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Samstag, 21. Januar 2012

Schumi
Von didus, 23:59

Heute treffe ich Schumi. Ich habe gerade Bücher im "International Bookstore" abgeholt, dich ich im Dezember bestellt hatte. Da spricht mich Schumi an. Er hat sogar eine Visitenkarte, auf der steht sein Name mit E-Mail-Adresse drauf: schumi@anbieter.com.

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Dienstag, 17. Januar 2012

Huoguo
Von didus, 23:59

Nein, nicht Hugo, sondern Huoguo (Feuertopf) ist der Name eines chinesischen Nationalgerichts, das ich eigentlich gar nicht mal so toll finde. Es handelt sich um eine Art Fleischfondue, nur dass man hier nicht nur Fleisch, sondern einfach alles reinschmeißt in den Kessel mit der brodelnden Brühe, Kohl, Tofu, Maultaschen, Fischfrikadellen, Wurst - einfach alles. Wenn aber Hongzhen und ihr Mann zu sich nach Hause einladen, dann ist das natürlich ganz was anderes und ich bin begeistert und alsbald pappsatt, denn Hongzhen hat ihre gesamte Speisekammer in den Pott geworfen. Muss auch alles weg, denn sonst verdirbt es in der Urlaubszeit. Sie hat noch einen halben Arbeitstag, danach geht es zum Doppelfühlingsfest zunächst in ihre eigene Familie und dann in die ihres Angetrauten.
Ich verabschiede mich von dem jungen Paar und gehe zu Fuß noch einmal ans Ufer des Huangpu, von wo ich einen Blick auf Puxi habe - die Gegenperspektive zum gestrigen Abend. Bei frühlingshaft-sonnigen zehn Grad kann man sich sogar eine Weile auf das Rasenstück dort setzen. In einer McDonald's-Verkaufshütte mitten auf der Promenade scheint keiner zu sein, aber ich rufe einfach mal rein: "Ein Eis!" und schon lugt die Verkäuferin hinter ihrem Magazin hervor. Wenige Minuten später hat sich eine Schlange vor dem Verkaufsstand gebildet. Das erinnert mich verdächtig an meine Rolle während der Busfahrt nach Litang/Osthimalaja im August 2003, als ich den Fahrer nach zwei Stunden zu einer Pinkelpause nötigte und hernach der halbe Bus am Straßenrand stand.
Ich ergattere eine Fahrkarte für 18 Uhr, mache es Ralf nach und erwerbe in einem Supermarkt gegenüber vom Bahnhof ein Snickers, das mir das Warten versüßt, und bin um halb acht schon wieder in Nanjing.

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Montag, 16. Januar 2012

Flaschenöffner
Von didus, 23:59

Ich treffe Jiaojun, das Mädchen von Michaels Weihnachtsparty, vor dem Ausgang 1 der U-Bahnstation Lujiazui und wäre, obwohl ich mich zu Fuß vom Hotel hierher auf den Weg gemacht habe, sogar fast pünktlich gewesen. Nur leider kommt man unter Tage nicht von Ausgang 2 zu Ausgang 1 und ich muss wieder raus und oben herum. Jiaojun steht schon draußen und sieht mich gleich. Ihre Idee, den Orientalperlturm (Schanghais modernes Wahrzeichen) zu erklimmen, per 180-Yuan teurem Fahrstuhl, kontere ich mit dem Alternativ-Vorschlag, es anderswo (viel billiger) zu versuchen. An der Kasse hat sich Jiaojun auch schön im Hintergrund gehalten. So kann ich nun berichten, wie immens wenig man für das teure, teure Geld geboten bekommt. Da habe ich doch eine "viel bessere Idee": Wir fahren mit dem Fahrstuhl in die "Sky lounge" des der Form halber auch "Flaschenöffner" genannten Schanghaier Weltfinanzzentrums. Hierbei handelt es sich mit 492 Metern immerhin um das vierthöchste Gebäude der Welt und es ist vom dreißig Meter niedrigeren Perlturm nur fünf Fußminuten entfernt. Wenn das keine überzeugenden Argumente sind!
Obwohl wir dort vom 51. Stockwerk aus ebenfalls eine kolossale Sicht auf ganz Schanghai haben (nebenan ragt wie ein aufgeplatztes Organ der metallene Kern des nächsten Giganten empor, der 600 Meter hoch werden soll), kommt mir Jiaojun immer noch ein bisschen verstimmt vor, wie ein kleines Mädchen, dem die Mama einen Lutscher verweigert hat. Dann kommt auch noch ein böser Onkel und teilt ihr (nicht mir) mit, hier solle man sich nicht aufhalten. Dabei ist die "Sky lounge" bis auf eine einzelne Dame an einem Pult mit dem Schriftzug irgendeines Finanzkonzerns menschenleer. Wen können wir hier schon stören? Jiaojun nickt trotzdem artig und wir steigen wieder in den Fahrstuhl. Ich wollte ja eigentlich noch rauf bis in den 77. Stock, aber man muss auch mal fünf gerade sein lassen können.

