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Die Nacht des Grauens II
Frustriert schleiche ich mit Ralf und seiner chinesischen Lebensgefaehrtin durch das noch nicht so ganz muntere, aber bereits von gleissendem Licht durchflutete, schwuele Schanghai. Das Grauen hat sich auf perfide Weise wiederholt , alles nahm den genau gleichen Verlauf, nur Nuancen haben sich verschoben: Wir waren wie in der Nacht auf den 20. Mai zunaechst in Ralfs Lieblings-Jazz-Club, haben die jamaikanische Trommellegende Tony Hall bestaunt und danach kurz mit ihm geplaudert (denn Ralf ist hier ja Stammgast), ehe wir dann in ein schweineteures Lokal voller Bildschirme und Leinwaende abgedampft sind, um uns die Nacht um die Ohren zu schlagen. Diesmal ist es das "Deutsche Brauhaus" unweit des Deutschen Generalkonsulats, wo man 100 Yuan fuer zwei Getraenke zahlen muss, mein angekokelter Hamburger kostet 70 Yuan, sodass ich nach der Panzerknacker-Aktion vom Donnerstag der Zahlungsunfaehigkeit wieder einen grossen Schritt naeher gekommen bin. Ueber das, was in dieser Nacht geschah, muss ich leider schweigen. Denn Worte koennen mehr Schmerzen verursachen als spitze Wurfgeschosse, wenn die Situation entsprechend ist. Spulen wir doch einfach ein paar Stunden vor und sind damit wieder am Anfang dieses Eintrags:
Vor dem Brauhaus tanzen Menschen in blauen Trikots im Kreis. Rechts neben uns skandieren einige deutsche Jugendliche: "Nie wieder Pizza, wir essen nie wieder Pizza!", was natuerlich gelogen ist. Wir machen noch ein paar schmerzhafte Erinnerungsfots, fruehstuecken in einem Supermarkt im US-Stil, dann entlasse ich Ralf und Xu Li in den verdienten Schlaf. Ich selbst muss noch etwas Zeit tot schlagen, ehe ich ab halb neun meinen neuen Pass im Konsulat abholen kann. Ich wollte eigentlich das Angenehme mit dem Nuetzlichen verbinden, aber leider hat das Angenehme, dem beruehmten Ausspruch vom Wolf im Schafspelz eine Variante hinzufuegend, die Gestalt eines Nachtmahrs angenommen.
Am grünen Rand der Welt
... wird sich schon sehr bald mein neues Domizil befinden, denn nicht nur meine Bibliothek zieht es "aufs Land", wie viele Nanjinger den Ortsteil Xianlin trotz mehrspuriger, allerdings kaum befahrener Landstrassen ringsum nennen, auch mich. Die mir von Hongzhen empfohlene Agentur, vertreten durch den freundlichen Herrn Chen, etwa dreissig Jahre alt, holt mich an der U-Bahn (vorletzte Haltestelle der Linie 2) ab, dann steigen ich beim Vermieter aufs Moped, Chen eilt uns zu Fuss nach.
Bei meiner ersten Begegnung mit der Wohnung war mir bereits klar: Die musst du haben! In der Wohnung stand zwar nichts, kein Bett, kein Schrank, kein Stuhl, aber die Naehe zur Uni ist fuer mich das entscheidende Kriterium. Und: Wenn man von hier oben aus dem vierten Stock schaut, schaut man auf gruene Berge statt auf Hochhausfassaden aus Beton. Deswegen werde ich auch den bevorstehenden Verhandlungspoker verlieren. Der Vermieter heisst Fan Dong, traegt ein knallrotes T-Shirt mit der Aufschrift "Canada" und der dazugehoerigen Flagge. Das Rot, seine untersetzte Figur und sein Stoppelhaarschnitt lassen entfernte Aehnlichkeit mit einem der Panzerknacker aus Donald Duck erkennen. Hilflos wie Donald wirke ich auch bei dem Versuch, die Miete von 1.800 Yuan noch etwas zu druecken, denn eigentlich war mal von 1.500 Yuan die Rede und nur der inzwischen erfolgte Einbau einer Klimaanlage sorgt nun fuer eine Forderung in Hoehe von 1.800 Yuan. Vor ein paar Tagen hatte mir die Agentur sogar schon abgesagt. Alles Poker. "Tja", erklaere ich, als ich Fan Dong und Chen, die es sich auf dem neu angeschafften Sofa bequem gemacht haben, in meiner kuenftigen Wohnung gegenuebersitze, "die Uni zahlt mir aber nur 1.500 Yuan fuer eine eigene Wohnung." Tja, da sitzen wir nun. "Bisschen runtergehen", fluestert Chen ihm zu, "bisschen raufgehen" mir. Am Ende knicke ich schon bei 1.700 ein. Und Nebenkosten, die in China normalerweise der Vermieter traegt, wie mir Hongzhen spaeter mitteilt, kriege ich auch noch aufs Auge gedrueckt. Wir treffen uns wieder in Chens Agentur, wo ich 7.650 Yuan fuer Kaution, drei Monatsmieten und die Courtage fuer die Agentur loswerde, nachdem Hongzhen in Schanghai noch mal den Vertrag ueberprueft hat und mir am Telefon zum Unterschreiben geraten hat. Symptomatisch: Die Zusammenkunft endet vor dem Geldautomaten, an dem ich mein Konto pluendere. Danach fahre ich aber noch mit Fan Dong, der auch am anderen Ende der Stadt wohnt im Bus zurueck. "Den kannst du nehmen, der faehrt durch die Geschwindigkeit!", erklaere ich dem Panzerknacker, der seit er zuerst meinen Widerstand und dann mein Guthaben geknackt hat, ueber beide Backen grinst und einfach nur noch gut gelaunt ist. Ich wollte sagen: "Der faehrt durch den Tunnel", habe aber "sudu" mit "suidao" verwechselt. Bin irgendwie durcheinander seit dem Vertragspoker. Nach dem Tunnel steige ich dann um in die U-Bahn. Fan Dong nehme ich mit. Der kennt sich ja aber auch gar nicht aus mit Bus und Bahn!
Biye Wanhui Nr. 4
Sie kommt spät, aber sie kommt: die vierte Absolventenfeier, an der ich in dieser Stadt teilnehme. Sie findet statt im selben Kaufhaus, in dessen Obergeschoss ich schon mit Liu Chao und Huilin essen war, aber mit dem Fahrstuhl lande ich in einer Abstellkammer nebst Heizungsschacht. Dann doch lieber die Rolltreppe wie bei meinem letzten Besuch. Am Ende eines langen Ganges finde ich ans Ziel und setze ich mich zu Wang Min, dem Emeritus, der seine letzten Dienstjahre am Konfuzius-Institut in Freiburg zugebracht hat. Die 08-Studenten, die ihren Abschluss feiern, sind das letzte Jahr, das er noch unterrichtet hat. Ansonsten ist alles wie immer: Alle prosten einander zu und auch die Studenten, die von mir mit weniger schmeichelhaften Noten bedacht worden sind, lassen mich nicht aus. Yinuo bedankt sich noch mal herzlich für meine Gutachten, die ihr am Ende einen Studienplatz in Pennsylvania eingebracht haben. Und Kollege Chang lässt wieder die Muskeln spielen. Nachdem er ordentlich gebechert hat, ist er dann, wie mir später zugetragen wird, im Armdrücken aber doch noch überraschend vom kernigen Haochen geschlagen worden. Eine ganz besonderes Überraschungsgeschenk für uns Lehrer: Jeder erhält ein Fotoalbum, bei dem sogar schon die Fotos eingeklebt sind: unsere 08er in ihren attraktivsten Posen und mit Reiseimpressionen von Asien und Europa. Ich revanchiere mich eindrucksvoll, indem ich Gratis-Ausgaben der ersten (und letzten?) Ausgabe der "NJUer Morgenpost", der kollektiven Abschlussprüfung des Kurses "Zeitungslektüre", verteile.
Das Leben marschiert weiter und nimmt ihn mit
Gemeint ist natürlich Dichter Thome. Es zieht ihn nach Vietnam. Aber vorher ziehe ich erst noch mal alle Register und lade die deutschen Kolleginnen Rebecka (sic!), Christina und Ines zum Abschlussessen ein. Schliesslich ist das mir von Westerwelle eingeraeumte Budget noch nicht ganz ausgeschoepft. Laestiges Gepaeck laesst der Reisende hinter sich und ich bekomme seinen Rollkoffer geschenkt, den ich fuer den bevorstehenden Umzug bestens gebrauchen kann. Vielleicht gibt es bald mal einen Asien-Roman? "Bisher nicht geplant", sagt er.
