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Donnerstag, 09. Februar 2012

... aber leider kein Gehör fand
Von didus, 18:04

Vielen Dank für Ihr Schreiben an das ZDF, in dem Sie uns für die Sendung "Wetten, dass..?" eine Idee anbieten. Die Nachfolge von Thomas Gottschalk klären wir in einem internen Verfahren, dessen Ergebnis wir zu gegebener Zeit mitteilen. Wir sind in diesem Zusammenhang auch nicht auf der Suche nach Konzeptvorschlägen und Ideen. Die Modifikationen zur Sendung werden wir passend zu unserer Entscheidung über die Moderation vornehmen.
Es tut uns leid, Ihnen keine andere Auskunft geben zu können. Wir wünschen Ihnen alles Gute! Mit freundlichen Grüßen
_______________________________________
ZDF Business-to-Business 55100 Mainz

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Wie ich die Zukunft von "Wetten dass..?" rettete...
Von didus, 14:45

Lieber Herr Bellut! Ich bin ein WETTEN DASS..?-Anhänger der ersten Stunde und habe lange nachgedacht, wie das Problem der Nachfolge zu lösen ist. Ich denke, ich habe die Ideallösung gefunden. Niemand kann in die Fußstapfen von Thomas Gottschalk treten; der Druck, an ihm gemessen zu werden, ist zu groß. Man kann im Grunde nur verlieren. Man denke an die Nachfolge von Dieter Thomas Heck bei der HITPARADE. Niemand war gut genug. Die Lösung: Jede Sendung wird von einem anderen renommierten Moderator übernommen. Abgesehen von Moderatoren, die exklusiv an einen Sender gebunden sind, würde damit theoretisch jeder prominente Moderator zur Verfügung stehen. Jeder könnte der jeweiligen Sendung ein ganz eigenes Gepräge geben und das Interesse an Wetten dass..? zusätzlich wach halten. Jede neue Sendung wäre schon durch die Wahl des Moderators ein neues Medienereignis. Gleichzeitig wäre der Moderator dem Quotendruck und der Verdammnis zum Erfolg entzogen, da er nur einmal in zwei Jahren moderieren müsste. Das ZDF hätte den Vorteil, dass es einer Image-schädigenden Enttäuschung mit dem Moderator entgehen würde. Denn wenn ein Moderator nicht ganz den Erwartungen entsprach, kann man sagen: Neuer Moderator, neues Glück. Auch finanziell könnte dieses Einmal-Modell, bei dem der Moderator nur ein Honorar für einen einmaligen Einsatz inkl. Vorbereitung erhält, von Vorteil sein. Schließlich dürfte das Interesse bei prominenten Moderatoren, das Flaggschiff der deutschen Unterhaltung wenigstens einmal zu moderieren, ziemlich hoch, das Angebot verlockend sein, jedenfalls viel verlockender als ein Langzeitengagement mit den entsprechenden Risiken zu scheitern. Dritter Vorteil: Bei so einer Regelung wäre auch eine einmalige Rückkehr von Gottschalk selbst möglich, ohne dass er damit seinen Abschied zurückzunehmen hätte. Vielleicht hat er ja in zwei Jahren doch mal wieder Lust, wenigstens auf ein Sommer-Wetten dass..? Selbiges gilt für Hape Kerkeling. Einmal würde er die Sendung bestimmt übernehmen könnnen. Und sogar an eine einmalige Rückkehr von Wetten dass..?-Erfinder Frank Elstner - von vielen gewünscht - sowie des nicht ganz so erfolgreichen Wolfgang Lippert wäre zu denken. Auch das würde sicher für hohe Quoten sorgen, im Fall Lippert wenigstens im Osten (Sendung aus Riesa). Vierter Vorteil: Nach zwei Jahren kann man Bilanz ziehen und das Projekt fortsetzen. Anhand der Quoten ließe sich aber auch in Erwägung ziehen, ob man nicht dem Kandidaten mit der besten Quote doch ein häufigeres oder festes Engagement vorschlägt.
Mein Vorschlag für den Moderatoren-Pulk:
Erstes Jahr: Harald Schmidt, Johannes B. Kerner, Beckmann, Wolfgang Lippert, Verona Feldbusch (Sommer-Ausgabe), Frank Elstner.
Zweites Jahr: Stefan Raab, Michael Steinbrecher, Thomas Ohrner, Hape Kerkeling, Thomas Gottschalk (Sommer-Wetten dass..?), Günther Jauch.

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Mittwoch, 08. Februar 2012

Xiamen-Schanghai-Nanjing
Von didus, 23:59

Die Pizza, die ich im Pizza-Hut esse, kommt so spät, dass ich mir dir restlichen zwei Stücke einpacken lassen muss, damit ich auf dem Bahnhof nicht wieder hetzen muss. Im D-Zug Nr. 3204, Abfahrt 11.43 Uhr, Fahrpreis 339 Yuan, beginnt dann das bange Warten: Wann werde ich jemandem mit Sitzplatzkarte weichen müssen? Meine Sitznachbarin, die ebenfalls nur eine Stehplatzkarte erworben hat, weicht schon nach einer guten Stunde auf einen anderen Platz aus. Bei jedem Halt beginnt das bange Starren auf die neu eintrudelnden Passagiere neu: Ein junges Mädchen, das eine Zeitlang ratlos in der Gegend herumblickte, hat schlussendlich die Zugbegleiterin alarmiert, die nun mich und meinen Sitznachbarn um einen Fahrkartennachweis bittet. Bei ihm ist alles in Ordnung. Ich komme mir schon fast vor wie ein ertappter Schwarzfahrer und erkläre sogleich, dass mir schon klar sei, dass ich nur einen Stehplatz habe, man könne mir doch dann sagen, dass ich aufstehen soll. Ergebnis: Man lässt mich dort sitzen. Ein Herz für Ausländer, die im Gegensatz zu vielen Zusteigenden deutlich mehr Zeit als eine halbe Stunde in diesem Waggon zubringen müssen! Erst im letzten Drittel der Acht-Stunden-Tour muss ich eine Stunde im Gang verbringen. Nachdem wir Ningbo hinter uns gelassen habe, ist es jedoch so leer im Waggon, dass ich fast freie Platzwahl habe.
Aber werde ich an der Endstation Schanghai-Hongqiao noch einen Zug nach Nanjing bekommen? Ich erinnere mich trübe, dass ich früher mal einen Bummelzug nehmen musste, der fünf Stunden benötigte, weil ich nicht vor acht am Bahnhof war. Und der fuhr nicht vom Hongqiao-Bahnhof. Den gab es damals nämlich noch gar nicht. Doch Hongzhen, die ich in der Angelegenheit schon mittags kontaktiert habe, konnte rasch und unbürokratisch Entwarnung geben: Züge fahren um 21.15 Uhr, 21.30 Uhr und auch noch danach. Falls ich die nicht schaffe, komme ich eben zu ihr.
Der Hongqiao-Bahnhof ist nicht nur neu, er gehört auch in jene Kategorie hochmoderner Superbahnhöfe für Hochgeschwindigkeitsverbindungen, die mehr an Flughäfen als an Bahnhöfe erinnern. Es gibt verschiedene "Terminals" und Abflug, äh, Abreise und Ankunft sind auf verschiedene Etagen verteilt, die mit Rolltreppen verbunden sind. Noch eine Etage höher gibt es Läden und Restaurants. Es dauert, bis ich einen Fahrkartenschalter in diesem unüberschaubaren Gelände gefunden habe. Der Rest ist dann Formsache. "G 7164 geschafft. Danke", teile ich Hongzhen per SMS mit. Es ist 21.07 Uhr. Der Zug wird in acht Minuten pünktlich abfahren. Ich habe einen bequemen Sitzplatz in einem Waggon mit wenig Menschen und ich werde in weniger als hundert Minuten in Nanjing und schon wieder ein Urlaub vorbei sein.

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Dienstag, 07. Februar 2012

Shenzhen-Xiamen
Von didus, 23:59

Der junge Spund von gestern ist natürlich nicht wieder aufgetaucht. Ich bekomme auch keine Zugfahrkarte nach Nanjing, das war eigentlich klar. Im Untergeschoss des Bahnhofs, wo es zur U-Bahn geht, gibt es in einer Art Kioskstand ein Reisebüro. Ich erkundige mich nach dem Preis für einen Flug (Abflug abends kurz vor sechs): 1080 Yuan. Ich bin trotz des stattlichen Preises kurz davor, die Reisestrapazen gegen die bequeme Fluglösung einzutauschen; eine U-Bahn führt direkt zum Flughafen. Ich bin aber noch unentschlossen. Fliegen ist so wenig... abenteuerlich. Ich stoße wieder auf so eine halblegale Busunternehmeraktion, soll mich irgendwo hinsetzen und warten. Acht Stunden nach Xiamen stellt man mir in Aussicht, für 240 Yuan. Um zehn gehe es los. Ich gehe noch kurz einkaufen und komme dann fast zu spät. Wie ein Geheimagent auf dem Weg zu seinem Informanten werde ich durch leere Gänge in den Hinterhofbereich des Busbahnhofs gelotst, wo alsbald für mich und ein paar andere Verstreute  - der Bus ist sichtlich nicht ausgebucht - ein Bus hält. Wir bekommen rote Plastikbeutel für unsere Schuhe, damit wir in diesem Schlafbus nicht den Gang einsauen. Man kann liegen, hat freie Platzwahl, bekommt eine Flasche Wasser zugesteckt und hat von der Autobahn aus immer wieder einen prächtigen Blick auf die Küste des südchinesischen Meeres. Dafür kostet die Fahrkarte auch 2 Yuan mehr als die gesamte Hinreise nach Kanton, etwa dreimal so weit, aber auch zehnmal so strapaziös! Sogar ein - ziemlich spätes - Mittagessen an einem Rastplatz ist inbegriffen. Wenn man bisher nur von Raider und Bananen gelebt hat, nicht schlecht.
In der Dämmerung treffen wir in Xiamen ein. Es ist hier bereits merklich kühler. Leider habe ich wenig Zeit, den beliebten Küstenort mit einer autofreien Insel zu besichtigen. Ich verharre eine Weile in der Gegenwart von einigen Passagierfängern vor dem Busbahnhof, die mir einen Bus nach Nanjing in Aussicht stellen, dafür aber noch mal telefonieren müssen. Am Ende wird es doch nur ein Bus nach Schanghai, aber da nehme ich natürlich lieber den Zug und lasse die Jungs stehen. Wie man zum Bahnhof kommt, erzählt mir ein Passagier an der gegenüberliegenden Bushaltestelle. Dort angekommen kaufe ich eine Fahrkarte nach Schanghai (leider nur noch Stehplatz) und begebe mich in einem nahegelegenen Hotel zur Ruhe. Den Abend verbringe ich mit sin-o-meter-Einträgen. Da die Mühle, für die ich 20 Yuan extra bezahlt habe, aber extrem lahm ist, ist bald der ganze Abend rum und meine Füße eiskalt. Außerdem riecht die billige Bude ekelhaft nach Rauch, als ob hier jemand heimlich durch ein Rohr Nikotinabgase einleiten würde. Das einzige Fenster ist eines zum Gang.