Jiaojuns Stimmung hellt sich erst beim Essen wieder so richtig auf. In Gino's Pizzeria darf sie so viel bestellen, wie sie will. Man ahnt es schon: Am Ende bekomme ich doch wieder das meiste, weil ja diese jungen Dinger einfach nie Appetit haben. Schon nach dem Salat mahlen die Mühlen langsamer. Ich esse ca. 1,7 Pizzen und 1,5 Salate. Zwischen den Gängen äußert Jiaojun verdächtig viel Interesse an meinen Vermögensverhältnissen und meinem Einkommen, aber das nur so nebenbei. "Oh, das ist aber teuer geworden", tut sie scheinheilig, als Ginos Kellner die Rechnung präsentiert. "Kein Problem", erwidere ich, "viel billiger als mit dem Fahrstuhl rauf zum Perlturm!" In der Tat, so gesehen, habe ich immens gespart! Dann frage ich, ob wir mit der U-Bahn fahren oder zu Fuß zum Kino wandern sollen. Zu Fuß sei nach dem vielen Essen gut, meint sie, stöhnt dann aber schon nach den ersten dreihundert Metern. "Das kann nicht sein", sage ich. "Du bist aus Hunan. Von dort kommen die härtesten Mädchen!" Danach keine Klagen mehr.
Hongzhen hat via Internet im Kino zwei Plätze reserviert. Als ich ihre Code-Nummer eingebe, kommt nur eine Karte heraus. Nanu? Ich gebe den Code noch einmal ein. Ein Opi macht uns dann darauf aufmerksam, dass da wohl noch eine Eintrittskarte im Röhrchen steckt - tatsächlich! Mit zwei Mobilfunk-Telefonaten während des Films sind wir in Anbetracht des kleinen Kinosaals vermutlich im Schnitt. Dafür unterhält sich das Ehepaar aus der Mao-Ära neben mir öfter mal in Zimmerlautstärke. Jiaojun erweist sich nun doch endlich als hartes Hunan-Mädel und hält auch bei den brutalen Kriegsszenen wacker durch. Und ich glaube, sie weint am Schluss nicht mal. Das ist ja allerhand! In "Die Blumen des Krieges" geht es um einen hedonistischen Amerikaner, der während des japanischen Völkermords an der Bevölkerung von Nanjing 1937 zur Tarnung in die Robe eines Priesters steigt und sich unter dem Eindruck der blutigen Kriegsgräuel vom Saulus zum Paulus wandelt. Außerdem suchen bunt gekleidete Damen, die sich als Kindergärtnerinnen bezeichnen, in der Kathedrale Unterschlupf. Identifikationspotenial für Jiaojun, die selbst als Erzieherin arbeitet.
Auf dem U-Bahnsteig verabschiede ich mich von meiner jungen Begleiterin, die in die andere Richtung fährt. Für mich ist der Tag damit aber noch lange nicht zu Ende. Denn an der Station Nanjinger Straße treffe ich mich mit meinem Kollegen Ralf, lande mit ihm erst in einem schummerigen Café, wo die heiße Schokolade lauwarm und wässrig ist, aber trotzdem 30 Yuan kostet. Der Grund liegt auf der Hand: Man hat auf der Terrasse einen famosen Blick  auf die illuminierte Skyline von Pudong (einschließlich Perlturm und Flaschenöffner). Ralfs Anekdoten aus seinem Privatleben (eine chinesische Lebensabschnittsgefährtin mit bipolarer affektiver Störung, dem Syndrom, über das ich dank der lose mit mir befreundeten Autorin Danyu auch einiges zu berichten weiß) kommentiere ich, soweit im Schummerlicht möglich, fortlaufend mit Zitaten aus der akutellen SPIEGEL-Titelgeschichte "Liebe lieber unvollkommen", der weitgehend bestätigt, was Christen sowieso seit jeher predigen: "Echte Freundschaft schmiedet Paare viel fester zusammen als die Herzklopfdramatik der sogenannten großen Liebe. [...] Die ewigen Beziehungsdebatten führen in der Regel zu nichts, jedenfalls zu nichts Gutem. Sex ist überbewertet" und komme meist viel zu früh im Kennenlernprozess. Als wir gehen, blickt ein Deutscher von seinem tragbaren Computer auf und wünscht uns noch einen schönen Abend. Er gibt uns damit zu verstehen, dass wir ihn mit unserem reichlich privaten Gespräch blendend unterhalten haben. "Hier muss man aufpassen, was man sagt", meint Ralf vorm Fahrstuhl, "überall Deutsche!"
Ralf hat Hunger. In dem nebenan gelegenen Schnellrestaurant treffen wir drei deutsche Jungs und eine Österreicherin auf Wanderschaft. Alle sprechen kein Chinesisch. Aber der Wunsch der Österreicherin nach einem flambierten Eis, bekanntlich keine Spezialität in chinesischen Schnellrestaurants, lässt sich auch mit mir als Übersetzungshilfe, nicht erfüllen. Ralf hat einen Riesenbottich vor sich stehen und isst davon auch nicht mehr als Jiaojun von ihrer Pizza. Dafür erwirbt er dann aber im nächsten Supermarkt noch rasch ein Snickers für den kleinen Hunger danach. Wir lassen den Abend in einer Jazzbar ausklingen, in der Ralf Stammgast ist. Hier scheint vor siebzig Jahren die Zeit stehen geblieben zu sein. Oben auf der Empore, erzählt Ralf, hat Köhler eines seiner letzten Getränke im Amt des Bundespräsidenten zu sich genommen. Ralf hat sich sowohl mit der russischen Mitbetreiberin als auch mit der Kubanerin, die in der Jazz-Band spielt (die allerdings montags, also heute, von einer weniger mitreißenden Truppe vertreten wird), gut bekannt gemacht. Hier kostet die heiße Schokolade 55 Yuan, ist tatsächlich heiß und auch nicht wässrig. Gegen Mitternacht geht's nach Haus.
Das Stadtviertel Pudong, das sich anschickt, so eine Art Manhattan von Schanghai zu werden, ist durch fünf Tunnel und nicht eine Brücke mit dem so genannten Bund, dem Zentrum des alten Schanghai, verbunden; der einzige Tunnel für Fußgänger ist natürlich um diese Uhrzeit geschlossen. Er ist auch  mehr so etwas wie ein Erlebnispark. Welcher gehirnamputierte Stadtplaner sich das wieder ausgedacht hat, muss ein Rätsel bleiben. Ich ärgere mich, dass ich für fast 30 Yuan ein Taxi nehmen muss und dann in dem Tunnel, durch den es fährt, auch noch Stau wegen Bauarbeiten herrscht.