Wir treffen uns beim Koreaner im letzten Stockwerk eines Nobel-Kaufhauses. Und so gibt es heute auch keine Klagen ueber Billigpizzas, sogar hochgradig exquisite Spirituosen in weisser Farbe landen vor uns auf dem runden Tisch, auf dem man allerdings seine Grillkost selbst ueber feurigen Kohlen garen muss, ohne dass diese Arbeit, die wir ja damit dem Koch abnehmen, von der Rechnung abgezogen wuerde. Rebecka, die aus Thomes Nachbarstadt Marburg kommt, zieht dann, als wir gegen zehn hier oben die einzigen Gaeste sind, noch mit ihm los. Ich ziehe auch los, und zwar in meine Bibliothek, wo ich den bevorstehenden Umzug aller Buecher auf den Aussencampus Xianlin vorbereiten muss, indem ich jeweils etwa vierzehn bis zwanzig Exemplaren Nummern vepasse. Am Nachmittag hatte ich mit studentischer Mitwirkung schon mit der laestigen Arbeit begonnen. Am Ende sind es ueber vierhundert A4-Blaetter, die derart beschriftet werden muessen.
Charlotte ist wieder da!
Und noch ein Wiedersehen: Die Familie von Bo. nutzt die Pfingstferien zu einer Abschiedstour durch Nanjinger Familien, die sie waehrend ihrer knapp drei Jahre hier ins Herz geschlossen haben. Gestern musste ich terminbedingt passen. Heute mache ich mich mit meiner deutschen Kollegin, der Historikerin Ines, die Charlotte von frueher kennt und jetzt auch an der Uni Nanjing lehrt, auf den Weg zu einem deutschen Grillabend. Irgendwo im Nanjinger Hinterland und in der Naehe eines Golfgebiets entsteigen wir dem Bus, ueberwinden allfaellige Orientierungsprobleme in dem schlagbaumgesperrten klassischen Betuchte-Auslaender-Gehege mit Teich und Tennisplatzen vor der Tuer und finden in den Garten, wo schon kraeftig auf den Grill gepackt wird. Die Zusammensetzung ist international, ausser Deutschland sind auch Holland und Oesterreich vertreten. Und am Ende ist dann sogar Karl an der Strippe, der berufsbedingt kurz vor dem Antritt der Reise verzichten und seine Familie allein reisen lassen musste. Ich mache mich vor Ines auf den Weg, da ich ja keine Taxis nehme. Zum Abschied sorgt mein Telefon bei einem der Gaeste, der sowieso schon ziemlich heiter ist, fuer einen massiven Heiterkeitsausbruch. Das sei ja ein vorsintflutliches Teil. Verstehe ich nicht, erklaere ich, mein Telefon ist doch fast noch neu. Es klebt sogar noch die Plastikfolie auf der Anzeige. Die nehme ich zu Hause ab, denn sie ist, zugegeben inzwischen schon etwas matt. Leider faehrt kein Bus mehr, ich habe das Schild mit den Zeiten wohl vorhin bei der Ankunft falsch gedeutet. Doch die ca. fuenf Kilometer Fussmarsch zur U-Bahnstation schrecken mich nicht. Einzig schreckt mich die Aussicht, die letzte U-Bahn zu verpassen. Dennoch lehne ich das Angebot eines Chinesen, der mich auf seinem Zweirad ueberholt, mich aufsteigen zu lassen, hochmuetig ab. Ich bin trotzdem kurz vor elf am Ziel und packe mich schweissnass auf den roten Sitz von Linie 2. Etwa zeitgleich muss, wie ich spaeter erfahre, auch Ines eingetroffen sein. Wir sehen uns aber nicht mehr.
Lesung mit Huang Fan und Stephan Thome
(Bericht des sin-o-meter-Korrespondenten)
In Zusammenarbeit mit der Nanjinger Vertretung des Goethe-Instituts veranstaltete der DAAD am Freitag, dem 1. Juni 2012 in der Szene-Buchhandlung AVANT-GARDE nahe der Universität Nanjing eine Lesung mit dem Sinologen und Romancier Stephan Thome, den der DAAD bereits im Oktober 2010 anlässlich des Erscheinens seines ersten Romans eingeladen hatte. Herr Thome las vor rund sechzig Besuchern erstmals zwei bereits lektorierte Abschnitte aus seinem noch nicht erschienenen neuen Buch »Fliehkräfte«. Die Partner Goethe-Institut und DAAD (auf den im Rahmen der Lesung in Wort und Bild hingewiesen wurde, dafür sorgte als Veranstalter und Moderator Dr. Didus) hatten für die Lesung auch den Nanjinger Lyriker und Romancier Huang Fan (»Das elfte Gebot«) gewinnen können, der aus seinem neuen und bisher umfangreichsten Roman »Grundfarben« las, einer experimentellen Auseinandersetzung mit der Kulturrevolution, bei der zugleich ein Blick in die Zukunft Chinas geworfen wird. Angesichts der besonderen Rolle die in beiden Werken, die nahezu zeitgleich im Herbst veröffentlicht werden, der Rückblick auf die Vergangenheit aus einer Gegenwartsperspektive spielt, stellten DAAD und Goethe-Repräsentanz die Lesung unter das Motto »Im Wandel der Zeiten«. Einige Studenten der Universität Nanjing nahmen als Übersetzer bzw. Dolmetscher und Co-Moderatoren, andere als Gäste teil. Die Textteile aus dem Roman »Fliehkräfte« waren zuvor von herausragenden Nanjinger B.A.-Studenten ins Chinesische übertragen worden. Von den Lehrkräften der Deutsch-Abteilung der Universität Nanjing erschien leider niemand zu der Veranstaltung. Das Echo war geteilt. Einige der jüngeren Besucher fanden die Texte nicht besonders spannend. An der sich anschließenden halbstündigen Diskussion bzw. Fragerunde beteiligten sich vor allem zwei Journalisten, die Herr Huang Fan eingeladen hatte. Die Doppel-Lesung endete um 21.10 Uhr. Zusätzlich konnte der deutsche Autor am Sonntag für eine von dem Nanjinger Autor Huang Fan an der Technischen Universität Nanjing organisierten Diskussion mit Lehrern und Studenten gewonnen werden, an der Huang Fan hauptberuflich als Hochschullehrer beschäftigt ist. Der Dichter ließ Herrn Thome hierfür ein eigenes Honorar zukommen. Die Veranstaltung fand in chinesischer Sprache statt. Herr Thome empfand diesen Abend auch deshalb als besonders herausfordernd. »Da gab es auch ein paar Freaks«, so der Autor wörtlich. Einer der Studenten habe im Rahmen einer Frage zunächst ausführlich sein esoterisches Verständnis von Pflanzen dargelegt. Mit einem Abschlussessen für Herrn Thome und die ortsansässigen DAAD-Geförderten (Akademiker) endete der Besuch des Autors am Montag, dem 4. Juni. Insgesamt gestaltete sich insbesondere die Zusammenarbeit mit Frau Xu Yangyang von der Goethe-Zweigstelle, welche sich in vorbildlicher Weise um die Logistik und Öffentlichkeitsarbeit rund um die Veranstaltung kümmerte und das Honorar für Herrn Thome und Herrn Huang Fan übernahm, als sehr positiv.
Thome ist wieder da!
Gemeint ist der mit seinem ersten Roman gleich fuer den Deutschen Buchpreis nominierte Autor aus Mittelhessen, den ich 2010 erstmals nach Nanjing eingeladen habe. Nun ist das Goethe-Institut auf ihn aufmerksam geworden und hat den Romancier erst mal nach Schanghai eingeladen. Ich habe mich angeschlossen. Spitzenstudent Zhou, der auch als Uebersetzer taetig ist, holt Thome in meinem Auftrag vom Bahnhof ab. An der U-Bahn-Station stosse ich dazu und eroeffne dem Gast aus Deutschland, dass fuer ihn nun eine neue Aera anbreche. Ich habe naemlich nur noch ein Hotelzimmer im teuren "New Era Hotel" fuer ihn finden koennen. Als Dankeschoen bekomme ich ein signiertes Exempar von seinem neuen Buch "Fliehkraefte", das erst im Herbst erscheint. Anschliessend bitte ich ihn und Student Zhou zum Essen in meine Lieblingspizzeria. Spaeter wird er dann augenzwinkernd sagen: "Er schleppt mich immer in so Billigpizza-Laeden!" Naja, ich muss schliesslich aufs Budget achten!
Punkte-Poker
Strategisch unklug ist es so kurz hinter doofen Fußballspielen eine Prüfung anzusetzen. Ich sitze mit drei Kolleginnen in der mündlichen Prüfungssitzung zum Erlangen des B.A.-Grades. Student Hao (80 Fehlerpunkte auf 400 Wörter) wollte eigentlich was über Goethe und Schiller machen, hat sich als Militärstudent aber vor wenigen Wochen mal eben für die Bundeswehrreform entschieden. Dabei predige ich seit acht Monaten: »Legt euer Thema frühzeitig fest!« Später machen sich die Kollegen nicht die Mühe, mich nach meiner Meinung zu fragen und ich soll 85 % unterschreiben. Gleichzeitig wird die bienenfleißige Zhu mit 75 % abgefertigt. Da platzt mir, schlecht gelaunt, wie ich schon seit Tagen bin, der Kragen. »Da müsst ihr jemand anders suchen, der euch das unterschreibt«, grantele ich. »Der braucht drei Minuten für einen Satz – für mich bestenfalls 60 %.« Er habe sich aber Mühe gegeben, die Arbeit sei wirklich gut, verteidigt die Betreuerin ihr Urteil von 88 %. Haos B.A.-Arbeit habe ich natürlich nicht gelesen. Am Ende habe ich die werten Kolleginnen auf 80 runtergehandelt, die Note für Zhu auf 78 gestemmt. Bei Gaipl nannten wir das früher »Punkte-Poker«.
