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Freitag, 15. Februar 2013

Skyfall
Von didus, 23:59

Wenn James Bond am Anfang seines neuen Abenteuers völlig überraschend ein Duell verliert, von einer Eisenbahnbrücke stürzt und sich schwer verletzt, spricht man von Fallhöhe. Damit rechnet der Zuschauer nämlich nicht. Fallhöhe ist aber auch, wenn man nach einem Traumurlaub mit dreißig Grad Tagesdurchschnittstemperatur in ein sieben Grad kaltes Domizil zurückkehrt und nach dem Wiedereinsetzen einer regulären Verdauung, die man ja im Urlaub nie hat, das Klo verstopft und wenn man dann als Laienklempner bei dem zunehmend von Ungeduld geprägten Versuch, das Problem mittels Klobürste zu beheben, sich die braune Brühe ins Gesicht spritzt, Exkremente durchs Badezimmer fliegen wie Mini-Ufos vom Planeten Stink, dabei die Klobürste abbricht, das Bad auf einmal fußtief unter braunem Wasser steht, man den Stiel der Klobürste in der Hand hält, während die Bürste selbst im Klorohr feststeckt (und wenn ich sage feststeckt, dann meine ich auch feststeckt, sonst wäre ja auch der Stiel nicht abgebrochen), und wenn man also nun in eiskaltem Wasser nach der Bürste fischt und versuchen muss, die feststeckende Bürste an ihren Borsten herauszuziehen, aber was man herauszieht, sind nur einzelne Borsten. Schließlich kommt man auf die Idee, eine Zange zu Hilfe zu nehmen.
Zugegeben, es gibt Schlimmeres und irgendwie ist das ja auch zum Lachen. Aber wenn man dann zu allem Überfluss sein Telefonladekabel nicht mehr wiederfindet und tagelang verzweifelt jeden Gegenstand in der Wohnung auf der Suche danach erfolglos umdreht und wenn man dann abends ein Brötchen mit Sonnenblumenkernen isst und die so hart sind, dass man denkt: "Was sind denn das für Kerne?", und wenn man dann feststellt, dass der Bäcker da offenbar Kälberzähne eingebacken hat, und während man noch überlegt, ob man diese Brötchen gegen Erstattung des Rückgeldes zurückgeben sollte (immerhin ist das doch ein Skandal!), die grausige Entdeckung macht, dass die Kälberzähne gar keine Kälberzähne sind und der Bäcker alles richtig gemacht hat, weil die Zähne nämlich die eigenen sind und oben rechts jetzt eine Lücke klafft, und wenn man schon weiß, dass man den morgigen Tag beim Zahnarzt verbringen wird: Das ist Fallhöhe.

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Mittwoch, 13. Februar 2013

Am Ziel
Von didus, 23:59

Am Ende ist der Zug schon ziemlich leer. Vor Nanjing spannt man uns noch mal ein bisschen auf die Folter: Der Zug steht zehn Minuten.
Nach der Ankunft habe ich eigentlich nur eine Sorge: Werde ich den neuen James Bond noch zu sehen bekommen? Es fällt mir also auch gar nicht ein, nach Hause zu fahren. Ich bleibe in der Stadtmitte und suche James. In Kunming hatte ich ihn ja nicht gefunden. Diese Agenten tauchen ja auch gern unter. Aber im zweiten Kino habe ich Glück, und zwar doppelt. Ich lasse mir von einem jugendlichen Schwarzhändler, der ein paar Meter vor dem Kino herumlungert, eine Rabattkarte andrehen und zahle nur 35 Yuan.
Ich ahne noch nicht, dass damit mein Glück aber auch bis auf Weiteres aufgebraucht ist.

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Dienstag, 12. Februar 2013

Die Ananaskekse von Zhuzhou
Von didus, 18:30

Jetzt bekomme ich auf einmal Hunger. Da wir in Zhuzhou mitten in der winterlich grauen Provinz Hunan mal wieder ewig lange stehen, verlasse ich den Zug auf der Suche nach Essbarem. Auf unserem Bahnsteig kann mich nichts so recht verlocken, daher wechsele ich auf den Nachbarbahnsteig. Der Zug wird es schon nicht so eilig haben. Allerdings wird mir in meiner für das meist überhitzte Schlafabteil einfach praktischeren kurzen Hose doch etwas kühl. Leider gibt es an dem kleinen Bahnsteigkiosk genau das gleiche Angebot wie nebenan vor unserem haltenden Zug. Zwischen Keksen mit Erdbeer- und Ananas-Aroma entscheide ich mich schließlich für die Ananas. Und die Dinger sind nicht schlecht. Als ich wieder am Zug bin, hat man bereits demonstrativ die Schotten dicht gemacht und rügt mich ob meiner späten Rückkehr an Bord, was mal wieder total übertrieben ist, denn selbst mit mir an Bord wird der Zug noch einmal zehn Minuten stehen. Außerdem hatte ich mich ordnungsgemäß abgemeldet.

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Montag, 11. Februar 2013

Männeken Piss!
Von didus, 23:59

Nachdem ich meinen Rucksack zur Gepäckaufbewahrung am Bahnhof gebracht habe, treffe ich in einem Straßenrestaurant noch einmal Victor und Oxana. Die verbleibenden Stunden verbringe ich - nach dem gescheiterten Versuch in einem Kunminger Kino "Skyfall" zu sehen (es gibt nur noch "Cloud Atlas") - im völlig überlaufenen Cuihu-Park unweit des Yuantong-Tempels im Nordwesten der Stadt. Man wird heute, am zweiten Tag des Frühlingsfestes, kaum irgendwo einen unbelebten Flecken in der Stadt finden. Tausende Möwen lassen sich an dem "grünen See" füttern und verwandeln den Park in eine Kulisse für Hitchcocks "Vögel". Obwohl hier tatsächlich schon Frühling ist und bei rund zwanzig Grad überall Blumen blühen, wird mir das Gedränge zu anstrengend. Ich verdünnisiere mich in das angrenzende Gebäude, das in Ocker auf der anderen Seite der Cuihu-Straße schillert und mich an eine mexikanische Garnison erinnert. Innen scheint ein Museum zu sein. Im quadratischen Innenhof, den man ohne Eintritt betreten kann, setze ich mich neben einem harkenden Gärtner auf eine Bank. Das ist einer vom alten Schlag: Den Bubi, der es wagt auf der anderen Seite neben dem Eingang auf seinem kleinen Fahrrad über die frisch gefegten Wege zu fahren, brüllt er so laut an, dass es durch den ganzen Innenhof schallt. Dem Kasernenton zufolge muss das hier wirklich eine ehemalige Garnison sein.
Nun kommt die Enttäuschung: Ich hatte mir vorgenommen, wie vor zwei Jahren eine ordentliche Ladung Vaniltrunks mit nach Nanjing zu nehmen, weil es dort nur Schokotrunks gibt. Aber im Carrefour werde ich nicht fündig. Und auch nicht in den anderen Klitschen, die ich auf dem Weg zum Bahnhof abklappere. Am Ende wird es wieder hektisch, weil ich damit zu viel Zeit vertue. Und da ich folglich schlecht gelaunt in den Zug komme, habe ich gleich wieder so einen Mr.-Bean-Auftritt. Ich sehe, dass mal wieder die gesamte Ablage mit Koffern voll gestellt ist. Mit einem nonchalanten Schwung will ich meine Plastiktüte von unten auf einen der Koffer befördern, was mir grandios misslingt. Die Tüte kommt wieder runter. Mandarinen und andere zumeist für den Verzehr gedachte Gegenstände purzeln auf die geschockten Chinesen, die im Gang herumstehen, mit den Händen überm Kopf in Deckung gehen und vermutlich denken: "Diese bekloppten Ausländer!" Aber ich habe mein Pulver noch nicht verschossen: Von den Strapazen ausgetrocknet greife ich zu der herabgefallenen Fanta-Flasche und will einen Schluck nehmen. Ich habe nur leicht am Verschluss gedreht, da spritzt die Fanta schon wie wild geworden heraus und tropft auf den Teppich. Ist schon gut, meint der Schaffner, der vorbeikommt, als er mich mit Papiertaschentüchern hilflos über den Teppich wischen sieht. In China sind die Teppichböden in Schlafwagen noch weit schlimmere Immissionen gewohnt. An meiner Fantaflasche wird sich daher ein paar Reisestunden später das Kleinkind von der Nachbarliege ein Beispiel nehmen und beim Windelwechsel prompt in bester "Kuck mal, wer da spricht"-Manier in hohem Boden auf den Boden pinkeln. Männeken Piss auf Chinesisch! Willkommen im K 156 von Kunming nach Nanjing!