Sie sind übrigens Besucher Nr.

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Sonntag, 15. Januar 2012

Perfekt organisiert
Von didus, 23:59


Perfekt organisiert hat meine Ex-Studentin Hongzhen - hier ein Foto aus Deutschland - meinen dreitägigen Ausflug nach Schanghai, wo ich mit der Kindergärtnerin Jiaojun verabredet bin, die hier in der letzten Woche an einer einwöchigen Schulung teilgenommen hat und nun warten muss, bis sie ihre Reise nach Hunan antreten kann, wo ihre Eltern sie zum Frühlingsfest erwarten. Fahrkartenerwerb ist in diesen Tagen Glückssache. Meistens muss man seine Fahrkarte fünf Tage im Voraus kaufen, damit man überhaupt noch eine abbekommt.
Hongzhen hat nicht nur Hotel und Kinoplätze gebucht und die entsprechenden Beträge überwiesen, sie hat es sogar fertig gebracht, via Internet mein Telefon aufzuladen, nachdem sie festgestellt hat, dass man mich nicht mehr erreichen kann, was mich in der letzten Woche phasenweise verwirrt hat. "Aber nur zehn Yuan", sagt sie. Es regnet in Strömen, als wir uns an der U-Bahnstation "Century Avenue" treffen, in deren Nähe Hongzhen gerade an einem Spanisch-Kurs teilgenommen hat. Sie geleitet mich zu dem Hotel, in dem sie sonst Firmengäste unterbringt. Es steht genau neben dem Immobilienbüro, in dem ihr Mann als Makler arbeitet. Das Hotel ist im Sechziger-Jahre-Retro-Stil gehalten, mit runden Sesseln und Plüschkissen. Mein Zimmer, keine Fenster, ist reichlich feminin eingerichtet. "Hier steigen öfter Models ab", erklärt Hongzhen, "die lieben das!" Nachdem sie selbst einen Blick riskiert hat, zahle ich ihr erst mal alles zurück, einschließlich der Kinokarten für morgen. Danach essen wir in einem koreanischen Restaurant. Erinnerungen an Yanji werden wach. Später stößt ihr Mann dazu. Er war bei einem Basketballspiel. Schanghai gegen Kanton. Schanghai hat verloren. Ich erfahre so nebenbei auch, warum in Nanjing jeder ICBC-ATM-Bankautomat und auch hier in Schanghai viele Wände plakatiert sind mit dem Konterfei eines Unbekannten. Der Herr mit dem runden Gesicht hat in Nanjing bei einem Banküberfall einen Wachmann erschossen. "Wenn ich er wäre", sage ich zu Hongzhen, "dann hätte ich jetzt einen Bart und Glatkopf."

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Freitag, 13. Januar 2012

Ruhe sanft!
Von didus, 23:59

Student Li hat eine E-Mail folgenden Inhalts geschickt:
Ich bedanke mich sehr dafür, dass Sie mir eine Gelegenheit bieten können, die Nachprüfung abzulegen. Ich habe schon meinen Fehler bei der Abschlussarbeit erkannt und daraus eine Lehre gezogen. Ich werde mich gut auf die Nachprüfung vorbereiten und möchte eine gute Leistung erzielen. Aufgrund Ihrer Korrektur und Betreuung verbessere ich meine Abschlussarbeit und dann gebe ich die neue Einleitung ab. Ich hoffe, dass Sie mir bei der Abschlussarbeit helfen können. Herzliche Grüße!
Inzwischen habe ich schon wieder ganz andere Sorgen: Ich bin so genervt von dem Lärm auf der Baustelle draußen auf dem Nachbargrundstück, der ja trotz Beschwerden auch nachts nicht endet, dass ich kurzerhand ausziehe: in den Wohnungsflur. Hierbei handelt es sich um den einzigen Raum meiner Wohnung, der keine Fenster hat. Auch mit Blick auf die bevorstehende Knallerei anlässlich des chinesischen Neujahrsfestes eine kluge Entscheidung - Ruhe sanft!

