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Wuxiao ka
Die Uni-Verwaltung sorgt mal wieder für Begeisterung unter den ausländischen Lehrern: Ohne gesonderte Mitteilung wird jetzt Geld für die Benutzung des Uni-Busses von der Campus-Karte abgebucht, wenn man den Uni-Bus zum Außencampus Xianlin benutzt. Über eventuelle Erstattungen der Fahrtkosten, die früher nicht erhoben wurden, herrscht Rätselraten. Mein französischer Kollege Alain fährt jetzt mit der U-Bahn. Als ich feststelle, dass kein Geld mehr auf meiner Karte ist, benutze ich sie trotzdem weiter, die Maschine gibt dann einen irritierten Kommentar dazu ab. Und nach dem Aufladen meiner gültigen Campus-Karte für das Mensa-Essen benutze ich nun für den Bus eine abgelaufene alte Karte, die das Abbuchungsgerät am Buseinstieg zur Erheiterung aller chinesischen Fahrgäste, die vorne im Bus sitzen, zur der Äußerung: "Wuxiao ka" veranlasst. "Was soll das denn heißen?", rufe ich mit pseudo-verwirrtem Gesichtsausdruck in den Bus. Wahrscheinlich heißt das so viel wie "ungültige Karte". Aber ist mir egal, angeblich bekommen wir das Geld ja sowieso erstattet. "Haha, Ausländer", lachen die anderen im Bus.
Im Ring
Zu meiner großen Begeisterung darf ich jetzt auch noch die Studenten des letzten Studienjahres auf eine Prüfung (PGH = Prüfung für das Germanistik-Hauptstudium) vorbereiten, von der ich so gut wie gar nichts weiß. Mein Kollege Chang hat mal schnell einen alten Prüfungsbogen rübergeschickt. Ich soll Aufsätze üben. Mit dieser dreimal zweistündigen "Ringvorlesung" steigt meine Wochenunterrichtsstundenzahl auf 16 und ich bin jeden Wochentag im Einsatz. Das ist eine ganz neue Erfahrung für mich.
Burundi
Vor ein paar Wochen schon sollten Alex, Nick und ich bei Evelyn zu Gast sein, Alex und Nick sollten mich an einer U-Bahnstation treffen, aber Alex, der Engländer, sagte ab, mein Telefon war außer Betrieb und ich stand allein da rum. Heute wird alles anders. Erst lasse ich Evelyn, die Interesse am Deutschlernen hat, einen Blick in meine Bibliothek werfen, dann gehen wir gemeinsam im Regen zum Bus, dessen Haltestelle für die Ostafrikanerin bei diesem kalten Regen gar nicht früh genug kommen kann. Wir sind verabredet mit Alex und ein paar anderen Afrikanern. Wir treffen uns in einem kleinen Restaurant unter Tage, neben dem Supermarkt Carrefour, der ebenfalls unter Tage liegt. In diesem Restaurant, das eher eine Art McDrive im Untergrund ist, serviert Evelyn in Plastiktüten mitgebrachte afrikanische Reisgerichte und wenig später stellt Alex eine überdimensionierte Geburtstagstorte auf den Tisch. Dazu singen wir, von mir initiiert, ein Geburtstagsständchen. Am Nebentisch sitzen zwei Mädchen, die ebenfalls mit uns im GoDi waren und beide aus Burundi stammen. Ich erzähle sogleich von meinem CFi-Kollegen Link, der 2003 zeitgleich mit mir ins Ausland ausgereist ist, er nach Ruanda, als Arzt, ich nach China. Burundi und Ruanda sind nicht nur Nachbarn, sie sind auch ethnisch ähnlich zusammengesetzt. "Und ihr?", frage ich ganz unbedarft. "Was seid ihr denn: Hutu oder Tutsi?" - "Das beantworten wir nicht", kommt die Antwort prompt, "wir wollen nichts mehr wissen von diesen Stammesunterschieden! Wir sind jetzt nur noch Burundierinnen." Allerdings sei Burundi ein Armenhaus und liege weit hinter der Entwicklung zurück, die Ruanda seit dem Völkermord genommen habe.
Obwohl wir hier nur Mitgebrachtes verzehren, bekommen wir auf Wunsch warmes Wasser in Suppenschälchen serviert. Alex, der noch schnell Getränke aus dem Carrefour geholt hat, ist schon ganz unruhig, weil wir so schlechte Gäste sind. In Europa wäre man ja auch längst rausgeflogen.
... aber leider kein Gehör fand
Vielen Dank für Ihr Schreiben an das ZDF, in dem Sie uns für die Sendung "Wetten, dass..?" eine Idee anbieten. Die Nachfolge von Thomas Gottschalk klären wir in einem internen Verfahren, dessen Ergebnis wir zu gegebener Zeit mitteilen. Wir sind in diesem Zusammenhang auch nicht auf der Suche nach Konzeptvorschlägen und Ideen. Die Modifikationen zur Sendung werden wir passend zu unserer Entscheidung über die Moderation vornehmen.
Es tut uns leid, Ihnen keine andere Auskunft geben zu können. Wir wünschen Ihnen alles Gute! Mit freundlichen Grüßen
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ZDF Business-to-Business 55100 Mainz
Wie ich die Zukunft von "Wetten dass..?" rettete...