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Sonntag, 10. Februar 2013

Victor und Oxana
Von didus, 23:59

Rätsel gibt Huilin auf. Sie hatte sich extra im Dezember mit mir getroffen, um ein paar Details meines Aufenthalts in Chengdu bei ihren Eltern zu besprechen, und ich habe mich die letzten Tage eigentlich nur so beeilt, um das knappe Zeitfenster, das sich für diesen Aufenthalt auftut, nicht zu verfehlen. Spätestens am 14. muss ich ja nach Nanjing aufbrechen, weil fünf Tage nach dem Frühlingsfest - dazu bedarf es keiner prophetischen Gabe - chinaweit alle Fahrkarten ausverkauft sein werden. Doch Huilin ist, wie aufmerksame sin-o-meter-Leser längst wissen, gar nicht zu Hause, sondern bei Verwandten im Norden der Provinz Sichuan. Ich brauche eine Weile, bis ich begreife, dass es mit Chengdu nichts wird, weder vor noch nach dem 14. Februar. Das irritiert mich zwar, vereinfacht allerdings auch die Planung für den Rest der Reise. Ich habe also gestern gleich nach der Ankunft im Hotel eine Fahrkarte nach Kunming gekauft und komme dort am Abend um sieben Uhr an. Meine Meinung über Huilin, die mir versichert hatte, dass es in Kunming inzwischen eine U-Bahn gebe, wird nicht besser, als ich am weit außerhalb der Stadt gelegenen Busbahnhof ein riesiges, aber noch nicht eröffnetes Gebäude entdecke. Hier sollen sich wohl künftig U-Bahn und Bus-Reisende die Klinke in die Hand geben. Aber die U-Bahn ist noch nicht fertig! Enttäuscht reihe ich mich in die Horde der Reisenden an einer der vielen Haltestellen für Stadtbusse ein, aber dass die heute nicht ganz im selben Takt wie sonst verkehren, wird rasch klar. Es bleibt Zeit genug, Victor und Oxana aus der Ukraine kennen zu lernen. Das heißt, erst mal lerne ich Victor kennen, der absolut nicht den Eindruck erweckt noch mit jemand anderem unterwegs zu sein. Er erkundigt sich nach Reisemöglichkeiten nach Laos, wo ich ihm natürlich ohne Weiteres weiterhelfen kann. Auch Victor arbeitet in China, verdient aber so wenig, dass er jeden Yuan zweimal umdrehen muss, ehe er ihn ausgibt. Deshalb interessiert ihn auch, wie er am günstigsten weiterreisen kann. Da hat er natürlich genau den Richtigen gefragt!
Erst nachdem wir schon eine halbe Stunde geplaudert haben (es wird dunkel, aber weiterhin kein Bus in Sicht), werde ich auf die junge Frau mit den knallrot gefärbten Haaren an seiner Seite aufmerksam. Oxana, die als Lehrerin auch nicht viel mehr verdient, ist heute etwas einsilbig. Das liegt daran, dass sie gerade ihre monatliche Unpässlichkeit hat, wie Oxana als Vertreterin der Generation Pussy Riot mir ohne Umschweife zu verstehen gibt, als ich später im Bus, der noch mal eine Stunde bis zur Stadtmitte brauchen wird, neben den beiden stehe. Am Bahnhof von Kunming trennen sich unsere Wege. Victor und Oxana ziehen es Unpässlichkeiten aller Art zum Trotz vor, eine billige Herberge aufzusuchen, mich zieht es zum Bahnhof, wo ich sofort eine Fahrkarte nach Nanjing erstehe. Für Dienstag gibt es leider nur noch Erste-Klasse-Karten (Schlafwagen). Für morgen dagegen kann ich noch eine günstige Yingwoche-Fahrkarte (Liegewagen) nach Nanjing bekommen. Und da der Zug inzwischen erst abends um zehn vor sechs abfährt (dafür aber früher in Nanjing ankommt als vor zwei Jahren), habe ich also morgen fast noch einen ganzen Tag im frühlingshaften Kunming. Dem Hotel von 2011 zeige ich die kalte Schulter, weil es dort zwar Frühstück, aber kein WLAN gibt. Gegenüber ist es zum gleichen Preis umgekehrt.

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Samstag, 09. Februar 2013

Neujahrsfest in Jinghong
Von didus, 23:59

Mit Riesenschritten geht es weiter nach Norden: Im chinesischen Zollgebäude ist es am frühen Morgen derart leer, dass ich gar nicht weiß, in welche Richtung ich gehen muss. Das dürfte wohl heute der schnellste außereuropäische Grenzübertritt meines Lebens sein. Die Beamten sind freundlich und kooperativ. Nichts zu spüren von der bizarren Sondergebühr, die man mir 2007 in Manzhouli abgeknöpft hat. Und ich weiß endlich, wozu ich sechs Mal den Mekong überquert habe. Man erklärt mir, wo die Busstation von Mohan ist, fünf Minuten zu Fuß, und meine Sorge, heute, am Vorabend des chinesischen Neujahrsfestes, keinen Bus mehr zu bekommen, bewahrheitet sich nicht. Für 61 Yuan erstehe ich eine Fahrkarte nach Jinghong (Abfahrt 9.50 Uhr). Der Bus wird gar nicht ganz voll. Unterwegs knabbere ich Kokoskekse aus Luang Prabang. Mittags treffe ich in Jinghong ein, finde in Null Komma nichts das Hotel, in dem ich schon vor zwei Jahren logierte, und verbringe den Rest des Tages mit Hans Fallada am Mekong, wo ich ein paar der Tetrapaks mit Vaniltrunk leere, die es nur hier im Süden gibt und von denen ich natürlich im Supermarkt gleich etliche erworben habe. Bei Sonnenuntergang - ich sitze auf Steinen am  Flussufer - gesellt sich eine Gruppe kichernder Schülerinnen zu mir, die doch mal neugierig sind, was ich hier so treibe.
Kurz vor Mitternacht - ich haben unterdessen ein paar Einträge im sin-o-meter verfasst - begebe ich mich zum zweiten Mal an den Fluss und betrachte von der großen Stahlseilbrücke aus das gigantische Feuerwerk. Anders als in Nanjing vor einem Jahr sind diesmal überall Leute auf den Straßen, denn auch nach Sonnenuntergang ist es noch fast zwanzig Grad warm. In den Touristenhütten am Fluss tanzt der Bär. Mir fällt ein, dass ich Klassenprima Yinyin heute eine Glückwunsch-SMS schicken wollte mit demselben Wortlaut, wie ich ihn, von ihr abgesendet, am 31. Dezember auf meinem Mobiltelefon vorfand. Das findet sie "wow!".