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Donnerstag, 12. Januar 2012

Student Li
Von didus, 23:59

Student Li steht da wie ein begossener Pudel. Student Li wurde vor etwa zwei Stunden von mir am Telefon böse angeraunzt. Mitten in einem Satz, den er sprechen wollte, legte ich auf. Student Li hat in seiner Abschlussprüfung 0 Prozent bekommen. Und das kam so:
Als ich den Kurs, an dem Student Li - als er noch einen Schnauzbart trug, erinnerte er entfernt an Jensi Eckert - teilnahm, im jetzt abgelaufenen Semester eröffnete, wies ich hin auf die Tücken von Texten, die man einfach aus dem Internet kopiert und dann als seinen eigenen Text ausgibt. Ich erklärte Guttenberg, Guttenplag und den Begriff Plagiatsjäger. Ich sagte: "Ein Plagiatsjäger, das bin ich." Ich erklärte, wie man ein Plagiat jagt und wie einfach es ist, die Beute zu erlegen. Ich berichtete von meinem Kumpel Arne Heller, der nur ein paar Anführungszeichen vergessen hat, der sogar mit Fußnoten auf alle Quellen verwies und trotzdem auf eine schwarze Liste für Plagiatsfälle gesetzt wurde. Ich erklärte während des Semesters noch viele andere wichtige Details zum Thema wissenschaftliches Arbeiten. Student Li fehlte allerdings meist im Unterricht. Das Semester endete. Die Studenten gaben ihre Abschlussprüfungen ab. Dann las ich die Arbeit von Student Li.
Student Li hat ein Jahr an einer deutschen Hochschule verbracht. Er hat vor vier Tagen an einer Zulassungsprüfung für das Magisterstudium teilgenommen. Diese Prüfung wählt die begabteren Studenten aus, damit sie zu höheren akademischen Weihen gelangen können. Für diese Prüfung wurde Student Li von höherer Seite das Recht eingeräumt, seine Abschlussprüfung, eine vierseitige Einleitung in die noch zu verfassende Bachelorarbeit, zehn Tage später als alle anderen Kursteilnehmer abzugeben, alle, die nicht an einer solchen Zulassungsprüfung teilnehmen. Student Li legte seine Einleitung in mein Fach. Ich las sie. Ich machte Jagd auf die Stellen, die in so hervorragendem Deutsch daherkamen, dass sie nicht von Student Li sein konnten. Die Google-Suchmaschine wies drei Internetquellen aus, in denen dieselben Sätze  vorkamen, die Student Li in etwa fünfzig Prozent seines Textes verwendet hatte. Das meiste hatte eine Frau namens Ursula Lehr geschrieben, deren Aufsatz im Internet veröffentlicht wurde. Ursula Lehr war in den Jahren 1989 und 1990 Bundesfamilienministerin. Ich markierte die Stellen, die aus dem Text von Frau Lehr stammten, mit dickem blauem Filzschreiber. Unter die Arbeit schrieb ich die Adressen der drei Internetseiten, auf denen ich die von Student Li zitierten, aber nicht als solche kenntlich gemachten Textabschnitte gefunden hatte. Daneben schrieb ich "Plagiat! 0 %". Ich trug die Null in den Notenbogen ein und legte den Bogen in das Fach der für die Noten zuständigen Professorin, der Vizeleiteirn der Deutsch-Abteilung.
Am nächsten Tag, also heute, hatte ich vormittags acht Anrufe in Abwesenheit. Nachmittags ging ich ins Büro. Die Vizeleiterin fragte mich, ob mir die Folgen klar seien, die diese Bewertung für den Studenten Li habe. Er könne mit einer Prüfungsnote 0 nicht in die Nachprüfung, er könne im Sommer sein Studium nicht abschließen. Ich sagte: "Plagiat ist Null. Was soll ich sonst sagen?" Sie telefonierte mit der Institutsleiterin. Die Vizeleiterin reichte den Hörer an mich weiter. Die Institutsleiterin sagte zu mir: "In Ordnung! Wir machen daraus einen Fall, der für Aufsehen sorgt und an dem alle Studenten erkennen können, das so was nicht geht. Davon können alle lernen."
Es ist drei Uhr. Student Li betritt das Büro. Wie er wirkt, habe ich eingangs schon beschrieben. Student Li sucht nach Worten. Er habe gedacht, ein Plagiat, das sei etwas anderes. Ich sage: Wenn er nicht begriffen habe, was ein Plagiat sei, dann zeige das ja auch nur, dass er das Kursziel nicht erreicht hat. Als Student Li hereingekommen ist, hat die Vizeleiterin des Instituts den Raum verlassen. Student Li fragt, was er machen müsse, damit er eine bessere Note bekommen könne. Nichts, erwidere ich, die Noten seien schon geschrieben, heute letzter Tag. Student Li bleibt vor dem Bürotisch stehen und wiederholt Sätze, Fragen, die ich schon beantwortet habe. Ich sage (sinngemäß): "Man muss Fehler vorher vermeiden und nicht hinterher glatt zu bügeln versuchen." Die Vizeleiterin kommt zurück. Am Telefon noch einmal die Institutsleiterin. Die Vizeleiterin reicht mir das Telefon. "Wir können das nicht machen", sagt die Institutsleiterin. "Das macht zu viel Ärger. Die Uni-Leitung will solche Probleme nicht. Kannst du ihm statt null Prozent ein Prozent geben? Das ist dann auch ein Zeichen, dass die Bewertung ganz schlecht ist, aber er kann noch in die Nachprüfung." Ich denke an die Studentin Wang, die vor zwei Jahren ein unsägliches Papier abgegeben hat, das man auch mit 0 hätte bewerten müssen. Eigentlich war sie noch schlechter als Student Li. Aber schon damals war ja klar, dass Durchfallen seitens der Universität nicht erwünscht ist. Ich blicke auf den Studenten Li, der aussieht wie ein Geprügelter der Kulturrevolution. Ich sage: "1 ist auch o.k."

