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Montag, 29. April 2013

Campus-Führung
Von didus, 17:15

Ich liege auf dem Rasen im Park westlich des Xianlin-Campus, als mich Ursulas Kurznachricht erreicht. Mit dem Dianpingche bin ich in wenigen Minuten an der U-Bahnstation, wo Ursula wartet wie Regina auf den Stufen. Anschließend gibt es eine Campus-Führung, in meinem Büro statte ich die Besucherin mit Werbegeschenken des Akademischen Austauschdienstes aus, die sich hier über die Jahre angesammelt haben. Zum Abendessen ist sie schon wieder mit dem Studenten verabredet, um den es bei dieser Reise nach Nanjing ja eigentlich geht. Aber für einen Abstecher auf meinen Hausberg (mit Aussichts-Pavillon) reicht die Zeit gerade noch.

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Sonntag, 28. April 2013

Unverhofftes Wiedersehen
Von didus, 23:59

Heute muss ich am Vormittag unterrichten, damit ich die nächsten drei Tage (vor dem Maifeiertag) Urlaub machen kann. Deswegen sitze ich am Nachmittag um halb vier im Gottesdienst der Mochou-Kirche. Am Ende des Gottesdienstes höre ich meinen Namen und glaube meinen Augen nicht zu trauen, als ich erkenne, wer da die ganze Zeit schon ein paar Reihen hinter mir sitzt: meine Kollegin Ursula aus dem weit entfernten Yanji, meiner früheren Wirkungsstätte. Dort wird am Sonntag natürlich nicht gearbeitet und so hat Ursula die freien Tage zu einem Kurzbesuch in Nanjing genutzt, wo sie sich mit einem ehemaligen Studenten trifft. Ich bezeichne es als Hochverrat, dass ich davon nicht in Kenntnis gesetzt wurde. Bevor ich mich zum Tennis mit Vincent, dem US-Chinesen, auf dem alten Uni-Campus verabschiede, lade ich Ursula zu einem Besuch des neuen Campus ein.

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Samstag, 27. April 2013

In Zeiten des zunehmenden Lichts
Von didus, 18:59

In Zeiten des zunehmenden Lichts und der bereits um die dreißig Grad heißen Tage kann man so eine Lesung auch mal draußen vor dem Sprachlehrgebäude des neuen Campus stattfinden lassen, haben sich die Veranstalter gedacht. Zu Besuch ist "In Zeiten des abnehmenden Lichts"-Autor Eugen Ruge, Gast des Goethe-Instituts und der Uni Nanjing. Wir sitzen aber zum Glück im Schatten. Nur dass ausgerechnet heute die Flugzeuge, die Nanjing anfliegen, die Route über den Campus wählen, wirkt sich auf die Lesung wenig vorteilhaft aus.
Studentin Lan, die über den Roman ihre B.A.-Arbeit schreibt, ist leider auf einem Bewerbungsgespräch (und wird dann doch nicht genommen) und lässt ihre Freundin Li eine Frage stellen. In der - typisch chinesisch - eher unkritischen Fragerunde melde ich mich schließlich mit einer Frage zu Wort, die mit den Worten beginnt: "Ich habe eigentlich bei der Lektüre des Romans gar nicht so viel Freude damit gehabt, dass..." und die asynchrone Erzählweise des Romans in Zweifel zieht, worauf Autor Ruge mich, wie er später entschuldigend meint, "mich belehrt", warum das aber gut so sei. Allerdings habe der Verlag gesagt (sehr erhellend!): "Die Reihenfolge der Kapitel ist ganz egal." Da sich der in der "DDR" aufgewachsene Autor mit dem Satz zitieren lässt: "Ich mochte dieses Land [d.i. die 'DDR'] nicht!", bin ich ihm doch eher wohl gesonnen und bekomme nach der Lesung eine Widmung für das Exemplar des Buches, das in meiner Bibliothek steht, weil Kollege Li umsichtig genug war, das von ihm entliehene Buch dabei zu haben.

