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Ende der Glückssträhne
Nachdem in den letzten Tagen das Aufregendste ein Strandspaziergang war, der mich zur Nordseite der Bucht führte, wo ich auf Russen und Chinesen in einem vornehmen Restaurant mit Meerblick traf, gibt es nun endlich wieder: Krisen, Chaos, Katastrophen. Der Gottesdienstbesuch in der katholischen Kirche verläuft noch unproblematisch. Man hat von der kleinen Anhöhe mit der Kirche einen schönen Blick über die Stadt und wenn man bei geöffneter Tür durchs Kirchenschiff schreitet, blickt man genau auf einen weißen Jesus mit ausgebreiteten Armen. Ho Chi Minh würde sich im Grab umdrehen. Verstanden habe ich natürlich nicht viel und das viele Knien ist dem Lutheraner auch eher fremd, aber trotzdem eine schöne interkulturelle Erfahrung. Zum Abendmahl gehe ich nicht. Das darf ich ja als Protestant nicht.
Dann der Schock: In weiser Voraussicht und um mir am morgigen Abreisetag unnötigen Stress zu ersparen, möchte ich am Bahnhof schon heute eine Fahrkarte nach Hanoi erwerben, aber: ALLE FAHRKARTEN FÜR DIE GANZE MORGEN BEGINNENDE WOCHE AUSVERKAUFT! Grund ist das chinesische Frühlingsfest morgen in acht Tagen, das ja auch in Vietnam gefeiert wird. Ich bin so geschockt, dass ich die Wasserflasche in meiner kaputten grünen Tasche nicht richtig zudrehe. Das wird Folgen haben...
Eine des Englischen mächtige Verkäuferin am Schalter des Bahnhofs gibt mir einen Tipp. Ein paar Häuser weiter befinde sich ein Reisebüro, in dem man Flüge buchen könne. Dort muss ich nun also hin. Der Flug kostet 1,4 Mio. und ich muss in den sauren Apfel beißen. Leider habe ich keinen Pass dabei. Ich hatte ja heute Morgen keine Ahnung, was mir bevorstand. Doch mein unersetzliches KINDLE-Gerät hat, wie mir zur rechten Zeit einfällt, einen Scan des Passes gespeichert. So ein Glück. Aber wie komme ich denn nur zum viele Kilometer außerhalb der Stadt liegenden Flughafen? Auch da weiß die freundliche Dame Rat: Wer kein Taxi nehmen möchte (hier! ich!), der könne auf einen Shuttle-Bus zurückgreifen. Und die Busstation liegt günstigerweise an der Uferstraße, fünfzehn Minuten Fußmarsch von meinem Hotel entfernt. Glück im Unglück.
Ich gehe in den kleinen Park gegenüber vom Bahnhof und nehme nach den schockierenden Ereignissen eine Auszeit. Da sehe ich, dass es aus meiner Tragetasche tropft. Das Wasser ist ausgelaufen, mein KINDLE ganz nass. Ich lege es sofort zum Trocknen in die Sonne.
Auch mein Plan, dreckige Wäsche waschen zu lassen in einer der kleinen Klitschen vor dem Hotel, die solche Dienste anbieten, erweist sich als Fehlschlag. Alle sagen mir, dass sie die Wäsche erst morgen fertig haben werden. Ich hätte früher kommen müssen. Ich muss also selbst waschen, haue alles in den Mülleimer, lasse durch den Duschschlauch Wasser einlaufen und wasche wie ein Wilder.
Ich verbringe den Rest des Tages am Strand, denn morgen muss ich früh raus. Es ist die letzten Tage nur noch sonnig, sonnig, sonnig. Am Abend gehe ich zur Probe mal zu der Busstation. Ich finde sie nur durch Nachfragen, weil sie am Ende einer schmalen Seitenstraße etwas versteckt liegt. Eine Fahrkarte kann ich noch nicht lösen. Ich könne das morgen früh vor der Abfahrt erledigen, sagen die Herren im Bushangar.
Als ich am Abend mein KINDLE einschalte, um zu schauen, was die Spielfilmkanäle im Angebot haben, stelle ich mit Grausen und Entsetzen fest, dass der Bildschirm aussieht wie die Windschutzscheibe eines Autos, in das jemand eine Spitzhacke hineingerammt hat. Ein echter Tiefschlag. Ein- und Ausschalten erweisen sich als vergeblich. Ich sehe nur noch Scherben auf schwarzem Grund. Dabei ist das Glas unversehrt. Der Befund ist so traurig wie wahr: Mein KINDLE ist hinüber. Und meine viertägige pannenfreie Zeit endet mit einem echten Paukenschlag. Nach meiner Rückkehr vom Strand ist die Wäsche nicht die Bohne getrocknet - zu hohe Luftfeuchtigkeit, kein Wunder, dass in den Klitschen keiner versprechen konnte, dass das heute noch fertig wird. Dabei hatte ich sie extra auf den Balkon (mit Meerblick!) gehängt! Ich entleihe an der Rezeption einen Föhn und föhne meine Unterhose, um morgen wenigstens die Grundausstattung trocken tragen zu können. Ich bitte außerdem um einen Weckanruf, denn zu den vielen Dingen, die das KINDLE unersetzlich machen, gehört auch die Weckfunktion.
Triumph
Ich habe vorher mithilfe meines Kindle-Geräts ermittelt, wann heute ungefähr nach vietnamesischer Zeit das Finale im Damen-Einzel der Australian Open beginnt und beende den Strandtag heute daher etwas früher, so gegen halb fünf. Was keiner geglaubt hätte: Serena Williams verliert gegen eine deutsche Tennisspielerin, die nicht Steffi Graf ist. Und ich bin dank der Auswahl von ca. 100 TV-Kanälen in meinem Hotel live dabei. Das ist eindeutig der Höhepunkt des Tages!
Lachende Kuh
Wenn ich beschließe, die Rumreiserei zugunsten eines 0-8-15-Badeurlaubs zu beenden, ist das für den geneigten sin-o-meter-Leser natürlich schlecht: Nun passiert ja nichts mehr. Es gibt gerade mal noch eine Nervenkrise, als ich beim Einkaufen Plastikmesser zum Brotschmieren (es gibt französische Baguettes, die Kolonialzeit lässt grüßen) kaufen möchte. Die sind leider aus dem Beutel gefallen und einzeln mitnichten käuflich zu erwerben. Eine Verkäuferin kommt mit der ganzen Tüte an. Aber was soll ich mit 50 Plastikmessern?!? Ich bestehe darauf, das, was da im Supermarkt rumliegt, auch kaufen zu können und mache mal wieder ein typisches Riesentheater. Schließlich lasse ich erbost meine Stofftasche mit Gegenständen im Wert von mehreren Hunderttausend Dong einfach an der Kasse stehen. Ich gehe erst mal spazieren. Leider finde ich den Laden mit den süßen Teigtaschen nicht mehr, die so verlockend aussahen. Als ich zurückkehre, steht meine Tasche an einer nicht benutzten Kasse. Ich gebe den »Lachende Kuh«-Schmierkäse zurück (womit soll ich den ohne Plastikmesser schmieren?) und bezahle den Rest. Die von mir allein gelassene Tasche mit der Aufschrift »Universität Wuhan« ist offenkundig sauer auf mich und ein Tragegriff reißt ab.