Lieber Herr Bellut! Ich bin ein WETTEN DASS..?-Anhänger der ersten Stunde und habe lange nachgedacht, wie das Problem der Nachfolge zu lösen ist. Ich denke, ich habe die Ideallösung gefunden. Niemand kann in die Fußstapfen von Thomas Gottschalk treten; der Druck, an ihm gemessen zu werden, ist zu groß. Man kann im Grunde nur verlieren. Man denke an die Nachfolge von Dieter Thomas Heck bei der HITPARADE. Niemand war gut genug. Die Lösung: Jede Sendung wird von einem anderen renommierten Moderator übernommen. Abgesehen von Moderatoren, die exklusiv an einen Sender gebunden sind, würde damit theoretisch jeder prominente Moderator zur Verfügung stehen. Jeder könnte der jeweiligen Sendung ein ganz eigenes Gepräge geben und das Interesse an Wetten dass..? zusätzlich wach halten. Jede neue Sendung wäre schon durch die Wahl des Moderators ein neues Medienereignis. Gleichzeitig wäre der Moderator dem Quotendruck und der Verdammnis zum Erfolg entzogen, da er nur einmal in zwei Jahren moderieren müsste. Das ZDF hätte den Vorteil, dass es einer Image-schädigenden Enttäuschung mit dem Moderator entgehen würde. Denn wenn ein Moderator nicht ganz den Erwartungen entsprach, kann man sagen: Neuer Moderator, neues Glück. Auch finanziell könnte dieses Einmal-Modell, bei dem der Moderator nur ein Honorar für einen einmaligen Einsatz inkl. Vorbereitung erhält, von Vorteil sein. Schließlich dürfte das Interesse bei prominenten Moderatoren, das Flaggschiff der deutschen Unterhaltung wenigstens einmal zu moderieren, ziemlich hoch, das Angebot verlockend sein, jedenfalls viel verlockender als ein Langzeitengagement mit den entsprechenden Risiken zu scheitern. Dritter Vorteil: Bei so einer Regelung wäre auch eine einmalige Rückkehr von Gottschalk selbst möglich, ohne dass er damit seinen Abschied zurückzunehmen hätte. Vielleicht hat er ja in zwei Jahren doch mal wieder Lust, wenigstens auf ein Sommer-Wetten dass..? Selbiges gilt für Hape Kerkeling. Einmal würde er die Sendung bestimmt übernehmen könnnen. Und sogar an eine einmalige Rückkehr von Wetten dass..?-Erfinder Frank Elstner - von vielen gewünscht - sowie des nicht ganz so erfolgreichen Wolfgang Lippert wäre zu denken. Auch das würde sicher für hohe Quoten sorgen, im Fall Lippert wenigstens im Osten (Sendung aus Riesa). Vierter Vorteil: Nach zwei Jahren kann man Bilanz ziehen und das Projekt fortsetzen. Anhand der Quoten ließe sich aber auch in Erwägung ziehen, ob man nicht dem Kandidaten mit der besten Quote doch ein häufigeres oder festes Engagement vorschlägt.
Mein Vorschlag für den Moderatoren-Pulk:
Erstes Jahr: Harald Schmidt, Johannes B. Kerner, Beckmann, Wolfgang Lippert, Verona Feldbusch (Sommer-Ausgabe), Frank Elstner.
Zweites Jahr: Stefan Raab, Michael Steinbrecher, Thomas Ohrner, Hape Kerkeling, Thomas Gottschalk (Sommer-Wetten dass..?), Günther Jauch.
Xiamen-Schanghai-Nanjing
Die Pizza, die ich im Pizza-Hut esse, kommt so spät, dass ich mir dir restlichen zwei Stücke einpacken lassen muss, damit ich auf dem Bahnhof nicht wieder hetzen muss. Im D-Zug Nr. 3204, Abfahrt 11.43 Uhr, Fahrpreis 339 Yuan, beginnt dann das bange Warten: Wann werde ich jemandem mit Sitzplatzkarte weichen müssen? Meine Sitznachbarin, die ebenfalls nur eine Stehplatzkarte erworben hat, weicht schon nach einer guten Stunde auf einen anderen Platz aus. Bei jedem Halt beginnt das bange Starren auf die neu eintrudelnden Passagiere neu: Ein junges Mädchen, das eine Zeitlang ratlos in der Gegend herumblickte, hat schlussendlich die Zugbegleiterin alarmiert, die nun mich und meinen Sitznachbarn um einen Fahrkartennachweis bittet. Bei ihm ist alles in Ordnung. Ich komme mir schon fast vor wie ein ertappter Schwarzfahrer und erkläre sogleich, dass mir schon klar sei, dass ich nur einen Stehplatz habe, man könne mir doch dann sagen, dass ich aufstehen soll. Ergebnis: Man lässt mich dort sitzen. Ein Herz für Ausländer, die im Gegensatz zu vielen Zusteigenden deutlich mehr Zeit als eine halbe Stunde in diesem Waggon zubringen müssen! Erst im letzten Drittel der Acht-Stunden-Tour muss ich eine Stunde im Gang verbringen. Nachdem wir Ningbo hinter uns gelassen habe, ist es jedoch so leer im Waggon, dass ich fast freie Platzwahl habe.
Aber werde ich an der Endstation Schanghai-Hongqiao noch einen Zug nach Nanjing bekommen? Ich erinnere mich trübe, dass ich früher mal einen Bummelzug nehmen musste, der fünf Stunden benötigte, weil ich nicht vor acht am Bahnhof war. Und der fuhr nicht vom Hongqiao-Bahnhof. Den gab es damals nämlich noch gar nicht. Doch Hongzhen, die ich in der Angelegenheit schon mittags kontaktiert habe, konnte rasch und unbürokratisch Entwarnung geben: Züge fahren um 21.15 Uhr, 21.30 Uhr und auch noch danach. Falls ich die nicht schaffe, komme ich eben zu ihr.
Der Hongqiao-Bahnhof ist nicht nur neu, er gehört auch in jene Kategorie hochmoderner Superbahnhöfe für Hochgeschwindigkeitsverbindungen, die mehr an Flughäfen als an Bahnhöfe erinnern. Es gibt verschiedene "Terminals" und Abflug, äh, Abreise und Ankunft sind auf verschiedene Etagen verteilt, die mit Rolltreppen verbunden sind. Noch eine Etage höher gibt es Läden und Restaurants. Es dauert, bis ich einen Fahrkartenschalter in diesem unüberschaubaren Gelände gefunden habe. Der Rest ist dann Formsache. "G 7164 geschafft. Danke", teile ich Hongzhen per SMS mit. Es ist 21.07 Uhr. Der Zug wird in acht Minuten pünktlich abfahren. Ich habe einen bequemen Sitzplatz in einem Waggon mit wenig Menschen und ich werde in weniger als hundert Minuten in Nanjing und schon wieder ein Urlaub vorbei sein.