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Samstag, 20. April 2013

Im Palast des sterblichen Fleisches
Von didus, 18:59

Heute ist das Wetter wieder genau so, wie ich es von meinem ersten Besuch auf dem Jiuhuashan in Erinnerung habe: neblig, grau, im Dauerregen. Trotzdem mache ich mich am Vormittag durch den dichten Nebel noch einmal auf, jenen Ort zu erkunden, den ich letztes Mal verfehlt habe: Xiao Tiantai, den Tempel auf dem kleinen Hügel. Den finde ich nach dreißig Minuten, in denen es von Jiuhuashan-Dorf aus nur mäßig steil bergauf ging, im Nebel. Die Aussicht ist gleich Null. Dennoch sind auf den regennassen Stufen viele wochenendabhängige Touristen in Plastiksäcken unterwegs. Wenige Meter von Xiao Tiantai entfernt erhebt sich eine Pagode, auf die man leider nicht hinauf kann, in die wabernden Dunstschwaden. Pagode und Xiao Tiantai habe ich immerhin gestern schon aus der Ferne betrachten können: bei meinem Aufstieg zum Tiantai. Logische Konsequenz und wissenswert für alle, die die Reise zum Jiuhuashan selbst machen möchten: Vom Xiao Tiantai aus führt eine Treppe abwärts direkt zum "Phenix-Spot", von wo aus man den Aufstieg zum Tiantai beginnt. Frühaufsteher können die ganze Tour also ohne gelben Bus an einem Tag schaffen. Für mich dagegen heißt es jetzt Abschied zu nehmen. Ich werfe noch einen Blick in den "Palast des sterblichen Fleisches" ("Palace of the Flesh of Mortals"), wo man dem Buddha Münzen in zwei Becken werfen kann, damit man das Zeitliche nicht zu früh segnet (ich denke bei solchen Gelegenheiten immer ans Gegenteil: einmal reinlangen und die nächste Busfahrkarte sparen). Von hier aus sind es nur noch wenige Stufen bis Jiuhuashan-Dorf. Ich bin mittags wieder im Tal und erwerbe eine Fahrkarte nach Nanjing für 13 Uhr. Als Verpflegung dienen mir Choco-Prince-Kekse. In Nanjing scheint sich das Tiefdruckgebiet bereits gestern ausgetobt zu haben. Ausnahmsweise fahre ich nicht mit der U-Bahn zurück, sondern mit Bus D1.

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Freitag, 19. April 2013

Huatai
Von didus, 20:59

Diesmal sind die Affen an einer anderen Stelle und fallen mich nicht an. Ich halte mich auch ganz dezent zurück. Den Gipfel erreiche ich gegen Mittag. Das allgemeine Toursitenziel ist ja der Tiantai-Tempel, aber ich gehe lieber rechter Hand noch ein paar Treppen weiter nach oben und erreiche den 1342 Meter hohen Gipfel des Berges. Dort mache ich erst mal Picknick und erweise mich dabei als echter Chineses: Ich verzehre in Folie eingeschweißte Fertigwurst, ein in Folie eingeschweißtes schwarzes Ei sowie Bananen). Ein Wandersgesell gesellt sich zu mir. Und als ich ihn etwa eine halbe Stunde auf meinem Abstieg zur den Felsspalten mit abschließender Buddha-Höhle (einem Gelass im Felsen, wo früher zwei Mönche gehaust haben sollen) noch einmal wiedertreffe, schenkt er mir seine Wanderkarte. Er selbst hat sich eine andere Route ausgeguckt. Die Karte gibt mir einen vagen Überblick, kann mich aber nicht davor bewahren, am Ende in einer Sackgasse zu landen. Zunächst geht es abwärts ins Tal mit den "Steinen, die wie Tiere geformt sind": Die Fantasie der Chinesen kennt mal wieder keine Grenzen: Wo soll da ein Felsen in Elefanten-, wo einer in Pferdeform sein? Ich seh' da nix! Alles, was ich entdecke, ist ein Gorilla-Gesicht im "Planet der Affen"-Stil auf der Felswand gegenüber, aber Affengesichter sind hier von den Erklärungstafeln gar nicht vorgesehen.
Der Aufstieg zum Huatai, dem Blumen-Plateau, wie man das wohl übersetzen müsste, wird zwar belohnt mit einem kolossalen Panoroma (noch einmal über 1200 Höhenmeter); Blumen gibt es hier auf dem kargen Felsgestein allerdings keine. Der Name verdankt sich dem Sonnenuntergang, der den Aussichtspunkt in ein buntes Blumenmeer verwandeln solle. Außerdem gibt es hier noch die Legende vom treuen Hund, der seinem Herrn nie von der Seite wich und danach mit Buddha-ähnlichen Ehren versehen wurde. Die Fahrkarte für die Seilbahn, die Fußkranke und Immermüde vom Huatai wieder nach unten bringen würde, wird angesichts des Wucherpreises von 80 Yuan von mir boykottiert (in Nanjing zahlt man 20 Yuan, allerdings ist der Berg auch nur ein Drittel so hoch). Ich wähle also den Abstieg von 2011 und dank der kolossalen Aussicht ist das auch die richtige Entscheidung. Ich komme noch an einem Felsen vorbei, der das Antlitz Buddhas darstellen soll, und danach geht es nur noch im Laufschritt bergab mit mir. Als ich am Phönix-Punkt, zugleich Ausgangspunkt meiner Klettertour angekommen bin, habe ich wackelige Knie. Es ist halb sechs. Und zum Glück gibt es noch Busse. Der Rücktransport ist in der 50-Yuan-Buskarte, die ich gestern für die Reise vom Busbahnof in die Tempelstadt bezahlt habe, inbegriffen. Da mein Proviant und Wasservorrat schon seit geraumer Zeit aufgebraucht ist, erwerbe ich an einem Touristenstand erst mal Wasser für den leeren Tank. Das Essen muss dagegen noch etwas warten.