War natürlich auch nicht hilfreich, dass Hao mir vor einem halben Jahr eine E-Mail geschickt und darin meine China-kritischen Zeitungstexte (»Chinas Olympia-Show ist vorbei«, »Bombastisches Blendwerk«) gerügt hat. Zitat: »Das kann uns gar nicht motivieren.« Sage ich mir heute auch: Drei Minuten für einen verständlichen deutschen Satz – das kann mich gar nicht motivieren. Schon gar nicht in Wochen wie dieser.
Die Nacht des Grauens
So'ne blöde Idee habe ich auch noch nicht gehabt: Wegen des dämlichsten, beknacktesten und vor allem sinnlosesten Fußballspiels meiner gesamten bisherigen Lebensgeschichte fahre ich nach Schanghai, um dem ^°#+* Spiel mit meinen daselbst ansässigen Kollegen Ralf und Thomas in einer ^°#+* Sportsbar zuzuschauen. Ich treffe gegen 23 Uhr im regnerischen Schanghai ein, wir treffen uns in einer Jazz-Bar unweit vom Waitan, wo ich mit Verweis auf Ralf, der mit Thomas und einem deutschen Gastprofessor sowie zwei Damen aus Deutschland schon auf mich wartet, das Eintrittsgeld spare. Der Leadsänger ist cool und kahl wie Seal und holt das Letzte aus seiner E-Klampfe raus; der Trommler scheint ein Jamaika-Direktimport zu sein und irgendwo zwischen Bob Marley, Guru und Voodoo anzusiedeln. Gegen Mitternacht erreicht die Stimmung den Siedepunkt: Eine drahtige Chinesin schnappt sich einen der grauen Sakkoträger vom Tisch vor uns, die aussehen wie Peter Hartz und der VW-Vorstand auf Lustreise, und tanzt mit ihm den Hula-Hoop! Da man das nicht mehr toppen kann, bläst Thomas zum Aufbruch in die Sportsbar. Und das heißt: Alle Frauen gehn nach Haus! Dafür müssen wir unterwegs, vom Taxi an irgendeinem toten Eck rausgelassen, an einer Horde von zudringlichen Rotlichtdamen vorbei. Ich bin von Ralf vorgewarnt und spurte mal schnell vor. Es ist wie bei Monopoli, wenn man auf das Los-Feld kommen will und erst mal die Schlossallee hinter sich bringen muss, die gefährliches fremdes Terrain ist. Bloß: Wir kommen nicht auf Los und sacken 4000 Rubel ein, sondern in eine total verqualmte und von einer Band in alptraumhafte Klänge getauchte Kneipe. Zwar flimmern auf allen Etagen Flimmerkisten, aber wir finden keinen freien Platz mehr. Ich melde mich freiwillig als Geheimagent Didus Banks und pese wieder an den ominösen Damen vorbei. Tatsächlich ermittle ich im Malone's, dem Zielort der Spitzeltour, einen freien Platz mit Blick auf den Bildschirm. Nur ist hier die Live-Musik noch bestialischer, die Luft noch schlechter und die Bedienung, wie sich zeigen soll, noch unfreundlicher. Trotzdem funke ich eine SMS, dass hier die Lage, fußballtechnisch betrachtet, günstiger sei. Der Gastprofessor wird eine freundliche Chinesin nicht mehr los, mit der er im Erdgeschoss beim Eintreten ins Gespräch gekommen ist, als er mit Ralf unten hängen blieb; der zwinkert mir zu und weiß natürlich, dass das eine so genannte Halbweltdame ist. Derweil fiebern Thomas und ich dem Anpfiff entgegen. Die Band hält endlich die Klappe. "Der ist noch nicht drin!" von Thomas wird zum denkwürdigen Satz dieser Nacht. Der Rest ist ^°#+*. Vor der Verlängerung muss ich wegen akuter Erstickungsgefahr mal kurz vor die Tür; es wird bereits hell und regnet Bindfäden. Sprachlos schleppen wir uns nach dem letzten ^°#+* Elfmeter, der uns gezeigt hat, von wie vielen Feinden wir umgeben sind, vor die Tür. Ich verabschiede mich, sehe die Jungs, die kein Taxi bekommen haben, aber auf dem U-Bahnsteig wieder. Hier ereignet sich eine gespenstische Szene: Eine entweder verwirrte oder lebensmüde Frau wandelt über das U-Bahngleis an den ersten Fahrgästen oben auf dem Bahnsteig vorbei. Ich sage zu den Jungs: "Was macht die denn da? Da müsste doch jetzt eigentlich gleich die erste U-Bahn kommen." Die Frau verschwindet im Tunnel, kommt aber wenig später, von zwei Begleitern gestützt, wieder zurück. Am Kopf hat sie eine klaffende Wunde. Die Begleiter helfen ihr auf den Bahnsteig. "Die ist bestimmt Bayern-Fan und wollte sich vor'n Zug schmeißen", kommentiere ich die grotesk anmutende Szene, "total angemessene Reaktion!" Findet natürlich keiner witzig. Sollte auch kein Witz sein. Wenige Minuten später rollt die erste U-Bahn an.
Ich fahre vom futuristischen neuen Hongqiao-Bahnhof mit D 3056 um 7.06 Uhr zurück, lege mich zu Hause um halb zehn ins Bett und versäume die große Uni-Feier zum 110. Geburtstag auf dem Campus in Xianlin. Diese Feier ist nämlich genauso sinnlos wie der ganze Rest des Lebens. Als ich völlig zerschlagen gegen zwei Uhr aufstehe, ist die Welt grau, das Leben schwer wie Blei und der Rest auch nicht so einfach.
Jean-Marie Gustave Le Clézio
Richtig! Es handelt sich um den Literatur-Nobelpreisträger aus dem Jahre 2008, meinem ersten Jahr hier in Nanjing. Monsieur Le Clézio, der 72 Jahre alt ist, aber aussieht wie 58, ist heute zu Gast an unserer Uni und hält einen Vortrag, zu dem ich etwas verspätet erscheine, da ich ja heute Nachmittag Unterricht habe. Der Hörsaal ist voll, aber ich finde noch einen Platz in der drittletzten Reihe. Der Nobelpreisträger, der eine Gastprofessur an unserer Uni antreten soll, antwortet gerade auf Fragen der Studenten. Auf dem Gang am rechten Rand des Hörsaals erblicke ich meinen Kollegen Alain, der mit seiner Profi-Ausrüstung ein paar Schnappschüsse macht. Outzéma, Französin mit italienischen Wurzeln, traut sich nach der Veranstaltung nicht aufs Podest zum Ehrenfoto. Das hat seinen Grund: Die französischen Lehrer werden von ihrem Institut etwas weniger leutselig behandelt als ich von meiner. Unvorstellbar, dass ich bei einem Essen der Abteilung zu Ehren eines deutschen Gastprofessors nicht zum Essen geladen bin. Doch Alain und Outzéma spazieren zwar, ebenso wie ich, mit dem Tross rund um den berühmten Gast zum Nanyuan-Restaurant (Alain macht noch ein paar Fotos), das gegenüber von meinem Wohnheim liegt; es reicht noch für ein kurzes Gespräch, aber vor der Tür des Restaurants gibt’s dann nur noch einen Händedruck. »On n'est pas invité«, lässt Alain vielsagend durchblicken, was der Meister natürlich auch bedauert. Oder ist alles nur ein Missverständnis? Ich wäre wahrscheinlich einfach trotzdem mitgegangen. Ist doch Essen genug da!