Tut mir leid, mehr gibt's nicht: Das war das spektakulärste Ereignis meiner vier Strandtage. Ach ja, es hat mal wieder geregnet. Wieder nur fünfzehn Minuten, dann war's wieder schön. In meinem 1000-Seiten-Schmöker »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre« komme ich gut vorwärts.
Was lange währt, wird endlich gut.
Morgens halb zehn in Vietnam: Ich steige aus dem Zug und was passiert: Es ist warm! Ich bin schätzungsweise 1000 Kilometer von Hanoi entfernt und sonniges Sommerwetter empfängt mich. Ich marschiere mächtig motiviert drauflos, finde einen Supermarkt und ein Kino, eine Pizzeria und ein Schnellrestaurant, und das alles in einem Gebäude! Vom fünften Stock des Gebäudes aus versuche ich mich zu orientieren. In der Ferne gibt es eine grüne Felseninsel. Da hinten, mutmaße ich, muss das lang ersehnte Meer sein. Ich nähere mich einem zentralen Platz mit viel Kreisverkehr, und rechter Hand erhebt sich eine große (katholische) Kirche – und das mitten im kommunistischen Vietnam! Auf der Suche nach einem Hotel treffe ich Marco Reus. Er ziert die Außenwand eines Frisörsalons. Wer eine Frisur wie Reus möchte, muss da hin. Ich wittere das Meer, kann es aber nicht finden. Die grünen Hänge im Hintergrund, da müsste doch... Dann habe ich eine Idee: einfach in Richtung der Hochhäuser gehen, die verdächtig nach Touristenhotels aussehen. Und die stehen doch gewiss am Strand! Und so ist es auch. Nach einer kleinen Inspektion der Umgebung finde ich ein kleines Hotel in zweiter Reihe, das dennoch Meerblick bietet, denn ich kann es von der belebten Uferstraße aus sehen. Es heißt »Monaco«-Hotel und kostet pro Nacht 400.000 Dong. Das kann ich mir gerade noch leisten. Hier will ich bleiben! Der Rest des Tages ist rasch erzählt: Buch, Handtuch, Wasserpulle und Badelatschen schnappen und ab an den Strand. Der liegt hinter der schon genannten sehr belebten Uferstraße und ist für mich in weniger als fünf Minuten zu erreichen. Ich befinde mich in einer Bucht, vor der sich einige Inseln erheben. Die größte von ihnen ist durch eine Seilbahn mit dem Festland verbunden. Auf einem Hang von sattem Grün prangen hollywoodeske Buchstaben und ergeben den Schriftzug »Paradise Island«. Riesige Wellen türmen sich auf und reißen mich förmlich um, als ich endlich das ersehnte Bad im Meer nehme. Als es zu nieseln beginnt, während ich erschöpft auf meinem Badetuch liege, denke ich: Nein! Das kann nicht wahr sein. Und damit liege ich völlig richtig. Es ist ein Sturm im Wasserglas. Nach einer Viertelstunde ist der Spuk vorbei. Am Abend kann ich mir aus drei englischsprachigen Spielfilm-Kanälen die besten Filme auswählen. Ich bin am Ziel aller Urlaubsträume.
Der lange weg nach Hue
Das kennen wir ja jetzt schon: Plötzlich hält der Bus. Jemand zeigt mir die vage Richtung, in die ich mich jetzt bewegen muss. Und ich darf aussteigen. Obwohl ich eine Fahrkarte nach Hue erworben habe, denken die Betreiber dieses kleinen Bus-Unternehmens gar nicht daran, mich vor Ort abzusetzen, sondern ich darf ein Moped-Taxi nehmen. Da es noch früh am Tage ist, entscheide ich mich für einen Fußmarsch. 13 Kilometer, das ist ja nicht mehr als einmal Großenaspe - Neumünster. Soll mir davor grauen? Und so beginnt dieser Tag wieder mal mit einem dieser typisch Didusschen Gewaltmärsche, der mir vermutlich wieder Kommentare eintragen wird wie: »Mit dir Urlaub machen zu müssen ist im Grunde nur eine moderate Form von Arbeitslager.« Der eigentliche Schock ist aber: Es ist immer noch nicht warm in Vietnam und es nieselt auch schon wieder, feucht-kühles Wetter. Links und rechts der Fahrbahn erstreckt sich eine grüne Ebene, rechter Hand (Blickrichtung Süden) sieht man vereinzelt kleine Gehöfte (LPGs?) oder weiße Landhäuser mit vom Regen geschwärzten Fassaden. Außerdem verlaufen dort die Bahnschienen, sodass ich sicher sein kann, die richtige Richtung eingeschlagen zu haben. Während des am Ende doch fast dreistündigen Fußmarsches bekomme ich ein Dutzend eindeutiger Angebote durch die Inhaber sowohl zweirädriger als auch vierrädriger Kraftfahrzeuge, aber ich lehne dankend oder mit Verweis auf meine militärische Ausbildung (»Don't worry, I am German military. I can make it.«) ab. Das ändert natürlich nichts daran, dass mein Magen allmählich durchhängt (mein Proviant bestand zuletzt nur noch aus »Ritz«-Kräckern, Äpfeln, Kuchen sowie einem Ei, das ich schon seit Nanning mit mir rumschleppe) und mir auch die schaukelige Nacht noch in den Knochen steckt. Die kleine Bahnstation, bei der ich nachschaue, ob zeitnah vielleicht so etwas wie ein Nahverkehrszug vorbeikommen könnte, verschafft mir keine Erleichterung: Der nächste Zug kommt abends gegen sechs. Endlich kommt das Stadtgebiet in Sicht. Dann überquere ich eine Brücke über den Song Huong (Parfümfluss), im Norden ist so etwas wie eine Stadtmauer zu sehen. Offenbar befindet sich dort das Areal der alten Stadtbefestigungsbauten, denn Hue ist die alte Hauptstadt des untergegangenen Kaiserreiches, das sich in Form von Bauwerken erhalten hat, die imperialen Glanz verströmen würden, wenn hier nicht alles im trüben Winterregen verschwinden würde. Ich folge der Hauptstraße und finde den Bahnhof. Dort kann ich erst mal – gebührenfrei! – meine Morgentoilette erledigen. So fühlt man sich doch schon viel besser. Ich spreche eine Gruppe von Touristen an, die in der Wartehalle sitzen und wahrscheinlich auf den Zug nach Hanoi warten, und erfahre so, was es hier so zu sehen gibt und wie man da hinkommt. Angesichts des Wetters beschließe ich, noch am Abend dieses Tages weiter nach Süden zu reisen, nach Nha Trang. Mein Kindle verheißt dort sommerliche Temperaturen. Ich erwerbe eine Fahrkarte für 492.000 Dong, Abfahrt 19.55 Uhr, Ankunft am nächsten Morgen. Da ich mein Gepäck nirgends los werden kann und nach den 13 Kilometern Morgenmarsch gar nicht mehr so erpicht auf weitere Wandertouren bin, marschiere ich eher aufs Geratewohl in Richtung der Zitadelle, Zentrum der alten Kaiserstadt. Ich begutachte ein paar Kanonen und die Tore. Es regnet jetzt stärker. Ich habe keine Lust, mir die Zitadelle und die »Verbotene Stadt« anzuschauen. Das große Gelände ist doch eher was zum Flanieren im Sommer. Ich