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Freitag, 08. Februar 2013

Der lange Weg nach Mohan
Von didus, 23:59

Zwischen Oudomxai und Luang Namtha gibt es eine T-Kreuzung, geradeaus geht es nach China und links nach Luang Namtha. Dorthin ist mein Bus unterwegs, nicht aber ich, denn in Luang Namtha war ich bereits 2011. Ich steige also an dieser Stelle aus. Zwanzig Kilometer sind es noch bis zum chinesischen Grenzort Mohan. Angeblich sollen hier ja ab und zu Busse nach China durchkommen. Aus der Gegenrichtung ist mehr los. Das zeigt die Schlange von Autos, die alle demonstrativ mit chinesischen Flaggen bestückt sind und bis zum Horizont die Straße von Mohan blockieren. Was ist hier denn los?, denke ich. Die Antwort ist klar: Mit dieser kleinen Zollinspektion, die für die bisher so gut gelaunten Urlauber völlig überraschend zu kommen scheint, bessern sich korrupte Zollbeamte an diesem Nadelöhr zu den laotischen Ferienparadiesen ihr Gehalt auf. Eine Frau verhandelt minutenlang mit den beiden jovial wirkenden Uniformierten in deren Zollhäuschen, vor dem ich wie Falschgeld herumstehe und warte, bis ich nach einer Auskunft fragen kann. Doch die Zöllner würdigen mich keines Blickes, sie haben das Yuan-Zeichen im Auge. Entnervt sehe ich die mutmaßliche chinesische Reiseleiterin nach Entrichtung der Sonderabgabe aus dem Häuschen kommen. Eine Reihe Autos kann durch. Danach wird eine chinesische Familie zur Kasse gebeten. Betont arglos steigt das Pärchen aus, die Kinder bleiben zurück. Auch hier nützt die Unschuldsmiene, das Rätselraten, was denn hier nicht stimmen könne, nichts: Zahlemann und Söhne! Als ich in einer Abkassierpause an der Tür des Zöllnerhäuschens auf Englisch nach einem eventuellen Bus frage, werde ich barsch abgewiesen. Die Jungs wollen mich nicht mal mit'm Gesäß anschauen, so fixiert sind die widerwärtigen Abzocker auf die schnelle Penunze. Im Grunde ist mir längst klar, wie das hier heute enden muss: mit einem neuerlichen Gewaltmarsch. Es ist fünf Uhr. In zwei Stunden müsste ich an der Grenze sein. Auf geht's! Pack ma's no'ma!
Im Schatten der Berge sehe ich rechts ein kleines Gehöft, Wasserbüffel haben sich in einem Wasserloch am Rand der Weide für eine Ganzkörper-Schlammtherapie entschieden. Wenig später komme ich an einer Siedung vorbei, in der alles mit der Herstellung von Reisigbesen beschäftigt ist. Am Rand der Gegenspur der Fahrbahn, auf der ich unterwegs bin (zweifellos einer der besten Straßen in ganz Laos), liegen bereits Dutzende, Hunderte von fertigen Besen aufgereiht: Großindustrie in Laos.
Ich habe Glück: Als ich fünf Kilometer zurückgelegt habe und die Sonne bereits hinter den Bergzügen verschwunden ist, überholt mich eine Truppe von drei jugendlichen Mopedfahrern. Einer von ihnen hält an. Er spricht recht ordentlich Englisch und bietet mir an, dass sein Freund mich hinten drauf mitnehmen könne. Die Grenze sei allerdings schon geschlossen, rüber nach China könne ich heute nicht mehr. Ich ziere mich erst ein wenig aufzusteigen; als der Wortführer mir aber mehrfach versichert, dass das wirklich kein Problem sei und auch sein Freund dazu nickt, willige ich ein und mache zehn Kilometer im Sauseschritt. Ich merke jedoch bald, dass das Ziel des jungen Mannes noch ein gutes Stück diesseits der Grenze liegt. Er fährt trotzdem noch etwas weiter, ehe er mich schließlich absteigen lässt. Er weist mit dem Finger nach Norden. Dort sei China. Das sei kein Problem für mich, verdeutliche ich, die paar Kilometerchen (es sind fünf) schaffe ich schon. Der Rucksack, der in dem Trubel von Houay Xai oben aufgeplatzt ist, kneift zwar reichlich und Brösels alte Lederjacke muss mal wieder als Trageseil herhalten, aber irgendwie wird es gehen. Ich stelle fest, dass mein seit der Landung in Thailand totes chinesisches Mobiltelefon inzwischen wieder Empfang hat, und schicke sofort eine SMS an Huilin (wer ist das?), um mitzuteilen, dass ich auf dem Weg sei. Ich bin eingeladen, ein paar Tage nach dem Neujahrsfest mit ihr und ihren Eltern in Chengdu zu verbringen. Die Antwort: "Ich bin jetzt gar nicht in Chengdu."
Nach Einbruch der Dunkelheit erreiche ich schließlich die Grenze, muss aber zugeben, dass mir das letzte Stück doch ganz schön lang vorkam. Als sei es das Natürlichste von der Welt, jetzt  noch nach China zu spazieren, beantrage ich an der weitgehend verwaisten Grenze den berüchtigten Ausreisestempel, doch alle gespielte Arglosigkeit und Unbedarftheit ("Wieso? Hier ist doch offen!") nützt nichts: Ich komme heute nicht rüber, bekomme mal wieder nicht den gewünschten Stempel, muss wieder zurück. Dort gebe es Hotels. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich ohne Visum möglicherweise viel schneller nach China gelangt wäre, durch den Busch oberhalb der Grenzanlagen...
Obwohl wir noch in Laos sind, ist hier alles in chinesischer Hand. Auch im Supermarkt, der noch offen ist, bevorzugt man Yuan. Dort lotst man mich weiter zum Hotel-Tyconn der Gegend, der mich auch prompt auf seinem Moped mit zu seinen Besitzungen nimmt, Betonkolosse, die an einem Hang in den Dschungel hineingefräst wurden. Für günstige 60 Yuan (die ich aber noch in Kip bezahle, um das letzte Geld loszuwerden) lande ich in einem frisch fertiggestellten und noch weitgehend verwaisten Riesenkomplex in einem Hoteltrakt, den außer mir nur noch der Besitzer zu bewohnen scheint, zwei Stockwerke über mir. Im Fernsehen gibt es fast nur noch chinesische Programme, im Bad herrscht Unordnung - Waschpulver in einem Papierbecher neben dem Waschbecken. Zahnpasta und Zahnbürste hole ich mir draußen vom sinnlos in der Gegend herumstehenden Wagen. Mir ist kalt. Vorbei ist es mit den tropischen Nachttemperaturen. Im Supermarkt kaufe ich Chips und Kekse. Wieder im Zimmer frage mich, was man mit so einem leeren Betonmonster im Niemandsland will. Wenn man sich allerdings vorstellt, wie so eine chinesische Urlaubskolonne, wie ich ihr vor ein paar Stunden begegnete, nach fünf Uhr hier an der Grenze ankommt und alle eine Übernachtung benötigen, dann ahnt man, wie sich der Hotelkomplex doch noch als gute Kapitalanlage erweisen könnte.

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Donnerstag, 07. Februar 2013

Sehnsuchtsort Luang Prabang
Von didus, 12:59

Wir kommen kurz vor Morgengrauen an. Alle Amerikaner lassen sich in einen Tuctuc verladen. Ich bleibe am Busbahnhof und warte auf den Sonnenaufgang. Zwei Holländerinnen tun es mir gleich. Sie müssen erst noch herausfinden, wo sie sind. Sie wollen nämlich nach Süden weiterreisen und müssen daher zum Süd-Busbahnhof. Wir befinden uns am Nord-Busbahnhof. Nachdem die Sonne aufgegangen ist, finde ich direkt neben der Busstation ein Hotel und lege mich zwei Stunden aufs Ohr. Erst danach beginnt der neue Tag für mich. Ein Blick aus dem Fenster macht rasch klar, warum Luang Prabang so immens beliebt bei Touristen ist: Die Lage in einem Talkessel, umringt von Gebirgsmassiven und gesäumt vom großen Mekong ist einfach traumhaft. Erfreulich ist überdies, dass sich diese Stadt hartnäckig gegen jede Form der Modernisierung wehrt. Gut, es gibt gleich neben der Straße, die ich stadteinwärts entlang wandere, einen Flughafen, aber Hochhäuser und hässliche Betonklötze findet man hier keine, dafür Wellblechhütten und Tempel, Tempel, Tempel.
Mount Phousi, Luang Prabang Fotos
(Blick vom Berg Phousi - Foto von Trip-Advisor)
Ich überquere auf der "alten Brücke" den Fluss (Foto: Trip-Advisor). Das hölzerne Bauwerk ist aus gutem Grund nur noch für Zweiräder und zwei Beine zugelassen und die Planken, über die man geht, lassen Indiana-Jones-Stimmung aufkommen. Einer der Tempel ist erster Anlaufpunkt meines eintägigen Rundgangs: Er liegt auf einem Hügelchen namens Phousi und bietet ein herrliches Panorama.
Danach klappere ich die sonstigen Sehenswürdigkeiten ab: einen königlichen Palast, der leider gerade schließt, als ich komme, und den berühmtesten der Tempel hier. Beim Vertilgen eines Baguettes treffe ich einen britischen Lebenskünstler, der gerade eine Firme aufgegeben hat und nach seiner Rückkehr die nächste aufmachen möchte. So einer passt gut hierher. Ich kaufe auf dem Markt eine einheimische Spezialität, die mir die Rückreise versüßen wird: "Cake flour Coconut", also in Öl zu Kokoskeksen verbratenes Kokosmehl (5000 Kip für eine Packung).
Vom Markt aus - inzwischen hat sich die ganze Straße vor dem Königspalst in einen Straßenbasar verwandelt - folge dem Mekong in Richtung Norden und überquere eine Bambusbrücke, die auch in jeden Indiana-Jones-Film passen würde, für die man aber, anders als dort, leider eine Benutzungsgebühr entrichten muss. Ich schaue mir vom Felsen aus den Sonnenuntergang über dem Mekong an, denn auf dem Phousie-Berg, wohin ich gerade noch mal zurückgekehrt bin, haben sich für dasselbe Ereignis derartige Menschenmengen angehäuft, dass das für mich nicht mehr attraktiv war. Dann inspiziere ich die Route jenseits der Brücke und finde sogar ins Hotel zurück. Aber natürlich ist für mich noch lange nicht Schluss. Ich habe schließlich nur einen Tag in der Stadt. Bei meiner Rückkehr über die Bambusbrücke wird es dramatisch. Man will noch mal Geld kassieren. Ich erkläre, dass ich ja schon bezahlt hätte, man habe mir versichert, der Preise gelte für Hin- und Rückwanderung. Doch die Dame ist nicht mehr da. Und ich soll eine Brückenbenutzungskarte vorzeigen, von der ich nichts mehr weiß. Der Herr, der jetzt die Entrichtung der Brückenbenutzungsgebühr überwacht wird grobschnäuzig. Mal sehen, wie schnell er laufen kann. Ich bin plötzlich weg wie der Roadrunner auf der Flucht vor Karl dem Kojoten, renne querfeldein, den Hang hoch, weiß plötzlich nicht mehr wo ich bin (es ist ja dunkel) und gelange über den Rasen eines Restaurants auf die Straße zurück. Nein, niemand hat mich verfolgt. Ich esse noch einmal gebratene Nudeln und kehre, obwohl ich den Weg ja nun gut kenne, nicht über die Bambusbrücke ins Hotel zurück. Später zu Hause finde ich in meinem Rucksack einen kleinen Zettel mit folgender Aufschrift: "Ticket Bamboo Bridge to Cross Nam Khan River. Foreingner 5.000 k. Go and back", daneben handschriftlich eingetragen: "7/2/2013".
Mount Phousi, Luang Prabang Fotos
Blick vom Berg Phousi (von Trip-Advisor zur Verfügung gestellt)