Didus allein und nicht zu Haus
Ich bin gestern Abend, da ich heute nicht unterrichten muss, nach Wuxi gefahren. Ganz einfach ist es nicht, hier ein Hotel zu bekommen, denn zweimal werde ich als Ausländer aufgrund irgendeiner rätselhaften Vorschrift abgewiesen. Am Ende lande ich in einem entlegenen Bezirk. Mit der Stadt habe ich noch eine Rechnung offen, denn bei meinem letzten Besuch dort, bin ich erkrankt und lag schlapp in der Gegend herum (sin-o-meter berichtete). Das war vor einem Jahr. Heute dagegen ist alles besser: Ich habe keinen Stau auf dem Weg zur Schildkrötenkopf-Halbinsel (Yuantouzhu), ich löse artig eine Eintrittskarte und ich lande diesmal auch nicht nach einer Querfeldein-Tour im Sanatorium für Provinzkader. Den ganzen Nachmittag verbringe ich auf der Halbinsel, die zu einem großen Park umfunktioniert wurde mit künstlichen Seen, einer alten Brücke, dem Guangming-Turm, einer Aussichtsplattform, von der aus man alles rundum sieht. Hier mache ich Pause. Nur zwei Studentinnen, die offenbar an diesem Arbeitstag auch frei haben, treiben sich außer mir hier oben herum. Auf einem Wanderweg kann man das ganze Areal umrunden. Auf einem Betonsteg am See mache ich lange Pause – keine Hektik heute! Die Sonne scheint; es fühlt sich an wie am Meer. Etwas zu spät fällt mir ein, dass die Fahrt auf die drei kleinen Sanshan- oder Dreiberginseln zwar im Preis inbegriffen ist, aber in China ja bekanntlich die Bürgersteige gegen fünf Uhr hochgeklappt werden. Und so ist es tatsächlich das letzte Schiff (16.45 Uhr), das ich erwische, um auf die etwa drei Kilometer entfernten Inseln überzusetzen. Mir bleiben 40 Minuten zur Besichtigung – sofern ich hier nicht übernachten will. Also pese ich im Eiltempo erst durch den Busch von Insel Nummer eins, die rechts von der Anlegestelle liegt, hinter der eine Brücke beide Hauptinseln verbindet. Dann sause ich den Hügel von Insel Nummer zwei hoch, die etwas größer ist. Das Gebäude mit der schönen Aussicht ist leider bereits seit 16 Uhr verriegelt. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Als die Fähre in Sicht kommt, fällt mir ein, dass ich Insel Nummer drei, die an Nummer zwei mit einer kleinen Brücke verbunden ist, noch gar nicht gemacht habe. Während die anderen auf dem Anleger auf das heranrauschende Schiff warten, renne ich mit Sieben-Meilen-Stiefeln noch einmal am Ufer entlang. Als ich auf Insel Nummer drei bin, bleiben mir ca. 10 Sekunden für einen Blick von hier auf den See. Dann geht es flugs zurück. Ich bin der letzte Passagier, der, etwas atemlos, an Bord kommt. Ich sitze auf dem Oberdeck, das so von herumschwirrenden Mücken oder Eintagsfliegen verseucht ist, dass viele Passagiere abschwirren, und denke: Na die verschwinden ja gleich, wenn das Schiff abfährt. Denn sonst müssten sie ja die ganze Zeit mit uns fliegen. Aber denkste. Die merken das gar nicht, dass das Schiff sich bewegt! Ignorantes Pack!
Ich bin früh genug für den Zug, der um halb neun fährt, und lasse mir viel Zeit. Ich kann in aller Ruhe zum Hotel zurückfahren und meine Sachen holen. Aber schon wieder Pustekuchen. Wegen einer dieser ^°#+* Baustellen, die von dieser Stadt, vom ganzen Land wie ein wucherndes Krebsgeschwür Besitz ergriffen haben, fährt der Bus auf der Rücktour eine andere Strecke und ich kann nur raten, wie weit ich schon vom Hotel weg bin, als mir endlich einleuchtet, dass ich mal schnell raus muss aus der schaukelnden Kiste. Und auf einmal schmilzt mein Zeitpuffer dahin. Ich muss ja jetzt erst mal einen Bus bekommen, der wieder zurückfährt. Und dann muss ich vom Hotel wieder einen Bus erwischen, der mich zum Bahnhof bringt. Die Buslinie 1 stellt aber in Kürze den Betrieb ein. Als ich endlich im Hotel bin, gibt mir die Dame von der Rezeption einen Tipp: Bus zum Bahnhof: an der Kreuzung rechts, dann hundert Meter. Aber – du ahnst es nicht! – ich lande wieder in einem Gebiet mit Straßenarbeiten. An einer Bretterwand, die die Straße vom Gehweg trennt, vorbei nähere ich mich einer Brücke. Auf der gibt es natürlich auch keine Haltestelle. Als ich von der Brücke komme, weitere zwanzig Minuten sind vergangen, ist ebenfalls keine Haltestelle in Sicht. Alles umgemodelt in dieser Stadt! Plötzlich hält direkt neben mir ein Bus (keine mir bekannte Linie) an einer Stelle, wo Leute herumstehen. Ein Haltestellenschild ist weit und breit nicht zu sehen. Das passiert häufig, wenn Busverkehr aufgrund von Baustellen umgeleitet wird. Nur die Einheimischen finden sich dann noch zurecht. Ich blicke auf die Uhr und denke: Also, den fragst du jetzt, ob er zum Bahnhof fährt. Das Glück ist mit mir an diesem Ehrentag. Und da es, als wir bald darauf am Bahnhof ankommen, bereits dunkel ist, brauche ich noch mal Glück: Der Fahrer macht mich darauf aufmerksam, dass dies die Station Hauptbahnhof sei. Hätte ich sonst glatt übersehen.
Alex, Annie und die anderen
Alex (wer ist das?) und Annie heiraten. Das besiegeln sie heute mit einem kleinen Festessen nach dem GoDi in der internationalen Gemeinde im Hotel Ramada, zu dem auch ich, ganz spontan per SMS, geladen bin. Evelyn, die etwas merkwürdige Ghanaerin, die eigentlich Deutsch lernen wollte und nun auf einmal von mir nach Deutschland eingeladen werden will, obwohl sie ihr Deutschlernprojekt nicht sonderlich engagiert fortgeführt hat, ist aber genau wie ich im GoDi von St. Paul's, wo sie jetzt auch, wie sie erklärt, immer hingehen wolle. Sie will auch nicht mit mir zu Alex ins Ramada, obwohl sie gestern noch diejenige war, die mich auf diesen kleinen Empfang aufmerksam gemacht hat, weswegen ich ihr gerade eine SMS geschickt habe, obwohl sie nur wenige Meter von mir entfernt im selben Raum saß, was ich aber nicht wusste. Irgendwie muss es da ein Problem gegeben haben. Ich gehe erst mit Freunden, die sich spontan auf Initiative des Amerikaners John Lux, meines Nachbarn, nach dem GoDi in der Nähe von St. Paul's zum Essen treffen; eine Stunde später bekomme ich dann auf dem Zwischendeck des Ramada meine zweite Mittagsmahlzeit heute. Dort sitze ich neben Gemeinde-Co-Leiter Kennedy und Nora aus Mikronesien. Alex, Engländer, und Annie, Ruanderin, haben es eilig: Die Hochzeit ist für Ende Juni geplant.
Nicht lächeln!
Ich frag' mich, wie die das immer so genau hinkriegen. Man kann lächeln, man kann ernst gucken, man kann eine Flunsch ziehen oder einfach so normal gucken, wie man kann, am Ende kommt doch wieder ein Verbrecherfoto dabei heraus. Gemeint sind Fotoautomaten. Ich habe es heute im deutschen Konsulat im so genannten Soho-Turm mit zwei wirklich guten Fotos von früher versucht, eins davon habe ich sogar selber geschossen, aber der Herr am Schalter hat mir erstens nicht abgenommen, dass das Foto noch gar nicht so alt ist, wie mir es vorkam, und zweitens muss so ein Foto bestimmten Fälschungssicherheitsnormen entsprechen, weshalb man auch auf so einem Foto keinesfalls lächeln darf! Das ist natürlich ein Argument für das Automatenfoto, denn wie oben dargelegt, ist es ja egal, wie man da vor der Linse sitzt, am Ende kommt immer ein Fahndungsfoto für RAF-Terroristen dabei heraus. Und wie mir die Zwangskopien in dem mir vom Herrn am Schalter empfohlenen Laden im ersten Stock des Gebäudes, die 1000 Prozent teurer sind als im normalen Laden, unmissverständlich demonstrieren, ist ein Passfoto hier nicht erschwinglich. Dann doch lieber die umgerechnet 5 Mark für den Automaten, den ich mit enormer Auffassungsgabe beim Aufstieg vom U-Bahnsteig im Augenwinkel wahrgenommen habe, obwohl ich da noch gar nicht wissen konnte, dass man meine mitgebrachten Fotos derart pauschal verneinen würde. Obwohl das Konsulat bald dicht macht, nehme ich mir also die Zeit für die zehn Minuten Fußweg und die fünf Minuten im Fotofix-Studio. Allen Erfahrungen und Warnungen zum Trotz ist man doch immer wieder aufs Neue überrascht, wie gruselig man auf so einem Foto aussieht. Und - siehe da! - die Verbrecherfotos werden akzeptiert. Vater Staat weiß eben, was er will!
Das gilt auch für Helmut, mit dem ich gegen eins das gemeinsame Hotel verlasse. Wir gehen anschließend noch gemeinsam zum Mittagessen. Statt eines chinesischen Billigrestaurants wird ein amerikanisches ausgewählt, was mir natürlich auch recht ist. Helmut spendiert zum Abschied noch ein Eis. Mehr kann ich noch nicht wieder essen nach dem großen Bankett gestern. Dann verabschiedet sich Helmut zum Flughafen. Ich schaue mir noch kurz den Volksgarten an, es ist mir aber zu warm. Ich mache mich auf den Weg zum Bahnhof.