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Montag, 06. Februar 2012

Hongkong-Shenzhen
Von didus, 23:59

Gekleidet sind hier alle wie in einem Londoner oder New Yorker Geschäftsviertel. Ich irre orientierungslos durch menschenüberlaufene Straßen und muss schwer schleppen, da es so warm ist, dass ich Jacke und Pullover nicht anbehalten kann, und stoße eher zufällig auf die U-Bahnstation Tsim Sha Tsui-Ost. Eine junge Hongkongerin bietet ihre Hilfe an, da ich wohl reichlich verwirrt aussehe, wie ich da so unter Tage vor dem Fahrkartenautomaten stehe. Bin ich aber nicht, nur abgekämpft. Zu meiner Überraschung ist die Fahrkarte nach Lo Wu, dem Grenzübergang nach Shenzhen/China, doch nicht so teuer wie gedacht: 36,50 $. Da kann ich ja direkt noch mal zünftig essen gehen. Doch ich stoße zuvor auf einen Supermarkt, und da ist es um mich geschehen: Ich gebe 50 $ für Mars und Raider aus. Merke: A MARS a day, helps you work, rest and play! So steht's zumindest auf meinem Fünferpack geschrieben. Nun reicht es leider wieder mal nur noch für einen Abstecher zu McDonald's. Doch bevor ich dort einkehre muss ich natürlich noch mal die Aussicht auf die nun in den buntesten und schillerndsten Farben erstrahlenden Giganten am anderen Ufer der Hongkong-Bucht genießen. Mit meiner Raider-Tüte in der Hand - ich weiß, dass die Dinger, die ich mir fortlaufend in den Mund schiebe, eigentlich Twix heißen, aber Twix klingt nun mal nach nix - staune ich das gewaltige Traumschiff an, das sich gemächlich wie eine uralte Operndiva an den bunten Wolkenkratzern vorbeischiebt. Weiter westlich auf der Uferpromenade, wo auch viel mehr los ist, befindet sich die Hongkong-Variante des "Hollywood Walk of Fame", die "Avenue of Stars". Jackie Chan, Michelle Yeoh, Wong Kar-wai und andere Größen des Hongkong-Kinos haben sich hier mit Handabdrücken verewigt, sofern sie Zeit hatten. Wong Kar-wai hatte offenbar keine Zeit. Zu der Musik, die aus den Lautsprechern dröhnt, werden Lichter, wenn mich nicht alles täuscht (oder rede ich mir das ein?) auch drüben in Hongkong ein- und ausgeschaltet - ein gigantisches, gigantomanisches Schauspiel.
Ich rechne hin und her bei McDonald's, aber irgendwie werde ich den letzten Hongkong-Groschen nicht los. Den muss ich wohl mit nach China nehmen, wo ich nach etwa dreißig Minuten mit der Linie "East Rail" eintreffe und meinen vierten Stempel in zwei Tagen in den Pass gedrückt bekomme. Das Passfoto aus dem letzten Jahrtausend finden sie mal wieder verdächtig unähnlich. Das kenne ich schon. Einen Zug nach Nanjing bekomme ich natürlich jetzt, gegen 22 Uhr, nicht mehr, aber für morgen auch nicht. Ich solle morgen um sieben Uhr wiederkommen, meint der letzte verbliebene Schalterbeamte. Das werde ich natürlich nicht schaffen. So kommt mir der windige junge Mann nicht ungelegen, der mich vor dem Bahnhofsgebäude von Shenzhen abfängt und mir einen Bus via Xiamen nach Nanjing in Aussicht stellt. Ich sage: Morgen müsse ich erst mal Ausschau nach Zugfahrkarten halten und dann könne man ja mal weitersehen. Damit nicht unzufrieden schleppt er mich noch zu einer billigen Unterkunft (150 Yuan), in der es natürlich wieder viel zu laut ist. Nachdem ich mich schon zweimal beschwert habe und nachts um eins trotzdem noch jemand mehrfach nacheinander mit der Tür einer der Nachbarzimmer knallt, drehe ich total durch, stehe auf und reiße meine eigene Zimmertür ein halbes Dutzend Mal auf, um sie ebenso laut, wenn nicht lauter, wieder zuzuknallen. Getreu der alten Devise: mit Gewalt, nicht mit Gefühl!

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Macao-Taipa-Coloane-Hongkong
Von didus, 17:59


Vormittags werfe ich einen Blick auf den schmuddeligen Hafen am Westufer, danach wandere ich zu den Grotten im Camoes-Garten, von wo man ebenfalls einen guten Blick über die Stadt hat. Um zwölf treffe ich mich mit Liu Meng und ihrer Reisebekanntschaft auf dem zentralen Senado-Platz. Ich lotse die beiden zu einem stillen Gässchen mit Blick auf die Ruine von Sao Paulo; danach entlasse ich die Damen zu ihrer Einkaufstour. Leider finden Liu Meng und ich auch keinen gemeinsamen Nenner für die Überfahrt nach Hongkong, da sie unbedingt bei Nacht dort ankommen möchte. Also trennen sich hier unsere Wege. Ich nutze den Nachmittag, um den Süden Macaos zu erkunden. Am (künstlichen) See von Nam Van werde ich vom Regen überrascht. Der Stadtplan, der mir nun als Regenschirm dient, habe ich jedoch vorher entnommen, dass man mit Bus Nr. 25 hervorragend die Inselwelt von Taipa und Coloane in Augenschein nehmen kann, die mit Macao durch gleich drei beeindruckende Brücken verbunden sind, die etwa so lang sind wie der Elbtunnel. Im Süden von Taipa haben megalomanische Architekten den berühmtesten Teil von Venedig nachgebaut: als Luxus-Hotelanlage für Betuchte. Name: "The Venetian". Nr. 25 fährt direkt am Markusplatz mit dem berühmten Glockenturm vorbei. Heute nur arbeitslose Gondolieri.

Die Mitte der Doppelinsel ist weitgehend Baustelle. Vielleicht entstehen hier gerade Rom oder Florenz? Ein Golfplatz und eine Kart-Rennbahn sind bereits fertig. Im Süden wird es grüner und hügeliger. Nachdem er einige dünn besiedelte Ort passiert und der Bus sich weitgehend geleert hat er plötzlich in einem öden Strandnest an, in dem gerade eine Ferienkolonie saniert wird und das ansonsten nur aus Gerümpel-Grundstücken und den fünf Kioskbuden gegenüber der Busstation zu bestehen scheint. Endstation. Ich muss also gleich noch mal 6,40 Pataca/Hongkong-Dollar entrichten. Ich gehe ans Meer. Bagger verpassen dem wild anmutenden Strand in dieser malerisch gelegenen Bucht eine Promenade und haben zu diesem Zweck fleißig Sand aufgetürmt. Der Bauwahn macht auch vor diesem entlegenen Ort nicht Halt. Am Strand bekomme ich Gesellschaft von zwei ausgelassen herumtobenden Hunden. Dann geht es mit dem nächsten Bus, der inzwischen eingetroffen ist, zurück. Ich streife noch über den überall ausgeschilderten "protestantischen Friedhof", der ziemlich katholisch anmutet, und werfe einen Blick in den kontrastreich von Hochhäusern gesäumten Lou-Lim-Ieoc-Park. Durch den Erwerb eines Mini-Toblerone versuche ich Münzen für den Bus zu bekommen. Die Verkäuferin, die noch Vasco da Gama persönlich gekannt zu haben scheint, versteht mein Mandarin-Chinesisch offenbar gar nicht. Jedenfalls ist sie nicht freundlicher als ein rostiger Nagel, an dem ein Auge hängen geblieben ist. Hätte ich nicht schon bezahlt, würde ich vermutlich den Toblerone-Riegel liegen lassen und zu Fuß zur Fähre gehen.
Bus Nr. 3 bringt mich zum "Terminal Maritimo" und für 139 Hongkong-Dollar kaufe ich eine Fahrkarte nach Kowloon. Ich hätte auch für 140 nach Hongkong fahren können, aber so werde ich wenigstens meinen letzten Pataca los, den mir zuvor die unwirsche Verkäuferin beim Erwerb meines Mini-Toblerone nicht einzutauschen geneigt war. Ich schaffe sogar noch die Fähre um fünf, die gerade ablegt, als ich an Bord gehe. Wie Kinosessel reihen sich die Sitze in der Großraumkabine des Schiffes. Neben mir sitzen zwei deutsche Mädels mit schwäbischem Akzent. Ich spreche sie nicht an, sondern wechsle auf einen Fensterplatz. Draußen ist starker Wellengang, Inseln fliegen vorbei, die Fähre muss um die 50 km/h drauf haben. Um 17.30 Uhr Ortszeit nähert sich von Steuerbord ein gigantischer grauer Frachter, der mit ähnlich hohem Tempo durch die Wellen fegt. CHINA CARGO prangt in Großbuchstaben auf dem Riesen. Gilt rechts vor links eigentlich auch auf dem Meer? Oder verhalten sich chinesische Schiffskapitäne ähnlich wie chinesische Taxifahrer (Augen zu und durch)? Seit der Sache mit der "Costa Concordia" kann man sich so eine Frage bei zwei Schiffen auf Kollisionskurs schon mal stellen. Plötzlich stoppen die Maschinen. Die Fähre gleitet lautlos übers Meer und macht dabei einen erheblichen Schlenker nach Steuerbord. Der Klügere gibt nach. 25 Minuten später passieren wir in der Abenddämmerung die kolossalen Wolkenkratzer von Hongkong. Kurz darauf legt das Schiff in Kowloon an.

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Sonntag, 05. Februar 2012

Zhuhai-Macao
Von didus, 23:58

Ich hole meine Sachen aus dem Hotel, tausche nach reiflicher Überlegung 372 chinesische Yuan in 450 Hongkong-Dollar um und befinde mich im Nu in Macao. Meine erste Amtshandlung als Macao-Tourist: Erwerb von Bananen und einem Mars in einem Supermarkt, damit ich Kleingeld für den Bus habe. Das mit dem Mars muss ich erklären: In China gibt es ja landesweit nur Snickers, Kitkat und M & M, kein Mars, kein Raider und auch kein Bounty, Milky Way oder Nuts. Von Lion ganz zu schweigen. Der erste Eindruck von Macao: Alles ist irgendwie schäbiger und schimmeliger als jenseits der Pseudo-Grenze. Die chinesische Bauwut hat vor allem im Stadtkern noch nicht so brutal zugeschlagen wie im Rest von China.
Liu Meng, mit der ich heute am Wahrzeichen von Macao verabredet bin, Schlag sechs, hat für mich eine Billig-Absteige ausgesucht, in der sie selbst lieber nicht übernachten möchte. Leider ist nicht nur die Absteige billig, sondern auch die Wegbeschreibung: Ich finde, nachdem ich Bus Nr. 3, der direkt von der Festlandgrenze zu den Fähren nach Hongkong führt, an der richtigen Haltestelle entstiegen bin, alle anderen angegebenen Orte, sogar das Touristenzentrum, wo es einen Gratis-Stadtplan gibt, aber was ich nicht finde, ist die "Sanva Hospedaria". Das liegt ganz einfach daran, wie sich später ergibt, dass die Anreiseskizze an der entscheidenden Stelle spiegelverkehrt ist, sodass man zwangsläufig in die entgegengesetzte Richtung marschiert. So muss ich mir mit meinem leichten Reisegepäck, das nun aber doch zunehmend schwerer auf den Schultern lastet, allein weiter durch die von Touristen überlaufenen Gassen von Alt-Macao meinen Weg bahnen. Die Stadt hat übrigens die Anmutung eines bizarren Bastards mit den Elternteilen Lissabon, Monte Carlo und (als Stiefvater) Chinatown/New York. Vom höchsten Punkt, den Resten der Festung Fortaleza do Monte, hat man einen Blick über die Stadt die auf der Halbinsel wie eingezwängt wirkt zwischen dem Guia-Hügel mit dem Leuchtturm im Westen und der Bucht mit dem Industriehafen im Osten, an deren jenseitigem Ufer schon wieder China ist. Vor der Fassade der ehemaligen Kathedrale Sao Paulo treffe ich schließlich um 18.03 Uhr Liu Meng, die sich zur Hospedaria durchfragt und mich ans Ziel geleitet. Ich hätte das Gasthaus natürlich irgendwann auch allein gefunden. Ich war nur zu müde zum Suchen. Die Hospedaria ist, wie Martin sagen würde, eine Hundehütte. 120 Hongkong-Dollar sind eigentlich noch zu viel für eine Nacht, aber man bezahlt ja hier auch für den kolonialen Charme der Vergangenheit: Die Zimmer sind eigentlich begehbare Holzschränke, alle Zimmer zusammen sind genau genommen nur ein Schrank mit verschiedenen Fächern, deren Trennwände ein Stück zu kurz sind, um es ganz bis an die Schrankdecke zu schaffen. Wenn der Nachbar also schnarcht oder das Licht brennen lässt - beides wird natürlich in dieser Nacht geschehen, sonst dürfte ich es ja nicht sein, der hier nach Ruhe sucht -, ist das so, als ob er bei mir schnarchen und bei mir das Licht brennen würde. Natürlich bekundet Liu Meng, die in einem dreimal so teuren Hotel Obdach gefunden hat, dass sie hier auch problemlos übernachten könnte. Ich begleite sie noch ein Stück in ihre Richtung, essen will sie nichts mehr. Sie ist heute um fünf aufgestanden und will ins Bett. Und für morgen ist sie auch schon verplant: Sie will mit einer Reisebekanntschaft einkaufen gehen – nichts für mich. Ich schicke sie in die Heia und kaufe mir Fleischklöpse mit Soße an einem der billigen Straßenrestaurants, wandere im Osten bis zum Vasco-da-Gama-Platz, schaue kurz im Künstler-Restaurant 1602 in der Lazarus-Straße vorbei, wo Jazz-Musik aus dem Innenraum schallt und betrete schließlich gegen Mitternacht das Grand Lisboa, das kolossale, 261 Meter hohe Luxus-Hochhaus, das die ganze Stadt überragt und dessen obere Stockwerke architektonisch in der Form einer Dahlie gestaltet sind.