sehe mir den Flaggenturm am einstigen Haupteingang an. Plötzlich ruft mir jemand zu, der mich zu kennen scheint. Hä? Das holländische Pärchen aus dem Zug nach Hanoi, in der Regenschutzkleidung kaum wiederzuerkennen, spaziert gerade an der Mauer der Zitadelle in die andere Richtung. Das Mädchen hat mich erkannt. Wir tauschen uns kurz aus, wünschen gute Reise denn noch. Ich begebe mich vom Flaggenturm zum Wachturm des Tuong-Tu-Eingangstors, der wegen Bauarbeiten nicht abgesperrt ist. Innen gibt es eine Treppe wie in einer Pagode und von oben habe ich einen regengeschützten Blick auf den kleinen Kanal, der die Zitadelle umgibt, die Brücke mit den Knattermopeds darauf und das Stadtgebiet jenseits des Song Huong. Gegen fünf gehe ich über die Trang-Tien-Brücke wieder auf die andere Seite des Flusses. In einer Pizzeria bestelle ich Reis und Pizza (gleich zwei Gerichte auf einmal, kommt nicht jeden Tag vor!) und kann mich aufwärmen. Auf dem Kindle vergewissere ich mich, nachdem ich Stenzi eine Geburtstags-E-Mail geschickt habe, noch einmal, wie das Wetter in Nha Trang ist. Ein Wetterbericht verheißt Sonne, der andere Wolken und Regen. Ich stelle mich innerlich darauf ein, noch weiter bis nach Mui Ne reisen zu müssen, einen Badeort, für den alle Wetterberichte übereinstimmend Sonne vermelden. Dann spaziere ich samt Gepäck zurück zum Bahnhof. Den Rest des Tages verbringe ich mit dem aktuellen Schmöker »Die Stunde zwischen Frau und Gitarre« auf dem Bett meines Schlafwagen-Abteils.
Hausboot
Wo ich gestern fast reich geworden wäre, also auf dem Anleger, steige ich in ein kleines Tuckerboot, das noch nicht so ganz dem »Traumschiff« entspricht, das ich mir vorstelle, aber ich darf auch nach wenigen Minuten umsteigen und nun habe ich tatsächlich eine kleine Dschunke für mich allein! Nur der Käpt'n, dessen Englisch so klingt, als würde er in einer eingeschalteten Waschmaschine stecken und nur mit dem Kopf aus der sich drehenden Trommel gucken, ist außer mir an Bord. Er zeigt mir »Monkey Island«, das immerhin verstehe ich, naja, der Rest erschließt sich von selbst: Natürlich ist die Halong-Bucht ein von der Natur geschriebenes Gedicht. Ich stelle mir vor, zwischen welchen der vielen grünen Felseninseln James Bond auf seiner Verfolgungsjagd herausgeschossen gekommen sein könnte. Nach etwa einer Stunde legen wir in der Nähe einer der vielen grünen Felseninseln, nein nicht am Festland an, sondern an einem Hausboot, das vor der Küste an einem Betonschiff festgemacht ist. Planken führen an zwei Becken vorbei, die nur aus Netzen im Wasser bestehen. In einem von ihnen dreht ein fetter Fisch einsam seine Runden. Dahinter eine schwimmende Hütte, die mit einfachem Mobiliar ausgestattet ist: Der Käpt'n unterhält sich mit dem Ehepaar, das diese schwimmende Fischerhütte zu bewohnen scheint. Ein Tee wird serviert. Ich schnappe mir den SPIEGEL und lege mich neben den Fisch auf eine Planke und da jetzt, zur Mittagszeit, tatsächlich die Sonne durch die Wolken dringt, wird das eine richtig tolle Mittagspause dort mitten auf dem Wasser, umgeben von den grünen Kegeln des Inselarchipels vor Catba. Der Käpt'n betätigt sich inzwischen als Koch. Das wird wieder kein Vier-Sterne-Menü, das ahnt man schon, aber alles schmeckt doch ziemlich gut und ich lasse nichts übrig. Dann ist Siesta. Leider verkrümelt sich die Sonne aber schon wieder. Und ohne die wärmenden Strahlen ist es auf dem Hausboot nicht mehr so gemütlich. Am Betonboot legt ein anderes Touristenschiff an, ein Trupp Franzosen entert das hölzerne Eiland im Meer. Für mich das Kommando, auf das von mir gecharterte Boot zurückzukehren, wo der Käpt'n gerade mit dem Kopf in einem alten Teer-Eimer verschwunden ist und mich aufblickend anlächelt. Er zieht gerade die vietnamesische Variante einer Shisha durch. So deute ich das. Dann macht sich der Tuckerdampfer auf den Weg zurück. Von einer Tageskreuzfahrt durch das Inselidyll kann insofern ja nicht die Rede sein, aber ich habe auch nicht den Eindruck, die besten Ansichten verpasst zu haben. Ich kehre zurück zum Ausgangspunkt der Reise, habe Zeit die malerischen Ecken von Catba-Stadt noch ein wenig abzuwandern. Den Tourmanager bekomme ich freilich nach dem Frühstückstelefonat nicht mehr zu sehen. Aber der Fahrer telefoniert noch mal. Ich habe mal wieder Ansprüche gestellt und möchte in Haiphong an dem Busbahnhof abgesetzt werden, der mich in den warmen Süden bringt. »I booked a premium tour, so I should get some premium service.« Das wird mir auch zugesichert. So eine kleine Wutattacke wirkt wie ein Türöffner. Der junge Mann im Reisebüro, wo ich auf das Hochgeschwindigkeitsboot warte, das um Viertel vor fünf abfahren soll, spricht sehr gut Englisch. Ich frage ihn nach den Wahlen zur neuen Führung des Landes, aber er erwartet wenig Veränderungen im Land. Ich gehe noch etwas am Hafen spazieren und als ich noch 500 Meter entfernt bin von der Landungsbrücke, sehe ich schon das die Hochgeschwindigkeitsfähre eingetroffen ist. Ich bekomme die Fahrkarte ausgehändigt und steige ein. Leider sind die Fenster auf den Plätzen unter Deck ziemlich intransparent, sodass ich lieber einen Stehplatz wähle und durch die Tür schaue. Ich muss zurückdenken an die Fähre von Macao nach Hongkong, in der ich vor ziemlich genau vier Jahren saß. Jetzt heißt es Abschied nehmen von dem grünen Paradies. Tatsächlich erwartet mich in Haiphong ein Taxifahrer mit Namensschild »Mr. Mei« und erstaunt stelle ich fest, dass die Fähre ganz in der Nähe des Busbahnhofs angelegt hat, an dem ich vor zwei Tagen aus Hanoi angekommen bin. Zwei Mal rechts abbiegen und ich wäre da gewesen. Demnach hätte ich diese Tour ja auch einfacher haben können. Aber das soll man alles wissen. Der Busbahnhof für die Reise in die alte Kaiserstadt Hue ist aber, wie ich geahnt habe, woanders, weiter weg. Der Taxifahrer war wirklich im Preis inbegriffen. Ich bin ein bisschen versöhnt. Ich finde einen Bus, der über Nacht fahren wird. In engen Pritschen kann man hier liegen und versuchen, ein Auge zuzukriegen. Lange Zeit bin ich der einzige Fahrgast, später kommt eine Horde gackernder Hühner dazu. So hören sich die Frauen an, die die Liegen neben mir belegen.