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Donnerstag, 18. April 2013

Zurück auf dem Jiuhuashan
Von didus, 23:59

Wiedersehen mit einer der malerischsten Gegenden in China, dem so genannten Neunblumenberg. Der lag bei meinem letzten Besuch dermaßen im Nebel (sin-o-meter-Bericht und Fotos finden sich hier), dass ausgemacht war: Ich muss da noch mal hin! Bei Sonnenschein. Und den haben wir momentan Tag für Tag.
Ich lande zwar erst mal an der falschen Nanjinger Busstation. Doch mit Bus Nummer 10 ist das Versehen rasch korrigiert. Fahrpreis: 84 Yuan, Abfahrt um zwei Uhr, Ankunft vier Stunden später. Die große Abfertigungshalle am Fuße des Berges, die ich schon kenne, ist werktags am frühen Abend bereits sichtlich ausgestorben, während an Wochenenden Absperrungen benutzt werden müssen, um der Touristenhorden Herr zu werden. Für insgesamt 240 Yuan (190 Yuan für den Zugang zum Jiuhuashan, 50 Yuan für den gelben Tourbus, den ich insgesamt viermal nutzen darf) erwerbe ich das Recht zur touristischen Erkundung der Berge. Ich muss in dem bis auf ein paar schwatzende Angestellte leeren Wartesaal über eine halbe Stunde warten. Erst als eine späte Touristengruppe eintrifft, fährt wieder einer der gelben Busse nach oben.
Ich finde prompt das schön billige Drei-Sterne-Hotel vom letzten Mal wieder und statt der schreienden Bedienung von damals ist diesmal ihre wesentlich sympathischere mutmaßliche Tochter an der Rezeption anzutreffen. Ohne Klimaanlage bin ich bei hundert Yuan pro Nacht. Das ist ein annehmbarer Preis in dieser Touristenhochburg. Sicher wolle sie jetzt für die Registrierung meinen Pass, sage ich noch; dann zucke ich innerlich zusammen... Denn auf einmal wird mir klar, warum ich die ganze Zeit so ein unerklärliches Gefühl hatte, dass etwas nicht stimmt: Mein Pass, ohne den man ja in China nirgends eine Bleibe findet, ist definitiv zu Hause geblieben. Auch die sympathische Rezeptionistin ist da eisern: Wir müssen zur Polizei. Dort gibt es ein Hin und Her. Der überforderte PvD muss den Chef aus dem Bett jagen. Aber der kann auch nichts anderes sagen, als dass es ohne Pass nicht gehe. Ich müsse wieder ins Tal. Aber da werde man mir auch nicht weiterhelfen. Und wie soll ich jetzt ins Tal kommen? Da fährt doch keiner mehr runter. Fest steht: Es geht so nicht. Es gibt keine andere Lösung. Eigentlich gibt es gar keine Lösung. Eigentlich muss ich nach Hause zurück, aber es fährt ja jetzt kein Bus und auch kein Zug mehr. Eine Telefonat mit dem nächsten Vorgesetzten. Gleiche Aussage: geht nicht. Zwanzig Minuten später bedankt sich das Mädel von der Rezeption und wir gehen zurück ins Hotel. Ich habe keine Ahnnung, was aus den Verhandlungen am Ende herausgekommen ist, sage mal auf Verdacht, dass ich einfach zu kein Glück habe. Aber sie meint: "Doch, du hast Glück!". Da dämmert mir, dass die Polizei ein Auge zugedrückt hat. Ich kann bleiben.