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Freitag, 06. Januar 2012

Künstler unter sich
Von didus, 23:59

Spontan habe ich mich entschlossen, die beiden Autoren Michael Roes und Thorsten Becker, die seit den Tagen der großen Weihnachtsfeier an unserer Universität zu Gast sind, zu einem Abendessen zu laden, und zwar, weil es so schön praktisch ist, in dem Restaurant Nanfangyuan gegenüber von meinem Lehrerwohnheim. Michael befindet sich in der letzten Phase von Filmaufnahmen für ein eigenes Projekt, Thorsten hofft auf eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit dem Künstler der Kun-Oper, mit dem zusammen er vor ein paar Tagen in dem Künstler-Café "Sculpting on Time" aufgetreten ist und dafür seinen "Agrippina"-Text mal eben schnell in der chinesischen Übertragung auswendig gelernt hat. Gemeinsam mit Michael Roes hole ich Thorsten Becker am Südeingang ab. Unterwegs bin ich dann nicht mehr so ganz sicher, ob die beiden Künstler wirklich so gut harmonieren, wie ich mir das vorgestellt habe.
BECKER: "Aber das ist nicht wieder so'n Laden, wo man nicht rauchen darf, oder?"
ROES: "Na, ich hoffe aber doch sehr!"
ICH: "Naja, dann hältst du halt mal bis nach'm Essen durch..."
BECKER: "Nee, das will ich nicht, dann kann ich mich nicht richtig entspannen!"
Zunächst rede dann auch nur ich, wahlweise mit Herrn Roes oder mit Herrn Becker. Aber als ich bei der Auswahl des Essens erst mal Rui Lu anrufen muss, weil ich den chinesischen Namen des von mir erwünschten Gerichtes nicht so aussprechen kann, dass die von der Natur mit einem etwas schlichteren Gemüt ausgestattete Bedienung mich versteht, trägt das durchaus zur Unterhaltung und Entspannung bei. Noch entspannender wirkt freilich die Tatsache, dass das Essen hier mal wieder ganz ausgezeichnet schmeckt. Becker berichtet von dem Stress, den die laute Geräuschkulisse  ihm bei seinem Auftritt während der Weihnachtsfeier bereitet habe. "Ha", entgegne ich, "du warst doch der eínzige, der das Publikum zum Schweigen bringen konnte!" Und siehe da: Thorsten hält dem Fluppenzwang stand, bis wir gemeinsam draußen vor der Tür stehen und frieren.

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Donnerstag, 29. Dezember 2011

Rückkehr zur Insel der Affen
Von didus, 23:59

Manche Geschichten haben ein spätes Ende: Heute, am dritten Tag meines Weihnachtsurlaubs, beende ich, was ich vor knapp zwei Jahren nicht vollenden konnte (sin-o-meter-Bericht hier): meinen Besuch auf der Affeninsel (Houzi Dao) vor Xincun. Die Anreise über Lingshui erfolgt, nachdem ein Mitreisender aufgepasst hat, dass ich hier in den richtigen Bus steige, in einem Klapperbus, bei dem ich, obwohl die Fahrt jetzt vier statt drei Yuan kostet, jederzeit befürchte, die Fenster könnten herausfallen, so laut scheppern sie auf der unebenen Piste. In Xincun, wo eine nagelneue Uferpromenade sich vor der schmalen Durchfahrt zur Affeninsel-Bucht erhebt, wo man vor zwei Jahren im Unrat herumwühlen konnte, besteige ich die Seilbahnkabine (der Preis für die Seilbahn ist in den sagenhaften 163 Yuan für den Park inbegriffen) und schwebe mit Blick auf die Bucht mit den endlosen Reihen von Fischer(haus)booten auf die Nanwan-Affeninsel. 

Hier ein Auszug aus den "Hinweisen für Touristen":

  • Bitte kein Essen zum Affenfüttern mitbringen. Falls Sie doch Essen mitbringen, bewahren Sie es sicher in Ihren Taschen auf.
  • Fütterverhalten sollte nach den Anweisungen des Personals erfolgen.
  • Affen beim Füttern nicht anfassen.
  • Affen nicht ärgern oder reizen, um Affenangriffe zu vermeiden.
Es erwartet mich ein piekfeiner Park, in dem die meisten der domestizierten Rhesusaffen frei herumturnen, sich die Läuse aus dem Fell sammeln oder herumdösen. Die anderen sind zu Zirkusstars geworden. In zwei zehnminütigen Vorstellungen bekommt man einiges geboten für sein Eintrittsgeld: radfahrende Affen, Affen, die ihrem Dompteur mit dem Knüppel drohen, ihm den Hut vom Kopf hauen, zu zweit auf einem weißen Pony reiten oder Handstand auf den Hörnern eines Ziegenbocks machen, der selbst mit seinen vier Hufen gerade über ein zehn Zentimeter dickes Brett zu balancieren hatte und nun auf einer Art Untertasse auf besagtem Brett steht. Selbst die Aras machen am Rand der Bühne Faxen vor Begeisterung und krächzen fröhlich herum. Andere Affen sitzen im Gefängnis, dem so genannten "Monkey Jail". Wahrscheinlich haben sie sich nicht gut benommen und wie zum Erweise dessen reißt einer einem der Gäste mit einer blitzschnellen Bewegung durch den Maschendrahtzaun hindurch einen roten Umschlag aus der Hand, mit dem dieser vor dem Zaun herumwedelte. Nun bedecken rote Fetzen den Boden des Affengefängnisses. Tja, damit dürfte es mit der Entlassung auf Bewährung wohl Essig sein.