Shenzhen-Xiamen
Der junge Spund von gestern ist natürlich nicht wieder aufgetaucht. Ich bekomme auch keine Zugfahrkarte nach Nanjing, das war eigentlich klar. Im Untergeschoss des Bahnhofs, wo es zur U-Bahn geht, gibt es in einer Art Kioskstand ein Reisebüro. Ich erkundige mich nach dem Preis für einen Flug (Abflug abends kurz vor sechs): 1080 Yuan. Ich bin trotz des stattlichen Preises kurz davor, die Reisestrapazen gegen die bequeme Fluglösung einzutauschen; eine U-Bahn führt direkt zum Flughafen. Ich bin aber noch unentschlossen. Fliegen ist so wenig... abenteuerlich. Ich stoße wieder auf so eine halblegale Busunternehmeraktion, soll mich irgendwo hinsetzen und warten. Acht Stunden nach Xiamen stellt man mir in Aussicht, für 240 Yuan. Um zehn gehe es los. Ich gehe noch kurz einkaufen und komme dann fast zu spät. Wie ein Geheimagent auf dem Weg zu seinem Informanten werde ich durch leere Gänge in den Hinterhofbereich des Busbahnhofs gelotst, wo alsbald für mich und ein paar andere Verstreute - der Bus ist sichtlich nicht ausgebucht - ein Bus hält. Wir bekommen rote Plastikbeutel für unsere Schuhe, damit wir in diesem Schlafbus nicht den Gang einsauen. Man kann liegen, hat freie Platzwahl, bekommt eine Flasche Wasser zugesteckt und hat von der Autobahn aus immer wieder einen prächtigen Blick auf die Küste des südchinesischen Meeres. Dafür kostet die Fahrkarte auch 2 Yuan mehr als die gesamte Hinreise nach Kanton, etwa dreimal so weit, aber auch zehnmal so strapaziös! Sogar ein - ziemlich spätes - Mittagessen an einem Rastplatz ist inbegriffen. Wenn man bisher nur von Raider und Bananen gelebt hat, nicht schlecht.
In der Dämmerung treffen wir in Xiamen ein. Es ist hier bereits merklich kühler. Leider habe ich wenig Zeit, den beliebten Küstenort mit einer autofreien Insel zu besichtigen. Ich verharre eine Weile in der Gegenwart von einigen Passagierfängern vor dem Busbahnhof, die mir einen Bus nach Nanjing in Aussicht stellen, dafür aber noch mal telefonieren müssen. Am Ende wird es doch nur ein Bus nach Schanghai, aber da nehme ich natürlich lieber den Zug und lasse die Jungs stehen. Wie man zum Bahnhof kommt, erzählt mir ein Passagier an der gegenüberliegenden Bushaltestelle. Dort angekommen kaufe ich eine Fahrkarte nach Schanghai (leider nur noch Stehplatz) und begebe mich in einem nahegelegenen Hotel zur Ruhe. Den Abend verbringe ich mit sin-o-meter-Einträgen. Da die Mühle, für die ich 20 Yuan extra bezahlt habe, aber extrem lahm ist, ist bald der ganze Abend rum und meine Füße eiskalt. Außerdem riecht die billige Bude ekelhaft nach Rauch, als ob hier jemand heimlich durch ein Rohr Nikotinabgase einleiten würde. Das einzige Fenster ist eines zum Gang.
Hongkong-Shenzhen
Gekleidet sind hier alle wie in einem Londoner oder New Yorker Geschäftsviertel. Ich irre orientierungslos durch menschenüberlaufene Straßen und muss schwer schleppen, da es so warm ist, dass ich Jacke und Pullover nicht anbehalten kann, und stoße eher zufällig auf die U-Bahnstation Tsim Sha Tsui-Ost. Eine junge Hongkongerin bietet ihre Hilfe an, da ich wohl reichlich verwirrt aussehe, wie ich da so unter Tage vor dem Fahrkartenautomaten stehe. Bin ich aber nicht, nur abgekämpft. Zu meiner Überraschung ist die Fahrkarte nach Lo Wu, dem Grenzübergang nach Shenzhen/China, doch nicht so teuer wie gedacht: 36,50 $. Da kann ich ja direkt noch mal zünftig essen gehen. Doch ich stoße zuvor auf einen Supermarkt, und da ist es um mich geschehen: Ich gebe 50 $ für Mars und Raider aus. Merke: A MARS a day, helps you work, rest and play! So steht's zumindest auf meinem Fünferpack geschrieben. Nun reicht es leider wieder mal nur noch für einen Abstecher zu McDonald's. Doch bevor ich dort einkehre muss ich natürlich noch mal die Aussicht auf die nun in den buntesten und schillerndsten Farben erstrahlenden Giganten am anderen Ufer der Hongkong-Bucht genießen. Mit meiner Raider-Tüte in der Hand - ich weiß, dass die Dinger, die ich mir fortlaufend in den Mund schiebe, eigentlich Twix heißen, aber Twix klingt nun mal nach nix - staune ich das gewaltige Traumschiff an, das sich gemächlich wie eine uralte Operndiva an den bunten Wolkenkratzern vorbeischiebt. Weiter westlich auf der Uferpromenade, wo auch viel mehr los ist, befindet sich die Hongkong-Variante des "Hollywood Walk of Fame", die "Avenue of Stars". Jackie Chan, Michelle Yeoh, Wong Kar-wai und andere Größen des Hongkong-Kinos haben sich hier mit Handabdrücken verewigt, sofern sie Zeit hatten. Wong Kar-wai hatte offenbar keine Zeit. Zu der Musik, die aus den Lautsprechern dröhnt, werden Lichter, wenn mich nicht alles täuscht (oder rede ich mir das ein?) auch drüben in Hongkong ein- und ausgeschaltet - ein gigantisches, gigantomanisches Schauspiel.