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Montag, 15. April 2013

Der Stieleis-Attentäter
Von didus, 23:59

Das ist auch wieder so eine typisch chinesische Unart, die manchem Deutschen einen gehörigen Kulturschock verschaffen könnte: Für Treppenhäuser fühlt sich nicht nur niemand zuständig, die Stufen starren vor Dreck und Staub; neuerdings treibt hier sogar ein Stieleis-Attentäter, der vermutlich sogar noch minderjährig ist, sein Unwesen. Vor ein paar Wochen auf der Treppe zum ersten Stock meines Wohnkomplexes das erste geschmolzenen Vanilleeis, schön zerlaufen, in der Mitte der Holzstiel, als wollte er wie einst Mose das Meer teilen, die Schokosplitter wie kleine schwarze Schiffchen im Ozean der Eissuppe treibend. Und nun ist auf dem Treppenabsatz zum dritten Stock noch ein zweiter Eissee, wie ein Zwilling des ersten, hinzugekommen, damit sich der kleine Eissee auf der Treppe unten mal ja nicht allein fühlt. Und da ja Chinesen nie auf den Boden schauen (weshalb ich in Bus und U-Bahn auch ständig angerempelt werde, wenn ich mit übergeschlagenem Bein auf meinem Platz sitze), ist auch noch prompt ein Nachbar in die Eissuppe reingetreten und hat die Eissuppe schön auf den Stufen verteilt. Inzwischen ist der Eissee im ersten Stock zwar weitgehend ausgetrocknet - man kennt ja das Problem der Trockenheit in China, der Eissee teilt gewissermaßen in nuce das Schicksal seines großen Bruders, des Gelben Flusses - und fristet ein Dasein als dunkelgelbe, klebrig-feuchte Masse, aber er hält sich wacker! "Halt durch, tapferer, kleiner Eissee", ist man fast geneigt ihm zuzurufen, "und lass dich nur nicht wegwischen!"

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Samstag, 13. April 2013

Schnitzeljagd mit Fang Dong
Von didus, 14:50

Tja, wäre er mal pünktlich gekommen, aber als er nach einer halben Stunde noch nicht angerückt ist, um seine drei Monatsmieten zu kassieren, verliere ich die Geduld, denn angesichts des schönen Wetters zieht es mich mit meinem Dianpingche zu einem Ausflug. Ich fahre also nach Qixia, dort kann ich auch im Supermarkt etwas einkaufen. Kurz vor dem Ziel erreicht mich der Anruf von Fang Dong, des Vermieters: Wie will er mich jetzt finden? Ich reiche das Telefon erst mal weiter an eine Passantin auf der Straße - in China ein durchaus übliches Verfahren. Die versteht ihn bestimmt viel besser als ich und kann auch viel besser erklären, wo ich gerade bin. Doch das Gespräch zieht sich ziemlich in die Länge. Das kann doch nicht so kompliziert sein!?!
Schließlich gibt mir die Passantin das Telefon zurück. Fan Dong scheint kapiert zu haben. Ich kaufe mir gegen die sengende Hitze in dem Suguo-Supermarkt, vor dessen Eingang wir uns verabredet haben, etwas zu trinken, setze mich auf eine Bank, warte und warte. Fan Dong muss sich verfahren haben. Schließlich klingelt mein mobiles Fernsprechgerät erneut. Fan Dong vermeldet, er sei da, wo sei ich? Ich erwidere: Ich sei da neben den Majiong spielenden Alten. Er befindet sich offenbar auf der Nordseite des Supermarktes. Ich lotse ihn durch den Supermarkt. Er findet mich nicht, ruft wieder an. Ich durchquere die Südhälfte des Suguo-Marktes. Und dann stelle ich fest, dass es an dieser Stelle zwei Suguos direkt nebeneinander gibt und auf dem kleinen freien Platz zwischen dem großen und dem kleinen Suguo treffen wir uns endlich und mein Vermieter kann seine schwer verdiente Miete kassieren, was ihm ein Strahlen aufs Gesicht zaubert.