Der Kaffee ist fertig!
Ich frage mich schon länger, wie das hier eigentlich mit dem Frühstück laufen soll. Das »Catba-Traumhotel« hat ja nicht mal einen Frühstücksraum! Mein Fahrer kommt und lotst mich zwei Häuser weiter in eine gähnend leere Lokalität. Hier – er zeigt mir am Eingang die Speisekarte – könne ich mir ein Frühstück aussuchen. Ich erwarte nun ja aber mal mindestens vier verschiedene Gerichte und wähle Toast mit Ei, Pfannkuchen, einen Orangensaft und dann nachher mal sehn aus. Jedes einzelne Gericht steht auf der Karte mit 40.000 bis 50.000 Dong. Ich ahne schon, dass das Probleme geben wird. Serviert bekomme ich dann eine Scheibe Toastbrot und eine Tasse Kaffee. Da die Lunte ja schon seit gestern brannte, bekomme ich einen Riesen-Wutanfall und fahre die Serviererin an, wer denn hier Kaffee bestellt habe. Ich hätte in meinem ganzen Leben noch keinen Kaffee getrunken! Ich bin kurz davor, die Kaffeetasse umzustülpen und den Tisch zu überschwemmen mit flüssigem, braunem Unheil, erzähle was von meiner 2.100-Yuan-Buchung und wirke alles in allem, schätze ich mal, überhaupt nicht begeistert. Der Fahrer wird verständigt. Er hatte sicher vorsichtshalber schon mal das Weite gesucht. Das konnte ja nicht gut gehen! Die Besitzerin des Restaurants trifft ein und fragt, was geschehen sei. Derweil ruft der Fahrer den Tour-Manager an und reicht mir das Telefon. Ich halte eine 30-sekündige Tirade über die Bescheidenheit des Frühstücks und erwähne am Rande, dass das Hotel auch nicht so der Hit sei, schließe mit einem »Incredible!« und reiche dann das Telefon zurück an den Fahrer, ohne mir eine Replik anzuhören. Ich bin ja hier schließlich auf dem »Traumschiff«, sozusagen. Die Besitzerin des Restaurants nimmt ihre Schwester in Schutz, die Serviererin, da sie doch kaum Englisch verstehe. Blöde Ausrede, denke ich, ich habe doch auf die Fotos in der Speisekarte getippt. Sie sei auch nicht verantwortlich für das Drama hier, versucht sie zu erklären, das hätten die Tour-Organisatoren zu verantworten, die erst teure Touren verkauften und dann so was wie hier gerade veranstalteten... War mir schon klar. Jedenfalls läuft jetzt hier der Laden. Ich bekomme neben wiederholten Entschuldigungen einen Toast nach dem anderen geliefert und die Pfannkuchen und den Orangensaft. Dann bin ich satt und der nächste Ausflug kann beginnen.
Von Viet Hai nach Catba-Stadt
Die Engländer sind mit'm Radl da und machen sich wieder auf den Weg. Mein Führer und ich folgen zu Fuß. Leider beginnt es wieder zu nieseln. Trotzdem: Der Spaziergang durch das Tal von Viet Hai, der uns zwischen hohen Felsmassiven hindurch an die Küste der Insel Catba führen wird, ist ein Fest fürs Auge: Im Vordergrund die winterlichen Reisfelder, dahinter die grünen Karst-Riesen, da verweilt das Auge auch gern mal länger. In einem schmalen Tunnel treffen wir die Briten wieder, die vom Rad gestiegen sind und sich nun mit langen Stöcken oder Gerten duellieren. Wenig später stoßen wir auf einem hölzernen Anleger auf eine größere Gruppe von Ausländern, die mit mir gemeinsam ein Ausflugsboot besteigen; auch die Briten sind wieder dabei. Trotz der Kälte verlasse ich das windgeschützte Unterdeck über eine Treppe nach oben. Dort befinden sich bereits die Engländer: Für den fälligen Schnappschuss macht sich Sohnemann oben frei und legt sich auf einen Liegestuhl auf dem Oberdeck – die perfekte Illusion vom heißen Tropenurlaub. Kaum zu glauben, dass das derselbe Mensch ist, den in Viet Hai noch so furchtbar fröstelte. Doch auch ich stelle fest, dass man im Liegestuhl weniger Angriffsfläche für den kühlen Wind bietet und so schippern wir durch das malerische Insel-Archipel. (Wer einen Eindruck bekommen möchte, kann sich durch einen Mausklick hier ein paar Fotos anschauen. Wir werden nach ca. 30 Minuten in Catba-Stadt abgesetzt, wo mich mein Fahrer mit Gepäck bereits erwartet. Wir fahren kurze fünf Minuten auf die andere Seite der Inselspitze. Hier erwartet mich mein Hotel. Das heißt zwar »Catba Dream«, hat aber mit dem Hotel, von dem ich geträumt habe, so rein gar nichts gemeinsam. Es erweist sich als lausiges Zwei-Sterne-Hotel – aber immerhin mit Meerblick –, in dem ich für die Benutzung der Klimaanlage noch zwölf Dollar extra zahlen soll! Bei mir brennt die Lunte. Der Manager wird seitens der Rezeption kontaktiert und die Klimaanlage wird eingeschaltet. Warm wird es in der billigen Bude trotzdem nicht. Schon jetzt ist mir klar, dass ich ein wandelndes Pulverfass bin. Ich gehe ins Bett und schaue "The Amazing Spiderman".
Ich muss dann aber doch noch mal raus - man will doch was sehen von dem Ort hier - und wandere in der Dunkelheit den Hafen entlang, an dem überall kleine Dschunken im Schlummer liegen, werde von Hunden angekläfft und stoße auf mein Vier-Sterne-Hotel, in dem gewiss noch Zimmer frei gewesen wären. Schließlich kehre ich um und spaziere noch auf eine Landungsbrücke oder einen Fähranleger oder einen Pier oder wie man das nennt und plötzlich entdecke ich in einer Pfütze am Boden: einen Hundert-Dollar-Schein. Nein, denke ich, das kann nicht sein! Bin ich etwa heute ein Glückspilz? Und da noch einer und da: ein ganzes Bündel im Regen aufgeweichter Scheine. So aufgeweicht sind die Scheine, dass sie so schnell einreißen wie Toilettenpapier. Scheint ja keine so solide Währung zu sein. Ich nehme trotzdem ein paar Scheine mit. Mal sehen, wie die trocken aussehen. Am Ende landen die Scheine bei mir im WC-Mülleimer. Nur einen behalte ich, nur leicht eingerissen, gereinigt und getrocknet – als Andenken.