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Mittwoch, 06. Februar 2013

Das Zoll-Imperium schlägt zurück - Teil 2
Von didus, 23:59

Drei Fragen beschäftigten schon Otto einst im gleichnamigen Film. Für mich gilt Vergleichbares. Meine Fragen lauten: Was mach' ich hier? Wie bin ich hierher gekommen? Und wie komme ich hier ganz schnell wieder weg?
Ich befinde mich wieder in Thailand. Damit kommen wir zu Frage eins: Was mach' ich hier? Immerhin ist es noch gar nicht lange her, da habe ich vor Zeugen geschworen: "Das Land sieht mich nie wieder!" Auch den laotischen Grenzbeamten, die mich am Busbahnhof aufgegriffen haben, habe ich erklärt: "Visum? O.k. Aber ich gehe nicht wieder nach Thailand! Das kann niemand von mir verlangen." Gleichwohl stehe ich jetzt wie in einer Zeitschleife erneut vor dem grimmigen Bullterrier, der sich in seinem Zollhäuschen am Mekong die Backen platt sitzt, und teile ihm einsilbig mit: "I want to leave Thailand!" Höflichkeiten überspringe ich dabei genauso entschlossen wie ein Hürdenläufer seine Hürden; auch der Mann am Schalter findet keine Geste über null Grad Celsius für mich. Natürlich habe ich diesmal auch artig meine Ausreisekarte mitgebracht, die sich in meinem Rucksack befand, und trage sogar ein T-Shirt (das allerdings schmuddelig ist). Und so besteige ich zum sechsten Mal das dämliche Boot über den kloakig-braunen Mekong, entrichte zum fünften Mal den Fahrpreis, habe aber zum ersten Mal einen thailändischen Ausreisestempel im Pass. Die fünfte Flussüberquerung musste freilich der laotische Zoll finanzieren. Der Zollbeamte, der mich an der Busstation aufgegriffen und im Geländewagen abtransportiert hat (allerdings ohne Handschellen), hat das großzügig übernommen. Man könnte auch sagen: Der laotische Zoll hat mich bestochen, damit ich einwillige, mir in Thailand den Ausreisestempel zu holen. Denn dieser ist nun mal die Grundlage für das laotische Ein- und Durchreisevisum. Ich finde allerdings, sie hätten mir auch die Rücktour bezahlen müssen. DIE wollen ja schließlich, dass ich diesen dämliche Stempel bekomme. Mir ist doch dieser Stempel total egal!
Frage zwei: Wie bin ich hier hergekommen? Nach etwa 45 Minuten geduldigen Wartens auf den Bus nach Luang Prabang (Fahrpreis: 145.000 Kip, Abfahrt: 17 Uhr) fuhr auf dem nagelneuen Busbahnhof ein Geländewagen mit zwei Zollbeamten oder Polizisten vor und versuchte erfolgreich mich davon zu überzeugen, dass ich nicht ohne Visum durch Laos reisen könne. Immerhin: Die sieben Kilometer zurück zur Grenze musste ich nun nicht noch einmal zu Fuß zurücklegen; im Geländewagen des Zolls gab es sogar Klimaanlage!
Drittens: Wie komme ich hier ganz schnell wieder weg? Nachdem ich mir den Nachmittag mit diesem interessanten Unterhaltungsprogramm geschickt verkürzt habe, muss ich zwar noch mal zu Fuß zur Busstation (diesmal nimmt mich auch kein mitleidiger Mopedfahrer mit). Aber den Weg kenne ich ja inzwischen!
In Houay Xai ist wirklich der Fortschritt eingezogen: Im (gebührenfreien!) WC des Busbahnhofs entdecke ich kurz vor Abfahrt noch eine Dusche. Da kann ich mich noch mal kurz erfrischen, ehe der Bus abfährt. Mit an Bord ist eine Horde von alkoholisierten und sich weiter alkoholisierenden Amerikanern, die sich während der Reise fortwährend durch Singen und Grölen bemerkbar machen.

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Das Zoll-Imperium schlägt zurück - Teil 1
Von didus, 13:45

Eigentlich gibt es nur zwei Arten des Reisens: Bei der einen ist man von Touristen umzingelt und bei der anderen von Problemen. War es Mark Twain, von dem der Ausspruch stammte? Nun, wenn sich kein anderer Rechteinhaber findet, dann stammt er eben von mir und kann mit dem heutigen Tag eindrucksvoll belegt werden. Wie bereits im letzten Eintrag erwähnt, bin ich ja vor zwei Jahren, also anno 2011, bereits einmal über den Mekong nach Thailand gekommen und damals wollte niemand ein Visum oder auch nur meinen Pass sehen. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen, denn den hatte ich in Laos gelassen. Eingedenk dieser Erfahrung bodenloser Unkompliziertheit besteige ich auch jetzt das Holzboot, das als Fähre dient, und lande also in Laos. Doch da verlaufen die Formalitäten am Zoll nicht ganz unkompliziert. Ich solle, heißt es, noch mal zurück. Ich müsse mir in Thailand einen Ausreisestempel holen. Was interessieren die Laoten irgendwelche nachlässigen Thai-Zöllner argumentiere ich, aber nichts zu wollen. Ich muss wieder rüber. Nun kostet diese dämlich Drei-Minuten-Fähre allerdings jedesmal vierzig Baht. Das kann man doch sparen, denke ich, deponiere Rucksack und Tasche am Zoll, deponiere Schuhe und T-Shirt am Strand, packe meinen Reisepass in die verschließbare Hosentasche meiner kurzen Allzweckhose und gleite hinein in die Fluten des Mekong. Wäre doch gelacht, wenn ich da nicht einfach rüberschwimmen könnte. Doch das Wasser ist leider überhaupt nicht zu vergleichen mit dem in der Bucht von Phiphi Leh, es ist viel kälter und irgendwie trägt es auch nicht so gut. Ich strample und habe das Gefühl, dass das andere Ufer gar nicht näher kommt. Dann tauchen auf einmal Schlagzeilen von Leuten vor meinem geistigen Auge auf, die beim illegalen Grenzübertritt in der Oder ertrunken sind, und allein die Vorstellung, als depperter Tourist von lachenden Laoten aus dem übrigens erschreckend trüben Mekong-Wasser gefischt zu werden, nötigt mich, das Unterfangen kurzerhand abzubrechen. Ich bin aber immerhin schön erfrischt, als ich mein Portmonee mit dem Kleingeld vom Zoll hole, dabei den Eingangsbereich mit dem Schlamm an meinen Füßen besudele und an Bord des Bootes klettere,wo es leider keinen Rabatt wegen häufiger Nutzung gibt. Dann stehe ich in einer Schlage am Zollabfertigungshäuschen am thailändischen Ufer des Flusses und stelle fest: Ich habe die Zollerklärung nicht. Deswegen will der Beamte, der mich außerdem auffordert, mir ein Hemd anzuziehen, keinen Ausreisestempel geben und auch sonst nicht helfen. Überhaupt niemand macht Anstalten mir zu helfen. Ich kann auch nirgends das Ausreiseformular finden, obwohl alle eins in der Hand halten. Das liegt sicher nicht nur an fehlenden Englisch-Kenntnissen, sondern auch an meinem desolaten Auftreten. Und als ich das mit dem Hemd zu erklären versuche, dass sich dieses also quasi, sozusagen am anderen Ufer des Mekong befindet, wird auch das Auftreten des bulligen Zöllners auf der anderen Seite des Schalters desolat. Er brüllt mich an, wie das denn sein könne, dass ich sein Land einfach so unerlaubt verlasse. Der Witzbold erkläre ich sinngemäß, was weiß ich denn von seinem blöden Ausreisestempel. Hat mich ja keiner aufgefordert, mir einen solchen zu beschaffen, und keiner gehindert, die Fähre über den Mekong zu besteigen. Die spinnen, die Thailänder! Er solle jetzt mal endlich seinen Stempel in meinen triefenden Pass hauen. Da werde ich abgewiesen und in das Hinterzimmer des Zollgebäudes zu einem Gespräch mit einem höheren Beamten geführt. Dort rede ich so schnell Englisch, dass er nicht folgen kann, ebenfalls die Nerven verliert, obwohl er eben noch ganz höflich und ruhig gewirkt hat, und mich seinerseits anbrüllt, wie ich denn einfach ohne Stempel ausreisen könne. Ich erkläre, dem Wortlaut eines beliebten Werbespots der Bundesrepublik Deutschland folgend, ich sei Deutschland und könne hingehen, wohin ich wolle, und wenn ich beschlossen hätte, dieses komische Thai-:and zu verlassen, dann könne mich auch keiner stoppen ob mit oder ohne so einen blöden Stempel.Ob ich den jetzt also bekäme oder nicht. Nicht. Also verlasse ich wutentbrannt diese bescheuerte Holzhhütte, überlege kurz, ob ich vielleicht von dieser Seite über den Fluss ... Nein, ich sitze also zum dritten Mal im Boot über den Mekong, treffe einige der Touristen aus der Schlange von vorhin wieder, und erkläre beim laotischen Zoll: "Tja, die wollen mir aber keinen Ausreisestempel geben" und jetzt könnten die mich mal. Keine zehn Pferde würden mich noch mal zu diesen wenig hilfsbereiten Thai-Zöllnern bringen. Aber es gibt auch kein Visum für Laos. Mir reicht's. In einer Übersprungshandlung informiere ich mich am Stand nebenan über Boote nach Luang Prabang; doch dafür finden sich offenbar nicht genug Leute. Die Tante in der Hütte vor dem Zoll, die die Visa kontrolliert,habe ich da bereits hinter mir gelassen. "Ja, ja, gleich", erkläre ich. Ist doch hier sowieso nichts ordentlich organisiert. Und dann brenne ich einfach durch. Leider finde ich den Weg zum Busbahnhof von Houay Xai nicht mehr und muss in der sengenden Sonne wieder in Richtung Mekong zurückkehren. Als ich den richtigen Weg ermittelt und endlich die richtige Richtung eingeschlagen habe (nur noch sieben Kilometer), habe ich Glück - ein junger Mopedfahrer nimmt mich, den bereits sichtlich von der Hitze Angesengten, mit. Das ist sogar doppeltes Glück, denn in den letzten beiden Jahren ist der Weg zum Fernbus noch etwas weiter geworden: Man hat die alte Busstation zur Tankstelle umfunktioniert und die neue erstrahlt einen halben Kilometer weiter in für laotische Verhältnisse ungewohntem Glanz. Doch woher hätte ich das mit meinem Kenntnisstand von 2011 wissen sollen?
Als ich die Fahrkarte nach Luang Prabang für 17 Uhr erwerbe, also Zeit genug, werde ich allerdings stutzig: Die Verkäuferin fragt mich, ob ich der sei, der durch den Mekong geschwommen sei. "Nein, nein", antworte ich, "nur versucht!" Aber viel interessanter ist doch die Frage: Woher weiß die das? Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Aber ich lasse euch ein bisschen warten. Nur so viel: Das Zoll-Imperium schlägt zurück!