Die Eingangshalle umwölbt eine gigantische Glitzerkugel mit etwa hundert Metern Durchmesser. Man merkt gleich: genau der richtige Ort für mich, der ich nach wie vor bekleidet bin mit Postbüx und dem Seemannspulli, den der Sohn meiner ehemaligen Vermieterin schon vor zwölf Jahren nicht mehr tragen wollte. Ich betrete das Casino und schaue eine Weile zu, dann setze ich auf Schwarz, weil Rot mehrmals hintereinander gekommen ist. Ich gewinne. Danach setze ich wieder auf Schwarz. Einsatz verdoppelt, denn wieder kommt Schwarz. Dann will ich auf Rot setzen, aber in letzter Sekunde habe ich eine Eingebung: Es wird wieder Schwarz kommen. Ich disponiere also, kurz bevor die uniformierte Dame ihre "Nichts-geht-mehr"-Beschwörungshandbewegung macht, noch einmal um - und es kommt Rot! Verloren. Natürlich habe ich nur in Gedanken mitgespielt. Es reicht mir völlig, am Rande zuzuschauen, wie neureiche Chinesen sinnlos ihre Chips auf irgendwelche Zahlenkombinationen setzen und alles verspielen. Niemand setzt auf Farben. Mir diagonal gegenüber sitzt ein Mann, der sich eine Fluppe nach der anderen ansteckt. Dass man 600 Pataca Strafe zahlen soll, wenn man gegen das Rauchverbot verstößt, das seit Anfang des Jahres für öffentliche Gebäude und Plätze gilt, interessiert hier niemanden. Der Mann mit den viele Chips ist übrigens auch äußerst leger gekleidet. Daran erkennt man nämlich die wirklich Reichen. Die sind so reich, dass sie's nicht mal mehr zeigen müssen. Bin ich doch in guter Gesellschaft! Ich schaue noch mal bei Black Jack, Poker und Jackpot vorbei. Aber auf die Dauer ist mir die Luft zu schlecht hier. Ich fahre noch mal bisschen Rolltreppe und sehe mir den Spaß von oben an. 800 Spieltische und tausend Spielautomaten offeriert das glamouröse Grand Lisboa im nunmehr fünften Jahr seinen Gästen, im selben Gebäude gibt es darüber hinaus 58 Restaurants und 430 luxuriöse Hotelzimmer. Und ich muss zurück in meine Hospedaria, schleiche mich nachts entnervt in den Gang und schalte von außen das Licht im Nebenzimmer aus.

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Lebensretter mit Zeitzündung
Von didus, 14:30

Ja, ein einziges Fahrrad mit nur einem Sattel hat er auch, das soll nun das meine sein - für ein bis zwei Stunden. Leihgebühr: 10 Yuan pro Stunde. Hinblättern muss ich freilich eine Kaution von 200 Yuan. Der Sattel ist viel zu niedrig. Ich sehe mal wieder aus wie der sprichwörtliche "Affe auf'm Schleifstein", der Hintern tut auch weh, ehe ich die Promenade verlassen habe, aber egal! Ich radele am Meer entlang, bei milden 18 Grad, was will man mehr mitten im tiefsten Winter? Ich fahre bis zum Wahrzeichen von Zhuhai, einer Meerjungfrau auf einem Felsen im Meer, etwa zehn Kilometer vom Ausgangsort der Radtour entfernt. In der Nähe pflanze ich mich auf einen Felsen, womit ich das Liebespärchen auf dem Nachbarfelsen umgehend vertreibe, das wohl lieber ungestört geblieben wäre. Darauf kann ich leider keine Rücksicht nehmen. Ein Passant staunt mich von der Promenade aus an: Wie sei ich denn da raufgekommen? Und ich solle mal aufpassen, dass das Fahrrad, das unten unabgeschlossen am Felsen lehnt, nicht gestohlen werde. Ich werde nervös. Die Zeit drängt und ich mache mich auf den Rückweg.
In fünfzig Minuten muss ich das Fahrrad zurückgeben, Zeit für einen Zwischenhalt. Ich schaue einem Fischer bei der Arbeit zu, der an einem Promenadenerker ein riesiges Fischernetz mit Hebelfunktion hebt und senkt. Aber es ist Mittagszeit. Er sagt: Pause! und bittet um Platz, damit er die ganze Apparatur herausholen kann. Ein winziger Fisch zappelt in der Mitte des Netzes, wird in die Luft geschleudert und fällt wieder ins Netz zurück. Soll das die Ausbeute sein, mit der der Fischer in die Mittagspause gehen kann? Das Netz, dem Bambuslatten an den Seiten Struktur geben, kippt in die Senkrechte, ehe er es über die Mauer ziehen kann. Da fällt der Fisch über Bord, aber - o grausiges Unglück! - der Winzling landet auf einem Mauervorsprung. Der Fischer würdigt sein Opfer keines Blickes. Will er den denn nu' nicht einsammeln? Kann er ihn nicht wieder ins Meer werfen, wenn er ihn schon nicht will? Der Fisch schnappt inzwischen nur noch kraftlos. Kann nicht verstehen, wo das Wasser geblieben ist. Pustet durch die Backen wie ein Marathonläufer im Endspurt. Ist vielleicht auch sein Endspurt. Nein! Nachdem ich lange genug tatenlos zugesehen habe, schnippe ich den kleinen Kerl, der mich an die Hauptfigur des dänischen Zeichentrickfilms Hilfe, ich bin ein Fisch erinnert, zurück in die Fluten. Aber ob das noch rechtzeitig war? Wie lange hält so ein Fischhirn ohne vernünftige Sauerstoffversorgung durch? Mit sorgenvollen Gedanken an einen irreparabel hirngeschädigten, womöglich gar komatösen Fisch, der so auf sich gestellt mit dem Leben unter Wasser gar nicht mehr zurechtkommt und eigentlich Pflegestufe IV bräuchte, radele ich weiter.
Ich komme an einen Strandabschnitt. Der Sand ist nicht fein und weiß wie in Alcudia und auch nicht so sauber, sondern rostbraun und streckenweise mit Unrat verunstaltet. Dafür finde ich unter zwei Banyan-Bäumen eine Sitzbank und kann noch zehn Minuten Pause machen. Das Meer rauscht, der Horizont schimmert in Blaugrau. "Verweile doch, du bist so schön", sprach ich zum Augenblick. Da kackt mir ein Vogel auf die Stirn. Ich denke: Irgendwo da oben sitzt einer, der klopft sich gerade auf die Schenkel, einer, der es einfach nicht lassen kann, jedem Moment meines Lebens einen satirischen Anstrich zu verpassen. Dann kommt auch noch ein Bettler vorbei. "Verweile doch, du bist so schön, sprach ich zum Augenblick. Nein, sagte der, muss leider gehn, solang' die Uhr noch tickt." Ich habe gerade seinem Bettel-Kollegen an einer anderen Stelle des Strandes was reingeworfen. Die Reserven sind aufgebraucht. Meine Geduld auch. Ich trete wieder ins Pedal, wechsele, damit es schneller geht, vom holprigen Fahrradweg auf die breite Straße, sause über den Asphalt, ordne mich vor einem herannahenden Wagen links ein und kehre schließlich zum Fahrradverleih zurück, wo mir der Schnösel von gestern offenbart, ich sei zwei Stunden und zehn Minuten unterwegs gewesen. Die versuchen's doch immer wieder! Er sieht rasch ein, dass ich eine Uhr habe, ich zahle zwanzig Yuan für zwei Stunden.

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Samstag, 04. Februar 2012

Guangzhou-Zhuhai
Von didus, 23:59

Heute Vormittag steht noch die Sun-Yat-sen-Universität auf dem Programm, deren malerischen Campus man von Süd nach Nord durchwandern kann, um anschließend direkt am Südufer des Perlflusses herauszukommen. Besonders das Hauptgebäude der altehrwürdigen Uni hat es mir angetan: Eine endlose Rasenfläche erstreckt sich nördlich von ihm und reicht fast bis zum Nordtor. Hier und bei einigen anderen Gebäuden rechnet man unbewusst damit, jeden Moment westlich gekleidete Herren mit Gehstock und Zylinder durch den Haupteingang treten zu sehen, wie es sie im Gründungsjahr 1924 noch häufiger in Kanton gab. Am Ufer des Perlflusses hat man bei Blickrichtung West einen guten Blick auf Kantons höchsten Turm, der zeigt, dass das Wirtschaftswunder auch hier im Süden Chinas ein weithin sichtbares Ausrufezeichen gesetzt hat. Da es erst um 12 wieder ein Schiff ans andere Ufer des Perlflusses gibt, gehe ich zu Fuß zurück, rupfe noch ein, zwei Mandarinen von einem der zahllosen Büsche und steige wieder in die U-Bahn.
Vorm Busbahnhof - die Fahrkarte, Abfahrt nach Zhuhai um 13.20 Uhr, habe ich gestern schon gekauft - kommt es zu einem peinlichen Zwischenfall: Da ich nur noch Zeit für ein Reisgericht auf der Straße habe, kaufe ich also an einem der Straßenstände eine Mahlzeit aus Blumenkohl, Ei und Reis. Irgendwie muss ich wohl hungrig gewesen sein (Frühstück wie immer ausgefallen), denn noch vor dem Erwerb der Mahlzeit, während ich die Bestellung zu artikulieren versuche, tropft mir etwas Speichel aus dem Mund und landet auf dem Blumenkohl... Ich bezahle eiligst und bin weg.
Im Bus nach Zhuhai, dem Ort, an den Macao grenzt, beende ich meine Reis-Blumenkohl-Mahlzeit mit integriertem Spiegelei und stoppe damit den unkontrollierten Speichelfluss. Die Strecke führt direkt am Meer entlang. Wir befinden uns hier auf einer schmalen Halbinsel. Der Bus hält in Sichtweite des Grenzübergangs, der aussieht wie eine riesige Markthalle und auf den sich laufend Menschenscharen zubewegen wie Ameisen auf ihren Hügel. Das Treiben schaue ich mir heute erst mal nur aus sicherer Distanz an. Morgen werde ich selbst eine der Ameisen sien. Ich kaufe in einem Laden in der Nähe DVDs, darunter den viel gelobten "Drive" und die Neuverfilmung des Spionageromans "Dame, König, As, Spion". Nach Einbruch der Nacht wandere ich die Uferpromenade entlang. Das Meer schlägt mit lautem Wellenschlag gegen die Mauer wie ein ungestümer Hund, der von der Leine gelassen werden will. Ich treffe einen Tandemverleih (Chinesen machen ja nie was allein, nicht mal radfahren) und verspreche dem jungen Schnösel, der mir ein Rad andrehen will, morgen wiederzukommen.

