso wie ich, mit dem Tross rund um den berühmten Gast zum Nanyuan-Restaurant (Alain macht noch ein paar Fotos), das gegenüber von meinem Wohnheim liegt; es reicht noch für ein kurzes Gespräch, aber vor der Tür des Restaurants gibt’s dann nur noch einen Händedruck. »On n'est pas invité«, lässt Alain vielsagend durchblicken, was der Meister natürlich auch bedauert. Oder ist alles nur ein Missverständnis? Ich wäre wahrscheinlich einfach trotzdem mitgegangen. Ist doch Essen genug da!

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Dienstag, 15. Mai 2012

Didus allein und nicht zu Haus
Von didus, 23:59

Ich bin gestern Abend, da ich heute nicht unterrichten muss, nach Wuxi gefahren. Ganz einfach ist es nicht, hier ein Hotel zu bekommen, denn zweimal werde ich als Ausländer aufgrund irgendeiner rätselhaften Vorschrift abgewiesen. Am Ende lande ich in einem entlegenen Bezirk. Mit der Stadt habe ich noch eine Rechnung offen, denn bei meinem letzten Besuch dort, bin ich erkrankt und lag schlapp in der Gegend herum (sin-o-meter berichtete). Das war vor einem Jahr. Heute dagegen ist alles besser: Ich habe keinen Stau auf dem Weg zur Schildkrötenkopf-Halbinsel (Yuantouzhu), ich löse artig eine Eintrittskarte und ich lande diesmal auch nicht nach einer Querfeldein-Tour im Sanatorium für Provinzkader. Den ganzen Nachmittag verbringe ich auf der Halbinsel, die zu einem großen Park umfunktioniert wurde mit künstlichen Seen, einer alten Brücke, dem Guangming-Turm, einer Aussichtsplattform, von der aus man alles rundum sieht. Hier mache ich Pause. Nur zwei Studentinnen, die offenbar an diesem Arbeitstag auch frei haben, treiben sich außer mir hier oben herum. Auf einem Wanderweg kann man das ganze Areal umrunden. Auf einem Betonsteg am See mache ich lange Pause – keine Hektik heute! Die Sonne scheint; es fühlt sich an wie am Meer. Etwas zu spät fällt mir ein, dass die Fahrt auf die drei kleinen Sanshan- oder Dreiberginseln zwar im Preis inbegriffen ist, aber in China ja bekanntlich die Bürgersteige gegen fünf Uhr hochgeklappt werden. Und so ist es tatsächlich das letzte Schiff (16.45 Uhr), das ich erwische, um auf die etwa drei Kilometer entfernten Inseln überzusetzen. Mir bleiben 40 Minuten zur Besichtigung – sofern ich hier nicht übernachten will. Also pese ich im Eiltempo erst durch den Busch von Insel Nummer eins, die rechts von der Anlegestelle liegt, hinter der eine Brücke beide Hauptinseln verbindet. Dann sause ich den Hügel von Insel Nummer zwei hoch, die etwas größer ist. Das Gebäude mit der schönen Aussicht ist leider bereits seit 16 Uhr verriegelt. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Als die Fähre in Sicht kommt, fällt mir ein, dass ich Insel Nummer drei, die an Nummer zwei mit einer kleinen Brücke verbunden ist, noch gar nicht gemacht habe. Während die anderen auf dem Anleger auf das heranrauschende Schiff warten, renne ich mit Sieben-Meilen-Stiefeln noch einmal am Ufer entlang. Als ich auf Insel Nummer drei bin, bleiben mir ca. 10 Sekunden für einen Blick von hier auf den See. Dann geht es flugs zurück. Ich bin der letzte Passagier, der, etwas atemlos, an Bord kommt. Ich sitze auf dem Oberdeck, das so von herumschwirrenden Mücken oder Eintagsfliegen verseucht ist, dass viele Passagiere abschwirren, und denke: Na die verschwinden ja gleich, wenn das Schiff abfährt. Denn sonst müssten sie ja die ganze Zeit mit uns fliegen. Aber denkste. Die merken das gar nicht, dass das Schiff sich bewegt! Ignorantes Pack!
Ich bin früh genug für den Zug, der um halb neun fährt, und lasse mir viel Zeit. Ich kann in aller Ruhe zum Hotel zurückfahren und meine Sachen holen. Aber schon wieder Pustekuchen. Wegen einer dieser ^°#+* Baustellen, die von dieser Stadt, vom ganzen Land wie ein wucherndes Krebsgeschwür Besitz ergriffen haben, fährt der Bus auf der Rücktour eine andere Strecke und ich kann nur raten, wie weit ich schon vom Hotel weg bin, als mir endlich einleuchtet, dass ich mal schnell raus muss aus der schaukelnden Kiste. Und auf einmal schmilzt mein Zeitpuffer dahin. Ich muss ja jetzt erst mal einen Bus bekommen, der wieder zurückfährt. Und dann muss ich vom Hotel wieder einen Bus erwischen, der mich zum Bahnhof bringt. Die Buslinie 1 stellt aber in Kürze den Betrieb ein. Als ich endlich im Hotel bin, gibt mir die Dame von der Rezeption einen Tipp: Bus zum Bahnhof: an der Kreuzung rechts, dann hundert Meter. Aber – du ahnst es nicht! – ich lande wieder in einem Gebiet mit Straßenarbeiten. An einer Bretterwand, die die Straße vom Gehweg trennt, vorbei nähere ich mich einer Brücke. Auf der gibt es natürlich auch keine Haltestelle. Als ich von der Brücke komme, weitere zwanzig Minuten sind vergangen, ist ebenfalls keine Haltestelle in Sicht. Alles umgemodelt in dieser Stadt! Plötzlich hält direkt neben mir ein Bus (keine mir bekannte Linie) an einer Stelle, wo Leute herumstehen. Ein Haltestellenschild ist weit und breit nicht zu sehen. Das passiert häufig, wenn Busverkehr aufgrund von Baustellen umgeleitet wird. Nur die Einheimischen finden sich dann noch zurecht. Ich blicke auf die Uhr und denke: Also, den fragst du jetzt, ob er zum Bahnhof fährt. Das Glück ist mit mir an diesem Ehrentag. Und da es, als wir bald darauf am Bahnhof ankommen, bereits dunkel ist, brauche ich noch mal Glück: Der Fahrer macht mich darauf aufmerksam, dass dies die Station Hauptbahnhof sei. Hätte ich sonst glatt übersehen.