Gegen halb fünf hole ich die Tüte mit den Mandarinen und Bananen in der Seilbahnstation wieder ab, die man mir beim Betreten des Parks abgenommen hat, obwohl ich den Affen bestimmt nichts davon abgegeben hätte. In der Seilbahn sitzen mir diesmal eine Oma und ein junger Mann gegenüber. Ich erinnere mich noch, dass ich vor zwei Jahren aus Xincun ganz gut weggekommen bin, nun aber wird meine Rückreise nach Sanya zum eigentlichen Abenteuer dieser Reise.
Phase 1: Mit einer Motor-Rikscha lasse ich mich zu der Kreuzung bringen, die auf der Strecke Lingshui-Sanya liegt. Vor einem kleinen Kiosk stehen schon andere Fahrgäste herum wie bestellt und nicht abgeholt.
Phase 2: Ein total überfüllter Klapperbus hält. Ich bin ganz stolz, dass ich die Aufschrift "Sanya" als chinesisches Schriftzeichen entziffert habe und quetsche mich in den voll beladenen Bus. Allerdings bin ich etwas verblüfft: Nur 4 Yuan knöpft die resolute Schaffnerin mir ab. Die Hinreise kostete mehr als viermal so viel.
Phase 3: An einer Kreuzung in einem mir völlig unbekannten Kaff lädt uns die resolute Schaffnerin aus. "Kommt schon noch ein Bus nach Sanya", erklärt sie einsilbig. Gemeinsam mit einigen anderen Versprengten stehe ich schon wieder in der Gegend herum wie Falschgeld. Langsam geht die Sonne unter. Ein dicker Motorradfahrer mit Doppel-Sitzfläche in seinem Beiwagen steht schon etwa zehn Minuten vor uns herum. Der Mann, der entfernt an den Henker aus dem Rick-Master-Abenteuer "Das Geheimnis des Henkers" erinnert, diskutiert schon seit zehn Minuten mit demjenigen meiner Reisegefährten, der ein knallblaues Hemd trägt und offenbar über das am meisten begrenzte Kontingent an Geduld verfügt. Da komme ja nun kein Bus mehr, erklärt der Henker uns. Die kräftige Frau neben mir zeigt sich unbeeindruckt. Am Ende jedoch hat der Henker den Blauen weich gekocht, dann kocht der Blaue den Fahrgast in der roten Jacke und schließlich mich im weißen Hemd weich. "Zehn Yuan für jeden von uns" hat er ausgehandelt, das gilt aber nur, wenn wir alle drei mitmachen. "Das wird aber kalt", wende ich zunächst ein. "Ach was", meint er und deutet auf das rote Schutzblech, hinter dem ich Platz nehme. Die Kiste knattert los. Der Rote sitzt hinter dem Henker, ich links von ihm und rechts neben mir der Blaue. Gemeinsam bilden wir so eine Art Trikolore. Jedenfalls flattern unsere Hemden wie die französische Nationalflagge, während wir auf der holprigen Nebenstrecke dem Auf und Ab des Rhythmus, bei dem man immer mit muss, folgen. Natürlich ist mir in meiner kurzen Hose doch ganz schön kalt im Fahrtwind, da nützt es auch nichts, dass laut Wetterbericht das Thermometer heute nicht unter 18 Grad fällt. Aber ich bin stolz auf mich, dass ich heute morgen meiner inneren Stimme gefolgt bin und ein zweites Hemd mitgenommen habe. Trotzdem bin ich geschockt, als auf einem Schild steht: "Sanya 45 km". Xincun ist doch kaum mehr als fünfzig Kilometer von Sanya entfernt. Das kann ja noch eine lange Tortur werden! Im nächsten Kaff hält der Henker an und deutet auf einen leeren Minibus, der offenbar nach Sanya fährt. Ich reiche ihm die vereinbarten zehn Yuan, aber der Vergleich mit dem Bösewicht aus Rick Master wäre ja nur halb so passend, wenn der Henker nicht eine krumme Tour versuchen und mal eben das Dreifache von mir verlangen würde. Ich lasse ihn mit den Worten abblitzen, zehn seien vereinbart gewesen, und würdige ihn keines Blickes mehr. Ich bin froh, dem Fahrtwind des Henkers entronnen zu sein. Die Dämmerung ist hereingebrochen und das wäre auf dem Motorradbeiwagen doch noch ganz schön kühl geworden für mich!
Phase 4: Der Mini-Bus setzt sich nach weiteren zehn bis fünfzehn Minuten des Wartens tatsächlich in Bewegung, hält aber so oft, dass wir eine Stunde bis Sanya brauchen. An einer mir völlig unbekannten Einmündung verabschiedet sich mein Reisegefährte in Blau, der übrigens, wie ich unterwegs erfahren habe, ein LKW-Fahrer ist, der Fisch zwischen hier und der Provinz Guangdong hin- und herkutschiert. Zwei Tage Entspannung zwischen den Touren ermöglichen es ihm, in Sanya einen Freund zu treffen, der als Wanderarbeiter in der Baubranche beschäftigt ist und, wenn ich richtig verstanden habe, bei einer Firma für Renovierungen arbeitet. An einer Busstation werden kurz darauf alle verbliebenen Fahrgäste aus dem Bus geworfen. "Ich muss aber zum Busbahnhof", erkläre ich. Denn wie soll ich mich sonst zurechtfinden? Keine Sorge, heißt es, es gehe gleich weiter. Es handelt sich nur um eine Art Betriebs- oder Pinkelpause. Nach weiteren endlos wirkenden Minuten durch die bereits nächtliche Stadt erreicht der Bus den Busbahnhof, die Endstation, und ich kann mich endlich wieder orientieren. Nachts sind bekanntlich alle Straßen grau. Bei meiner Lieblingsrestaurantkette "Do and Me" werde ich mich jetzt erst mal stärken.