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Freitag, 03. Februar 2012

Die Prophetie
Von didus, 23:59

Heute geht es in den Yuexiu-Park im Norden der Stadt, in dem sich eine Art chinesische Ausgabe des Volksparkstadions befindet und der fressende Ziegenbock, der das Wahrzeichen der Stadt ist. Die Statue von insgesamt fünf Ziegen erinnert an den mythischen Ursprung Kantons: Fünf gute Geister kamen einst auf fünf fliegenden Ziegen herabgeschwebt und brachten dem Ort Fruchtbarkeit. Die Geister sind dann wieder verschwunden, aber die Ziegen blieben. Vor allem vom Platz mit dem Sun-Yat-sen-Monument, einem Obelisken, der innen hohl, aber dessen Treppen leider gesperrt sind, und vom roten "Turm über dem Meer" (Zhenhailou) aus, der ursprünglich zur alten Stadtmauer, die hier im Park in Teilen restauriert wurde und noch wird, hat man eine famose Sicht auf die Wolkenkratzer, die wie ein Palisadenzaun vor dem Horizont aufragen. Dazwischen irgendwo ist auch die schmale Pagode von Liurong Si zu sehen, die ich als nächsten Zielort anpeile. Nach einem Wettrennen gegen die Zeit durch die schmalen Gassen der Hutongs finde ich sie trotz meiner sehr ungenauen Karte gerade noch zehn Minuten vor Toreschluss (16.50 Uhr). Leider kann man die Pagode auch nicht besteigen und die Jungs vom Tempel wollen mich nach knapp dreißig Minuten auch schon wieder los sein. "Wir schließen!" Im Eilschritt sehe ich mir die Buddhas an. In einem anderen Tempelgebäude sind die Wände ringsum bedeckt mit Zehntausenden von kleinen Zetteln mit Namen und Fotos von Verstorbenen. Hinter einer Tür in der Wand des Tempelareals, die ich öffne, stehe ich plötzlich vor dem Nichts. Auf dem leeren Sandplatz, den hohe Gebäude säumen, wird vermutlich bald ein neues Hochhaus stehen. Letzte Station: die in einem großflächigen Park stehende Sun-Yat-sen-Gedächtnishalle.

Inzwischen bin ich umgezogen in die Kantoner Jugendherberge auf der Insel Shamian; für 60 Yuan die Nacht habe ich ein Bett im Zehnbettzimmer ergattert. Gleich nebenan auf der anderen Straßenseite steht das erste Fünf-Sterne-Hotel Chinas, der "Weiße Schwan". In dem Zimmer sind vor allem Jugendliche untergebracht. Spät in der Nacht muss ich noch mein Gepäck aus dem "7-Tage-Inn" holen. Eine Französin schleicht sich noch nach mir als letzte ins Bett. Als ich am frühen Abend einen älteren Mann durch die Tür treten sah, sprach ich zu mir selbst: Der schnarcht und der hat mit Sicherheit das Bett genau unter mir. Und genau so kommt es auch. Wenn ich Lottozahlen so exakt vorhersagen könnte, wäre ich heute Millionär.

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Donnerstag, 02. Februar 2012

Die Shamian-Insel
Von didus, 23:59

Die Shamian-Insel am Nordufer des Perflusses ist durch einen künstlichen Kanal vom Festland abgetrennt worden und war im 19. Jahrhundert britisches und französisches Mandatsgebiet. Konsulats- und Administrationsgebäude im Kolonialstil, bestens erhalten bzw. renoviert, prägen das Bild. Das "Orient-Express" im einstmals französischen Mandatsgebiet ist ein Restaurant mit einer Lok im Garten, das Essen wird in ausrangierten Waggons serviert. Auch die Deutschen hatten hier ein Konsulat, das der Sowjets ist mal wieder am schlechtesten in Schuss. Polen hat hier heute noch eine Vertretung. In die anderen pittoresken Säulenbauten sind Banken und Hotels eingezogen oder kleine Läden wie "Jenny's Place", in dem es gerade gähnend leer ist. Hier gibt es Kinderkleidung und Souvenirs. Jenny spricht gut Englisch; sie bittet mich auf ein Schwätzchen hinein, erzählt mir, dass sie eigentlich aus Chengdu komme. Sei sie denn zum chinesischen Neujahrsfest gar nicht in die Heimat gefahren, frage ich. "Wenn du meinen Laden für die Zeit schmeißt, kann ich fahren", erwidert sie und zeigt mir ein paar Postkarten mit Motiven aus der Zeit, als Guangzhou noch Kanton war, bevölkert von Chinesen mit langen geflochtenen Zöpfen und auffällig dunkler Haut, besiedelt von Ausländern in piekfeiner Kleidung und befahren von Rikschas und Handkarren.
Vor dem "Kulturpark", der einige Sportgeräte für den des Müßiggangs müden Chinesen anbietet, werde ich von einer Frau und ihrer Tochter angebettelt. Statt sich zu freuen an dem einen Yuan, den ich in der Regel gebe, deuten sie auf den 5-Yuan-Schein in meinem Portmonee. Es gibt auch noch andere, die sie fragen können, gebe ich zurück. Im Kulturpark rupfe ich mir in einem unbeobachteten Moment eine Mandarine von einem der Sträucher, die hier, aus Anlass des Frühlingsfestes, geradezu inflationär Eingänge und öffentliche Plätze zieren. Die Frucht ist sauer und voller Kerne, schmeckt aber sonst nicht schlecht! Ich frage mich nur, wie sich jetzt noch Mandarinen auf dem Markt absetzen lassen, wo man sie doch überall selbst ernten kann.
Die Heilig-Herz-Kathedrale, die plötzlich links von mir auf einem freien Platz aufragt, als wäre dies Barcelona und nicht die größte Stadt Südchinas, ist auch so ein Relikt aus der Epoche der westlichen Handelsniederlassungen. Als ich ihr islamisches Pendant, die Moschee Huaisheng Si endlich im Gewirr der engen Straßen gefunden habe, dämmert es bereits. Im Gebetsraum sind zwei Sino-Moslems beim Abendgebet zu sehen. Dass die Moschee sich bereits in Dunkel hüllt wie eine Muslimin in ihren Schleier, ist nicht schlimm, auf den Turm des (stummen) Muezzin darf man sowieso nicht steigen. Es sind auch nicht solche Sehenswürdigkeiten, die es mir angetan haben, sondern die hier in den Vierteln, die sich vom Nordufer des Perlflusses bis etwa zur U-Bahnlinie 1 erstrecken, noch weitgehend erhaltenen alten chinesischen Hutongs, die Wohnviertel, deren enge Gassen marode Backsteinfassaden und frei herumschwebende Stromkabel säumen und durch die kein Auto passt. Sind die Gassen einen Tick breiter, werden sie automatisch zum Marktplatz. Am bekanntesten ist der Qingping-Markt. Von Sonnenblumenkernen bis zu Hundewelpen bekommt man hier alles. In einer der engeren Gassen decke ich mich mit saftigen Apfelsinen ein, die, noch mit grünen Blättern am Stiel, gerade von einem Karren gerollt sind. Man muss ja an die jährliche Februar-Grippe denken und vorbeugen!

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Mittwoch, 01. Februar 2012

Nanjing-Guangzhou
Von didus, 23:59

Die erste Etappe meiner Rundreise durch Kanton (Guangzhou), Macao und Hongkong ist ein Debakel, eine Qual von 28 Stunden Dauer. Denn ich war so leichtsinnig, eine Fahrkarte zu erwerben, die mir einen Sitzplatz (die beliebten Schlafwagenplätze sind natürlich zur Hauptreisezeit gnadenlos ausverkauft) am Gang einräumt - in einem sagenhaft überfüllten Zug, in dem sich ständig Leute, Aussteiger, Einsteiger, Leute, die auf Klo müssen oder denen langweilig ist, an mir vorbeizuschieben haben, weil direkt neben meinem Sitz immer irgendwer einen Stehplatz einnimmt. Ich werde also pro Stunde ca. 27 Mal angerempelt. Selbst wenn man in so einem vollen Waggon schlafen könnte, ist klar: Ich schaff' das bestimmt nicht! Abgesehen davon befinde ich mich regelmäßig auf dem Weg zum Waggoneingangsbereich, um die Raucher zu vertreiben. Die Luft ist ja so schon schlecht genug (Fenster können nicht geöffnet werden). Die Mitreisenden, die meine Beharrlichkeit amüsiert (in China ist ja so direkte Kritik am Verhalten eines Menschen verpönt), vertreiben mir einigermaßen die Zeit. Ein kleines Mädchen kleidet das Unfassbare in Worte: "Deine Augen sind blau."
Die Nacht ist eine Qual, der Zug hat dann auch noch eine Dreiviertelstunde Verspätung. Völlig übermüdet komme ich am Hauptbahnhof von Kanton an. Ich finde unweit der U-Bahnstation Haizhu-Platz ein "7 Days Inn", in dem ich aber auch weniger als sieben Tage wohnen darf, nämlich nur zwei. Mit einem Spaziergang entlang des Perlflusses, dem Kanton seine Karriere als Warenumschlagsplatz verdankt, beende ich den Tag.

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Sonntag, 29. Januar 2012

Michael & Michael
Von didus, 23:59

Heute im GoDi in der Kirche St. Paul's treffe ich nicht nur Michael, den frisch geschiedenen Engländer, der die Predigt zum Thema "Dämonen in uns" etwas  befremdlich fand, sondern auch Michael, den Ehemann von Linda. Und der hat Neuigkeiten für mich. Er ist ja mein Chef-Unterhändler im Fall Taxi-Tussi.
Alles ist ganz anders gelaufen als geplant. Weder ist das Video, das die Taxi-Tussi mit Karacho über den Zebrastreifen donnern zeigt, wie mir die Polizei versichert hatte, beim Gericht eingetroffen noch war es richtig, damals ein Schuldeingeständnis zu unterschreiben, mit dem die Klägerin dann vor Gericht vorstellig werden konnte mit dem Hinweis: "Hier, er hat doch alles gestanden!" Michael meint, ich hätte da nicht die besten Ratgeber (seitens der Uni) gehabt. Ich hätte die 9.000 Yuan nicht zahlen sollen, ohne dass der gesamte Fall ad acta gelegt wird. Die Uni-Leute wollten die Sache nur ganz schnell vom  Tisch haben.
Michael erklärt mir, dass noch mal eine Geldsumme gezahlt werden musste. Die ganze Familie sei noch mal notorisch aufgebracht vor Gericht erschienen und sei über den Skandal-Ausländer hergezogen. Das Gericht habe sich dem freilich nicht immer vorbehaltlos anschließen können. Ihre Gesamtforderung (30.000 Yuan) wurde dementsprechend reduziert, aber es wurde noch mal Geld gezahlt, damit die Causa ad acta gelegt werden konnte. Da ich aber damit ja nicht einverstanden war, hat Michael diese Summe mal eben für mich entrichtet. Er will mir auch nicht sagen, wie viel es war ("Some money!"), da das mich ("Jeder Mao an diese Frau ist noch zu viel!") ja doch nur aufregen würde.
"Ich muss dir doch das Geld wiedergeben!", beharre ich und weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Martin, mein simbabwischer Gebetspartner, hatte den Fall im Namen Christi zwar zu einem abgeschlossenen erklärt und so ist es auch gekommen; unterm Strich habe ich auch keinen Pfennig aus eigener Tasche bezahlt. Andererseits bin ich aber zweimal zu einer beträchtlichen Geldsumme verdonnert worden. Und die Taxi-Tussi und ihre paranoide Gesamtfamilie haben noch nicht mal kapiert, dass sie wie eine gesengte Sau über'n Zebrastreifen gebrettert ist und dafür eigentlich den Führerschein auf Lebenszeit hätte verlieren müssen. Es ist auch nie herausgekommen, dass sie sich selbst auf den Boden geworfen und ihren Kopf auf den Asphalt geschlagen hat, um sich anschließend wegen einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus behandeln lassen zu können. (Wie krank ist das eigentlich?) Ein Punkt aber, sagt Michael, habe Wirkung gezeigt: dass es Aufzeichnungen über die im Dienst befindlichen Taxis gebe. Angeblich hat die Tussi ja nach dem Vorfall tagelang ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen können.
"We must forgive!", sagt Michael zum Abschied.