Hongzhens Hochzeit
Hongzhen hat geheiratet. Und das ist natürlich Anlass für dreierlei:
- ein Wiedersehen mit ehemaligen Lehrern und Mitstudenten,
- eine missionarische Hochzeitsfeier und
- ein üppiges Festbankett.
Ich bin schon am Vorabend in Schanghai eingetroffen und bin im selben Hotel untergebracht wie mein Ex-Kollege Helmut Linke. Wir verabreden uns für die gemeinsame Teilnahme an einem Hauskirchen-Gottesdienst. Ca. vierzig Leute versammeln sich in einem Wohnzimmer, darunter eine von Helmuts Ex-Studenten, die uns uns (bzw. den Taxifahrer, dem man in China ja jederzeit ein Mobiltelefon in die Hand drücken kann) Ziel gelotst hat. Viel verstehen wir nicht; trotzdem werden wir um einen kurzen Beitrag gebeten. Danach gibt es eine ausgedehnte Gebetsrunde. Neben mir übersetzt ein junger Christ, der in dem kleinen Kreis neben mir sitzt. Eine Besucherin ist in eine Glaubenskrise gestürzt und bricht in Tränen aus, der junge Mann neben mir heiratet bald. Am Ende müssen Helmut und ich früher aufbrechen, denn wir wollen noch mit Helmuts ehemaliger Studentin und deren Mann zu Mittag essen. Außerdem muss Helmut im Hotelzimmer noch ein paar Lieder mit weiteren YUST-Ehemaligen einstudieren. Ich springe natürlich ohne langes Zureden als Tenor ein.
Als wir gegen 18 Uhr in dem Festsaal irgendwo in der Mitte eines Pudonger Hochhauses eintreffen, ist Li Jun schon da (dafür muss sie früher weg, ist ja selbst jung verehelicht und hat ein Kind). Außerdem gibt es ein Wiedersehen mit den 03-Studenten Shen Ling (mit neuen Augen), Fenghua, Longzhe, Xuequan (dessen Haar immer dünner wird) und mit dem ehemaligen 02-Klassensprecher Mingri, der ohne unseren Tisch zu bemerken die meiste Zeit in einem anderen Winkel des Festsaals verbracht hat. Zweifellos ist das die frömmste Hochzeitsfeier, die ich in meinem Leben mitgemacht habe, geistliche Gesänge der Gemeinde und Beiträge des Gemeindepastors nehmen gar kein Ende. Unser Chorgesang, am Anfang etwas schräg, fügt sich da nahtlos ins Bild. Zum Abschluss gibt es für alle kleine "Jesus loves you"-Anhänger - und natürlich die unerlässlichen Schnappschüsse. Hongzhens Ehemann Ding hängt leider, mitgenommen von zu vielen Prosits, etwas matt in den Seilen.
Das YUST-Revival komplettiert Liu Chao, die mir nachts am Telefon ihre Bewerbung für eine deutsche Uni vorliest, damit ich sie korrigiere. Völlig richtig sehe ich voraus, dass mich auch Danyu, die heute über Schanghai aus Hongkong zurückkommt, mitten in der Nacht noch anrufen wird, weshalb ich den Hörer des Zimmertelefons vor den Apparat lege. Schließlich muss ich morgen Vormittag ausgeschlafen sein, wenn es im Konsulat darum geht, einen neuen Pass zu beantragen.
Nun fährt sie auch noch!
Weil sie ein neues Visum benötigt, befindet sich die Schriftstellerin Danyu in der Stadt und überfällt mich mit dem Auto, das ihr Papa ihr mal eben geschenkt hat, einem VW-Beetle, beige. Sie ruft mich an, als sie soeben mit dem schicken neuen Auto einen kleinen Betonpfeiler am Uni-Portal angeditscht hat und man sie mit dem Wagen nicht auf den Campus lässt. Ein Plastikteil ist vorn an der Stoßstange aus der Halterung gedrückt worden. "My father will criticize me", befürchtet die neurotische Nanjingerin mit derzeitigem Wohnsitz in Chicago. Kein Wunder, dass sie nun will, dass ich fahre! Irgendwie raus aus der Stadt. Ich lehne zunächst ab, kenne mich doch so gut gar nicht aus in Nanjing und habe auch keinen Führerschein in China, aber sie besteht darauf. Zugegeben, sicherer ist es schon, wenn ich fahre. Schließlich hatte Danyu ihren Führerschein vor einem Jahr erst ausgehändigt bekommen, nachdem sie in Gegenwart des Prüfers melodramatisch in Tränen ausgebrochen war. So komme ich also zu meiner ersten eigenen Autofahrt in der Volksrepublik. Ich komme aber nicht raus aus der Stadt, verfranse mich hinter der Stadtmauer. Schließlich finde ich einen Parkplatz in der Nähe des Qinhuai, einem Zufluss des Jangtse. Dort kenne ich mich aus. Wir flanieren eine Weile am Ufer entlang, finden eine Bank und Danyu hat genügend Zeit, mir ihr Leben zu erzählen: von der neuen protestantischen Gemeinde, die sie gefunden hat, einer netten Pastorin und Kevin, dem dichterisch veranlagten Ex-Knacki, der so etwas wie ihr neuer Lebensabschnittsgefährte sein könnte. Leider ist er aber ein Wüstling und nach einem Streit hat er sie aus dem Auto geschmissen, als er sie zum Flughafen bringen sollte (kann ich sehr gut verstehen, denn Danyu kann einem furchtbar auf die Nerven gehen). Trotzdem kann sie es kaum erwarten, die nächste E-Mail von ihm zu lesen, wofür sie dann später meinen Computer benutzen wird. Ich schreibe ihr sogar noch einen Flirt-Text für einen blonden Hünen, auf dessen Foto sie in einer Internet-Partnerbörse gestoßen ist. Sie kennt da keine Hemmungen. Der Tag klingt aus mit einem Mitternachtsimbiss bei KFC, wohin wir aber nur gehen, weil bei McDonald's ein röhrender Reiniger für ohrenbetäubenden Krach sorgt.
Es bleibt bei einer kurzen Stippvisite, denn Danyu muss weiter nach Hongkong, wo sie sich in den nächsten Tagen mit einem Professor zwecks Aufnahme eines Promotionsstudiums trifft.
Taizhou
Nun sind wir also in Taizhou, der letzten Station der Reise. Wir werden an der Plebejer-Schlange vorbeigelotst, die sich am Kassenhäuschen vor dem Vogel-Nationalpark gebildet hat. Schließlich haben wir V.I.P.-Status. Hinter dem Kassenhäuschen steigen wir in ein kleines Boot, mit dem fahr'n wir über'n See. Auf der anderen Seeseite wacht ein an eine Pagode gehefteter goldener Riesenbuddha über uns. Dann steigen wir um in kleinere Boote, denn es geht durch eine Art Mini-Everglades, ein sumpfiges Gebiet, das mich ein bisschen an die Gegend um Dubreka in Guinea erinnert. Seltene Vögel sehen wir zwar keine, nur Enten, was Janet, unsere amerikanische Kollegin, fast zum Wahnsinn treibt. Aber die Tour durch die Mini-Everglades ist trotzdem nett. Janet hat sich indessen abgesetzt, taucht aber glücklicherweise wieder auf, ehe die Chinesen sie zur Fahndung ausschreiben. Wir steigen in den Bus und fahren nach Hause. Der Bus bringt uns aber nicht aufs Uni-Gelände, sondern hält vorm Ramada-Hotel, das ich gut kenne, denn hier ist sonntags der GoDi der internationalen Gemeinde. Janet ist empört: Mit ihrem vielen Gepäck kann sie doch jetzt nie im Leben zu Fuß nach Hause gehen. Sie drückt mir ihre graue Tasche in die Hand und setzt sich entnervt in ein Taxi. Ich gehe mit dem amerikanischen Mormonen-Ehepaar und Reiseleiterin May zurück und stelle die graue Tasche vor Janets Tür ab. Ich bin ja gewohnt, für Janet zu schleppen (sin-o-meter berichtete). Es ist so eine Art "running gag" - buchstäblich.
Der Mi-lu-Hirsch
Der Mi-Lu-Hirsch ist ein seltenes, aber auch stinkendes Exemplar. Davon können wir uns am zweiten Tag unserer V.I.P.-Reise überzeugen. Von unserem V.I.P.-Status überzeugt uns übrigens die Eskorte der Provinzregierung, die unseren beiden Bussen mit eingeschaltetem Warnblinklicht stets voranfährt. Die Jungs da drin sind wahrscheinlich schwer bewaffnet. Nicht auszudenken, wenn uigurische Separatisten zwei Busse mit Ausländern kapern würden: Der Ruf Chinas in der Welt wäre dahin, eigene Raumstation im All hin oder her! Wir werden nach dem Frühstück zunächst an die Küste des Ostchinesischen Meeres geworfen, an den äußersten Schiffsanleger von Dafeng, um genau zu sein: eine Mole im Nirgendwo, durch eine endlos lange Brücke mit dem Festland verbunden. Hier weht uns eine steife Brise um die Ohren. Triste Gewerbeanlagen und keine Menschenseele weit und breit machen den Ort fast schon wieder interessant. Das Motto ist dennoch allseits: schnell wieder rein in'n Bus! Auch´ich, der ich ja praktisch nur mit dem unterwegs bin, was ich Freitag am Leib hatte, fühle mich im Innern des Busses besser aufgehoben und zweifle nunmehr doch an der Suffizienz meines Reisegepäcks. Es geht vom Dafenger Museum für Ozeanografie und Technologie, wo wir durch einen gläsernen Tunnel geschleust werden, jenseits dessen Wänden Fische und Schildkröten sich tummeln, zur Dafenger Hafenplanungsausstellungshalle.