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Dienstag, 05. Februar 2013

Geordneter Rückzug
Von didus, 23:59

Heute versuche ich mal alles richtig zu machen - generalstabsmäßig geplanter und geordneter Rückzug aus Chiangmai: Zunächst fahre ich mit dem Fahrrad zur Fernbusstation, die noch weiter entfernt liegt als der Bahnhof. Die Idee: dort das Gepäck aufgeben und anschließend vom Hotel aus locker zu Fuß dorthin zurückkehren, denn das Fahrrad kann ich ja leider nicht mitnehmen. Das Mädel von der Gepäckaufbewahrung hat mich am Sonntag schon halb zum Wahnsinn getrieben, als ich zum ersten Mal hier war. Ich wollte nur den Preis erfragen und sie hat immer nur den Kopf geschüttelt, weil sie annahm, ich wolle das Fahrrad einstellen lassen. Typischerweise war es eine Chinesin, die mir dann helfen konnte, das Missverständnis aufzuklären. Und heute bin ich auch nicht so glücklich, weil sie mir die Stofftasche, die ich an meinem Rucksack festgebunden habe, gleich noch als zweites Gepäckstück berechnet. Außerdem zahle ich den Tagessatz, dabei will ich in zwei Stunden schon wieder hier sein. Vor dem Schalter von "Green Bus", der die günstigste Verbindung an die laotische Grenze anbietet, stehen ganz schön viele Touristen herum. Ich muss eine Nummer ziehen wie bei uns beim Arbeitsamt und kann daher das Fahrrad nicht pünktlich um 10 Uhr zurückgeben. Doch bei Maeping übersieht man die rund 45-minütige Verspätung und mir bleibt trotz allem noch genug Zeit für einen letzten Ausflug zum Tapae-Tor und der alten Stadtmauer. Dann mache ich mich ganz entspannt auf den zwei bis drei oder auch viereinhalb Kilometer langen Weg zum Bus, esse ich in der langen Straße, die zum Busbahnhof führt, noch schnell zu Mittag in einer Schilfrohrhütte am Wegesrand.
Um 13 Uhr fährt der Bus in Richtung Grenze ab. Durch das nordthailändische Hochland geht es dann nach Chiangkhong, wo ich mich bereits auskenne, denn ein etwa dreistündiger Ausflug vor zwei Jahren führte mich bereits von Laos aus hierher. Diesen unternahm ich damals ohne Visum und dafür wird sich das Schicksal jetzt bitter rächen. Aber der Reihe nach: Der "Greenbus" kommt nach Einbruch der Dunkelheit in dem kleinen Grenzort an. Eine Hotelbesitzerin greift alle Ausländer außer mir gleich ab und schleift sie in ihr Hotel (Herdeninstinkt). Ich bleibe allein in der Dunkelheit zurück, denn ich will sofort an den Grenzfluss Mekong, weil ich am liebsten sofort nach Laos übersetzen würde. Daraus wird leider nichts. Die Grenze ist dicht. Ich finde eine billige, allerdings leicht mückenverseuchte Absteige im Obergeschoss eines Kramladens. Meine Nachbarn sind ein französisches Pärchen. Das Klo liegt auf dem Dach des Anbaus und ist ein der Zivilisation mühsam abgerungenes Feuchtbiotop, in dem die Shampoo-Flaschen von einem Jahr Notabsteige für Touristen für die nötigen exotischen Farbtupfer sorgen. Ich kaufe noch schnell bei Seven-Eleven ein, was ich immer einkaufe, und denke darüber nach, ob ich das Schnellboot nach Luang Prabang nehmen soll, das mir der freundliche junge Mann an einem Touristenstand vor der geschlossenen Grenzstation angeboten hat. Das kostet allerdings 1.800 Baht, die mein Reiseportmonee kaum noch ausspuckt, und soll mörderisch laut sein. Es wäre aber dennoch die bessere Entscheidung gewesen in Anbetracht des Desasters, das vor mir liegt und unter dem Titel "Das Zoll-Imperium schlägt zurück!" in meine Biografie eingehen wird.