Ironie am Rande: Ich selbst habe mich auch gerade als Retter in der Not betätigt, weil Jianqing alias Xiao Li nach einem ihr zur Last gelegten Geldverlust in ihrer Firma finanziell in die Klemme geraten ist und drei Monatsmieten im Rückstand lag.

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Montag, 23. Januar 2012

Neujahr in Nanjing
Von didus, 01:01

Passend zum Geballer draußen habe ich mir "Tränen der Sonne", einen Kriegsfilm mit Bruce Willis, eingelegt. Ansonsten wollte ich mich mit dem Fest heute nicht weiter befassen. Schließlich hatte ich mein Neujahr ja schon - am Strand von Sanya. Um halb eins hält es mich aber doch nicht mehr in der warmen Stube. Ich gehe doch noch mal raus. An der Kreuzung Zhujiang Lu - Zhongshan Lu haben einige Unverwüstliche ihr Pulver immer noch nicht verschossen und bieten mir ein schickes Feuerwerk.

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Samstag, 21. Januar 2012

Schumi
Von didus, 23:59

Heute treffe ich Schumi, Schumi Ich habe gerade Bücher im "International Bookstore" abgeholt, dich ich im Dezember bestellt hatte. Da spricht mich Schumi an. Er hat sogar eine Visitenkarte, auf der steht sein Name Schumi Yu samt E-Mail-Adresse drauf: schumi@kompan.com mit dem Zusatz "cn". (Ich muss das so schreiben, damit Schumi nicht so genannten Spammern zum Opfer fällt.) Schumi begleitet mich zwei Straßenzüge lang durch den Schneeregen von Nanjing und ich erfahre, dass er in München an der Ludwig-Maximilians-Universität studiert hat und sogar noch ganz passabel Deutsch kann. Er wird aber nicht müde zu betonen, dass das nichts sei im Vergleich zu meinem Chinesisch. Das sei nämlich das beste Chinesisch, das er je von einem Ausländer gehört habe, was ein doch fragwürdiges Licht auf seine sonstigen nicht-chinesischen Bekannten wirft. Schumi hat nämlich in Deutschland noch viele Freunde aus der Studienzeit, wie er mir berichtet. Die Firma, bei der er jetzt als "Qualitätsmanager" beschäftigt ist, KOMPAN A/S, eine Art IKEA für Kinderspielplätze, ist jedoch eine dänische, aber das macht nichts, liegt ja direkt an der Grenze. Und Deutsche sehen ja, wie man an mir sieht, auch aus wie Dänen. Schumi ist übrigens nicht zum Spaß auf Nanjings Straßen unterwegs, sondern auf dem Weg zum Xuanwu Hu. Hätte ich ihn nicht aufgehalten, wäre er wohl schon da. Das Sauwetter lässt ihn kalt: Den See (ca. 10 km Umfang) wird er wie an vielen Tagen zuvor heute noch im Laufschritt umrunden. Ganz der Schumi eben - muss fit sein für die nächste Saison! (Das neue Jahr beginnt nach dem chinesischen Mondkalender am kommenden Montag.)
Ich muss mich dagegen mit so profanen Dingen wie dem Einkauf im RT-Markt in der Hongwu Lu beschäftigen. An der nächsten Einmündung verabschiede ich Schumi ins freie Training.

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Dienstag, 17. Januar 2012

Huoguo
Von didus, 23:59

Nein, nicht Hugo, sondern Huoguo (Feuertopf) ist der Name eines chinesischen Nationalgerichts, das ich eigentlich gar nicht mal so toll finde. Es handelt sich um eine Art Fleischfondue, nur dass man hier nicht nur Fleisch, sondern einfach alles reinschmeißt in den Kessel mit der brodelnden Brühe, Kohl, Tofu, Maultaschen, Fischfrikadellen, Wurst - einfach alles. Wenn aber Hongzhen und ihr Mann zu sich nach Hause einladen, dann ist das natürlich ganz was anderes und ich bin begeistert und alsbald pappsatt, denn Hongzhen hat ihre gesamte Speisekammer in den Pott geworfen. Muss auch alles weg, denn sonst verdirbt es in der Urlaubszeit. Sie hat noch einen halben Arbeitstag, danach geht es zum Doppelfühlingsfest zunächst in ihre eigene Familie und dann in die ihres Angetrauten.
Ich verabschiede mich von dem jungen Paar und gehe zu Fuß noch einmal ans Ufer des Huangpu, von wo ich einen Blick auf Puxi habe - die Gegenperspektive zum gestrigen Abend. Bei frühlingshaft-sonnigen zehn Grad kann man sich sogar eine Weile auf das Rasenstück dort setzen. In einer McDonald's-Verkaufshütte mitten auf der Promenade scheint keiner zu sein, aber ich rufe einfach mal rein: "Ein Eis!" und schon lugt die Verkäuferin hinter ihrem Magazin hervor. Wenige Minuten später hat sich eine Schlange vor dem Verkaufsstand gebildet. Das erinnert mich verdächtig an meine Rolle während der Busfahrt nach Litang/Osthimalaja im August 2003, als ich den Fahrer nach zwei Stunden zu einer Pinkelpause nötigte und hernach der halbe Bus am Straßenrand stand.
Ich ergattere eine Fahrkarte für 18 Uhr, mache es Ralf nach und erwerbe in einem Supermarkt gegenüber vom Bahnhof ein Snickers, das mir das Warten versüßt, und bin um halb acht schon wieder in Nanjing.

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Montag, 16. Januar 2012

Flaschenöffner
Von didus, 23:59

Ich treffe Jiaojun, das Mädchen von Michaels Weihnachtsparty, vor dem Ausgang 1 der U-Bahnstation Lujiazui und wäre, obwohl ich mich zu Fuß vom Hotel hierher auf den Weg gemacht habe, sogar fast pünktlich gewesen. Nur leider kommt man unter Tage nicht von Ausgang 2 zu Ausgang 1 und ich muss wieder raus und oben herum. Jiaojun steht schon draußen und sieht mich gleich. Ihre Idee, den Orientalperlturm (Schanghais modernes Wahrzeichen) zu erklimmen, per 180-Yuan teurem Fahrstuhl, kontere ich mit dem Alternativ-Vorschlag, es anderswo (viel billiger) zu versuchen. An der Kasse hat sich Jiaojun auch schön im Hintergrund gehalten. So kann ich nun berichten, wie immens wenig man für das teure, teure Geld geboten bekommt. Da habe ich doch eine "viel bessere Idee": Wir fahren mit dem Fahrstuhl in die "Sky lounge" des der Form halber auch "Flaschenöffner" genannten Schanghaier Weltfinanzzentrums. Hierbei handelt es sich mit 492 Metern immerhin um das vierthöchste Gebäude der Welt und es ist vom dreißig Meter niedrigeren Perlturm nur fünf Fußminuten entfernt. Wenn das keine überzeugenden Argumente sind!
Obwohl wir dort vom 51. Stockwerk aus ebenfalls eine kolossale Sicht auf ganz Schanghai haben (nebenan ragt wie ein aufgeplatztes Organ der metallene Kern des nächsten Giganten empor, der 600 Meter hoch werden soll), kommt mir Jiaojun immer noch ein bisschen verstimmt vor, wie ein kleines Mädchen, dem die Mama einen Lutscher verweigert hat. Dann kommt auch noch ein böser Onkel und teilt ihr (nicht mir) mit, hier solle man sich nicht aufhalten. Dabei ist die "Sky lounge" bis auf eine einzelne Dame an einem Pult mit dem Schriftzug irgendeines Finanzkonzerns menschenleer. Wen können wir hier schon stören? Jiaojun nickt trotzdem artig und wir steigen wieder in den Fahrstuhl. Ich wollte ja eigentlich noch rauf bis in den 77. Stock, aber man muss auch mal fünf gerade sein lassen können.

Jiaojuns Stimmung hellt sich erst beim Essen wieder so richtig auf. In Gino's Pizzeria darf sie so viel bestellen, wie sie will. Man ahnt es schon: Am Ende bekomme ich doch wieder das meiste, weil ja diese jungen Dinger einfach nie Appetit haben. Schon nach dem Salat mahlen die Mühlen langsamer. Ich esse ca. 1,7 Pizzen und 1,5 Salate. Zwischen den Gängen äußert Jiaojun verdächtig viel Interesse an meinen Vermögensverhältnissen und meinem Einkommen, aber das nur so nebenbei. "Oh, das ist aber teuer geworden", tut sie scheinheilig, als Ginos Kellner die Rechnung präsentiert. "Kein Problem", erwidere ich, "viel billiger als mit dem Fahrstuhl rauf zum Perlturm!" In der Tat, so gesehen, habe ich immens gespart! Dann frage ich, ob wir mit der U-Bahn fahren oder zu Fuß zum Kino wandern sollen. Das befindet sich an einem Ort, den die Chinesen großspurig "Times Square" genannt haben. Zu Fuß sei nach dem vielen Essen gut, meint sie, stöhnt dann aber schon nach den ersten dreihundert Metern. "Das kann nicht sein", sage ich. "Du bist aus Hunan. Von dort kommen die härtesten Mädchen!" Danach keine Klagen mehr.
Hongzhen hat via Internet im Kino am "Times Square" zwei Plätze reserviert. Als ich ihre Code-Nummer eingebe, kommt nur eine Karte heraus. Nanu? Ich gebe den Code noch einmal ein. Ein Opi macht uns dann darauf aufmerksam, dass da wohl noch eine Eintrittskarte im Röhrchen steckt - tatsächlich! Mit zwei Mobilfunk-Telefonaten während des Films sind wir in Anbetracht des kleinen Kinosaals vermutlich im Schnitt. Dafür unterhält sich das Ehepaar aus der Mao-Ära neben mir öfter mal in Zimmerlautstärke. Jiaojun erweist sich nun doch endlich als hartes Hunan-Mädel und hält auch bei den brutalen Kriegsszenen wacker durch. Und ich glaube, sie weint am Schluss nicht mal. Das ist ja allerhand! In "Die Blumen des Krieges" geht es um einen hedonistischen Amerikaner, der während des japanischen Völkermords an der Bevölkerung von Nanjing 1937 zur Tarnung in die Robe eines Priesters steigt und sich unter dem Eindruck der blutigen Kriegsgräuel vom Saulus zum Paulus wandelt. Außerdem suchen bunt gekleidete Damen, die sich als Kindergärtnerinnen bezeichnen, in der Kathedrale Unterschlupf. Identifikationspotenial für Jiaojun, die selbst als Erzieherin arbeitet.
Auf dem U-Bahnsteig verabschiede ich mich von meiner jungen Begleiterin, die in die andere Richtung fährt. Für mich ist der Tag damit aber noch lange nicht zu Ende. Denn an der Station Nanjinger Straße treffe ich mich mit meinem Kollegen Ralf, lande mit ihm erst in einem schummerigen Café, wo die heiße Schokolade lauwarm und wässrig ist, aber trotzdem 30 Yuan kostet. Der Grund liegt auf der Hand: Man hat auf der Terrasse einen famosen Blick  auf die illuminierte Skyline von Pudong (einschließlich Perlturm und Flaschenöffner). Ralfs Anekdoten aus seinem Privatleben (eine chinesische Lebensabschnittsgefährtin mit bipolarer affektiver Störung, dem Syndrom, über das ich dank der lose mit mir befreundeten Autorin Danyu auch einiges zu berichten weiß) kommentiere ich, soweit im Schummerlicht möglich, fortlaufend mit Zitaten aus der akutellen SPIEGEL-Titelgeschichte "Liebe lieber unvollkommen", der weitgehend bestätigt, was Christen sowieso seit jeher predigen: "Echte Freundschaft schmiedet Paare viel fester zusammen als die Herzklopfdramatik der sogenannten großen Liebe. [...] Die ewigen Beziehungsdebatten führen in der Regel zu nichts, jedenfalls zu nichts Gutem. Sex ist überbewertet" und komme meist viel zu früh im Kennenlernprozess. Als wir gehen, blickt ein Deutscher von seinem tragbaren Computer auf und wünscht uns noch einen schönen Abend. Er gibt uns damit zu verstehen, dass wir ihn mit unserem reichlich privaten Gespräch blendend unterhalten haben. "Hier muss man aufpassen, was man sagt", meint Ralf vorm Fahrstuhl, "überall Deutsche!"
Ralf hat Hunger. In dem nebenan gelegenen Schnellrestaurant treffen wir drei deutsche Jungs und eine Österreicherin auf Wanderschaft. Alle sprechen kein Chinesisch. Aber der Wunsch der Österreicherin nach einem flambierten Eis, bekanntlich keine Spezialität in chinesischen Schnellrestaurants, lässt sich auch mit mir als Übersetzungshilfe, nicht erfüllen. Ralf hat einen Riesenbottich vor sich stehen und isst davon auch nicht mehr als Jiaojun von ihrer Pizza. Dafür erwirbt er dann aber im nächsten Supermarkt noch rasch ein Snickers für den kleinen Hunger danach. Wir lassen den Abend in einer Jazzbar ausklingen, in der Ralf Stammgast ist. Hier scheint vor siebzig Jahren die Zeit stehen geblieben zu sein. Oben auf der Empore, erzählt Ralf, hat Köhler eines seiner letzten Getränke im Amt des Bundespräsidenten zu sich genommen. Ralf hat sich sowohl mit der russischen Mitbetreiberin als auch mit der Kubanerin, die in der Jazz-Band spielt (die allerdings montags, also heute, von einer weniger mitreißenden Truppe vertreten wird), gut bekannt gemacht. Hier kostet die heiße Schokolade 55 Yuan, ist tatsächlich heiß und auch nicht wässrig. Gegen Mitternacht geht's nach Haus.
Das Stadtviertel Pudong, das sich anschickt, so eine Art Manhattan von Schanghai zu werden, ist durch fünf Tunnel und nicht eine Brücke mit dem so genannten Bund, dem Zentrum des alten Schanghai, verbunden; der einzige Tunnel für Fußgänger ist natürlich um diese Uhrzeit geschlossen. Er ist auch  mehr so etwas wie ein Erlebnispark. Welcher gehirnamputierte Stadtplaner sich das wieder ausgedacht hat, muss ein Rätsel bleiben. Ich ärgere mich, dass ich für fast 30 Yuan ein Taxi nehmen muss und dann in dem Tunnel, durch den es fährt, auch noch Stau wegen Bauarbeiten herrscht.