Catba, DC
Kurz vor zehn geht es los: Der Reiseunternehmer, den ich bisher nur telefonisch kennen gelernt habe, holt mich persönlich mit dem Auto im Hotel ab. Inzwischen hat sich die Reihenfolge der Tour-Aktivitäten geändert: Wandern durch den »Dschungel« auf Catba heute, morgen dann das Traumschiff. Draußen regnet es so viel wie noch nie auf der gesamten Tour. Der Tour-Manager kauft eigens für mich eine Regenjacke – im Preis selbstverständlich inbegriffen. Die Umstände hindern ihn nicht, zuversichtlich zu verkünden: Auf der Insel (Luftlinie 3 km entfernt) gibt es laut Wetterbericht heute keinen Regen. Mit einer Gruppe von Koreanern, also Südkoreanern, geht es an Bord eines Schiffs, das man sich so ähnlich vorstellen muss wie eine vergrößerte Version des Bootes, mit dem Bud immer rausgefahren ist zu seinem Freund Flipper. Freunde finde auch ich rasch auf dem rasend auf die grünen Archipel zurasenden Schnellbootes: Die Touristen aus Seoul, unter ihnen Kim Gjong-Su alias Andrew, der ganz passabel Englisch spricht, sind begeistert zu erfahren, dass ich im Norden ihrer Heimathalbinsel tätig war und rausgeflogen bin, was sie natürlich nicht sonderlich überrascht. Den Damen, die mit an Bord sind, rutscht bei rauer See und steifer Seebrise das Herz spürbar in Richtung Meeresspiegel. Das Foto, das mir Andrew später schicken wird, zeigt eine zwischen Panik und Verbiesterung hin- und herpendelnde Koreanerin im Arm ihres Mannes und einen Didus mit schief sitzender Regenjackenkapuze, alle mit knalloranger Rettungsweste (wärmt gut) bekleidet, vor nass-grauem Hintergrund mit grünen Einsprengseln.
Als wir nach etwa zehn, fünfzehn Minuten auf der Insel angekommen sind, trennen sich unsere Wege. Ein Chauffeur kutschiert mich ins Innere der Insel, wo man nur in Begleitung eines einheimischen Führers über einen kleinen Pfad weiterwandern darf. Mein Führer erzählt in gebrochenem Englisch, er sei ein Veteran der stolzen vietnamesischen Armee, habe aber, wohlgemerkt, nicht im Krieg gegen die Amerikaner, sondern im etwas weniger prominenten Krieg gegen die Chinesen gekämpft. Dann habe er sich auf Catba, wo er offenbar irgendwo eine Hütte hat, im landwirtschaftlichen Sektor versucht, ehe dann aber klar geworden sei, so verstehe ich es, dass als Touri-Führer wesentlich ergiebigere Einkünfte zu erzielen sind. Es geht tatsächlich durch Urwald, erkennbar an den vielen Lianen und Schlingpflanzen im Immergrün. Das Auf und Ab meistert mein Führer, als wäre er mal eben auf dem Weg zum Einkaufen im Laden um die Ecke. Weit und breit übrigens keine Touristen, lediglich ein gelegentlich im Grün auftauchender Mülleimer in Nachbarschaft eines Wegweisers am Wegesrand sowie eine verwahrloste Hütte künden von größeren Touristenscharen. Für mich natürlich prima, dass die heute alle woanders sind. Nicht so prima ist allerdings, dass sich, wie soll ich sagen, jäh meine Verdauung bemerkbar macht. Zugegeben: Ich habe auch heute wieder recht üppig gefrühstückt und man soll ja eigentlich lieber kleine Portionen über den Tag verteilt … Ihr wisst schon … Am so genannten Froschteich, einem Tümpel mitten im Urwald, aus dem kahle Baumstümpfe emporragen, legen wir eine Pause ein. Noch geht es. Aber schon eine halbe Stunde später beginne ich schwer zu atmen. Inzwischen habe ich meine Regenjacke an meinen Führer abgegeben: Mir ist warm geworden. Es regnet hier im Regenwald auch gar nicht, obwohl die Gelegenheit gerade heute günstig wäre. Ich versuche mich mit tiefen, regelmäßigen Atemzügen von dem wahren Problem abzulenken. Es sind nur noch drei Kilometer, bis wir die Wanderstrecke hinter uns haben (insgesamt ca. 14 km). Ich spreche eingedenk eines geflügelten Kanzlerinnen-Wortes zu mir selbst: »Wir schaffen das!« Mein Führer geht langsamer - er denkt, ich hätte Probleme mit der Kondition. Doch meine Probleme sitzen (liegen, stauen sich?) anderswo. Schließlich wird mir klar: Das wird nichts mehr – ich muss jetzt auf jeden Fall und unter allen Umständen ein so genanntes DC finden (»dry closet«), sonst gibt es ein Malheur im Urwald! Ich weise meinen Führer diskret darauf hin und er geht dann schon mal vor. Ich habe Glück: Ich finde einen so schön geformen Gesteinsbrocken, dass ich mich da an einer abschüssigen Stelle richtig raufsetzen kann … und es ist fast so schön wie auf einem WC. Als Klopapier müssen großformatige Blätter herhalten, aber davon gibt es ja im Urwald reichlich. Außerdem habe ich noch ein Erfrischungstuch im Gepäck und auch Wasser dabei. Ich bin unglaublich erleichtert, als es endlich weitergeht, und atme auch nicht mehr schwer. Eine halbe Stunde später erreichen wir die ersten lichteren Stellen, der Weg wird breiter und schließlich landen wir in »Viet Hai Village«, einer Ansammlung von Hütten an einer schmalen Straße, die links und rechts Reisfelder säumen. Auf dieser nähere ich mich unserer Mittagspause. Zwei Briten aus Manchester, offensichtlich Vater und Sohn, die wohl eine ähnliche Tour gebucht haben, sind gerade mit dem Essen fertig und versuchen sich irgendwie warm zu halten. Dabei haben sie wenigstens noch richtige Jacken. Das Restaurant, nur das Vordach einer Hütte, ist natürlich eher rustikal gehalten. Es gibt auch kein Menü, sondern es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Man kann ja jenseits der Zivilisation keinen Luxus erwarten, auch nicht für 2.100 Yuan. Sicher habe ich das Geld gerade dafür bezahlt, dass ich hier unverfälschte kulturelle Impressionen auf mich wirken lassen kann. Eine ältere Dame serviert vier Teller. Alles schmeckt gut und ich lasse kaum etwas übrig, aber ich habe keine Ahnung mehr, was das war. Irgendwas mit Erdnüssen. Reis gab's auch. Die Flasche Wasser tausche ich gegen eine Dose Cola. Es gibt sogar ein WC. Schade, dass es nun nur noch einer Art Endreinigung dienen kann. Aber man muss es nehmen, wie's kommt! So eine Inselwanderung ist schließlich kein Wunschkonzert!