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Sonntag, 13. Mai 2012

Alex, Annie und die anderen
Von didus, 23:59

Alex (wer ist das?) und Annie heiraten. Das besiegeln sie heute mit einem kleinen Festessen nach dem GoDi in der internationalen Gemeinde im Hotel Ramada, zu dem auch ich, ganz spontan per SMS, geladen bin. Evelyn, die etwas merkwürdige Ghanaerin, die eigentlich Deutsch lernen wollte und nun auf einmal von mir nach Deutschland eingeladen werden will, obwohl sie ihr Deutschlernprojekt nicht sonderlich engagiert fortgeführt hat, ist aber genau wie ich im GoDi von St. Paul's, wo sie jetzt auch, wie sie erklärt, immer hingehen wolle. Sie will auch nicht mit mir zu Alex ins Ramada, obwohl sie gestern noch diejenige war, die mich auf diesen kleinen Empfang aufmerksam gemacht hat, weswegen ich ihr gerade eine SMS geschickt habe, obwohl sie nur wenige Meter von mir entfernt im selben Raum saß, was ich aber nicht wusste. Irgendwie muss es da ein Problem gegeben haben. Ich gehe erst mit Freunden, die sich spontan auf Initiative des Amerikaners John Lux, meines Nachbarn, nach dem GoDi in der Nähe von St. Paul's zum Essen treffen; eine Stunde später bekomme ich dann auf dem Zwischendeck des Ramada meine zweite Mittagsmahlzeit heute. Dort sitze ich neben Gemeinde-Co-Leiter Kennedy und Nora aus Mikronesien. Alex, Engländer, und Annie, Ruanderin, haben es eilig: Die Hochzeit ist für Ende Juni geplant.