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Montag, 04. Februar 2013

Wo, bitte, geht's denn hier zur deutschen Schule?
Von didus, 23:59

Ja, gut, sicherlich, es war ein bisschen blauäugig, sich auf eine vage Google-Markierung zu verlassen. Am Anfang sieht dennoch alles ganz positiv aus: Ich bin unterwegs auf jener Landstraße stadtauswärts, von der laut Google irgendwann eine Straße namens Soi Nong Sala abgehen soll, die zu der berühmten deutschen Schule führt. Erfolgreich habe ich bereits Thanon Somphot gekreuzt und an einer Schule bin ich auch schon vorbeigefahren; ich nehme das als gutes Zeichen. Ich finde aber dort, wo ich Thanon Somphot vermute, nur ein Krankenhaus, fahre weiter Richtung Yang Noeng, bis ich den Eindruck gewinne, zu weit gefahren zu sein. Ich fahre also zurück, finde das Krankenhaus nicht mehr, weil ich vorher rechts abgebogen bin. Jenseits der Bahnlinie und des Expressways 11 erwarten mich jedoch nur öde Weiler und verlassene Liegenschaften. Dort schauen mich auf meinem Drahtesel die Leute an wie ein Gespenst, wenn ich es wage, auf Englisch nach dem Weg zu fragen. Denn obwohl ich inzwischen Saraphi erreicht habe, den eigentlichen Sitz der deutschen Schule, obwohl ich sogar schon den Bahnhof hinter mir gelassen habe: Ich finde die Schule nicht, nicht mal ein Hinweisschild. Ich also zurück. Aber was ist der Weg denn auf einmal so lang? Das muss an meinem Hintern liegen, der nach zwanzig Kilometern einfach nicht mehr auf dem Sattel sitzen kann!
"O.k., gestern, da hast du dich ja noch achtbar aus der Affäre gezogen, aber das heute ist doch ein Totalreinfall. Auf dich ist einfach kein Verlass", halte ich Gott in einer meiner Frustattacken vor, als ich schon wieder auf dem Rückweg bin. Denn eines ist doch wohl klar: dass ich im Moment nicht den Hauch eines Hinweises habe, wie ich hier in der Fremde diese ver-, also, diese deutsche Schule finden soll. Mehr aus Bockigkeit denn mit dem Gefühl echter Hoffnung (schließlich ist es schon halb zwölf und ich hatte mich für den Vormittag, ca. 11 Uhr, angekündigt) fahre ich auf das Gelände der Polizeistation von Saraphi ("Die Polizei, dein Freund und ... " - ihr wisst schon). Zum Glück beginnt die Siesta erst um eins. Ich treffe tatsächlich Beamte, die ich fragen kann. Denen lese ich nun also die genaue Anschrift vor: "83/1 Ban Bua Krok Nua." Saraphi, wird mir langsam klar, ist nur der Oberbezirk. Ich müsse nach Krok Nua. Dazu solle ich (abweichend von dem, was Googlemaps mir weisgemacht hat) an der Kreuzung in ein bis zwei Kilometern Entfernung links ab.
Vor mir liegt eine gewaltige Durststrecke. Die Sonne knallt auf der einsamen, staubflirrenden Landstraße mit öden Feldern links und rechts so auf mein Haupt, dass ich schon längst mit Tüte auf'm Kopf fahre (schöner Gruß an Annett). Aber die Durststrecke will nicht enden. Sieht also, als wäre ich aber jetzt in Ban Bua (Ban heißt anscheinend so viel wie "Dorf") angekommen - rechts ab. Aber wo ist Krok Nua? Ich komme an einer Beerdigungsprozession vorbei (Moped-Tuctuc mit Sarg); der aufrecht stehende Sarg sieht aus wie ein Stilmix aus Standuhr und Mini-Tempel, die Tote hat man als Computer-Ausdruck oben unterm Giebel aufgehängt. Soll das heißen, ich soll meine Pläne, die deutsche Schule zu finden, endgültig begraben? Ich muss ja auch mal an den Rückweg denken ... au, (Gesäß-) Backe!
Reisende soll man nicht aufhalten, also weiter. Schließlich erreiche ich Krok Nua. Aber das ist noch nicht das richtige Krok Nua. Es gibt, verrät mir ein alter Mann auf einer Bank im Schatten, wohl noch ein anderes. Man muss sich das so ähnlich vorstellen wie bei uns mit Groß- und Kleinkummerfeld oder Klein-Kummerfeld und Kleinkummerfeld (Bahnhof), die Entfernungen sind übrigens auch ähnlich. Ich komme aus dem ruralen Irrgarten heraus und finde mich auf einer Hauptverkehrsstraße wieder. Wo bin ich denn hier gelandet? Ich muss die kleinere Hälfte von Krok Nua verpasst haben. Also zurück. Tja, und dann ist da plötzlich das Schild der christlichen deutschen Schule ("CDSC"). Wie in Trance radle ich die staubige Sandpiste entlang, fahre, als hätte man mich frisch aufgetankt. Und dann bin ich da.
Doch obwohl ich per E-Mail angekündigt war, fällt das Empfangskomitee aus. Es hat mich ganz offensichtlich niemand erwartet. Die Nüchternheit des Empfangs, irgendwie typisch deutsch, kühl, sachlich, geschäftsmäßig, kontrastiert auffällig mit dem Empfang gestern in der von Amerikanern geprägten Gemeinde. Ich darf den vorab vereinbarten Rundgang alleine machen, bekomme aber immerhin ein Ansteckschildchen mit der Aufschrift "Visitor", damit ich keine Kinder erschrecke. Die Schule liegt quasi auf freiem Felde, umgeben von Land, das noch landwirtschaftlich genutzt wird; die Zufahrt erinnert an die zu Bissenbrook. Die Ausstattung der Schule ist beachtlich und kann mit der Grundschule Großenaspe mühelos mithalten. Sogar eine Sporthalle gibt es für die knapp achtzig Schüler. Glück für mich, dass das Mittagessen hier erst um eins stattfindet. Ich muss mich aber auch im Mensabereich alleine zurechtfinden und wähle für vierzig Baht das Thai-Essen anstelle des deutschen (Schweinebraten mit Rotkohl). Alle, Lehrer und Schüler, sitzen draußen unter einem Schatten spendenden Dach. Doch ich bleibe ein Fremdkörper. Die vermeintlichen Lehrer, zu denen ich mich setze, entpuppen sich als Eltern, die ihre Sprösslinge abholen. Sie mokieren sich darüber, dass die Evolutionslehre hier im Bio-Unterricht neben den Schöpfungsbericht gestellt, gar in Zweifel gezogen wird. Ein bayerischer Auswanderer mit thailändischer Frau, dessen Bub' zu uns an den Tisch kommt, klärt mich darüber auf, dass ich eigentlich nur der Hauptstraße, an die ich eben schon gekommen bin, in Richtung der Brücke über den Fluss und danach dem Fluss zu folgen brauche, um wieder nach Chiangmai zu kommen.
Vorher versuche ich es aber noch mal kurz im Sekretariat. Der Direx, soeben eingetroffen, hat signalisiert, dass er in einem Moment Zeit für mich haben werde. Ich warte also eine Weile im Vorzimmer, aber irgendwie taucht kein Direx mehr auf und das Nächste, was ich höre, ist, dass der Direx in einer Besprechung ist. Was ich hätte sehen wollen, hätte ich ja nun gesehen, teile ich Sekretärin Andrea mit und verabschiede mich, schon ein wenig enttäuscht über den alles in allem spröden Umgang mit dem von weither Angereisten. Der Weg zurück in die Stadt ist dank der Hinweise des freundlichen Bayern vom Mittagstisch wesentlich kürzer, als meine Anreise vermuten ließ.
Mein Hintern ist zwar der Meinung, dass es für heute reicht; ich bin aber anderer Meinung, denn morgen muss ich ja bereits abreisen. Ich fahre also, durch das Mittagessen mit neuen Kräften ausgestattet, auf die andere Seite der Stadt, wandere einen Wasserfall entlang und schaffe es bis Einbruch der Dämmerung sogar noch bis in den Tropen-Urwald, der die Hänge im Westen der Stadt bedeckt. Dort gibt es einen schicken Wasserfall, eigentlich ein eintrittspflichtiges Gebiet, aber offenbar wegen Renovierung derzeit ohne Eintritt. Ist auch nicht viel los, während ich der drei Kilometer langen Straße durch den Dschungel folge. Einmal überholt mich ein Moped. Später leistet mir ein chinesisches Pärchen Gesellschaft, das vor dem malerisch die grün berankten Felsen herabstürzenden Wasserfall für Fotos posiert. In der Dämmerung werfe ich von einem Aussichtspunkt noch einen Blick auf die Stadt im Tal unter mir. Dann finde ich leider im Dunkeln den Weg nicht mehr, mache Pause, esse erst mal auf einem Nachtmarkt gebratene Nudeln, werde von Moskitos gestochen, lande orientierungslos am völlig falschen Ende der Stadt und radle und radle und radle. Wie viele Kilometer das am Ende dieses Tages geworden sind, weiß kein Mensch.

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Sonntag, 03. Februar 2013

Wundersame Fügungen
Von didus, 23:59

Einer der Gründe meiner Reise nach Chiangmai war, die deutsche Schule kennen zu lernen, die es angeblich in Chiangmai gibt. Vorab, so meine Überlegung, könnte man sich doch schon mal im Gottesdienst treffen; immerhin handelt es sich um eine christliche deutsche Schule und  nachdem ich schon zwei Sonntage in Folge ohne Gottesdienst überstehen musste, fühle ich mich geistlich bereits etwas verarmt. Andrea vom Sekretariat war auch so nett, mir die Adresse des Kinsey-Drogentherapiezentrums zuzusenden, wo viele Deutsche zum Gottesdienst hingehen, aber leider hat sie die Wegbeschreibung und die Anfangszeit weggelassen. Ich schaue also bei Googlemaps nach.
Schon der Weg zum Fahrradverleih steht allerdings unter schlechtem Vorzeichen. Ich rufe und rufe, aber außer einem Siebenjährigen, der autistisch vor dem Computer sitzt, ist niemand zu Hause. Ich denke: Man kann doch den Knaben da nicht so alleine sitzen lassen. Ich rufe penetrant einige Dutzend Mal  "Hello?", der Knabe muss denken: Die spinnen, die Ausländer! Schließlich taucht die Mama mit dem Motorroller auf, nur um mir mitzuteilen: kein Fahrrad. Nachdem ich mir eine Straße weiter bei "Maeping Car Rent & Travel" (Anschrift: 99/4 Loi Khor-Straße A. Muang - geöffnet von 8.30 bis 22 Uhr) dann doch noch für 50 Baht Miete pro Tag einen Drahtesel ausgeliehen habe, mache ich mich eilends auf den Weg gen Süden, aber es ist zum Verzweifeln, so sehr ich mich auch bemühe und den vereinzelten Hinweisen folge, das Kinsey-Drogen-Reha-Zentrum bleibt so unauffindbar wie das ominöse Schloss in Kafkas gleichnamigen Roman. Alle haben davon gehört, etwa beim CVJM, bei dem ich in ein Grillfest hineinplatze, aber kein Hinweis ist zielführend. Ich fahre Schleife um Schleife. Am Ende gebe ich wie K. genervt und frustriert auf, setze mich an den Fluss und sage zu Gott: "So gehst du also mit denen um, die sonntags dein Haus suchen! Supa g'macht." Als Trostpflaster schaffe ich noch fünf Minuten einer katholischen Messe in einer Kirche an der Hauptstraße, die ich gekommen bin. Aber da bin ich schon auf dem Rückweg und es geht auf 12 Uhr zu.
Doch die Geschichte geht jetzt erst los, denn wundersam, o Herr, sind deine Wege: Bei McDonald's vor der Tür, wo ich inzwischen gelandet bin, läuft mir mit ihren Kindern - ich muss zweimal hinschauen, um es zu glauben -, eine Frau über den Weg, die ich spontan mit den Worten anspreche: "I know you from Nanjing, right?" Es ist die Ehefrau von Andy, der ab und zu in der Internationalen Gemeinde Nanjing predigt und hier in Chiangmai an einer Konferenz teilnimmt. Ich klage seiner Frau also mein Leid und sie rückt prompt mit der frohen Botschaft heraus, dass es ihres Wissens hier in Chiangmai einen englischsprachigen Gottesdienst um 16.20 Uhr gibt (das ist in etwa einer Stunde). Sie kennt zwar nur den ungefähren Namen, aber ich solle doch mal im Netz den Rest herausfinden. Das tue ich, vermöge  meines schönen neuen Kindle Fire, umgehend. Der wundersamen Fügung zweiter Teil: Von meinem Hotel, dem nostalgischen Tapae Inn, aus, wohin ich inzwischen umgezogen bin, ist die Kirche mit dem Radl fünf Minuten entfernt. Ich kann also noch in Ruhe duschen und dann nix wie hin. Ich werde aufgenommen wie der verlorene Sohn, der ich ja heute auch bin. Für Neulinge gibt es einen eigenen Stand. Frisches Wasser erquickt meine Seele. Ich darf mich später mit meiner Geschichte unter dem Programmpunkt "Gäste werden begrüßt" kurz vorstellen, die Gemeinde staunt mit mir über Gottes wundersame Wege und im Anschluss stellt mich eine freundliche Amerikanerin noch einigen Deutschen, darunter ein deutsch-Schweizer Missionarsehepaar mit zwanzig Jahren Dienst im Lande, vor. Die wissen auch von der deutschen Schule zu berichten, aber die sei ja sooo weit von Chiangmai entfernt. Ob ich also mein Vorhaben, da morgen mit dem Fahrrad vorbeizuschauen, erfolgreich umsetzen kann? Oder droht die nächste Frustattacke? Jedenfalls habe ich ja heute gelernt: Niemals aufgeben! Was ich ahne, aber noch nicht weiß: Die größe Irrfahrt dieses Urlaubs liegt unmittelbar vor mir!