Ich rechne hin und her bei McDonald's, aber irgendwie werde ich den letzten Hongkong-Groschen nicht los. Den muss ich wohl mit nach China nehmen, wo ich nach etwa dreißig Minuten mit der Linie "East Rail" eintreffe und meinen vierten Stempel in zwei Tagen in den Pass gedrückt bekomme. Das Passfoto aus dem letzten Jahrtausend finden sie mal wieder verdächtig unähnlich. Das kenne ich schon. Einen Zug nach Nanjing bekomme ich natürlich jetzt, gegen 22 Uhr, nicht mehr, aber für morgen auch nicht. Ich solle morgen um sieben Uhr wiederkommen, meint der letzte verbliebene Schalterbeamte. Das werde ich natürlich nicht schaffen. So kommt mir der windige junge Mann nicht ungelegen, der mich vor dem Bahnhofsgebäude von Shenzhen abfängt und mir einen Bus via Xiamen nach Nanjing in Aussicht stellt. Ich sage: Morgen müsse ich erst mal Ausschau nach Zugfahrkarten halten und dann könne man ja mal weitersehen. Damit nicht unzufrieden schleppt er mich noch zu einer billigen Unterkunft (150 Yuan), in der es natürlich wieder viel zu laut ist. Nachdem ich mich schon zweimal beschwert habe und nachts um eins trotzdem noch jemand mehrfach nacheinander mit der Tür einer der Nachbarzimmer knallt, drehe ich total durch, stehe auf und reiße meine eigene Zimmertür ein halbes Dutzend Mal auf, um sie ebenso laut, wenn nicht lauter, wieder zuzuknallen. Getreu der alten Devise: mit Gewalt, nicht mit Gefühl!
Macao-Taipa-Coloane-Hongkong

Vormittags werfe ich einen Blick auf den schmuddeligen Hafen am Westufer, danach wandere ich zu den Grotten im Camoes-Garten, von wo man ebenfalls einen guten Blick über die Stadt hat. Um zwölf treffe ich mich mit Liu Meng und ihrer Reisebekanntschaft auf dem zentralen Senado-Platz. Ich lotse die beiden zu einem stillen Gässchen mit Blick auf die Ruine von Sao Paulo; danach entlasse ich die Damen zu ihrer Einkaufstour. Leider finden Liu Meng und ich auch keinen gemeinsamen Nenner für die Überfahrt nach Hongkong, da sie unbedingt bei Nacht dort ankommen möchte. Also trennen sich hier unsere Wege. Ich nutze den Nachmittag, um den Süden Macaos zu erkunden. Am (künstlichen) See von Nam Van werde ich vom Regen überrascht. Der Stadtplan, der mir nun als Regenschirm dient, habe ich jedoch vorher entnommen, dass man mit Bus Nr. 25 hervorragend die Inselwelt von Taipa und Coloane in Augenschein nehmen kann, die mit Macao durch gleich drei beeindruckende Brücken verbunden sind, die etwa so lang sind wie der Elbtunnel. Im Süden von Taipa haben megalomanische Architekten den berühmtesten Teil von Venedig nachgebaut: als Luxus-Hotelanlage für Betuchte. Name: "The Venetian". Nr. 25 fährt direkt am Markusplatz mit dem berühmten Glockenturm vorbei. Heute nur arbeitslose Gondolieri.

Die Mitte der Doppelinsel ist weitgehend Baustelle. Vielleicht entstehen hier gerade Rom oder Florenz? Ein Golfplatz und eine Kart-Rennbahn sind bereits fertig. Im Süden wird es grüner und hügeliger. Nachdem er einige dünn besiedelte Ort passiert und der Bus sich weitgehend geleert hat er plötzlich in einem öden Strandnest an, in dem gerade eine Ferienkolonie saniert wird und das ansonsten nur aus Gerümpel-Grundstücken und den fünf Kioskbuden gegenüber der Busstation zu bestehen scheint. Endstation. Ich muss also gleich noch mal 6,40 Pataca/Hongkong-Dollar entrichten. Ich gehe ans Meer. Bagger verpassen dem wild anmutenden Strand in dieser malerisch gelegenen Bucht eine Promenade und haben zu diesem Zweck fleißig Sand aufgetürmt. Der Bauwahn macht auch vor diesem entlegenen Ort nicht Halt. Am Strand bekomme ich Gesellschaft von zwei ausgelassen herumtobenden Hunden. Dann geht es mit dem nächsten Bus, der inzwischen eingetroffen ist, zurück. Ich streife noch über den überall ausgeschilderten "protestantischen Friedhof", der ziemlich katholisch anmutet, und werfe einen Blick in den kontrastreich von Hochhäusern gesäumten Lou-Lim-Ieoc-Park. Durch den Erwerb eines Mini-Toblerone versuche ich Münzen für den Bus zu bekommen. Die Verkäuferin, die noch Vasco da Gama persönlich gekannt zu haben scheint, versteht mein Mandarin-Chinesisch offenbar gar nicht. Jedenfalls ist sie nicht freundlicher als ein rostiger Nagel, an dem ein Auge hängen geblieben ist. Hätte ich nicht schon bezahlt, würde ich vermutlich den Toblerone-Riegel liegen lassen und zu Fuß zur Fähre gehen.
Bus Nr. 3 bringt mich zum "Terminal Maritimo" und für 139 Hongkong-Dollar kaufe ich eine Fahrkarte nach Kowloon. Ich hätte auch für 140 nach Hongkong fahren können, aber so werde ich wenigstens meinen letzten Pataca los, den mir zuvor die unwirsche Verkäuferin beim Erwerb meines Mini-Toblerone nicht einzutauschen geneigt war. Ich schaffe sogar noch die Fähre um fünf, die gerade ablegt, als ich an Bord gehe. Wie Kinosessel reihen sich die Sitze in der Großraumkabine des Schiffes. Neben mir sitzen zwei deutsche Mädels mit schwäbischem Akzent. Ich spreche sie nicht an, sondern wechsle auf einen Fensterplatz. Draußen ist starker Wellengang, Inseln fliegen vorbei, die Fähre muss um die 50 km/h drauf haben. Um 17.30 Uhr Ortszeit nähert sich von Steuerbord ein gigantischer grauer Frachter, der mit ähnlich hohem Tempo durch die Wellen fegt. CHINA CARGO prangt in Großbuchstaben auf dem Riesen. Gilt rechts vor links eigentlich auch auf dem Meer? Oder verhalten sich chinesische Schiffskapitäne ähnlich wie chinesische Taxifahrer (Augen zu und durch)? Seit der Sache mit der "Costa Concordia" kann man sich so eine Frage bei zwei Schiffen auf Kollisionskurs schon mal stellen. Plötzlich stoppen die Maschinen. Die Fähre gleitet lautlos übers Meer und macht dabei einen erheblichen Schlenker nach Steuerbord. Der Klügere gibt nach. 25 Minuten später passieren wir in der Abenddämmerung die kolossalen Wolkenkratzer von Hongkong. Kurz darauf legt das Schiff in Kowloon an.