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Sonntag, 25. Dezember 2011

Michaels Weihnachtsparty
Von didus, 23:59


Vormittags Gottesdienst, nachmittags kleiner Weihnachtsempfang bei Freunden - so viel anders als in Deutschland ist Weihnachten hier gar nicht! Per U-Bahn und Bus habe ich mich auf den Weg zur Wohnung des mit mir locker befreundeten Engländers Michael und seiner geschiedenen Frau gemacht (Michael: "My relationship always gets better with them after I divorce them!"), wo mich eine Horde ausnahmslos weiblicher Gäste begrüßt. Michael bekommt das Teekesselchen, das ich auf der Uni-Weihnachtsfeier als Julklapp-Geschenk bekommen habe, und seine Ex-Frau einen Stein, der Ewigkeit symbolisiert. Letzteren habe ich als Geschenk für die Teilnahme an einer Umfrage in der Gemeinde St. Paul's geschenkt bekommen. Sie beschenkt mich daraufhin mit Handschuhen, die ich später Huilin schenken werde. Chinesische Waren - immer in Bewegung. Apropos Bewegung - die kommt auch in die Runde, als ich Jiaojun alias Mary und ihrer Freundin Xiao Mei (2. und 3. v.r.), den beiden jüngsten Errungenschaften in Michaels Party-Zirkel, meine Telefonnummer diktiere. Plötzlich zücken alle ihre Telefone und schreiben mit! Da ist er wieder - der Clooney-Effekt!!!

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich immer noch den Text von "O du fröhliche" in der Jackentasche habe (ein weiteres Relikt der Weihnachtsfeier) und das Lied auch ohne falsche Scham zum Besten gegeben habe, weil das auf solchen Partys in China immer irgendwie dazugehört. Wie auch immer: Dala (2. v.l.) lädt mich ein, mal in die Mongolei zu kommen, und Mary alias Jiaojun verzögert ihren Aufbruch so lange, bis auch ich mich aufmache. Vorher vereinbare ich aber noch schnell mit der spät eingetroffenen Liu Meng, dass wir uns in Macao treffen können, wenn sie im Februar dorthin reist. Macao ist nämlich noch auf meiner Liste. Außerdem erkundige ich mich bei Jane, wie es Jiakun geht, meiner Sprachlernpartnerin, die ich dieses Semester noch nicht gesehen habe, seit sie eine Verabredung zum Tennis neunzig Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt abgesagt hat. Gemeinsam mit Liu Meng gehe ich schließlich zur Bushaltestelle. Jiaojun, Xiao Mei und die anderen werden mit dem Auto mitgenommen. Jiaojun meldet sich aber noch zweimal per SMS und erkundigt sich, ob ich auch wirklich gut heimgekommen sei. Man muss ja so'ne neue Nummer auch mal ausprobieren.