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Freitag, 12. April 2013

In Seenot
Von didus, 23:59

Während anderswo gute Freunde ihren Geburtstag begehen, endet für mich heute eine monatelange Tortur: Für knapp 2000 Yuan wird mir heute eine Keramikkrone auf den ruinierten Zahn gesetzt. "Sitzt und passt", freut sich der junge, des Englischen mächtige Zahnarzt.
Ich habe mich mit dem Dichter Huang Fan verabredet, der heute an seiner Universität für Wissenschaft und Technik hohen Besuch aus Deutschland erwartet. Doch den Termin um vier Uhr schaffe ich nicht, denn ich habe mich in Anbetracht des schönen Wetters und um den Abschluss meiner Zahnbehandlung zu feiern spontan zu einer Bootstour über den Xuanwu-See entschlossen. Ich wähle eine alte Seegurke von der zweiten Insel und tuckere, von einer spürbar erlahmenden und bei Gegenwind kaum noch Gegenwehr leistenden Batterie angetrieben, über den See. Als sich die 60 Yuan teure Stunde ihrem Ablauf nähert und ich nur noch durch eine Brücke hindurchmanövrieren muss, um am Ausgangsort der Schipperei anzulangen, geht plötzlich gar nichts mehr. Schlingpflanzen machen den Kahn komplett manövrierunfähig. Lame duck heißt das auf Amerikanisch. Während ich ratlos umherblicke und im stinkenden Sumpf feststecke, läuft die Uhr ab und auch meine Verabredung mit Huang Fan gerät in weite Ferne. Schließlich gelingt es mir, unter Zuhilfenahme meiner Hände an ein Ufer zu gelangen. Ich torkele aus dem Kahn, binde die lahme Ente an einem Busch fest und erreiche zu Fuß den Verleih. Dort kann ich mit einiger Mühe erklären, was vorgefallen ist. Der Chef will mit mir auf einem seetüchtigeren Boot zum Ort des Geschehens fahren, aber als er erfährt, dass ich gar keine Sachen mehr an Bord habe, ist meine Anwesenheit plötzlich nicht mehr vonnöten. An der Kasse will man mir natürlich den anderthalbfachen Betrag von der Kaution abziehen. Ich erkläre mich damit nicht einverstanden und wiederhole immer wieder: "Bu guyide", was so viel bedeutet wie: "War doch keine Absicht!", was die immer unsicherer dreinblickende Dame schließlich veranlasst, mir nur eine Stunde zu berechnen.
Ich eile Richtung Ausgang. Da ruft auch schon die Assistentin von Huang Fan an und verspricht, mich abzuholen. Ich sei hier am See, teile ich mit. Wie lange es denn wohl dauere von der Station Xuanwuhu bis zur Station Xiaolingwei. Sie schätzt: 35 Minuten. Also, sage ich, dann erwarten Sie mich mal um zehn nach fünf dort. Und das schaffe ich dann auch tatsächlich noch. Sie ist mit dem Wagen da, hat mir vorher das Nummernschild per SMS mitgeteilt - alles kein Problem.
In dem schlichten und noch recht kühlen Büro des Institutsleiters Yang Wu wird Professor Kubin im Beisein von Huang Fan, seinem Chef Yang Wu und einer assistierenden Studentin von einer Journalistin interviewt. Es geht um Literaturnobelpreisträger Mo Yan und die chinesische Literatur im Allgemeinen, denn der Professor ist ein angesehener Sinologe, Schriftsteller und Übersetzer. Ich bin zum gemeinsamen Essen im Uni-Restaurant geladen und erfahre so ganz nebenbei, dass der Professor zum Vize-Dekan einer aufstrebenden Universität in Qingdao ernannt worden ist, wo gerade Deutschlehrer gesucht werden. Da werde ich natürlich hellhörig. Auch für mein Buchprojekt "Auf den Schwingen der Morgenröte", mit dem ich einen durch DAAD-Projektgelder finanzierten Übersetzungswettbewerb zu krönen gedenke und das Erzählungen der mir persönlich bekannten drei Nanjinger Autoren Huang Fan, Lu Min und Dan Yu vereinigen soll, weiß der Professor einen Rat und empfiehlt mir einen deutschen Fachverlag. Ich lasse mir für alle Fälle mal eine Visitenkarte geben. An der Veranstaltung im Anschluss nehme ich nicht mehr teil. Ist ja doch alles auf Chinesisch.