Zhuhai-Macao
Ich hole meine Sachen aus dem Hotel, tausche nach reiflicher Überlegung 372 chinesische Yuan in 450 Hongkong-Dollar um und befinde mich im Nu in Macao. Meine erste Amtshandlung als Macao-Tourist: Erwerb von Bananen und einem Mars in einem Supermarkt, damit ich Kleingeld für den Bus habe. Das mit dem Mars muss ich erklären: In China gibt es ja landesweit nur Snickers, Kitkat und M & M, kein Mars, kein Raider und auch kein Bounty, Milky Way oder Nuts. Von Lion ganz zu schweigen. Der erste Eindruck von Macao: Alles ist irgendwie schäbiger und schimmeliger als jenseits der Pseudo-Grenze. Die chinesische Bauwut hat vor allem im Stadtkern noch nicht so brutal zugeschlagen wie im Rest von China.
Liu Meng, mit der ich heute am Wahrzeichen von Macao verabredet bin, Schlag sechs, hat für mich eine Billig-Absteige ausgesucht, in der sie selbst lieber nicht übernachten möchte. Leider ist nicht nur die Absteige billig, sondern auch die Wegbeschreibung: Ich finde, nachdem ich Bus Nr. 3, der direkt von der Festlandgrenze zu den Fähren nach Hongkong führt, an der richtigen Haltestelle entstiegen bin, alle anderen angegebenen Orte, sogar das Touristenzentrum, wo es einen Gratis-Stadtplan gibt, aber was ich nicht finde, ist die "Sanva Hospedaria". Das liegt ganz einfach daran, wie sich später ergibt, dass die Anreiseskizze an der entscheidenden Stelle spiegelverkehrt ist, sodass man zwangsläufig in die entgegengesetzte Richtung marschiert. So muss ich mir mit meinem leichten Reisegepäck, das nun aber doch zunehmend schwerer auf den Schultern lastet, allein weiter durch die von Touristen überlaufenen Gassen von Alt-Macao meinen Weg bahnen. Die Stadt hat übrigens die Anmutung eines bizarren Bastards mit den Elternteilen Lissabon, Monte Carlo und (als Stiefvater) Chinatown/New York. Vom höchsten Punkt, den Resten der Festung Fortaleza do Monte, hat man einen Blick über die Stadt die auf der Halbinsel wie eingezwängt wirkt zwischen dem Guia-Hügel mit dem Leuchtturm im Westen und der Bucht mit dem Industriehafen im Osten, an deren jenseitigem Ufer schon wieder China ist. Vor der Fassade der ehemaligen Kathedrale Sao Paulo treffe ich schließlich um 18.03 Uhr Liu Meng, die sich zur Hospedaria durchfragt und mich ans Ziel geleitet. Ich hätte das Gasthaus natürlich irgendwann auch allein gefunden. Ich war nur zu müde zum Suchen. Die Hospedaria ist, wie Martin sagen würde, eine Hundehütte. 120 Hongkong-Dollar sind eigentlich noch zu viel für eine Nacht, aber man bezahlt ja hier auch für den kolonialen Charme der Vergangenheit: Die Zimmer sind eigentlich begehbare Holzschränke, alle Zimmer zusammen sind genau genommen nur ein Schrank mit verschiedenen Fächern, deren Trennwände ein Stück zu kurz sind, um es ganz bis an die Schrankdecke zu schaffen. Wenn der Nachbar also schnarcht oder das Licht brennen lässt - beides wird natürlich in dieser Nacht geschehen, sonst dürfte ich es ja nicht sein, der hier nach Ruhe sucht -, ist das so, als ob er bei mir schnarchen und bei mir das Licht brennen würde. Natürlich bekundet Liu Meng, die in einem dreimal so teuren Hotel Obdach gefunden hat, dass sie hier auch problemlos übernachten könnte. Ich begleite sie noch ein Stück in ihre Richtung, essen will sie nichts mehr. Sie ist heute um fünf aufgestanden und will ins Bett. Und für morgen ist sie auch schon verplant: Sie will mit einer Reisebekanntschaft einkaufen gehen – nichts für mich. Ich schicke sie in die Heia und kaufe mir Fleischklöpse mit Soße an einem der billigen Straßenrestaurants, wandere im Osten bis zum Vasco-da-Gama-Platz, schaue kurz im Künstler-Restaurant 1602 in der Lazarus-Straße vorbei, wo Jazz-Musik aus dem Innenraum schallt und betrete schließlich gegen Mitternacht das Grand Lisboa, das kolossale, 261 Meter hohe Luxus-Hochhaus, das die ganze Stadt überragt und dessen obere Stockwerke architektonisch in der Form einer Dahlie gestaltet sind.