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Samstag, 02. Februar 2013

Bummelzug nach Chiangmai
Von didus, 23:59

Nun habe ich also den Weg genau vermessen, weiß genau, wie ich gehen muss und wie lange ich dafür brauche – und nun kann, wer das noch nicht hinter sich hat, ein total fatales Verhaltensmuster von mir kennen lernen: Ich muss einfach immer etwas Neues, notfalls Riskantes ausprobieren, anstatt auf Nummer sicher zu gehen. Gestern habe ich nämlich an der großen Kreuzung zwischen Loha Prasat, Phrakan und Goldenem Berg unterhalb der weißen Kanalbrücke gesehen, dass es auch Motorboote über den Kanal gibt und da ja der Bahnhof an so einem Kanal liegt und ich noch über 45 Minuten Zeit habe, stelle ich mich also um 8.40 Uhr ans Ufer, wo auch eine Art Boot-Busplan hängt. Und dann kommt so ein langes Boot, legt an und ich frage den Steuermann nach dem Bahnhof. Erst fährt das Boot in die Gegenrichtung, dann heißt er mich plötzlich doch einsteigen. Inzwischen sind die hölzernen Sitzbänke auch gut gefüllt mit lauter Einheimischen. Allerdings sind es nun auch nur noch dreißig Minuten bis zur Abfahrt des Zuges. Ich werde noch nervöser, als mir meine junge Sitznachbarin schon an der nächsten Bus-, äh, Bootshaltestelle zu verstehen gibt, dass ich hier jetzt aussteigen müsse. Aber wo bin ich hier gelandet? Auf jeden Fall nicht am Bahnhof! Es ist ein bisschen wie mit Bus Nr. 511 gestern. Nur dass ich jetzt nicht den ganzen Tag habe, um den Weg zu finden.
In dieser Lage erweist sich es nun als Glücksfall, dass ich am Vorabend den Weg so akribisch ausgekundschaftet habe. Ich erkenne das hohe Royal-Prince-Hotel wieder und kann mich rasch orientieren. Nach etwa fünf Minuten bin ich auf Höhe des Bobae-Markts am Kanal, dem ich nur noch in Richtung Süden zu folgen habe. Ich erreiche den Bahnhof um 8.25 Uhr. Aber der Zug wird erst noch mit einem Wasserschlauch abgespritzt und fährt mit zwanzigminütiger Verspätung ab. Auch dieser Zug verströmt kolonialen Charme. Aber es ist doch ein Unterschied zu früher zu erkennen: Der Zug ist klimatisiert und was sogar noch besser ist: Die Passagiere werden verpflegt wie bei einer Flugreise. Es beginnt mit einer Maissuppe. Das soll wohl darüber hinwegtrösten, dass wir die 756-Kilometer-Tour mit der gleichen Spitzengeschwindigkeit angetreten haben, wie die AKN zwischen Wiemersdorf und Großenaspe erreicht. Wir passieren Ayutthaya, Lop-Buri, Nakhon Sawan, Bung Phra, Nakhon Lamphang, Sila At, Lam-Phun und andere Orte mit schön klingenden Namen und Bahnhöfen, die bei uns anstandslos als Freilichtmuseum durchgehen würden. Lop-Buri, die legendäre Affenstadt, an der schon am Bahnhof eine große, goldene Affenskulptur deutlich macht, wer hier das Kommando übernommen hat, ist allerdings nicht zu übertreffen: Die ganze Stadt ist von Makaken besiedelt. Sie machen sich auf den Straßen und Wegen breit wie Straßenhunde (die man hier nicht sieht). Auf einer Tempel-Anlage, die aussieht wie Dresden 1945, sieht man Hunderte Affen.

Flache Reis- und Maisfelder prägen im Süden und in der Mitte das Landschaftsbild. Was im Vergleich zu China auffällt, sind die dünne Besiedlung, die geringe Industrialisierung und das Gefühl, dass die Landwirtschaft nicht so erbarmungslos verzweckt ist wie beim bevölkerungsreichen Nachbarn; dafür sieht man mehr typisch amerikanische Pick-ups. Dann geht es durch den Hochland-Dschungel, der Zug wird langsamer als die AKN und man fühlt sich versetzt in »In achtzig Tage um die Welt«, genauer gesagt, an die Stelle, wo Phileas Fogg irgendwo in Indien mit dem Zug im Dschungel stecken bleibt. Das passiert uns nämlich auch, und zwar kurz vor dem Ziel, allerdings ohne Fremdeinwirkung. Die Nacht ist bereits vorgedrungen und wir stehen fast zwei Stunden an der Bahnstation Maet Hoelen oder so, was für mich ein bisschen klingt wie »mitten in der Hölle«. Allerdings ist es draußen eher kühl. Mehr als Busch, Schienen und die Holzhütte des Bahnwärters ist nicht auszumachen.  Die Lok schaffe die Steigung nicht, lautet die Information. Wie genau das Problem behoben wird (muss jemand per Moped irgendwo ein Ersatzteil besorgen?), erschließt sich mir nicht, aber es geht schließlich weiter.
Nachdem wir gegen halb elf Chiangmai erreicht haben, lasse ich alle Taxi- und Tuctuc-Fahrer, die sich wie üblich Moskitos gleich auf die Reisenden stürzen, auf dem Bahnhofsvorplatz stehen,  an dessen Rand eine alte Dampflok steht, bei deren Anblick man sich wundert, dass sie schon außer Dienst gestellt wurde. Fest in den Blick genommen habe ich dafür den »Seven-Eleven«-Laden gegenüber, wo ich mir gewohnheitsgemäß einen selbst gebastelten Burger für 20 Baht und die notorische Mili-Schokomilch kaufe. Denn ein Abendessen gab es nach 18 Uhr im Bummelzug nicht mehr. Nur so gestärkt kann ich mich auf den Weg in die Innenstadt von Chiangmai machen, wo es erstaunlicherweise geregnet hat und die Straßen noch nass sind. Diesmal lande ich nach einem nicht ganz so langen Marsch wie in Bangkok gestern im »Hi-Hostel«, das mit 500 Baht pro Nacht aber auch viel teurer ist als sein Namensvetter in Bangkok.