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Sonntag, 15. Januar 2012

Perfekt organisiert
Von didus, 23:59

Perfekt organisiert hat meine Ex-Studentin Hongzhen - hier ein Foto aus Deutschland - meinen dreitägigen Ausflug nach Schanghai, wo ich mit der Pädagogik-Studentin Jiaojun verabredet bin, die hier in der letzten Woche an einer einwöchigen Schulung teilgenommen hat und nun warten muss, bis sie ihre Reise nach Hunan antreten kann, wo ihre Eltern sie zum Frühlingsfest erwarten. Fahrkartenerwerb ist in diesen Tagen Glückssache. Meistens muss man seine Fahrkarte fünf Tage im Voraus kaufen, damit man überhaupt noch eine abbekommt.
Hongzhen hat nicht nur Hotel und Kinoplätze gebucht und die entsprechenden Beträge überwiesen, sie hat es sogar fertig gebracht, via Internet mein Telefon aufzuladen, nachdem sie festgestellt hat, dass man mich nicht mehr erreichen kann, was mich in der letzten Woche phasenweise verwirrt hat. "Aber nur zehn Yuan", sagt sie. Es regnet in Strömen, als wir uns an der U-Bahnstation "Century Avenue" treffen, in deren Nähe Hongzhen gerade an einem Spanisch-Kurs teilgenommen hat. Sie geleitet mich zu dem Hotel, in dem sie sonst Firmengäste unterbringt. Es steht genau neben dem Immobilienbüro, in dem ihr Mann als Makler arbeitet. Das Hotel ist im Sechziger-Jahre-Retro-Stil gehalten, mit runden Sesseln und Plüschkissen. Mein Zimmer, keine Fenster, ist reichlich feminin eingerichtet. "Hier steigen öfter Models ab", erklärt Hongzhen, "die lieben das!" Nachdem sie selbst einen Blick riskiert hat, zahle ich ihr erst mal alles zurück, einschließlich der Kinokarten für morgen. Danach essen wir in einem koreanischen Restaurant. Erinnerungen an Yanji werden wach. Später stößt ihr Mann dazu. Er war bei einem Basketballspiel. Schanghai gegen Kanton. Schanghai hat verloren. Ich erfahre so nebenbei auch, warum in Nanjing jeder ICBC-ATM-Bankautomat und auch hier in Schanghai viele Wände plakatiert sind mit dem Konterfei eines Unbekannten. Der Herr mit dem runden Gesicht hat in Nanjing bei einem Banküberfall einen Wachmann erschossen. "Wenn ich er wäre", sage ich zu Hongzhen, "dann hätte ich jetzt einen Bart und Glatkopf."

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Freitag, 13. Januar 2012

Ruhe sanft!
Von didus, 23:59

Student Li hat eine E-Mail folgenden Inhalts geschickt:
Ich bedanke mich sehr dafür, dass Sie mir eine Gelegenheit bieten können, die Nachprüfung abzulegen. Ich habe schon meinen Fehler bei der Abschlussarbeit erkannt und daraus eine Lehre gezogen. Ich werde mich gut auf die Nachprüfung vorbereiten und möchte eine gute Leistung erzielen. Aufgrund Ihrer Korrektur und Betreuung verbessere ich meine Abschlussarbeit und dann gebe ich die neue Einleitung ab. Ich hoffe, dass Sie mir bei der Abschlussarbeit helfen können. Herzliche Grüße!
Inzwischen habe ich schon wieder ganz andere Sorgen: Ich bin so genervt von dem Lärm auf der Baustelle draußen auf dem Nachbargrundstück, der ja trotz Beschwerden auch nachts nicht endet, dass ich kurzerhand ausziehe: in den Wohnungsflur. Hierbei handelt es sich um den einzigen Raum meiner Wohnung, der keine Fenster hat. Auch mit Blick auf die bevorstehende Knallerei anlässlich des chinesischen Neujahrsfestes eine kluge Entscheidung - Ruhe sanft!

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Donnerstag, 12. Januar 2012

Student Li
Von didus, 23:59

Student Li steht da wie ein begossener Pudel. Student Li wurde vor etwa zwei Stunden von mir am Telefon böse angeraunzt. Mitten in einem Satz, den er sprechen wollte, legte ich auf. Student Li hat in seiner Abschlussprüfung 0 Prozent bekommen. Und das kam so:
Als ich den Kurs, an dem Student Li - als er noch einen Schnauzbart trug, erinnerte er entfernt an Jensi Eckert - teilnahm, im jetzt abgelaufenen Semester eröffnete, wies ich hin auf die Tücken von Texten, die man einfach aus dem Internet kopiert und dann als seinen eigenen Text ausgibt. Ich erklärte Guttenberg, Guttenplag und den Begriff Plagiatsjäger. Ich sagte: "Ein Plagiatsjäger, das bin ich." Ich erklärte, wie man ein Plagiat jagt und wie einfach es ist, die Beute zu erlegen. Ich berichtete von meinem Kumpel Arne Heller, der nur ein paar Anführungszeichen vergessen hat, der sogar mit Fußnoten auf alle Quellen verwies und trotzdem auf eine schwarze Liste für Plagiatsfälle gesetzt wurde. Ich erklärte während des Semesters noch viele andere wichtige Details zum Thema wissenschaftliches Arbeiten. Student Li fehlte allerdings meist im Unterricht. Das Semester endete. Die Studenten gaben ihre Abschlussprüfungen ab. Dann las ich die Arbeit von Student Li.
Student Li hat ein Jahr an einer deutschen Hochschule verbracht. Er hat vor vier Tagen an einer Zulassungsprüfung für das Magisterstudium teilgenommen. Diese Prüfung wählt die begabteren Studenten aus, damit sie zu höheren akademischen Weihen gelangen können. Für diese Prüfung wurde Student Li von höherer Seite das Recht eingeräumt, seine Abschlussprüfung, eine vierseitige Einleitung in die noch zu verfassende Bachelorarbeit, zehn Tage später als alle anderen Kursteilnehmer abzugeben, alle, die nicht an einer solchen Zulassungsprüfung teilnehmen. Student Li legte seine Einleitung in mein Fach. Ich las sie. Ich machte Jagd auf die Stellen, die in so hervorragendem Deutsch daherkamen, dass sie nicht von Student Li sein konnten. Die Google-Suchmaschine wies drei Internetquellen aus, in denen dieselben Sätze  vorkamen, die Student Li in etwa fünfzig Prozent seines Textes verwendet hatte. Das meiste hatte eine Frau namens Ursula Lehr geschrieben, deren Aufsatz im Internet veröffentlicht wurde. Ursula Lehr war in den Jahren 1989 und 1990 Bundesfamilienministerin. Ich markierte die Stellen, die aus dem Text von Frau Lehr stammten, mit dickem blauem Filzschreiber. Unter die Arbeit schrieb ich die Adressen der drei Internetseiten, auf denen ich die von Student Li zitierten, aber nicht als solche kenntlich gemachten Textabschnitte gefunden hatte. Daneben schrieb ich "Plagiat! 0 %". Ich trug die Null in den Notenbogen ein und legte den Bogen in das Fach der für die Noten zuständigen Professorin, der Vizeleiteirn der Deutsch-Abteilung.
Am nächsten Tag, also heute, hatte ich vormittags acht Anrufe in Abwesenheit. Nachmittags ging ich ins Büro. Die Vizeleiterin fragte mich, ob mir die Folgen klar seien, die diese Bewertung für den Studenten Li habe. Er könne mit einer Prüfungsnote 0 nicht in die Nachprüfung, er könne im Sommer sein Studium nicht abschließen. Ich sagte: "Plagiat ist Null. Was soll ich sonst sagen?" Sie telefonierte mit der Institutsleiterin. Die Vizeleiterin reichte den Hörer an mich weiter. Die Institutsleiterin sagte zu mir: "In Ordnung! Wir machen daraus einen Fall, der für Aufsehen sorgt und an dem alle Studenten erkennen können, das so was nicht geht. Davon können alle lernen."
Es ist drei Uhr. Student Li betritt das Büro. Wie er wirkt, habe ich eingangs schon beschrieben. Student Li sucht nach Worten. Er habe gedacht, ein Plagiat, das sei etwas anderes. Ich sage: Wenn er nicht begriffen habe, was ein Plagiat sei, dann zeige das ja auch nur, dass er das Kursziel nicht erreicht hat. Als Student Li hereingekommen ist, hat die Vizeleiterin des Instituts den Raum verlassen. Student Li fragt, was er machen müsse, damit er eine bessere Note bekommen könne. Nichts, erwidere ich, die Noten seien schon geschrieben, heute letzter Tag. Student Li bleibt vor dem Bürotisch stehen und wiederholt Sätze, Fragen, die ich schon beantwortet habe. Ich sage (sinngemäß): "Man muss Fehler vorher vermeiden und nicht hinterher glatt zu bügeln versuchen." Die Vizeleiterin kommt zurück. Am Telefon noch einmal die Institutsleiterin. Die Vizeleiterin reicht mir das Telefon. "Wir können das nicht machen", sagt die Institutsleiterin. "Das macht zu viel Ärger. Die Uni-Leitung will solche Probleme nicht. Kannst du ihm statt null Prozent ein Prozent geben? Das ist dann auch ein Zeichen, dass die Bewertung ganz schlecht ist, aber er kann noch in die Nachprüfung." Ich denke an die Studentin Wang, die vor zwei Jahren ein unsägliches Papier abgegeben hat, das man auch mit 0 hätte bewerten müssen. Eigentlich war sie noch schlechter als Student Li. Aber schon damals war ja klar, dass Durchfallen seitens der Universität nicht erwünscht ist. Ich blicke auf den Studenten Li, der aussieht wie ein Geprügelter der Kulturrevolution. Ich sage: "1 ist auch o.k."