Die Eingangshalle umwölbt eine gigantische Glitzerkugel mit etwa hundert Metern Durchmesser. Man merkt gleich: genau der richtige Ort für mich, der ich nach wie vor bekleidet bin mit Postbüx und dem Seemannspulli, den der Sohn meiner ehemaligen Vermieterin schon vor zwölf Jahren nicht mehr tragen wollte. Ich betrete das Casino und schaue eine Weile zu, dann setze ich auf Schwarz, weil Rot mehrmals hintereinander gekommen ist. Ich gewinne. Danach setze ich wieder auf Schwarz. Einsatz verdoppelt, denn wieder kommt Schwarz. Dann will ich auf Rot setzen, aber in letzter Sekunde habe ich eine Eingebung: Es wird wieder Schwarz kommen. Ich disponiere also, kurz bevor die uniformierte Dame ihre "Nichts-geht-mehr"-Beschwörungshandbewegung macht, noch einmal um - und es kommt Rot! Verloren. Natürlich habe ich nur in Gedanken mitgespielt. Es reicht mir völlig, am Rande zuzuschauen, wie neureiche Chinesen sinnlos ihre Chips auf irgendwelche Zahlenkombinationen setzen und alles verspielen. Niemand setzt auf Farben. Mir diagonal gegenüber sitzt ein Mann, der sich eine Fluppe nach der anderen ansteckt. Dass man 600 Pataca Strafe zahlen soll, wenn man gegen das Rauchverbot verstößt, das seit Anfang des Jahres für öffentliche Gebäude und Plätze gilt, interessiert hier niemanden. Der Mann mit den viele Chips ist übrigens auch äußerst leger gekleidet. Daran erkennt man nämlich die wirklich Reichen. Die sind so reich, dass sie's nicht mal mehr zeigen müssen. Bin ich doch in guter Gesellschaft! Ich schaue noch mal bei Black Jack, Poker und Jackpot vorbei. Aber auf die Dauer ist mir die Luft zu schlecht hier. Ich fahre noch mal bisschen Rolltreppe und sehe mir den Spaß von oben an. 800 Spieltische und tausend Spielautomaten offeriert das glamouröse Grand Lisboa im nunmehr fünften Jahr seinen Gästen, im selben Gebäude gibt es darüber hinaus 58 Restaurants und 430 luxuriöse Hotelzimmer. Und ich muss zurück in meine Hospedaria, schleiche mich nachts entnervt in den Gang und schalte von außen das Licht im Nebenzimmer aus.
Lebensretter mit Zeitzündung
Ja, ein einziges Fahrrad mit nur einem Sattel hat er auch, das soll nun das meine sein - für ein bis zwei Stunden. Leihgebühr: 10 Yuan pro Stunde. Hinblättern muss ich freilich eine Kaution von 200 Yuan. Der Sattel ist viel zu niedrig. Ich sehe mal wieder aus wie der sprichwörtliche "Affe auf'm Schleifstein", der Hintern tut auch weh, ehe ich die Promenade verlassen habe, aber egal! Ich radele am Meer entlang, bei milden 18 Grad, was will man mehr mitten im tiefsten Winter? Ich fahre bis zum Wahrzeichen von Zhuhai, einer Meerjungfrau auf einem Felsen im Meer, etwa zehn Kilometer vom Ausgangsort der Radtour entfernt. In der Nähe pflanze ich mich auf einen Felsen, womit ich das Liebespärchen auf dem Nachbarfelsen umgehend vertreibe, das wohl lieber ungestört geblieben wäre. Darauf kann ich leider keine Rücksicht nehmen. Ein Passant staunt mich von der Promenade aus an: Wie sei ich denn da raufgekommen? Und ich solle mal aufpassen, dass das Fahrrad, das unten unabgeschlossen am Felsen lehnt, nicht gestohlen werde. Ich werde nervös. Die Zeit drängt und ich mache mich auf den Rückweg.
In fünfzig Minuten muss ich das Fahrrad zurückgeben, Zeit für einen Zwischenhalt. Ich schaue einem Fischer bei der Arbeit zu, der an einem Promenadenerker ein riesiges Fischernetz mit Hebelfunktion hebt und senkt. Aber es ist Mittagszeit. Er sagt: Pause! und bittet um Platz, damit er die ganze Apparatur herausholen kann. Ein winziger Fisch zappelt in der Mitte des Netzes, wird in die Luft geschleudert und fällt wieder ins Netz zurück. Soll das die Ausbeute sein, mit der der Fischer in die Mittagspause gehen kann? Das Netz, dem Bambuslatten an den Seiten Struktur geben, kippt in die Senkrechte, ehe er es über die Mauer ziehen kann. Da fällt der Fisch über Bord, aber - o grausiges Unglück! - der Winzling landet auf einem Mauervorsprung. Der Fischer würdigt sein Opfer keines Blickes. Will er den denn nu' nicht einsammeln? Kann er ihn nicht wieder ins Meer werfen, wenn er ihn schon nicht will? Der Fisch schnappt inzwischen nur noch kraftlos. Kann nicht verstehen, wo das Wasser geblieben ist. Pustet durch die Backen wie ein Marathonläufer im Endspurt. Ist vielleicht auch sein Endspurt. Nein! Nachdem ich lange genug tatenlos zugesehen habe, schnippe ich den kleinen Kerl, der mich an die Hauptfigur des dänischen Zeichentrickfilms Hilfe, ich bin ein Fisch erinnert, zurück in die Fluten. Aber ob das noch rechtzeitig war? Wie lange hält so ein Fischhirn ohne vernünftige Sauerstoffversorgung durch? Mit sorgenvollen Gedanken an einen irreparabel hirngeschädigten, womöglich gar komatösen Fisch, der so auf sich gestellt mit dem Leben unter Wasser gar nicht mehr zurechtkommt und eigentlich Pflegestufe IV bräuchte, radele ich weiter.
Ich komme an einen Strandabschnitt. Der Sand ist nicht fein und weiß wie in Alcudia und auch nicht so sauber, sondern rostbraun und streckenweise mit Unrat verunstaltet. Dafür finde ich unter zwei Banyan-Bäumen eine Sitzbank und kann noch zehn Minuten Pause machen. Das Meer rauscht, der Horizont schimmert in Blaugrau. "Verweile doch, du bist so schön", sprach ich zum Augenblick. Da kackt mir ein Vogel auf die Stirn. Ich denke: Irgendwo da oben sitzt einer, der klopft sich gerade auf die Schenkel, einer, der es einfach nicht lassen kann, jedem Moment meines Lebens einen satirischen Anstrich zu verpassen. Dann kommt auch noch ein Bettler vorbei. "Verweile doch, du bist so schön, sprach ich zum Augenblick. Nein, sagte der, muss leider gehn, solang' die Uhr noch tickt." Ich habe gerade seinem Bettel-Kollegen an einer anderen Stelle des Strandes was reingeworfen. Die Reserven sind aufgebraucht. Meine Geduld auch. Ich trete wieder ins Pedal, wechsele, damit es schneller geht, vom holprigen Fahrradweg auf die breite Straße, sause über den Asphalt, ordne mich vor einem herannahenden Wagen links ein und kehre schließlich zum Fahrradverleih zurück, wo mir der Schnösel von gestern offenbart, ich sei zwei Stunden und zehn Minuten unterwegs gewesen. Die versuchen's doch immer wieder! Er sieht rasch ein, dass ich eine Uhr habe, ich zahle zwanzig Yuan für zwei Stunden.