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Freitag, 16. Dezember 2011

"Nero!"
Von didus, 23:59

Im Vorfeld gab es bereits Irritationen: Die Studenten des dritten Studienjahrs, die alljährlich die Organisation der Weihnachtsfeier gemeinsam mit der deutschen Lehrkraft zu stemmen haben, fühlten sich von mir nicht ernst genommen, als ich auf ihre allzu vorsichtig und verhalten vorgetragene E-Mail-Anfrage nach dem Glühweinkochen - traditionell in meiner Küche - mit einem Rezept antwortete. Jedenfalls musste sich telefonisch Chefin Yin einschalten, um zu klären, dass ich sowohl die Küche als auch weitere Beiträge wie etwa den Moderationstext willig bereit zu stellen durchaus disponiert bin. Direkt nach dem Unterricht fahren die vier Studenten vom Kochkommando mit mir gemeinsam per U-Bahn zu meiner Wohnung. Aber ehe wir dort ankommen, lade ich erst mal zünftig zum Pizzaessen ins Babela's. Danach holen wir den Wein aus dem Lehrerzimmer. Changting aus dem Jahrgang 08 versorgt uns unterwegs mit Kannen, einen Kochtopf hat Profesorin Kong hinterlassen. So kann der Wein in meiner Küche zum Glühen gebracht werden. Vorher muss ich jedoch meinen Heizkörper zum Glühen bringen, denn in den Wintermonaten schalte ich in der Küche Heizung und Kühlschrank aus und öffne das Fenster. Man nennt das auch einen begehbaren Kühlschrank. Das Kochkommando besteht aus Wenbin, Lanting (die beide vor ein paar Wochen überraschend im GoDi von St. Paul's aufgetaucht sind), Xuwen und Yuqiu. Während sie in der Küche den Wein auf Temperatur bringen, versuche ich im Wohnzimmer Diktate zu korrigieren. Zwischendurch probe ich mit Wenbin, der Klassenprima, die Moderation.
Natürlich geht wieder was schief: Bei meiner Kraftpunkt-Präsentation, so heißt ein computerbasiertes Diaschau-Programm, ist plötzlich die entscheidende letzte Seite futsch, auf der ich anhand von "O du fröhliche" Grundwahrheiten des Evangeliums von Jesus Christus darzulegen versuche. Da muss bei der Konvertierung was schief gelaufen sein. Der Teufel steckt im Detail. Während Eva alias Chen Dong mir auf die Schulter tippt und energisch die Worte spricht: "Wir wollen draußen noch mal das Lied üben!", muss ich den Text schnell aus dem Gedächtnis noch einmal schreiben. Und dann bin ich auch schon draußen vor der Tür, wo sich der Chor zur Generalprobe versammelt hat.
Bei der Begrüßung erwähne ich lobend unsere Ehrengäste Kinder-Uni-Professor Wünnemann, Romancier Michael Roes sowie Dichter und Dramatiker Thorsten Becker (zu ihm gleich mehr), der mich zehn Minuten vor Beginn dringlich um einen Stuhl für seinen Auftritt gebeten, sich selbigen dann aber doch lieber selbst besorgt hat.
Beim Dia-Vortrag kann ich froh sein, dass ich ein Mikrofon in der Hand habe, um das große Gebrabbel halbwegs zu übertönen. "O du fröhliche" tönt dann auch unerwartet gut. Ich dirigiere mit der Hand wie die selige Frau Marsch dereinst uns Grundschulkinder und fühle mich wie der große Zampano dabei.

Höhepunkt des Abends wird dann aber der Auftritt von Thorsten Becker, der früher mit Heiner Müller befreundet war und auf der Grundlage seines eigenen Prosawerks Agrippina - Senecas Trostschrift für den Muttermörder Nero eine Kostprobe seines verblüffenden darstellerischen Vermögens abliefert, indem er als von Nero zum Selbstmord genötigter Seneca - gespielt im blauen Bademantel und in Badelatschen - sogar das notorisch unruhige Publikum zum Schweigen und Staunen bringt: "Nero!", hallt es durch den Saal. "Du willst, dass ich mich umbringe?"

Etwas in Senecas Schatten steht die ungewöhnliche Interpretation von Shakespeares "Sommernachtstraum" durch die 10-Studenten, vor allem die Schauspieler ohne Mikrofon gehen im Crescendo der Brabbelgespräche unter. Während Wenbin sich meist gar nicht auf die Bühne traut und lieber von der Seite ins Mikro spricht, sonne ich mich mal wieder mit Vergnügen im Rampenlicht, obwohl ich nie genau weiß, wann ich dran bin. Einmal muss mich Wenbin sogar aus einem Gespräch herausreißen. 122 Mal muss ich abschließend eine Zahl nennen, damit der jeweilige Zahleninhaber nach vorne kommen und aus der Hand von Weihnachtsmann Feixiang sein Wichtel- alias Julklapp-Geschenk (Ankündigung in der Einladung: "Es wird gewichtet!") in Empfang nehmen kann. Ein Verwirrter, so nennt ihn Professorin Chen, sorgt unter den Gästen für etwas Verwirrung. Er begrüßt ständig wildfremde Leute und sortiert noch Akten auf einem der VIP-Tische, als schon längst alles abgebaut und der Saal gefegt ist. Kollege Li glaubt sogar, meinen tragbaren Computer vor ihm in Sicherheit bringen zu müssen.
Yin will mit dem immer noch lebenden Senaca alias Becker einen trinken gehen. "Trinken?", rufe ich entsetzt. "Na, Tee trinken, Mensch!", erwidert sie. Aber ich kann trotzdem nicht mit, denn wie im Vorjahr öffne ich im Anschluss an die Veranstaltung für Xiaoshi, die jetzt Lehrerin an einer Mittelschule ist, meine Bibliothek; ihre 06-Jahrgangsgenossin Liu Min und Hao Hui ("Inge"), die jetzt Jura studieren, schließen sich an. Xiaoshi und Liu Min machen noch eine Stippvisite in meiner Wohnung, wo ich die zwei versprochenen Deutschland-Landkarten des Akademischen Austauschdienstes nach einigem unkoordiniertem Suchen endlich doch noch aufstöbere und sie ihnen freudig aushändige. Zu Weihnachten gehören nun mal Geschenke.

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