Die Halong-Bucht
Ich sitze fast allein in dem großen Frühstückssaal des Princess-Hotels und esse, als ob es die nächsten zehn Tage nichts mehr geben würde. Wenn man eine Million zahlt, müssen ein paar Kalorien für den nächsten Tag inbegriffen sein, sage ich mir. Es ist lausig kalt in dem Raum. Und das liegt nicht an einer eventuellen Klimaanlage. Es ist einfach kalt in Nordvietnam.
Ich wandere zurück zum Busbahnhof. Die Strecke kenne ich ja nun. Auf dem Weg komme ich an einer Kfz-Werkstatt vorbei und werde, obwohl ich auf der anderen Straßenseite unterwegs bin fast umgeblasen von der Musik, die lauter durchs Tor nach draußen schallt als bei manchem Tanzschuppen. Mit dem Bus lasse ich schließlich Haiphong hinter mir. Wie immer geht es erst mal nur im Schritttempo voran, solange der Bus nicht voll ist. Könnten ja noch Leute mitwollen. Schließlich erreichen wir die Stadtgrenze – es geht voran. Von einer Hochbrücke aus sehe ich noch mal die vielen bunten Quader auf grünem Grund. So sehen die Häuser von weitem aus. Von der Küstenstraße aus, der wir folgen, sieht man schon bald die ersten grünen, parabelförmigen Hügel, so genannte Karstberge, die hier die Küstenlandschaft prägen und die der Grund dafür sind, dass ich heute diese Richtung eingeschlagen habe. Die Halong-Bucht (bekannt aus James Bond – Der Morgen stirbt nie zeichnet sich durch eine Reihe von Insel-Archipeln aus Karstgestein aus, manche bestehen nur aus einem aus dem Meer ragenden grau-grünen Hügel. Plötzlich hält der Bus und ich muss raus. Wir befinden uns vor einer langen Brücke und nichts, absolut nichts sieht hier nach Urlaubsgebiet aus. Der Mann, der von den Passagieren die Fahrtkosten kassiert hat, also eine Art Schaffner, weist auf einen Mann draußen auf der Straße, einen Mann mit Moped. An den könne ich mich wenden. Und tschüß! Ich denke natürlich nicht im Traum daran, für 50.000 Dong (damit kann ich zehn Mal mit dem Bus quer durch Hanoi) bei diesem zweirädrigen Taxi aufzusteigen. Ich sage meinerseits tschüß und überquere resoluten Schrittes die Schnellstraße Richtung Ausfahrt. Da geht es irgendwie bergab und da werde ich schon was finden. Innerlich zittere ich zwar vor einer ähnlichen Odyssee wie gestern in Haiphong, aber kaum bin ich unter der Brücke hindurch, stehe ich am Wasser und noch mal fünf Minuten Fußweg weiter kommen die ersten Hotels. Und – was ich ja in Haiphong auch völlig vergeblich gesucht habe – ein Reisebüro. Leider geschlossen. Wochenende. So richtig belebt kommt mir dieser Küstenort auch nicht vor und wegen der vielen Schiffe sieht das jetzt auch nicht soooo malerisch aus, dass man gleich einen Luftsprung machen möchte. Ich nehme das nächste Hotel, einen hohen Betonklotz; diesmal nur 600.000 pro Nacht. Die Lobby wirkt so, als wäre ich der einzige Gast. Ich erkundige mich nach dem Reisebüro und erfahre: Ja, das gehöre gewissermaßen zu dem Hotel. Der Rezeptionist könne für mich da mal einen Kontakt herstellen, sagt er. Ich bestelle eine Tour auf die berühmte Catba-Insel (mit Original-Urwaldgebiet) mit Wandern am ersten und Bootstour durch die um Catba herumliegenden Archipel am zweiten Tag. 2.100 chinesische Yuan, das kommt mir ja 'n bisschen teuer vor, aber ich entsinne mich der vielen Stimmen, die meine Biografie durchdringen wie Löcher einen Käse mit Sätzen wie: »Im Urlaub muss man sich mal was gönnen.« Oder: »Spar nicht am falschen Ende.« Es soll tatsächlich Menschen geben, die mich für einen Knauserhannes halten, was ja ü-ber-haupt nicht wahr ist! Der Beweis: Ich sage zu und zahle auch gleich 800 chinesische Yuan an. Vor Augen habe ich eine Übernachtung im 5-Sterne-Hotel, eine Art Traumschiff, das mich durch die Bucht schippert, mehrmenüige Speisegelage, kurzum: paradiesische Zustände, und im Ohr noch einmal eine dieser Stimmen: »Das wird bestimmt ganz toll!« Vorwegnehmen kann ich auf jeden Fall schon mal, dass diese Zwei-Tagestour in der Endbilanz exakt ein Drittel meiner gesamten Reiseausgaben verschlungen haben wird. Ja, so erzeugt man Fallhöhe, denn ob ich richtig lag oder nicht, das wird sich ja in diesem Blogeintrag heute nicht mehr erweisen. Klicke dich also auch morgen wieder durch zum sin-o-meter!
Moment, Moment, ich muss ja noch rasch schildern, dass ich noch eine kleine Wanderung die Küste entlang mache und dabei entdecke, dass das hier doch ein kleiner, wenn auch verschlafener Touri-Ort ist. Ich hätte einfach weitermarschieren müssen, dann wäre ich auf Pizzerien, kleinere Gasthäuser für Rucksacktouristen, weitere Hotels und Restaurants gestoßen. Leider fehlt meinem Spaziergang der Meerblick. Die Küste ist komplett hinter Blechwänden verschwunden. Offenbar wird eine neue Promenade gebaut, jetzt in der Winter-Saison, wo es (außer mir) keine Touristen gibt, die das stören könnte.
Du, der Schlüssel ist weg!