Guangzhou-Zhuhai
Heute Vormittag steht noch die Sun-Yat-sen-Universität auf dem Programm, deren malerischen Campus man von Süd nach Nord durchwandern kann, um anschließend direkt am Südufer des Perlflusses herauszukommen. Besonders das Hauptgebäude der altehrwürdigen Uni hat es mir angetan: Eine endlose Rasenfläche erstreckt sich nördlich von ihm und reicht fast bis zum Nordtor. Hier und bei einigen anderen Gebäuden rechnet man unbewusst damit, jeden Moment westlich gekleidete Herren mit Gehstock und Zylinder durch den Haupteingang treten zu sehen, wie es sie im Gründungsjahr 1924 noch häufiger in Kanton gab. Am Ufer des Perlflusses hat man bei Blickrichtung West einen guten Blick auf Kantons höchsten Turm, der zeigt, dass das Wirtschaftswunder auch hier im Süden Chinas ein weithin sichtbares Ausrufezeichen gesetzt hat. Da es erst um 12 wieder ein Schiff ans andere Ufer des Perlflusses gibt, gehe ich zu Fuß zurück, rupfe noch ein, zwei Mandarinen von einem der zahllosen Büsche und steige wieder in die U-Bahn.
Vorm Busbahnhof - die Fahrkarte, Abfahrt nach Zhuhai um 13.20 Uhr, habe ich gestern schon gekauft - kommt es zu einem peinlichen Zwischenfall: Da ich nur noch Zeit für ein Reisgericht auf der Straße habe, kaufe ich also an einem der Straßenstände eine Mahlzeit aus Blumenkohl, Ei und Reis. Irgendwie muss ich wohl hungrig gewesen sein (Frühstück wie immer ausgefallen), denn noch vor dem Erwerb der Mahlzeit, während ich die Bestellung zu artikulieren versuche, tropft mir etwas Speichel aus dem Mund und landet auf dem Blumenkohl... Ich bezahle eiligst und bin weg.
Im Bus nach Zhuhai, dem Ort, an den Macao grenzt, beende ich meine Reis-Blumenkohl-Mahlzeit mit integriertem Spiegelei und stoppe damit den unkontrollierten Speichelfluss. Die Strecke führt direkt am Meer entlang. Wir befinden uns hier auf einer schmalen Halbinsel. Der Bus hält in Sichtweite des Grenzübergangs, der aussieht wie eine riesige Markthalle und auf den sich laufend Menschenscharen zubewegen wie Ameisen auf ihren Hügel. Das Treiben schaue ich mir heute erst mal nur aus sicherer Distanz an. Morgen werde ich selbst eine der Ameisen sien. Ich kaufe in einem Laden in der Nähe DVDs, darunter den viel gelobten "Drive" und die Neuverfilmung des Spionageromans "Dame, König, As, Spion". Nach Einbruch der Nacht wandere ich die Uferpromenade entlang. Das Meer schlägt mit lautem Wellenschlag gegen die Mauer wie ein ungestümer Hund, der von der Leine gelassen werden will. Ich treffe einen Tandemverleih (Chinesen machen ja nie was allein, nicht mal radfahren) und verspreche dem jungen Schnösel, der mir ein Rad andrehen will, morgen wiederzukommen.
Die Prophetie
Heute geht es in den Yuexiu-Park im Norden der Stadt, in dem sich eine Art chinesische Ausgabe des Volksparkstadions befindet und der fressende Ziegenbock, der das Wahrzeichen der Stadt ist. Die Statue von insgesamt fünf Ziegen erinnert an den mythischen Ursprung Kantons: Fünf gute Geister kamen einst auf fünf fliegenden Ziegen herabgeschwebt und brachten dem Ort Fruchtbarkeit. Die Geister sind dann wieder verschwunden, aber die Ziegen blieben. Vor allem vom Platz mit dem Sun-Yat-sen-Monument, einem Obelisken, der innen hohl, aber dessen Treppen leider gesperrt sind, und vom roten "Turm über dem Meer" (Zhenhailou) aus, der ursprünglich zur alten Stadtmauer, die hier im Park in Teilen restauriert wurde und noch wird, hat man eine famose Sicht auf die Wolkenkratzer, die wie ein Palisadenzaun vor dem Horizont aufragen. Dazwischen irgendwo ist auch die schmale Pagode von Liurong Si zu sehen, die ich als nächsten Zielort anpeile. Nach einem Wettrennen gegen die Zeit durch die schmalen Gassen der Hutongs finde ich sie trotz meiner sehr ungenauen Karte gerade noch zehn Minuten vor Toreschluss (16.50 Uhr). Leider kann man die Pagode auch nicht besteigen und die Jungs vom Tempel wollen mich nach knapp dreißig Minuten auch schon wieder los sein. "Wir schließen!" Im Eilschritt sehe ich mir die Buddhas an. In einem anderen Tempelgebäude sind die Wände ringsum bedeckt mit Zehntausenden von kleinen Zetteln mit Namen und Fotos von Verstorbenen. Hinter einer Tür in der Wand des Tempelareals, die ich öffne, stehe ich plötzlich vor dem Nichts. Auf dem leeren Sandplatz, den hohe Gebäude säumen, wird vermutlich bald ein neues Hochhaus stehen. Letzte Station: die in einem großflächigen Park stehende Sun-Yat-sen-Gedächtnishalle.

Inzwischen bin ich umgezogen in die Kantoner Jugendherberge auf der Insel Shamian; für 60 Yuan die Nacht habe ich ein Bett im Zehnbettzimmer ergattert. Gleich nebenan auf der anderen Straßenseite steht das erste Fünf-Sterne-Hotel Chinas, der "Weiße Schwan". In dem Zimmer sind vor allem Jugendliche untergebracht. Spät in der Nacht muss ich noch mein Gepäck aus dem "7-Tage-Inn" holen. Eine Französin schleicht sich noch nach mir als letzte ins Bett. Als ich am frühen Abend einen älteren Mann durch die Tür treten sah, sprach ich zu mir selbst: Der schnarcht und der hat mit Sicherheit das Bett genau unter mir. Und genau so kommt es auch. Wenn ich Lottozahlen so exakt vorhersagen könnte, wäre ich heute Millionär.