Alles erinnert immer ein bisschen an »Asterix und die Trabantenstadt«. An einer Ecke hat man Häuser im europäischen Stil des 17. oder 18. Jahrhunderts nachgebaut, ein merkwürdiger Stil-Eklektizismus. Soll das Frankreich, Deutschland, Italien sein? Keiner weiß es. Über einem Souvenirladen zeigt eine elektronische Anzeige in wandernden roten Buchstaben: WARMLY WELCOME FOREIGN EXPERTS IN NANJING TO DAFENG (»Willkommen in Nanjing nach Dafeng«- bisschen verwirrend!). Einige animiert das europäischen Eck gleich zum Einkauf im chinesischen Supermarkt. Dabei liegt das »Halbinsel-Hotel« mit unserem Vier-Sterne-Mittags-Buffet (mit europäischem Käsekuchen und Eis!) nur einen Steinwurf entfernt und wartet schon auf uns. Ich wandere ebenfalls etwas in den Kulissen herum. Ein Reiseführer sorgt sich schon, ich könne verlustig gehen. Der Nachmittag steht dann ganz im Zeichen des Hirsches. Die vorgeschaltete Filmvorführung erweist sich als Reinfall. Als der Hirsch-Film zum dritten Mal an derselben Stelle ausgeht, gehen wir raus. Daoches, kleine Elektroautos fahren uns nun mitten hinein in den Mi-lu-Hirsch-Naturpark. Die Viecher leben hier auf engstem Raum, ein bisschen mehr als im Wildpark Eekholt freilich, und knabbern alles an. Und überall riecht es streng nach Mi-lu-Exkrementen, die natürlich auch unter Naturschutz stehen. Beim Mi-lu-Hirsch handelt es sich um eine eigene Spezies, die im Jangtse-Delta heimisch war. Weltweit gibt es heute davon noch 3000 Exemplare, davon ein Drittel im Reservat hier in Dafeng. Ein englischer Herzog aus dem Haus Belfort, im Mi-lu-Bildband steht er als "Hoff Rand", hat das Überleben des Hirsches gesichert, weil er welche in englische Zoos entführte, während hungrige Chinesen dem Hirsch in seiner Heimat den Garaus machten. 1985 und 1987 die große Tat: 37 englische Mi-lu-Hirsche wurden wieder ausgewildert und der Engländer ist nun unter Mi-lu-Anhängern so etwas wie ein Nationalheiliger und hat hier nicht nur einen Stein im Brett, sondern auch eine Büste im Park. Ich muss den ganzen Tag an Struppi aus »Tim und Struppi« denken, weil der im Original »Milou« heißt. Zur Ablenkung spreche ich mit einem der jungen Amerikaner, der lange in Spanien studiert hat, ein bisschen Spanisch.
Nie war er so v.i.p. wie heute
Heute mache ich die Pause durch und beende den Unterricht fünfzehn Minuten früher, um pünktlich wieder auf dem Hauptcampus zu sein, wo ein Bus auf mich wartet, voll beladen mit ausländischen Fachkräften, die auf Einladung der Provinzregierung zwei Tage lang durch den Nordosten der Provinz kutschiert werden, eine Art Butterfahrt ohne Kaufzwang, Essen in Fünf- und Übernachtung in Vier-Sterne-Hotels inklusive.
Wir bekommen schon im Bus kleine grüne Hefte, in denen neben einem Reiseplan auch alle unsere Namen mit der Raumnummer im Hotel stehen. Ansonsten mutet man uns nach der langen Fahrt heute nicht mehr viel zu. Höhepunkt, der zugleich repräsentativ ist für das, was uns die nächsten zwei Tage erwartet und daher hier auch repräsentativ erwähnt wird, ist der Besuch des Yanchenger Stadtplanungsausstellungszentrums. Ein – so heißt das im Marketing-Jargon – Image-Film mit 3-D-Effekt (aber ohne Brille, wir wollen ja nicht übertreiben!), ein furioses Spektakel mit illuminiertem Stadtplanungsmodell (ca. 2 x 8 Meter groß) unterhalb der Leinwand macht klar: Warum kleckern, wenn man auch klotzen kann? (Kann auch sein, dass das mit dem Modell woanders war, jedenfalls beeindruckend dieser unerschütterliche Glaube an die eigenen Gestaltungsfähigkeiten.) Die Botschaft dieser Reise soll also sein: In China beginnt die glorreiche Zukunft genau jetzt.
Wir beschließen den Abend auf Einladung der Stadtverwaltung von Yancheng mit einem Festbankett in unserem Vier-Sterne-Hotel, dessen Gänge Raumschiff-Dimensionen haben. Aber zum Glück watscheln überall schicke Chinesinnen in roter Tracht herum, die einem helfen, ans Ziel zu kommen.

Schwere Wahl
Um den gelangweilten Studenten des Abschlussjahrgangs etwas Abwechslung zu bieten, habe ich mit Danxia eine Studentin eingeladen, die von ihren Erfahrungen eines Übersetzungs- und Dolmetschstudiums in Germersheim erzählt. Gemeinsam mit ihrer ehemaligen Kommilitonin Siqiao, Magisterstudentin in Nanjing, lade ich dann zum Essen. Daraus ergibt sich die Idee zu einem Übersetzungsprojekt: Ich mache ein bisschen Geld locker und Danxia übersetzt "Shui an" von Dramakönigin Danyu ins Deutsche. Und ich bringe das Buch dann in Deutschland auf den Markt. Als Titel im Gespräch: A. "Was das Meer verschlang", B. "Seele ruhe schweige Meer" und C. "Dunkle Geburt aus unendlichem Meer". Wer unter den geneigten sin-o-meter-Lesern einen Favoriten hat, möge doch einen Kommentar mit dem entsprechenden Buchstaben hinterlassen!
Ostern
Heute gleich zwei Gottesdienste – schließlich ist Ostern. Am Nachmittag kann ich Jiakun überreden, sich in der Nähe der ihr bekannten katholischen Kirche auf ein Kaltgetränk zu treffen und dann mit in den Gottesdienst in der Mochou-Kirche zu kommen, in dessen Chor auch die ihr bekannten Michael und Linda singen. Dafür entfällt mein Sprachlernanteil heute. Nach dem Gottesdienst nimmt mich Michael zur Seite und erklärt: Die von ihm bei Gericht hinterlegten 8000 Yuan (aha!) seien von der Taxi-Tussi nicht angerührt worden. Das sei ihr zu wenig. Ich bin äußerst erleichtert über die Nachricht, denn die Taxi-Tussi verdient kein Geld, sondern höchstens eine weitere Tracht Prügel. Nun hoffe ich auf eine Rückerstattung aller bisher widerrechtlich in diesem Fall gezahlten Gelder und zusätzlichen Schadenersatz wegen besonderer Blödheit der beschuldigenden Partei.
Nanjinger Passionsspiele
Ein wahres Passionsspiel liefert zum heutigen Karfreitag die internationale Gemeinde. Ein Jesus mit Striemen und ein Pappkreuz, dazu eine Geschichte von Menschen, die glauben, sie kämen auch so irgendwie in den Himmel, ein eingespieltes teuflisches Lachen, düstere Gestalten mit Monster-Maske, die die Dahinscheidenden auf handgreifliche Weise vom Gegenteil überzeugen, und die Hand des Erlösers hinterm Vorhang, die auf Wink des von Nora überzeugend verkörperten Engels zu denjenigen sich ausstreckt, die die Eintrittskarte ins Himmelreich beizeiten gelöst haben. "Fast zu echt", meint neben mir der Nigerianer Vitus sichtlich ergriffen.
Vor dem Flug
Morgen muss Juli wieder nach Chengdu. Heute lassen wir's etwas ruhiger angehen. Er muss ja auch immer noch seine Erkältung auskurieren und der feucht-fröhliche Ausflug zu den bunten Lichtern von Fuzimiao gestern Abend war diesbezüglich ja nicht sonderlich therapietauglich. Morgen, am chinesischen Allerheiligentag, essen wir zum Abschluss noch mal zu Mittag in der Mensa, wo Zhengang zu uns stoßen wird, der sich immer freut, originale Deutsche kennen zu lernen. Heute schicke ich Juli noch mal allein auf Erkundungstour. Ich selbst gehe mit Schiller in den Park, wo ich Jiaojun mit den nächsten Fragen zur Französisch-Prüfung erwarte. Sie trifft allerdings später ein als Juli, der Cui Zhou, die hinterste und ruhigste der vier Inseln im Xuanwu-See, auf dem gestrigen Ausflug auch noch gar nicht näher kennen gelernt hat. In einem Thai-Restaurant in der Fußgängerzone von Hunan Lu lassen wir den Abend ausklingen. Ich schreibe mir ein paar der besonders kniffligen Prüfungsfragen auf, damit ich sie später meinem französischen Kollegen Alain vorlegen kann.