Nachdem Jianweis vietnamesische Freundin gestern Abend schon auf meine Anwesenheit verzichten musste, muss heute natürlich alles anders werden. Wir wollen so gegen zehn gemeinsam essen gehen, aber das dauert und dauert, bis sie mit ihrem Moped im Cyclo-Gasthaus auftaucht, also gehe ich erst mal Pfannkuchen im »Gecko« eine Straße weiter essen – eine kluge Entscheidung, denn als sie endlich da ist, ist der Vormittag schon fast rum. Diesmal nehmen wir ein Taxi und mir wird rasch klar, dass der von mir geäußerte Wunsch, in der Nähe unserer Unterkunft zu essen, sich nicht erfüllen wird. Die Vietnamesin hatte Jianwei versprochen, ihn in ein ganz spezielles Restaurant mit vietnamesischen Spezialitäten zu führen, aber wir landen in einem 0-8-15-Laden, essen eine total normale Nudelsuppe mit dem von mir universell verabscheuten Koreander, den die hier überall draufhauen und reinschmeißen. Einzig der Blick vom ersten Stock auf die enge Straße vermittelt einen Hauch von Atmosphäre. Wie immer bin ich der Einzige, der seine Suppe ganz ausgelöffelt hat. Tja, und dann wird es auch schon Zeit, das Hotelzimmer zu räumen. Wir fahren also mit dem Taxi zurück, wider meine Prinzipien beteilige ich mich auch am Fahrpreis. Gemeinsam packen Jianwei und ich Sachen. Wir machen noch ein Foto gemeinsam mit der Vietnamesin auf dem Balkon und dann gehen die beiden schon mal vor. Denn Jianwei ist auf dem Weg zum Flughafen. Er möchte nach Saigon fliegen. Die Flugpreise seien in Vietnam niedriger als in China, hat er ermittelt. Ich lasse mir noch etwas Zeit, sehe die beiden noch von oben durch den Korridor schlendern und nur etwas zehn Minuten später bin auch ich reisefertig. Als ich den Schlüssel abgeben will, dann die bittere Erkenntnis: Den hat Jianwei mitgenommen und auch nicht überprüft, ob die Aussage, den Schlüssel hätte ich und ich käme ja auch gleich, der Wahrheit entspricht. Ich spurte in die Gasse und die Nachbargasse, aber in dem Gewusel habe ich keine Chance Jianwei noch aufzutreiben, auch wenn er vielleicht noch ganz in der Nähe ist. Ich beschließe, Jianwei auf dem Kindle eine E-Mail zu schreiben, die er aber bestimmt erst viel später liest. Ich tippe ein: »Eilig: Schlüssel«, aber die Damen von der Rezeption bitten mich dennoch mit 50.000 Dong zur Kasse. Ich bekomme zwar eine Quittung und sobald der Schlüssel wieder da sei, werde man mich ausbezahlen, versichert man mir. Aber es ist klar: Wenn etwas so dumm läuft, ist der Tag für mich ruiniert. Die Damen erklären mir noch den Weg zur Bushaltestelle und empfehlen mir Bus Nummer 2 zum zentralen Busbahnhof. Aber in dem sitze ich eine geschlagene Stunde, der fährt und fährt und fährt – einmal quer durch sämtliche Stadtviertel von Hanoi, so kommt es mir vor. Ich sehe hässliche Hochhäuser und breite Straßen, aber keine Perspektive für meine Abreise aus Hanoi. Aussteigen geht auch nicht – ich wäre ja dann mitten in der Walachei an einem unbekannten Ort in einer unbekannten Stadt. Ich fahre also bis zu Endstation Yen Nghia. Und dort befindet sich tatsächlich ein Busbahnhof, aber ein ganz anderer als der, den ich eigentlich ansteuern wollte. Ich nehme das als Wink des Schicksals und buche eine Fahrkarte in die Hafenstadt Haiphong, die ganz in der Nähe der legendären Halong-Bucht liegt. Als ich dort ankomme, regnet es und dunkel ist es auch schon. Ich muss eigentlich auf Klo, aber das Klo wird von einer merkwürdigen Alten bewacht, die sogar fürs Pinkeln Geld verlangt. Das sieht für mich nach brutaler Ausnutzung einer persönlich schwierigen Lage aus. Da mache ich nicht mit! Das in der Nähe der Busstation liegende Hotel verschmähe ich. Es erscheint mir zu einfach, da gleich abzusteigen. Und außerdem will ich doch was sehen von der Stadt. Es beginnt eine endlose Wanderung durch die WC- und hotelärmste Stadt, die ich in meinem Leben je bereist habe. Zugegeben, es könnte auch daran liegen, dass ich gar nicht weiß, wie Hotel auf Vietnamesisch heißt. Ich folge verwaisten Bahn- oder Straßenbahnschienen und lande nach einer gefühlten Ewigkeit an einem belebten Platz mit Straßenverkauf und am nächtlichen Himmel erblicke ich die Leuchtbuchstaben von drei Hotels. Das am billigsten aussehende ist belegt, das nebenan war gar keines und nach einem weiteren Kilometer Fußweg nehme ich dann von zwei Vier-Sterne-Hotels das etwas weniger aristorkratisch aussehende. Der Laden heißt Princess Hotel (www.princesshotelhaiphong.vn) und ist in die Geschichte meines Lebens eingegangen als das erste Hotel, für das ich fast eine Million hingeblättert habe. Dafür ist das Klo aber auch wirklich schön.
Auf nach Hanoi!
Ich habe es geschafft. Nach einer Nacht in Nanning habe ich eine »Buchfahrkarte« nebst »Bettkarte« und »Streckenfahrschein« der »Eisenbahnen der VRC«, »Gesamtbetrag 215 Yuan« ergattert. Das steht da tatsächlich in deutscher Sprache drauf – eine Erfahrung, die ich bereits im Mai letzten Jahres beim Erwerb einer Fahrkarte in Pjöngjang gemacht habe – die sozialistische Internationale macht's möglich. Ich sitze in einem Schlafwagen-Abteil mit Hu Jianwei (nicht verwandt mit Hu Jintao), der in Harbin studiert, und einem Chinesen, der mit seiner vietnamesischen Frau zum Frühlingsfest nach Vietnam fährt. Nebenan im Nachbarabteil liegt ein holländisches Pärchen auf den Liegen. Sie wollen noch bis nach Australien und haben alle Ersparnisse zusammengekratzt, um ein ein paar Monate unterwegs sein zu können. Bei der Grenzkontrolle in Dongdang werden wir alle aus dem Waggon gebeten und begeben uns in das Bahnhofsgebäude. Die Vietnamesin aus dem Abteil spricht zwar Chinesisch, aber sie kann genau wie ich nicht lesen und Englisch auch nicht. Ich helfe ihr also beim Ausfüllen der Ausreisekarte. Ein paar andere Ausländer lerne ich auch noch kennen. In den 1.-Klasse-Abteilen befinden sich fast nur Ausländer.
Ich habe kein Visum, aber das wird nicht beanstandet, denn Deutsche können für ein Jahr probeweise visumsfrei für 15 Tage nach Vietnam einreisen. Zwei Mal müssen wir aus dem Waggon, denn nach dem Grenzübertritt sind die Vietnamesen an der Reihe. Insgesamt sind es doch fast vier Stunden, die wir so aufgehalten werden.