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Freitag, 06. Januar 2012

Künstler unter sich
Von didus, 23:59

Spontan habe ich mich entschlossen, die beiden Autoren Michael Roes und Thorsten Becker, die seit den Tagen der großen Weihnachtsfeier an unserer Universität zu Gast sind, zu einem Abendessen zu laden, und zwar, weil es so schön praktisch ist, in dem Restaurant Nanfangyuan gegenüber von meinem Lehrerwohnheim. Michael befindet sich in der letzten Phase von Filmaufnahmen für ein eigenes Projekt, Thorsten hofft auf eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit dem Künstler der Kun-Oper, mit dem zusammen er vor ein paar Tagen in dem Künstler-Café "Sculpting on Time" aufgetreten ist und dafür seinen "Agrippina"-Text mal eben schnell in der chinesischen Übertragung auswendig gelernt hat. Gemeinsam mit Michael Roes hole ich Thorsten Becker am Südeingang ab. Unterwegs bin ich dann nicht mehr so ganz sicher, ob die beiden Künstler wirklich so gut harmonieren, wie ich mir das vorgestellt habe.
BECKER: "Aber das ist nicht wieder so'n Laden, wo man nicht rauchen darf, oder?"
ROES: "Na, ich hoffe aber doch sehr!"
ICH: "Naja, dann hältst du halt mal bis nach'm Essen durch..."
BECKER: "Nee, das will ich nicht, dann kann ich mich nicht richtig entspannen!"
Zunächst rede dann auch nur ich, wahlweise mit Herrn Roes oder mit Herrn Becker. Aber als ich bei der Auswahl des Essens erst mal Rui Lu anrufen muss, weil ich den chinesischen Namen des von mir erwünschten Gerichtes nicht so aussprechen kann, dass die von der Natur mit einem etwas schlichteren Gemüt ausgestattete Bedienung mich versteht, trägt das durchaus zur Unterhaltung und Entspannung bei. Noch entspannender wirkt freilich die Tatsache, dass das Essen hier mal wieder ganz ausgezeichnet schmeckt. Becker berichtet von dem Stress, den die laute Geräuschkulisse  ihm bei seinem Auftritt während der Weihnachtsfeier bereitet habe. "Ha", entgegne ich, "du warst doch der eínzige, der das Publikum zum Schweigen bringen konnte!" Und siehe da: Thorsten hält dem Fluppenzwang stand, bis wir gemeinsam draußen vor der Tür stehen und frieren.

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Donnerstag, 05. Januar 2012

Geburtstag mit Huilin
Von didus, 23:59

"Just pure friendship" - so begründet Huilin ihre Einladung zum Essen anlässlich ihres heutigen 24. Geburtstages, was ich durchaus schmeichelhaft finde. Mit chinesischen Männern würde es bei so einer Einladung wohl schnell Missverständnisse geben, deute ich ihre Worte. Sie führt mich in ein bereits gebuchtes Restaurant in dem erst rudimentär erschlossenen und daher zur Abendzeit heute schon etwas verödet wirkenden Stadtrandgebiet Xianlin nahe der U-Bahnstation Xianlinzhongxin. Es handelt sich um einen Laden aus der Kategorie: "Iss so viel, wie du kannst". Das lasse ich mir natürlich nicht zweimal sagen. Vorher schiebe ich ihr mit einem "Pure-friendship"-Glückwunsch die Handschuhe von Michaels Ex-Frau rüber (sin-o-meter berichtete), die sie rasch und ohne sie in Augenschein zu nehmen in ihrem Handtäschchen verschwinden lässt, wodurch ihren Blicken natürlich auch die darin geschickt verborgene Schokolade entgeht. Leider sitzen wir etwas zu dicht an der Tür und bekommen am heutigen kühlen Tag immer Zugluft ab. "Immer so kalt, wenn wir zusammen was unternehmen", sage ich. Ähnlich kalt war es beim gemeinsam von uns besuchten Weihnachtskonzert, das nur eine U-Bahnstation entfernt stattfand.

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Donnerstag, 29. Dezember 2011

Rückkehr zur Insel der Affen
Von didus, 23:59

Manche Geschichten haben ein spätes Ende: Heute, am dritten Tag meines Weihnachtsurlaubs, beende ich, was ich vor knapp zwei Jahren nicht vollenden konnte (sin-o-meter-Bericht hier): meinen Besuch auf der Affeninsel (Houzi Dao) vor Xincun. Die Anreise über Lingshui erfolgt, nachdem ein Mitreisender aufgepasst hat, dass ich hier in den richtigen Bus steige, in einem Klapperbus, bei dem ich, obwohl die Fahrt jetzt vier statt drei Yuan kostet, jederzeit befürchte, die Fenster könnten herausfallen, so laut scheppern sie auf der unebenen Piste. In Xincun, wo eine nagelneue Uferpromenade sich vor der schmalen Durchfahrt zur Affeninsel-Bucht erhebt, wo man vor zwei Jahren im Unrat herumwühlen konnte, besteige ich die Seilbahnkabine (der Preis für die Seilbahn ist in den sagenhaften 163 Yuan für den Park inbegriffen) und schwebe mit Blick auf die Bucht mit den endlosen Reihen von Fischer(haus)booten auf die Nanwan-Affeninsel. 

Hier ein Auszug aus den "Hinweisen für Touristen":

  • Bitte kein Essen zum Affenfüttern mitbringen. Falls Sie doch Essen mitbringen, bewahren Sie es sicher in Ihren Taschen auf.
  • Fütterverhalten sollte nach den Anweisungen des Personals erfolgen.
  • Affen beim Füttern nicht anfassen.
  • Affen nicht ärgern oder reizen, um Affenangriffe zu vermeiden.
Es erwartet mich ein piekfeiner Park, in dem die meisten der domestizierten Rhesusaffen frei herumturnen, sich die Läuse aus dem Fell sammeln oder herumdösen. Die anderen sind zu Zirkusstars geworden. In zwei zehnminütigen Vorstellungen bekommt man einiges geboten für sein Eintrittsgeld: radfahrende Affen, Affen, die ihrem Dompteur mit dem Knüppel drohen, ihm den Hut vom Kopf hauen, zu zweit auf einem weißen Pony reiten oder Handstand auf den Hörnern eines Ziegenbocks machen, der selbst mit seinen vier Hufen gerade über ein zehn Zentimeter dickes Brett zu balancieren hatte und nun auf einer Art Untertasse auf besagtem Brett steht. Selbst die Aras machen am Rand der Bühne Faxen vor Begeisterung und krächzen fröhlich herum. Andere Affen sitzen im Gefängnis, dem so genannten "Monkey Jail". Wahrscheinlich haben sie sich nicht gut benommen und wie zum Erweise dessen reißt einer einem der Gäste mit einer blitzschnellen Bewegung durch den Maschendrahtzaun hindurch einen roten Umschlag aus der Hand, mit dem dieser vor dem Zaun herumwedelte. Nun bedecken rote Fetzen den Boden des Affengefängnisses. Tja, damit dürfte es mit der Entlassung auf Bewährung wohl Essig sein.

Gegen halb fünf hole ich die Tüte mit den Mandarinen und Bananen in der Seilbahnstation wieder ab, die man mir beim Betreten des Parks abgenommen hat, obwohl ich den Affen bestimmt nichts davon abgegeben hätte. In der Seilbahn sitzen mir diesmal eine Oma und ein junger Mann gegenüber. Ich erinnere mich noch, dass ich vor zwei Jahren aus Xincun ganz gut weggekommen bin, nun aber wird meine Rückreise nach Sanya zum eigentlichen Abenteuer dieser Reise.
Phase 1: Mit einer Motor-Rikscha lasse ich mich zu der Kreuzung bringen, die auf der Strecke Lingshui-Sanya liegt. Vor einem kleinen Kiosk stehen schon andere Fahrgäste herum wie bestellt und nicht abgeholt.
Phase 2: Ein total überfüllter Klapperbus hält. Ich bin ganz stolz, dass ich die Aufschrift "Sanya" als chinesisches Schriftzeichen entziffert habe und quetsche mich in den voll beladenen Bus. Allerdings bin ich etwas verblüfft: Nur 4 Yuan knöpft die resolute Schaffnerin mir ab. Die Hinreise kostete mehr als viermal so viel.
Phase 3: An einer Kreuzung in einem mir völlig unbekannten Kaff lädt uns die resolute Schaffnerin aus. "Kommt schon noch ein Bus nach Sanya", erklärt sie einsilbig. Gemeinsam mit einigen anderen Versprengten stehe ich schon wieder in der Gegend herum wie Falschgeld. Langsam geht die Sonne unter. Ein dicker Motorradfahrer mit Doppel-Sitzfläche in seinem Beiwagen steht schon etwa zehn Minuten vor uns herum. Der Mann, der entfernt an den Henker aus dem Rick-Master-Abenteuer "Das Geheimnis des Henkers" erinnert, diskutiert schon seit zehn Minuten mit demjenigen meiner Reisegefährten, der ein knallblaues Hemd trägt und offenbar über das am meisten begrenzte Kontingent an Geduld verfügt. Da komme ja nun kein Bus mehr, erklärt der Henker uns. Die kräftige Frau neben mir zeigt sich unbeeindruckt. Am Ende jedoch hat der Henker den Blauen weich gekocht, dann kocht der Blaue den Fahrgast in der roten Jacke und schließlich mich im weißen Hemd weich. "Zehn Yuan für jeden von uns" hat er ausgehandelt, das gilt aber nur, wenn wir alle drei mitmachen. "Das wird aber kalt", wende ich zunächst ein. "Ach was", meint er und deutet auf das rote Schutzblech, hinter dem ich Platz nehme. Die Kiste knattert los. Der Rote sitzt hinter dem Henker, ich links von ihm und rechts neben mir der Blaue. Gemeinsam bilden wir so eine Art Trikolore. Jedenfalls flattern unsere Hemden wie die französische Nationalflagge, während wir auf der holprigen Nebenstrecke dem Auf und Ab des Rhythmus, bei dem man immer mit muss, folgen. Natürlich ist mir in meiner kurzen Hose doch ganz schön kalt im Fahrtwind, da nützt es auch nichts, dass laut Wetterbericht das Thermometer heute nicht unter 18 Grad fällt. Aber ich bin stolz auf mich, dass ich heute morgen meiner inneren Stimme gefolgt bin und ein zweites Hemd mitgenommen habe. Trotzdem bin ich geschockt, als auf einem Schild steht: "Sanya 45 km". Xincun ist doch kaum mehr als fünfzig Kilometer von Sanya entfernt. Das kann ja noch eine lange Tortur werden! Im nächsten Kaff hält der Henker an und deutet auf einen leeren Minibus, der offenbar nach Sanya fährt. Ich reiche ihm die vereinbarten zehn Yuan, aber der Vergleich mit dem Bösewicht aus Rick Master wäre ja nur halb so passend, wenn der Henker nicht eine krumme Tour versuchen und mal eben das Dreifache von mir verlangen würde. Ich lasse ihn mit den Worten abblitzen, zehn seien vereinbart gewesen, und würdige ihn keines Blickes mehr. Ich bin froh, dem Fahrtwind des Henkers entronnen zu sein. Die Dämmerung ist hereingebrochen und das wäre auf dem Motorradbeiwagen doch noch ganz schön kühl geworden für mich!
Phase 4: Der Mini-Bus setzt sich nach weiteren zehn bis fünfzehn Minuten des Wartens tatsächlich in Bewegung, hält aber so oft, dass wir eine Stunde bis Sanya brauchen. An einer mir völlig unbekannten Einmündung verabschiedet sich mein Reisegefährte in Blau, der übrigens, wie ich unterwegs erfahren habe, ein LKW-Fahrer ist, der Fisch zwischen hier und der Provinz Guangdong hin- und herkutschiert. Zwei Tage Entspannung zwischen den Touren ermöglichen es ihm, in Sanya einen Freund zu treffen, der als Wanderarbeiter in der Baubranche beschäftigt ist und, wenn ich richtig verstanden habe, bei einer Firma für Renovierungen arbeitet. An einer Busstation werden kurz darauf alle verbliebenen Fahrgäste aus dem Bus geworfen. "Ich muss aber zum Busbahnhof", erkläre ich. Denn wie soll ich mich sonst zurechtfinden? Keine Sorge, heißt es, es gehe gleich weiter. Es handelt sich nur um eine Art Betriebs- oder Pinkelpause. Nach weiteren endlos wirkenden Minuten durch die bereits nächtliche Stadt erreicht der Bus den Busbahnhof, die Endstation, und ich kann mich endlich wieder orientieren. Nachts sind bekanntlich alle Straßen grau. Bei meiner Lieblingsrestaurantkette "Do and Me" werde ich mich jetzt erst mal stärken.