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Montag, 07. Mai 2012

Nicht lächeln!
Von didus, 23:59

Ich frag' mich, wie die das immer so genau hinkriegen. Man kann lächeln, man kann ernst gucken, man kann eine Flunsch ziehen oder einfach so normal gucken, wie man kann, am Ende kommt doch wieder ein Verbrecherfoto dabei heraus. Gemeint sind Fotoautomaten. Ich habe es heute im deutschen Konsulat im so genannten Soho-Turm mit zwei wirklich guten Fotos von früher versucht, eins davon habe ich sogar selber geschossen, aber der Herr am Schalter hat mir erstens nicht abgenommen, dass das Foto noch gar nicht so alt ist, wie mir es vorkam, und zweitens muss so ein Foto bestimmten Fälschungssicherheitsnormen entsprechen, weshalb man auch auf so einem Foto keinesfalls lächeln darf! Das ist natürlich ein Argument für das Automatenfoto, denn wie oben dargelegt, ist es ja egal, wie man da vor der Linse sitzt, am Ende kommt immer ein Fahndungsfoto für RAF-Terroristen dabei heraus. Und wie mir die Zwangskopien in dem mir vom Herrn am Schalter empfohlenen Laden im ersten Stock des Gebäudes, die 1000 Prozent teurer sind als im normalen Laden, unmissverständlich demonstrieren, ist ein Passfoto hier nicht erschwinglich. Dann doch lieber die umgerechnet 5 Mark für den Automaten, den ich mit enormer Auffassungsgabe beim Aufstieg vom U-Bahnsteig im Augenwinkel wahrgenommen habe, obwohl ich da noch gar nicht wissen konnte, dass man meine mitgebrachten Fotos derart pauschal verneinen würde. Obwohl das Konsulat bald dicht macht, nehme ich mir also die Zeit für die zehn Minuten Fußweg und die fünf Minuten im Fotofix-Studio. Allen Erfahrungen und Warnungen zum Trotz ist man doch immer wieder aufs Neue überrascht, wie gruselig man auf so einem Foto aussieht. Und - siehe da! - die Verbrecherfotos werden akzeptiert. Vater Staat weiß eben, was er will!
Das gilt auch für Helmut, mit dem ich gegen eins das gemeinsame Hotel verlasse. Wir gehen anschließend noch gemeinsam zum Mittagessen. Statt eines chinesischen Billigrestaurants wird ein amerikanisches ausgewählt, was mir natürlich auch recht ist. Helmut spendiert zum Abschied noch ein Eis. Mehr kann ich noch nicht wieder essen nach dem großen Bankett gestern. Dann verabschiedet sich Helmut zum Flughafen. Ich schaue mir noch kurz den Volksgarten an, es ist mir aber zu warm. Ich mache mich auf den Weg zum Bahnhof.

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Sonntag, 06. Mai 2012

Hongzhens Hochzeit
Von didus, 23:59

Hongzhen hat geheiratet. Und das ist natürlich Anlass für dreierlei:
- ein Wiedersehen mit ehemaligen Lehrern und Mitstudenten,
- eine missionarische Hochzeitsfeier und
- ein üppiges Festbankett.
Ich bin schon am Vorabend in Schanghai eingetroffen und bin im selben Hotel untergebracht wie mein Ex-Kollege Helmut Linke. Wir verabreden uns für die gemeinsame Teilnahme an einem Hauskirchen-Gottesdienst. Ca. vierzig Leute versammeln sich in einem Wohnzimmer, darunter eine von Helmuts Ex-Studenten, die uns uns (bzw. den Taxifahrer, dem man in China ja jederzeit ein Mobiltelefon in die Hand drücken kann) Ziel gelotst hat. Viel verstehen wir nicht; trotzdem werden wir um einen kurzen Beitrag gebeten. Danach gibt es eine ausgedehnte Gebetsrunde. Neben mir übersetzt ein junger Christ, der in dem kleinen Kreis neben mir sitzt. Eine Besucherin ist in eine Glaubenskrise gestürzt und bricht in Tränen aus, der junge Mann neben mir heiratet bald. Am Ende müssen Helmut und ich früher aufbrechen, denn wir wollen noch mit Helmuts ehemaliger Studentin und deren Mann zu Mittag essen. Außerdem muss Helmut im Hotelzimmer noch ein paar Lieder mit weiteren YUST-Ehemaligen einstudieren. Ich springe natürlich ohne langes Zureden als Tenor ein.
Als wir gegen 18 Uhr in dem Festsaal irgendwo in der Mitte eines Pudonger Hochhauses eintreffen, ist Li Jun schon da (dafür muss sie früher weg, ist ja selbst jung verehelicht und hat ein Kind). Außerdem gibt es ein Wiedersehen mit den 03-Studenten Shen Ling (mit neuen Augen), Fenghua, Longzhe, Xuequan (dessen Haar immer dünner wird) und mit dem ehemaligen 02-Klassensprecher Mingri, der ohne unseren Tisch zu bemerken die meiste Zeit in einem anderen Winkel des Festsaals verbracht hat. Zweifellos ist das die frömmste Hochzeitsfeier, die ich in meinem Leben mitgemacht habe, geistliche Gesänge der Gemeinde und Beiträge des Gemeindepastors nehmen gar kein Ende. Unser Chorgesang, am Anfang etwas schräg, fügt sich da nahtlos ins Bild. Zum Abschluss gibt es für alle kleine "Jesus loves you"-Anhänger - und natürlich die unerlässlichen Schnappschüsse. Hongzhens Ehemann Ding hängt leider, mitgenommen von zu vielen Prosits, etwas matt in den Seilen.
Das YUST-Revival komplettiert Liu Chao, die mir nachts am Telefon ihre Bewerbung für eine deutsche Uni vorliest, damit ich sie korrigiere. Völlig richtig sehe ich voraus, dass mich auch Danyu, die heute über Schanghai aus Hongkong zurückkommt, mitten in der Nacht noch anrufen wird, weshalb ich den Hörer des Zimmertelefons vor den Apparat lege. Schließlich muss ich morgen Vormittag ausgeschlafen sein, wenn es im Konsulat darum geht, einen neuen Pass zu beantragen.

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