Die Shamian-Insel
Die Shamian-Insel am Nordufer des Perflusses ist durch einen künstlichen Kanal vom Festland abgetrennt worden und war im 19. Jahrhundert britisches und französisches Mandatsgebiet. Konsulats- und Administrationsgebäude im Kolonialstil, bestens erhalten bzw. renoviert, prägen das Bild. Das "Orient-Express" im einstmals französischen Mandatsgebiet ist ein Restaurant mit einer Lok im Garten, das Essen wird in ausrangierten Waggons serviert. Auch die Deutschen hatten hier ein Konsulat, das der Sowjets ist mal wieder am schlechtesten in Schuss. Polen hat hier heute noch eine Vertretung. In die anderen pittoresken Säulenbauten sind Banken und Hotels eingezogen oder kleine Läden wie "Jenny's Place", in dem es gerade gähnend leer ist. Hier gibt es Kinderkleidung und Souvenirs. Jenny spricht gut Englisch; sie bittet mich auf ein Schwätzchen hinein, erzählt mir, dass sie eigentlich aus Chengdu komme. Sei sie denn zum chinesischen Neujahrsfest gar nicht in die Heimat gefahren, frage ich. "Wenn du meinen Laden für die Zeit schmeißt, kann ich fahren", erwidert sie und zeigt mir ein paar Postkarten mit Motiven aus der Zeit, als Guangzhou noch Kanton war, bevölkert von Chinesen mit langen geflochtenen Zöpfen und auffällig dunkler Haut, besiedelt von Ausländern in piekfeiner Kleidung und befahren von Rikschas und Handkarren.
Vor dem "Kulturpark", der einige Sportgeräte für den des Müßiggangs müden Chinesen anbietet, werde ich von einer Frau und ihrer Tochter angebettelt. Statt sich zu freuen an dem einen Yuan, den ich in der Regel gebe, deuten sie auf den 5-Yuan-Schein in meinem Portmonee. Es gibt auch noch andere, die sie fragen können, gebe ich zurück. Im Kulturpark rupfe ich mir in einem unbeobachteten Moment eine Mandarine von einem der Sträucher, die hier, aus Anlass des Frühlingsfestes, geradezu inflationär Eingänge und öffentliche Plätze zieren. Die Frucht ist sauer und voller Kerne, schmeckt aber sonst nicht schlecht! Ich frage mich nur, wie sich jetzt noch Mandarinen auf dem Markt absetzen lassen, wo man sie doch überall selbst ernten kann.
Die Heilig-Herz-Kathedrale, die plötzlich links von mir auf einem freien Platz aufragt, als wäre dies Barcelona und nicht die größte Stadt Südchinas, ist auch so ein Relikt aus der Epoche der westlichen Handelsniederlassungen. Als ich ihr islamisches Pendant, die Moschee Huaisheng Si endlich im Gewirr der engen Straßen gefunden habe, dämmert es bereits. Im Gebetsraum sind zwei Sino-Moslems beim Abendgebet zu sehen. Dass die Moschee sich bereits in Dunkel hüllt wie eine Muslimin in ihren Schleier, ist nicht schlimm, auf den Turm des (stummen) Muezzin darf man sowieso nicht steigen. Es sind auch nicht solche Sehenswürdigkeiten, die es mir angetan haben, sondern die hier in den Vierteln, die sich vom Nordufer des Perlflusses bis etwa zur U-Bahnlinie 1 erstrecken, noch weitgehend erhaltenen alten chinesischen Hutongs, die Wohnviertel, deren enge Gassen marode Backsteinfassaden und frei herumschwebende Stromkabel säumen und durch die kein Auto passt. Sind die Gassen einen Tick breiter, werden sie automatisch zum Marktplatz. Am bekanntesten ist der Qingping-Markt. Von Sonnenblumenkernen bis zu Hundewelpen bekommt man hier alles. In einer der engeren Gassen decke ich mich mit saftigen Apfelsinen ein, die, noch mit grünen Blättern am Stiel, gerade von einem Karren gerollt sind. Man muss ja an die jährliche Februar-Grippe denken und vorbeugen!
Nanjing-Guangzhou
Die erste Etappe meiner Rundreise durch Kanton (Guangzhou), Macao und Hongkong ist ein Debakel, eine Qual von 28 Stunden Dauer. Denn ich war so leichtsinnig, eine Fahrkarte zu erwerben, die mir einen Sitzplatz (die beliebten Schlafwagenplätze sind natürlich zur Hauptreisezeit gnadenlos ausverkauft) am Gang einräumt - in einem sagenhaft überfüllten Zug, in dem sich ständig Leute, Aussteiger, Einsteiger, Leute, die auf Klo müssen oder denen langweilig ist, an mir vorbeizuschieben haben, weil direkt neben meinem Sitz immer irgendwer einen Stehplatz einnimmt. Ich werde also pro Stunde ca. 27 Mal angerempelt. Selbst wenn man in so einem vollen Waggon schlafen könnte, ist klar: Ich schaff' das bestimmt nicht! Abgesehen davon befinde ich mich regelmäßig auf dem Weg zum Waggoneingangsbereich, um die Raucher zu vertreiben. Die Luft ist ja so schon schlecht genug (Fenster können nicht geöffnet werden). Die Mitreisenden, die meine Beharrlichkeit amüsiert (in China ist ja so direkte Kritik am Verhalten eines Menschen verpönt), vertreiben mir einigermaßen die Zeit. Ein kleines Mädchen kleidet das Unfassbare in Worte: "Deine Augen sind blau."
Die Nacht ist eine Qual, der Zug hat dann auch noch eine Dreiviertelstunde Verspätung. Völlig übermüdet komme ich am Hauptbahnhof von Kanton an. Ich finde unweit der U-Bahnstation Haizhu-Platz ein "7 Days Inn", in dem ich aber auch weniger als sieben Tage wohnen darf, nämlich nur zwei. Mit einem Spaziergang entlang des Perlflusses, dem Kanton seine Karriere als Warenumschlagsplatz verdankt, beende ich den Tag.
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