Um 5.30 Uhr (4.30 Uhr chinesischer Zeit) sind wir in Hanoi, Bahnhof Gia Lam. Es ist finster und wir strömen aus dem Bahnhofsgebäude in eine schmale Gasse, die so gar nicht zu einem Hauptbahnhof passen will. Es handelt sich auch gar nicht um den Hauptbahnhof. Während die Holländer und auch die meisten anderen sich aufs Geratewohl ins Dunkel begeben, entscheiden Jianwei und ich erst mal abzuwarten. Wir hatten schon im Zug beschlossen, dass wir uns ja in Hanoi ein Hotelzimmer teilen könnten. Mir passt es ganz gut, dass ich in dieser fremden Stadt nicht völlig auf mich gestellt bin. Es wird schließlich hell und ein sehr langer Tag beginnt. Die beiden Chinesinnen, die ebenfalls mit uns im Zug gewesen sein müssen, sind irgendwie besser informiert als wir, zeigen uns den Busbahnhof und wissen schon, welchen Bus man in Richtung Innenstadt nehmen muss. Sie haben offensichtlich auch Geld. Und weg sind sie! Wir dagegen müssen darauf warten, dass die Banken öffnen, nur um festzustellen, dass die keine chinesischen Yuan annehmen. Immerhin haben wir eine belebte Hauptstraße gefunden. Doch die Suche nach Devisen wird zum Drama! Und dazu ständig dieser kühle Nieselregen bei Höchstemperaturen von 15 Grad! Mitsamt unserem Gepäck klappern wir eine Bank nach der anderen ab und überall gibt es dieselbe Ansage: keine Yuan. Jianwei sagt den Satz des Tages: »Should I have prepared better for this trip?« Dabei ist er doch fein raus, denn er hat auch Dollar dabei und muss nur warten, bis die Banken öffnen. Schließlich lasse ich ihn, der etwa 400 Prozent meiner Gepäckmenge mit sich herumschleppt, alleine auf die Öffnung einer Bank warten, die ihm den Tausch von US-Dollar in Aussicht gestellt hat. Er darf sich da auch schon mal reinsetzen, der Kassierer komme gleich, heißt es. Ich irre derweil weiter durch die kühle Stadt – ohne Erfolg. Ich treffe Jianwei am vereinbarten Ort wieder. Er ist jetzt Dong-Millionär. Ich dagegen habe immer noch kein Geld. Die Suche geht weiter und für Jianwei gilt die alte Devise: mitgehangen, mitgefangen, weil ich ohne Geld nicht mal einen Bus bezahlen kann. Überall will man meine Yian nicht. Verzweifelt steige ich um auf Postbank-Karte. Ein ATM-Automat weist das unerlässliche PLUS-Zeichen auf, Geld spuckt er trotzdem nicht aus: Karte nicht lesbar! Der Logik entsprechend versuche ich es nun an einem Automaten, der erkennbar kein PLUS-Emblem aufweist: Endlich spuckt die Kiste einheimische Dong aus! Und lacht: 200.000, das möge sich ja nach viel Geld anhören, aber das seien umgerechnet gerade mal 7 US-Dollar. Er ist auch nur kurzzeitig erleichtert, das mein Geldproblem vorerst gelöst ist, denn er hat unterdessen ganz andere Sorgen: Wo bekommt er eine preisgünstige SIM-Karte für sein Telefon samt mobilem Internet? Ohne funktionierendes Mobiltelefon ist ein Chinese, wie jeder weiß, nur ein halber Mensch. Und ohne vernünftiges Frühstück auch. Sein Magen hängt auf halb sieben. Es ist auch schon halb neun. Irgendwo am Straßenrand genehmigen wir uns eine Nudelsuppe. Wir nehmen einen Bus, den uns die Chinesinnen empfohlen haben, Nummer 21, aber haben natürlich die falsche Straßenseite gewählt und sind zwei Stationen später wieder am zentralen Busbahnhof unweit des Bahnhofs Gia Lam, dem Ausgangspunkt unserer heutigen Expedition. Wir werden gleich noch mal zur Kasse gebeten, noch mal 7000 Dong. Auf Verhandlungen lässt sich der Kontrolleur gar nicht erst ein, als wir zu verstehen geben, doch gerade erst eingestiegen zu sein.
Im Bus sackt Jianwei völlig in sich zusammen – Müdigkeitsattacke. Ich übernehme das Kommando. Hier, sage ich sinngemäß, sieht das recht lebendig aus, lassma aussteigen! Tatsächlich war die lärmende Hautpstraße, wo wir nach Banken fahndeten, weit vom touristisch besiedelten Altstadtviertel entfernt, das wir nun endlich erobern. Jianwei ist wieder ganz da, findet einen Laden mit günstiger SIM-Karte und lotst uns nun geschickt durch die engen Gassen, die sich durch entsetzliche Mengen von lärmenden und stinkenden Krafträdern auszeichnen, als wollte man mit Gewalt jedes Klischee einer fernöstlichen Großstadt bestätigen. Außer Krafträdern, die uns am liebsten alle umnieten würden, treffen wir auch immer mehr Touristen. Russen weisen uns die Richtung zu einer Herberge. Ein »Hostal«, nicht teuer, nehmen wir dann doch nicht: Der Schlafraum verfügt nicht über Fenster und die Geruchskulisse wirkt auf Jianwei irritierend. Wir treffen ein chinesisches Pärchen und lassen uns ein paar Tipps geben. Jianweis Telefon weist auf Googlemaps noch jede Menge weiterer Gasthöfe aus. Schließlich nehmen wir das Old Quarter Cyclo Hotel, denn die beiden Damen am Empfang sprechen sehr gut Englisch, oben im vierten Stock haben wir eine tolle Aussicht und geteilt durch zwei sind 400.000 Dong ja auch erschwinglich. Auch das Geldtauschen ist nun kein Problem mehr. Hier auf der Touristenmeile tauscht fast jedes Gasthaus Devisen. So beliebt scheint die einheimische Währung nicht zu sein, auch eine Parallele zum sozialistischen Nordkorea... Wir hauen uns eine Stunde aufs Ohr – so erholsam und lang war die Nacht im Zug ja nicht – und dann gehen wir getrennt auf Tour. Ich will einfach etwas durch die Gegend flanieren und Jianwei hat eine Verabredung mit einer Bekannten.
Ich wandere bis zum Militärmuseum mit Rückständen des Vietnam-Kriegs, auch einigen erbeuteten Flugzeugen und Panzern der US-Truppen und bestaune die allgegenwärtige Hurra-Beflaggung zum gegenwärtig stattfindenden 12. Parteitag. Dann wandere ich wieder Richtung Zentrum. Ich finde eine Kirche, wo sich viele Kinder und Jugendliche tummeln. Abends bin ich am Hoan-Kiem-See und werde, kaum dass ich auf einer Parkbank Platz genommen habe, von zwei reizenden Studentinnen angesprochen, die an mir ihr Englisch ausprobieren wollen. Wenig später findet uns Jianwei, dann taucht noch ein vietnamesischer Student auf, der sehr gut Englisch spricht, aber die Mädels hin und wieder mit Indiskretionen verstört, sodass sie etwas ins Hintertreffen geraten. Das Ganze endet in einem der üblichen Fotografier-Exzesse. Jianwei wird schließlich an diesem zentralen Ort in Hanoi abgeholt und steigt bei seiner Bekannten aufs Moped, ich will lieber in der Gegend bleiben und die Mädels verabschieden sich in verschiedene Richtungen, nicht ohne alle E-Mail-Adressen aufgeschrieben zu haben.
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