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Sonntag, 07. April 2013

La zizanie
Von didus, 23:59

Ja, Rebeckas Brot ist aufgebraucht und es muss Nachschub beschafft werden. Ich stehe also in der deutschen Bäckerei in der Shanghai Lu (Schanghaier Straße) und nehme mir wie üblich von den in einem Körbchen auf dem Tresen stehenden Vollkornbrötchen die letzten zwei verbliebenen und stecke sie in die mitgebrachte Plastiktüte. Damit will ich dann zur Kasse und bezahlen. Zugegeben, man kann das auch anders machen. Wer nämlich ohne typisch deutsch mitgebrachte Tüte in den Laden kommt, muss so lange warten, bis eine von den Verkäuferinnen hinter der Theke die Zeit findet, zu fragen, was man möchte, und einem dann das Gewünschte von auf oder hinter der gläsernen Theke in eine Tüte packt. Der Russe oder Italiener oder vielleicht auch Tscheche, vielleicht auch Serbe? ... Der mich um einen Kopf überragende Mann neben  mir hat offenbar genau darauf schon einige Zeit gewartet und - wer weiß - vielleicht hatte er ja sogar die beiden letzten verbliebenen Brötchen im Auge, die soeben in meiner selbst mitgebrachten Plastiktüte verschwunden sind. Jedenfalls sieht mich der Serbe an, als wäre ich der Mann, der den serbischen Volkshelden Karadzic vors Kriegsgericht gebracht hat, und beginnt zu schimpfen, was das denn für'n Verhalten sei, so was tue man doch nicht. Ich verstehe nicht, was er meint, und teile ihm das mit. Er wird laut. Ich repliziere: "WHAT'S YOUR PROBLEM, MAN??" Und im Nu stehen wir uns gegenüber wie Asterix und Obelix - auch von der Körpergröße kommt es in etwa hin - in Streit um Asterix ("La zizanie"), wo ja bekanntlich jeder mit jedem wegen nichts in Streit gerät und diesem mit hochrotem Kopf Nase an Nase, so dass sich die Nasen fast berühren, gegenüberstehend mit hoher Lautstärke zum Ausdruck bringt, dass ihm dessen Meinung missfällt. Der Inhalt dieser verbalen Auseinandersetzung ist dabei letztlich austauschbar; es sind gegenseitige Vorwürfe, die an der Sache an sich weit vorbeiführen. So ist es auch hier.

Wahrscheinlich hat auch keiner im Laden, der voller Leute ist, die Spur einer Ahnunlg, worum es hier geht. Schließlich verpasst der Serbe, Italiener oder Russe mir noch jenen Rempler, der üblicherweise zu einer Handgreiflichkeit führt, aber da dieses Jahr der FC B ja super drauf ist, bin ich nicht provozierbar und außerdem auch schon auf dem Weg zur Kasse, wo ich dann für meine beiden Vollkornbrötchen bezahle. Umgerechnet zwei Mark.

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