Die olle graue Jacke
Für den heutigen sommerlich warmen Tag, den ich nach einer Partie Tennis (nix getroffen) mit der Korrektur von Hausaufgaben verbringe, habe ich Juli vier Studenten des Jahrgangs 10 organisiert, allen voran die entzückende Hochbegabte Xiaoxiao, die sich umringt von vier männlichen Studenten absolut nicht als Mauerblümchen fühlen muss und auch die SMS-Kommunikation mit ihrer Lehrkraft übernommen hat. Brav haben sie ein Besuchsprogramm zusammengestellt, über das ein paar Schnappschüsse von Juli Aufschluss geben. Jedenfalls kommt die bestens gelaunte Horde eine Stunde zu spät zum von mir im Nanfangyuan vor meiner Haustür reservierten Essen, was mich zwischenzeitlich zu der Kurznachricht: "Von der Mauer gefallen?" veranlasst hat.
Um halb sieben treffen sie dann aber doch noch ein und ich löse mich aus dem Gespräch mit meinen US-Kollegen, die mal wieder mit nix zu tun vor dem Lehrerwohnkomplex herumlungern. Während wir auf das Essen warten, verteile ich ein paar rasch ausgedruckte Liedzettel, um die Gunst der Stunde zu nutzen ein gesungenes Dankgebet einzuüben. Die Studenten, die mich auf der Weihnachtsfeier in Aktion gesehen haben, sind sichtlich darauf vorbereitet. Mit Julis Mitwirkung klingt alles auch nur halb so schräg.
Doch dann folgt die Strafe für die Verspätung: Ein Wolkenbruch überfällt die Stadt, noch bevor alle Reisschalen leer sind. Doch von dem Vorhaben Fuzimiao bei Nacht lassen sich die wackeren Gesellen gleichwohl nicht abbringen. Vor allem Luo Hang ist jedoch viel zu sommerlich gewandet. Ich erbarme mich und er bekommt die olle graue Trainingsjacke, die Mama schon entsorgen wollte, weil sie sie so hässlich findet. Da sieht man mal, wie kurz so was gedacht ist. Luo Hang ist jedenfalls erleichtert, dass er sich das "olle Ding" über die Schultern werfen kann. Der schmächtige Junge sieht darin so attraktiv aus, dass ihn Xiaoxiao hernach während des Spaziergangs im Regen gar nicht mehr loslässt und sich an den grauen Ärmel heftet wie die Erlösungsbedürtige aus der Bibel an den Rocksaum Jesu. Zuvor sind allerdings bange Minuten an der Bushaltestelle zu überstehen, in denen manche Bö uns arg anfährt. Ich sehne den Bus besonders herbei, denn ich habe dafür plädiert, mit dem Bus statt mit der U-Bahn zu fahren, weil wir so weniger durch den Regen spazieren müssten. Und tatsächlich sind es von der Endstation von Bus Nr. 1 nur noch wenige Schritte zu der nächtlich bunt erleuchteten Sehenswürdigkeit. Wir machen also die obligatorischen Schnappschüsse, finden noch einen optisch interessanten Weg zurück und werden schließlich in der U-Bahnstation Opfer des touristischen Ansturms. Darum müssen wir eine halbe Stunde am Fahrkartenautomaten ausharren, etwa so lange, wie vorher die Erkundung von Fuzimiao dauerte. Luo Hang behält die olle graue Jacke an, obwohl es hier unten ziemlich warm ist und wird sie mir erst am Freitag im nächsten Unterricht zurückgeben. Kaum auszudenken, wie dieser Tag verlaufen wäre, hätte ich es nicht durch heldenhaften Einsatz vollbracht, sie dem Verhängnis im Altkleidersack zu entreißen.
Die ganze Stadt
Im Gottesdienst der internationalen Gemeinde stellt sich Juli artig vor und bekommt später beim Hinausgehen auch gleich ein paar Rückmeldungen. Für die Familie von Ben ist er ja schon fast ein alter Bekannter. Danach mache ich mein Versprechen wahr und erweise mich als unschlagbarer Reiseführer, indem ich dem von weither gekommenen Gast die ganze Stadt zeige - vom Gipfel des Zijin-Bergs aus. Auf einen Schlag! Wir haben prima Sicht bis zum Jangtse. Mehr kann man wirklich nicht verlangen. Der Abstieg ist etwas holprig, was jedoch prompt kompensiert wird durch den malerischen Zixia-See und die rosa Pflaumenblüten im Ming-Gräber-Park, durch den der Rückweg führt.
Einigermaßen erstaunt sind wir am Abend über die Meldung von Tagesschau.de, dass die ARD am 6. Dezember eine Spendengala zur Rettung der FDP ausstrahlen wird. Wir hätten das eher RTL zugetraut. Schön ist aber natürlich, dass Thomas Gottschalk nun eine Sendung moderieren wird, bei der nicht zuerst auf die Quote, sondern nur auf die 5-Prozent-Klausel gestarrt wird.
Sibeihou
Seit den Abendstunden des gestrigen Tages ist Großenaspe zu Besuch in Nanjing. Nach Karl von Bo. nun Julien W., genannt Juli, der in Chengdu Englisch unterrichtet und mit Blick auf das anvisierte Sinologiestudium bereits verblüffende Fortschritte erzielt hat. Ich zeige ihm auf dem Weg zum Fußball mit Ben und seinen Freunden die altehrwürdigen Gebäude der Nachbar-Universität Nanshida. Dann suchen wir gemäß Bens Instruktionen den richtigen Bus. Die Busnummern stimmen nicht und die Station heißt auch nicht Sibeihou, sondern Sanbailu, aber nach einem weiteren Anruf kann die kanadische Sportskanone uns dann doch noch zur rechten Haltestelle lotsen und er holt uns daselbst auch gleich ab. Durch ein mir ganz unbekanntes Wohnviertel geht es zum Sportplatz einer Uni für Telekommunikationswesen. Während ich mit Ben und einigen Chinesen hinter der berühmten Kugel herflitzt, übt sich Juli am Spielfeldrand mit Bens chinesischer Frau und dem sino-kanadischen Töchterchen in Chinesisch.
V.I.P.
Diese Geschichte hat eine Vorgeschichte: Jiakun hat mir am zweiten Februar eine Mitteilung mit der Frage geschickt, ob ich nicht irgendwann Zeit hätte, die unterbrochenen Sprachlerntreffen fortzusetzen. Sie hatte zu Beginn des letzten Semesters schwindendes Interesse signalisiert. Nun treffen wir uns also wieder, jetzt sonntags. Seit dem 8. Februar, ihrem Geburtstag, rennt sie mit Krücken rum. Weil sie in der Hektik des Aufbruchs zu einer kleinen Feier mit Freundinnen, tja, unglücklich gestürzt ist. Beim Treffen in dem Künstlercafé "Sculpting on Time" trafen wir am 11. März den mit mir gut bekannten Autor Huang Fan, der zu einer Dichterlesung mit französischsprachigen Kanadiern einlud.
Und da sind wir also heute, bei besagter Dichterlesung. Huang Fan war so frei mich als Spezialgast auch prompt auf das Werbeplakat setzen zu lassen, weswegen ich zuvor schon von Leuten auf die Veranstaltung angesprochen wurde, ohne zu wissen, wie die denn wissen können, dass ich da hingehen werde. Zum Glück konnte Jiakun das Rätsel lösen.
"Als V.I.P. habe ich natürlich einen Platz in der ersten Reihe", erkläre ich ihr, die mit ihrer Freundin abgeschlagen auf den hintersten Plätzen zu finden ist. Ich kann ihnen aber natürlich auf Wunsch noch einen Platz neben meiner deutschen Kollegin Ines, einer Historikerin, verschaffen. Auch Janet, die Frau, deren Umzug ich dereinst im August quasi im Alleingang bewältigte, ist unter den Gästen.
Einige Zeit später wird mir Jiakun dann erzählen, sie habe den kanadischen Dichter Danny in eindeutiger Situation mit einer Frau in einem Restaurant gesehen, die offensichtlich nicht seine Frau gewesen sein könne, weil die ja Koreanerin sei. "Da hast du dich bestimmt vertan", sage ich.