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Sonntag, 25. Dezember 2011

Michaels Weihnachtsparty
Von didus, 23:59


Vormittags Gottesdienst, nachmittags kleiner Weihnachtsempfang bei Freunden - so viel anders als in Deutschland ist Weihnachten hier gar nicht! Per U-Bahn und Bus habe ich mich auf den Weg zur Wohnung des mit mir locker befreundeten Engländers Michael und seiner geschiedenen Frau gemacht (Michael: "My relationship always gets better with them after I divorce them!"), wo mich eine Horde ausnahmslos weiblicher Gäste begrüßt. Michael bekommt das Teekesselchen, das ich auf der Uni-Weihnachtsfeier als Julklapp-Geschenk bekommen habe, und seine Ex-Frau einen Stein, der Ewigkeit symbolisiert. Letzteren habe ich als Geschenk für die Teilnahme an einer Umfrage in der Gemeinde St. Paul's geschenkt bekommen. Sie beschenkt mich daraufhin mit Handschuhen, die ich später Huilin schenken werde. Chinesische Waren - immer in Bewegung. Apropos Bewegung - die kommt auch in die Runde, als ich Jiaojun alias Mary und ihrer Freundin Xiao Mei (2. und 3. v.r.), den beiden jüngsten Errungenschaften in Michaels Party-Zirkel, meine Telefonnummer diktiere. Plötzlich zücken alle ihre Telefone und schreiben mit! Da ist er wieder - der Clooney-Effekt!!!

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich immer noch den Text von "O du fröhliche" in der Jackentasche habe (ein weiteres Relikt der Weihnachtsfeier) und das Lied auch ohne falsche Scham zum Besten gegeben habe, weil das auf solchen Partys in China immer irgendwie dazugehört. Wie auch immer: Dala (2. v.l.) lädt mich ein, mal in die Mongolei zu kommen, und Mary alias Jiaojun verzögert ihren Aufbruch so lange, bis auch ich mich aufmache. Vorher vereinbare ich aber noch schnell mit der spät eingetroffenen Liu Meng, dass wir uns in Macao treffen können, wenn sie im Februar dorthin reist. Macao ist nämlich noch auf meiner Liste. Außerdem erkundige ich mich bei Jane, wie es Jiakun geht, meiner Sprachlernpartnerin, die ich dieses Semester noch nicht gesehen habe, seit sie eine Verabredung zum Tennis neunzig Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt abgesagt hat. Gemeinsam mit Liu Meng gehe ich schließlich zur Bushaltestelle. Jiaojun, Xiao Mei und die anderen werden mit dem Auto mitgenommen. Jiaojun meldet sich aber noch zweimal per SMS und erkundigt sich, ob ich auch wirklich gut heimgekommen sei. Man muss ja so'ne neue Nummer auch mal ausprobieren.

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Freitag, 23. Dezember 2011

Weihnachtsfeier mit Hindernissen
Von didus, 23:59

Hätte meine deutsche Nachbarin Rebecka nicht mit einem "kleinen Nikolausgruß" bei mir geklingelt und so nebenbei gefragt, ob man sich denn wohl heute Abend auf diesem offiziellen Weihnachtsempfang der Provinzregierung sehe, hätte ich davon nie etwas erfahren. Ich rufe Herrn Chang an, der mich über solche Einladungen informieren soll. Ergebnis: Er hat es verschwitzt. Ich füge mich nicht ins Unvermeidliche, das hier in diesem Fall der Verzicht auf lauter Leckereien wäre, sondern gehe zur Organisatorin vom Auslandsamt und erkläre den Fall. Natürlich findet man noch eine Eintrittskarte für mich. Und auch dieses Jahr gehe ich wieder ein bis zwei Kilo schwerer und mit einem niedlichen Plüschtier nach Hause.

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Freitag, 16. Dezember 2011

"Nero!"
Von didus, 23:59

Im Vorfeld gab es bereits Irritationen: Die Studenten des dritten Studienjahrs, die alljährlich die Organisation der Weihnachtsfeier gemeinsam mit der deutschen Lehrkraft zu stemmen haben, fühlten sich von mir nicht ernst genommen, als ich auf ihre allzu vorsichtig und verhalten vorgetragene E-Mail-Anfrage nach dem Glühweinkochen - traditionell in meiner Küche - mit einem Rezept antwortete. Jedenfalls musste sich telefonisch Chefin Yin einschalten, um zu klären, dass ich sowohl die Küche als auch weitere Beiträge wie etwa den Moderationstext willig bereit zu stellen durchaus disponiert bin. Direkt nach dem Unterricht fahren die vier Studenten vom Kochkommando mit mir gemeinsam per U-Bahn zu meiner Wohnung. Aber ehe wir dort ankommen, lade ich erst mal zünftig zum Pizzaessen ins Babela's. Danach holen wir den Wein aus dem Lehrerzimmer. Changting aus dem Jahrgang 08 versorgt uns unterwegs mit Kannen, einen Kochtopf hat Profesorin Kong hinterlassen. So kann der Wein in meiner Küche zum Glühen gebracht werden. Vorher muss ich jedoch meinen Heizkörper zum Glühen bringen, denn in den Wintermonaten schalte ich in der Küche Heizung und Kühlschrank aus und öffne das Fenster. Man nennt das auch einen begehbaren Kühlschrank. Das Kochkommando besteht aus Wenbin, Lanting (die beide vor ein paar Wochen überraschend im GoDi von St. Paul's aufgetaucht sind), Xuwen und Yuqiu. Während sie in der Küche den Wein auf Temperatur bringen, versuche ich im Wohnzimmer Diktate zu korrigieren. Zwischendurch probe ich mit Wenbin, der Klassenprima, die Moderation.
Natürlich geht wieder was schief: Bei meiner Kraftpunkt-Präsentation, so heißt ein computerbasiertes Diaschau-Programm, ist plötzlich die entscheidende letzte Seite futsch, auf der ich anhand von "O du fröhliche" Grundwahrheiten des Evangeliums von Jesus Christus darzulegen versuche. Da muss bei der Konvertierung was schief gelaufen sein. Der Teufel steckt im Detail. Während Eva alias Chen Dong mir auf die Schulter tippt und energisch die Worte spricht: "Wir wollen draußen noch mal das Lied üben!", muss ich den Text schnell aus dem Gedächtnis noch einmal schreiben. Und dann bin ich auch schon draußen vor der Tür, wo sich der Chor zur Generalprobe versammelt hat.
Bei der Begrüßung erwähne ich lobend unsere Ehrengäste Kinder-Uni-Professor Wünnemann, Romancier Michael Roes sowie Dichter und Dramatiker Thorsten Becker (zu ihm gleich mehr), der mich zehn Minuten vor Beginn dringlich um einen Stuhl für seinen Auftritt gebeten, sich selbigen dann aber doch lieber selbst besorgt hat.
Beim Dia-Vortrag kann ich froh sein, dass ich ein Mikrofon in der Hand habe, um das große Gebrabbel halbwegs zu übertönen. "O du fröhliche" tönt dann auch unerwartet gut. Ich dirigiere mit der Hand wie die selige Frau Marsch dereinst uns Grundschulkinder und fühle mich wie der große Zampano dabei.

Höhepunkt des Abends wird dann aber der Auftritt von Thorsten Becker, der früher mit Heiner Müller befreundet war und auf der Grundlage seines eigenen Prosawerks Agrippina - Senecas Trostschrift für den Muttermörder Nero eine Kostprobe seines verblüffenden darstellerischen Vermögens abliefert, indem er als von Nero zum Selbstmord genötigter Seneca - gespielt im blauen Bademantel und in Badelatschen - sogar das notorisch unruhige Publikum zum Schweigen und Staunen bringt: "Nero!", hallt es durch den Saal. "Du willst, dass ich mich umbringe?"

Etwas in Senecas Schatten steht die ungewöhnliche Interpretation von Shakespeares "Sommernachtstraum" durch die 10-Studenten, vor allem die Schauspieler ohne Mikrofon gehen im Crescendo der Brabbelgespräche unter. Während Wenbin sich meist gar nicht auf die Bühne traut und lieber von der Seite ins Mikro spricht, sonne ich mich mal wieder mit Vergnügen im Rampenlicht, obwohl ich nie genau weiß, wann ich dran bin. Einmal muss mich Wenbin sogar aus einem Gespräch herausreißen. 122 Mal muss ich abschließend eine Zahl nennen, damit der jeweilige Zahleninhaber nach vorne kommen und aus der Hand von Weihnachtsmann Feixiang sein Wichtel- alias Julklapp-Geschenk (Ankündigung in der Einladung: "Es wird gewichtet!") in Empfang nehmen kann. Ein Verwirrter, so nennt ihn Professorin Chen, sorgt unter den Gästen für etwas Verwirrung. Er begrüßt ständig wildfremde Leute und sortiert noch Akten auf einem der VIP-Tische, als schon längst alles abgebaut und der Saal gefegt ist. Kollege Li glaubt sogar, meinen tragbaren Computer vor ihm in Sicherheit bringen zu müssen.
Yin will mit dem immer noch lebenden Senaca alias Becker einen trinken gehen. "Trinken?", rufe ich entsetzt. "Na, Tee trinken, Mensch!", erwidert sie. Aber ich kann trotzdem nicht mit, denn wie im Vorjahr öffne ich im Anschluss an die Veranstaltung für Xiaoshi, die jetzt Lehrerin an einer Mittelschule ist, meine Bibliothek; ihre 06-Jahrgangsgenossin Liu Min und Hao Hui ("Inge"), die jetzt Jura studieren, schließen sich an. Xiaoshi und Liu Min machen noch eine Stippvisite in meiner Wohnung, wo ich die zwei versprochenen Deutschland-Landkarten des Akademischen Austauschdienstes nach einigem unkoordiniertem Suchen endlich doch noch aufstöbere und sie ihnen freudig aushändige. Zu Weihnachten gehören nun mal Geschenke.

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