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Freitag, 01. Februar 2013

Entscheidung in Bangkok
Von didus, 23:59

Und nun also Bangkok, die Hauptstadt. Bangkok, wirklich? Ist das wirklich Bangkok, wo unser Bus am frühen Morgen hält, an einer großen Fernbusstation im Niemandsland? Bald wird klar: Um wirklich nach Bangkok zu gelangen, liegt noch ein gewaltiges Stück Weges vor mir. Nachforschungen ergeben, dass der Bus mit der Nummer 511 irgendwie richtig sein muss. Zwei Rucksacktouristinnen, vermutlich Russinnen, entscheiden sich für einen anderen Bus. Wo werden die wohl landen? 511 wird erst mal gereinigt und ist noch völlig leer. Es ist eben noch früh am Morgen. Nach einer halben Stunde schließlich fährt der Bus 511 mit mir und ein paar anderen Zerstreuten an Bord ab. Ich bin erst mal beruhigt. Es geht weiter. Die Schaffnerin besteht allerdings schon nach ca. zehn Minuten Fahrt darauf, mich aussteigen zu lassen. Sie gestikuliert. Was sie zu erklären versucht, bleibt für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Irgendwie muss es von hier weitergehen. Nur wie? Ich befinde mich am Rande einer Schnellstraße mit hochgelegter Trasse für noch eine Schnellstraße und mein Gefühl ist: Ich bin so wenig am Ziel wie ein Reisender, den man in Kaltenkirchen ausgesetzt hat und der eigentlich nach Hamburg möchte. Mein Gefühl trügt mich nicht, wie sich zeigen wird.
Da entdecke ich ein Schild mit der Aufschrift »Railway Station«. Hier soll es einen Bahnhof geben? Das kann ich aber nicht glauben. Ich biege in eine Seitenstraße ein, die durch ein vergleichsweise adrettes Mittelstandswohngebiet führt. Am Ende, ca. einen Kilometer entfernt, der sich wegen meines Gepäcks aber deutlich länger anfühlt, könnte etwas stehen wie ein Bahnhof. Doch das geräumige Haus, das in einer Kurve liegt, entpuppt sich als Schimäre. Ich muss den beschwerlichen Weg zurück antreten. Eine andere Straße geht halb links von der Schnellstraße ab. Könnte ja auch sein, dass sich das Schild, das einen Bahnhof verheißt, darauf bezieht. Also gehe ich nun, während die Sonne immer höher steigt, die Ratchapruk-Straße entlang. Hier sieht es nicht mehr nach Mittelstand aus. Die Ratchapruk-Straße ist eine Allee, die ein Graben säumt, in dem überall Müll herumliegt. Straßenköter mit struppigem Fell wühlen darin nach Essbarem. Links immer wieder auch mal freies Feld, rechts Baracken oder Werkstätten, in denen Technik-Ramsch verkauft wird. Einladend wirkt das alles nicht. Nach einer halben Stunde Fußmarsch stößt die Schmuddelstraße wieder auf eine große Hauptverkehrsader. Vermutlich bin ich im Kreis gegangen. Das wäre jedenfalls typisch. Doch dann sehe ich linker Hand auf der anderen Seite ein ganz neues, pastellfarbenes Gebäude, das überhaupt nicht in die Landschaft passen will, und das ist der Bahnhof Tailing Chan Junction. Eine saubere Schalterhalle erwartet mich, dahinter eine freundliche junge Dame, die mir gleich einen ganzen Fahrplan, den der Linie Süd, aushändigt. Tja, und was soll ich sagen? Ich habe ziemliches Glück: Der Zug nach Bangkok der planmäßig um 8.28 Uhr abgefahren wäre, hat eine Stunde Verspätung, wie mir die Dame am Verkaufsschalter mitteilt, und, ja, ich kann für vierzig Baht eine Fahrkarte erwerben. Der darauf folgende Zug nach Bangkok hält hier übrigens um 18.10 Uhr. Wie bei einem deutschen Bahnhof gibt es eine Unterführung – die Rolltreppe von Thyssen-Krupp geht allerdings noch nicht –, daneben sogar ein nagelneues WC, wo ich erst mal Zähne putzen und Morgentoilette machen gehe. Da man die Unterführung zwar begehen, aber noch nicht benutzen kann, trete ich, von zwei Uniformierten angeleitet, durch eine Schiebetür an Gleis 1. Der Zug, in den ich steige, will nicht so recht zu dem schicken Bahnhof passen und kann vor hundert Jahren auch nicht sehr viel anders ausgesehen haben. Offene Fenster, graue Sitzpolster geben dem Ganzen den Charme von 2. Klasse im Kaiserreich. Wir passieren die Bahnhöfe Thon Buri, Bang Bamru, Bang Sue Junction, Sam Sen – hier sieht es schon sehr nach Stadt aus –, halten jeweils ziemlich lange und erreichen endlich nach ca. einer Stunde den Hauptbahnhof von Bangkok. Der passt nun tatsächlich sehr gut zu dem Zug. Ein bisschen erinnert fühle ich mich auch an den Moskauer Bahnhof, von dem aus die Züge nach China und Ostsibirien starten. Nun muss ich eine Entscheidung treffen. Wie lange soll ich mich in Bangkok aufhalten? Ich will meinen Zeitplan nicht gefährden und kaufe eine Fahrkarte für morgen früh nach Chiangmai, Fahrpreis 641 Baht, Abfahrt 8.30 Uhr, Ankunft (geplant) 20.30 Uhr – einmal durch das halbe Land. Ich schaue mir bei der Information den hinter dem Schalter aufgeklebten Stadtplan so lange an, bis ich mich grob orientieren kann und dann wird es doch wieder eine ziemlich lange Wanderung, vorbei an lautem Verkehr und still in der Mittagssonne glänzenden Buddha-Tempeln mit goldenen Giebeln, die in der Stadtmitte etwa ein Drittel aller Bauwerke ausmachen. Jedenfalls ist das mein Eindruck. Es dauert in Anbetracht meines schweren Gepäcks quälend lange, bis ich endlich die Touristenecke nordwestlich vom Bahnhof gefunden habe, und dann noch einmal quälend lange, bis ich eine freie Unterkunft gefunden habe. Ich lande schließlich in einem klimatisierten 8-Bett-Zimmer im »Hello-Hostel«. Dort gibt es wieder drei Deutsche, die in Fujian studieren, also auch in China beheimatet sind, und auf deren Reiseroute noch Kambodscha und Vietnam liegen. Da ich nur einen Nachmittag in Bangkok habe, mache ich mich nun auf zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten: zur alten Festung Phra Sumeru am Fluss Chao Praya und zum legendären Großen Kaiserpalast, wo Soldaten mit schroffem Befehlston dafür sorgen, dass man die kaiserliche Sperrzone nicht betritt. Leider ist hier nach vier Uhr bereits alles Sperrzone; ich sehe daher nur die drei berühmten Kuppeln und schaue hier und da mal durch den Zaun. Überhaupt - das habe ich noch gar nicht erwähnt - die Kaiserverehrung in diesem Land ist unfasslich. Der steht auf riesigen Plakaten überall im Land herum. So oft sieht man Mao in China nicht! Weiter geht es zur pittoresken Pagode von Wat Arun am anderen Flussufer. Als ich für die Fähre über den Fluss anstehe, erblicke ich eine Postkarte, deren Motiv mich nicht mehr loslässt und dem ich fortan verfallen bin wie Don Quixote seinen Windmühlen: ein Foto vom Fischmarkt auf Booten, das sich mir einst in dem Bruno-Brazil-Abenteuer Entscheidung in Bangkok eingeprägt hat. Ich lasse Wat Arun also links liegen, steige nicht für 50 Baht hinauf, sondern bestaune nur kurz die immer gleiche Miniatur-Darstellung eines Buddhas, die sich spiralförmig als Endlos-Mosaik um das ganze Bauwerk windet und ihm so sein besonderes Aussehen gibt.
Ich folge dem Fluss in der Hoffnung, den Bootsmarkt ausfindig zu machen. Aber es ist ein Kampf gegen die Uhr, den ich verliere. Am Ende verliere ich sogar noch mehr, nämlich die Orientierung. Ich habe die Memorial-Brücke überquert, musste unter dem Denkmal kurz ausruhen, woraufhin mich ein Unifomierter gleich wieder gerügt hat, weil das sich hier nicht schickt auf den heiligen Steinen des Denkmals, und finde mich wieder in einem engen Gassenbasar von Bangkok-Chinatown, wo gerade die Stände abgebaut werden. Überall liegt Eis im Rinnsal, stinkt es nach Fisch (ich also immer der Nase nach) oder faulen Früchte. Ich kehre um, als es dämmert, muss auf einer Verkehrsinsel nach dem Weg fragen, was ganz schön anstrengend ist, denn Thailänder, die des Englischen nicht mächtig sind, wenden sich meist brüsk ab, wenn man sie anspricht. Chinesisch geht auch nicht. Am Ende kann ich mit Hilfe des Stadtplans, den ich im »Hello-Hostal« bekommen habe, aber doch den Weg Richtung Bahnhof finden. Da musste ich sowieso noch hin, um nämlich den Weg zum »Hello-Hostel« zeitlich zu vermessen, damit ich morgen rechtzeitig aufstehe und pünktlich am Bahnhof bin. Ich passiere den beleuchteten Goldenen Berg, auf dem - was sonst? - eine goldene Tempelkuppel angestrahlt wird und der Nacht Glanz verleiht und komme schließlich auf etwas mehr als 45 Minuten Fußmarsch. Später in der Nacht durchschreite ich das lärmende Touristenviertel, esse gebratene Nudeln (am Nebentisch mal wieder Russinnen) und bin froh, als ich dem lärmenden Gedränge wieder entronnen bin, was, da nachts bekanntlich alle Straßen grau sind, gar nicht mal so einfach war.

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