Chip
Eines Tages, es war letztes Jahr im November, glaube ich, nahm er in einem der kleinen Restaurants an der Guangzhou Lu, wo ich regelmäßig Xiaolongbao esse, wie selbstverständlich den Platz mir gegenüber ein: Chip. Das war der Name, mit dem sich der etwa sechzigjährige, weißhaarige Amerikaner mit den auffällig schlechten Manieren mir vorstellte. Während er sich zu meinem Verdruss eine Zigarette nach der anderen ansteckte, sprach er von seinem traditionsreichen Englisch-Treff: Jeden Sonnabend zwischen 19 und 21.30 Uhr, bei jedem Wetter werde unter freiem Himmel Englisch gesprochen. Jeder könne kommen, auch ich. Früher sei er ja auch mal Lehrer an meiner Universität gewesen, aber dann ... hat die Zusammenarbeit irgendwie geendet, Hintergründe erläuterte Chip nicht. Vielleicht lag es ja daran, dass er, wie er auch mir an jenem Tag nachhaltig demonstrierte, mit Vorliebe das von mir gehasste F-Wort im Munde führt.
Eines aber ist klar: Chip ist immer noch da, schlägt sich mit Unterricht mal hier, mal dort durch, ringt jedes Jahr aufs Neue um das Visum, doch er ist und bleibt die Zentralfigur des vor Jahren von ihm initiierten Englisch-Treffs im Gulou-Park. Dorthin nehmen mich heute Jiaojun und Xiaomei mit, die heute Nachmittag bei mir zu Besuch sind, weil Jiaojun für eine Französisch-Prüfung etwas Nachhilfe benötigt, und die im Gegensatz zu mir schon häufiger Teilnehmer von "Chip's English Corner" waren. Heute habe ich Gelegenheit zu prüfen, ob Chips großspurige Behauptung "bei jedem Wetter" übertrieben war oder nicht, denn als wir aufbrechen, regnet es. Als wir ankommen, liegt der kleine Park im Dunkeln, aber die Menge aufgespannter Regenschirme macht auf den ersten Blick klar, dass Chip nicht zu viel versprochen hat.
Und das ist dann wieder etwas, das nur in China funktioniert: Menschen, zumeist junge Leute, die sich an einem Ort zusammenfinden und das Ziel des Ganzen ist lediglich, miteinander auf Englisch ins Gespräch kommen. Während Jiaojun und ihre Freundin im Getümmel der schätzungsweise fünfzig Leute untertauchen, merke ich, nachdem ich mit einem Studenten ins Gespräch gekommen bin, wie sich um mich unmerklich ein Halbkreis bildet. Auch das ist nämlich typisch: Die Chinesen neigen dazu, Individualität zugunsten eines größeren Ganzen aufzugeben. Und dessen Zentralgestirne bilden bei solchen Gelegenheiten naturgemäß die Ausländer, denn von denen kann man ja Englisch lernen. Leute wie ich, die dann in den Genuss des so genannten Clooney-Effektes kommen: maximale Aufmerksamkeit, die man selbst kaum versteht. Ich nutze die Gunst der Stunde und brandmarke die furchtbare Lärm- und Verkehrsbelastung, namentlich durch Taxifahrer, in dieser Stadt. Und dann treffe ich Laura Ingalls! Eigentlich nennt sie sich ja nur Laura, die vierzehnjährige Schülerin mit dem beeindruckenden Englisch, hinter der sich unauffällig ihre ehrgeizige Mutter versteckt, sodass ich sie erst später wahrnehme. Doch auf meinen spontanen Einwurf: "Laura Ingalls!" reagiert sie ausgesprochen positiv, denn sie hat sämtliche Bände von "Unsere kleine Farm" gelesen, womit wir natürlich ein unerschöpfliches Gesprächsthema haben. Schließlich habe ich fast jede Folge der gleichnamigen Fernsehserie gesehen.
Chip, der sich gar nicht richtig an mich erinnern konnte, sich aber trotzdem über mein Erscheinen gefreut hat, zieht unterdessen wieder eine Fluppe nach der anderen durch seine Lungen und macht Witze über kaufbare Küsse, bei denen die Studentinnen ihren Preis nennen müssen. Die neugierigen Mädchen hängen an seinen Lippen, ich meine: sprichwörtlich. Denn natürlich ist alles nur Spaß. Als ich mich von Chip verabschiede, steht gleichzeitig Laura hinter ihm, um auf Wiedersehen zu sagen, wagt es aber natürlich nicht, Chips Redefluss zu unterbrechen. "Hey, Chip", sage ich, "Laura says bye!" Der raubeinige Alte hätte als "special guest star" in einer Folge von "Unsere kleine Farm" sicher auch keine schlechte Figur gemacht, etwa in jener wunderbaren Episode, in der ein älterer Mann mit bewegter Vergangenheit durch die Begegnungen mit den Bewohnern von Walnut Grove moralisch geläutert wird. Die Rolle spielte damals Johnny Cash.
Wuxiao ka
Die Uni-Verwaltung sorgt mal wieder für Begeisterung unter den ausländischen Lehrern: Ohne gesonderte Mitteilung wird jetzt Geld für die Benutzung des Uni-Busses von der Campus-Karte abgebucht, wenn man den Uni-Bus zum Außencampus Xianlin benutzt. Über eventuelle Erstattungen der Fahrtkosten, die früher nicht erhoben wurden, herrscht Rätselraten. Mein französischer Kollege Alain fährt jetzt mit der U-Bahn. Als ich feststelle, dass kein Geld mehr auf meiner Karte ist, benutze ich sie trotzdem weiter, die Maschine gibt dann einen irritierten Kommentar dazu ab. Und nach dem Aufladen meiner gültigen Campus-Karte für das Mensa-Essen benutze ich nun für den Bus eine abgelaufene alte Karte, die das Abbuchungsgerät am Buseinstieg zur Erheiterung aller chinesischen Fahrgäste, die vorne im Bus sitzen, zur der Äußerung: "Wuxiao ka" veranlasst. "Was soll das denn heißen?", rufe ich mit pseudo-verwirrtem Gesichtsausdruck in den Bus. Wahrscheinlich heißt das so viel wie "ungültige Karte". Aber ist mir egal, angeblich bekommen wir das Geld ja sowieso erstattet. "Haha, Ausländer", lachen die anderen im Bus.
Im Ring
Zu meiner großen Begeisterung darf ich jetzt auch noch die Studenten des letzten Studienjahres auf eine Prüfung (PGH = Prüfung für das Germanistik-Hauptstudium) vorbereiten, von der ich so gut wie gar nichts weiß. Mein Kollege Chang hat mal schnell einen alten Prüfungsbogen rübergeschickt. Ich soll Aufsätze üben. Mit dieser dreimal zweistündigen "Ringvorlesung" steigt meine Wochenunterrichtsstundenzahl auf 16 und ich bin jeden Wochentag im Einsatz. Das ist eine ganz neue Erfahrung für mich.
Burundi
Vor ein paar Wochen schon sollten Alex, Nick und ich bei Evelyn zu Gast sein, Alex und Nick sollten mich an einer U-Bahnstation treffen, aber Alex, der Engländer, sagte ab, mein Telefon war außer Betrieb und ich stand allein da rum. Heute wird alles anders. Erst lasse ich Evelyn, die Interesse am Deutschlernen hat, einen Blick in meine Bibliothek werfen, dann gehen wir gemeinsam im Regen zum Bus, dessen Haltestelle für die Ostafrikanerin bei diesem kalten Regen gar nicht früh genug kommen kann. Wir sind verabredet mit Alex und ein paar anderen Afrikanern. Wir treffen uns in einem kleinen Restaurant unter Tage, neben dem Supermarkt Carrefour, der ebenfalls unter Tage liegt. In diesem Restaurant, das eher eine Art McDrive im Untergrund ist, serviert Evelyn in Plastiktüten mitgebrachte afrikanische Reisgerichte und wenig später stellt Alex eine überdimensionierte Geburtstagstorte auf den Tisch. Dazu singen wir, von mir initiiert, ein Geburtstagsständchen. Am Nebentisch sitzen zwei Mädchen, die ebenfalls mit uns im GoDi waren und beide aus Burundi stammen. Ich erzähle sogleich von meinem CFi-Kollegen Link, der 2003 zeitgleich mit mir ins Ausland ausgereist ist, er nach Ruanda, als Arzt, ich nach China. Burundi und Ruanda sind nicht nur Nachbarn, sie sind auch ethnisch ähnlich zusammengesetzt. "Und ihr?", frage ich ganz unbedarft. "Was seid ihr denn: Hutu oder Tutsi?" - "Das beantworten wir nicht", kommt die Antwort prompt, "wir wollen nichts mehr wissen von diesen Stammesunterschieden! Wir sind jetzt nur noch Burundierinnen." Allerdings sei Burundi ein Armenhaus und liege weit hinter der Entwicklung zurück, die Ruanda seit dem Völkermord genommen habe.
Obwohl wir hier nur Mitgebrachtes verzehren, bekommen wir auf Wunsch warmes Wasser in Suppenschälchen serviert. Alex, der noch schnell Getränke aus dem Carrefour geholt hat, ist schon ganz unruhig, weil wir so schlechte Gäste sind. In Europa wäre man ja auch längst rausgeflogen.
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