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Ja, iis' denn heut' scho' ...?
Wenn ich morgens aufstehe, ist es in meinem Schlafzimmer sieben Grad warm, sieben Grad plus, versteht sich (immer das Positive sehen). Da fällt das Aufstehen schwer. Ich komme daher so spät in Nanjing-Zentrum an, dass der Gottesdienst der internationalen Gemeinde schon fast vorbei ist. Wesentlich gravierender: Das Hotel, in dem ich den Gottesdienst suche, ist falsch. Ich gehe also zu St. Paul's. Dort findet in der frisch renovierten Hauptkirche schon heute ein richtiger Weihnachtsgottesdienst mit Chor, Theater usw. statt. Entsprechend voll ist es.
Im Anschluss begrüße ich den Engländer Michael (wer ist das?), den ich neulich etwas vergrätzt habe, weil ich zu spät zu einer Verabredung zum Mittagessen kam (erst war ich spät dran und dann kam auch noch Stau dazu). Das lag vielleicht unbewusst auch an der Tatsache, dass ich beim vorletzten dieser Art Treffen ein Stück Zahn verlor, was mir eine schmerzhafte Operation eintrug (sin-o-meter berichtete). Kaum habe ich also Michael und seine aktuelle (vierte) Frau (im Bild rechts von mir) begrüßt, entdecke ich auf einer der hinteren Bänke seine ehemalige (dritte, im Bild links von mir), die mir fröhlich zuwinkt. Michael begrüßt sie auch gleich freudig mit Wangenkuss ("I still love her, she is wonderful!", so Michael in einer internen Besprechung), während Frau Nummer vier angestrengt lächelt. Schließlich bringt Michael sogar das Kunststück fertig, beide Frauen auf einem Foto zusammenzubringen (ja, iis' denn heut' scho' Weihnachten?). Selbst erfolgreichen Hollywoodstars gelingt dergleichen nicht alle Tage... Tja, und damit das Ganze dann besonders nach Völkerverständigung aussieht, kommen auch noch Evelyn aus Simbabwe (hier nicht im Bild, man kann nicht alles haben!) und ich dazu.
Ich schlage ein paar Stunden auf der Bank, genauer gesagt, auf meinen beiden Banken, tot, kläre Fragen. Abends bin ich dann von der Provinzregierung zum großen Weihnachts- und Neujahrsbankett eingeladen. Auch das ist jedes Jahr dasselbe (sin-o-meter berichtete): Essen bis zum Abwinken. Um mal was anders zu machen und ein paar der Kalorien, die ich heute aufnehme, gleich abzuarbeiten, nehme ich vorn auf der Bühne an dem alljährlichen Spiel "Reise nach Jerusalem" teil, was ich großspurig auch vorher angekündigt habe. Meine Konkurrenten sind sechs Kinder und der Weihnachtsmann. So kann man natürlich nicht gewinnen! Ich scheide wie üblich in der ersten oder zweiten (diesmal in der zweiten) Runde aus und gewinne einen Affen, der leider nicht sprechen kann.
Dafür kann Maria, die sympathische Spanierin aus der Nähe von Saragossa, sprechen, auch wenn sie es wenig zeigt. Ich muss mich jetzt (nach dem Essen im Bus, der die geladenen ausländischen Experten zurück zur Uni bringt, oder danach beim Aussteigen oder noch später) mal bisschen bei ihr ins Gespräch bringen, natürlich mit Hintergedanken: Jedesmal wenn ich etwas auf Spanisch sagen will, kommen chinesische Brocken mit dabei heraus. Ich brauche also etwas Training. Aber sonst geht's gut.
Nachdem ich mich also bei Maria ins Gespräch gebracht habe, trete ich die Heimreise per U-Bahn (Maria ist schon zu Hause) gemeinsam mit dem Friesen Steve, der infolge einer komplexen Familiengeschichte, die ich hier nicht ausbreiten kann, zugleich Holländer, Deutscher und Kanadier ist oder sich so fühlen kann, und seiner kirgisischen Frau sowie dem gemeinsamen friesisch-holländisch-deutsch-kanadisch-chinesischen Sohn an, denn die dreiköpfige Familie ist ebenso wie ich unlängst nach Xianlin gezogen.
Und jährlich grüßt...
Nachdem die diesjährige Weihnachtsfeier für Deutsch-Studenten vorbei ist, die jedes Jahr irgendwie gleich abläuft (siehe Eintrag mit Fotos vom Vorjahr), nur dass es für sie eine neue Räumlichkeit in Xianlin gibt, der viele der sonstigen Gäste fernbleiben, kann es nun auch für mich endlich Weihnachten werden. Und es fängt auch gleich gut an: Alle übrig gebliebenen Mandarinen, Chips, Kirschtomaten und Fruchkaubonbons gehen an mich, der ich ein dankbarer Abnehmer bin.
Mein Hauptanliegen war es, diesmal im Rahmen des von mir vor vier Jahren eingeführten Programmpunkts "Die Erklärung von der Weihnachten" (so das dazugehörige, von Studenten verantwortete Schaubild, das ich aber noch rechtzeitig korrigiere) die ersten fünf Minuten eines in christlichen Kreisen sehr populären Films über das Leben Jesu zu zeigen und so auf den wahren Sinn von Weihnachten hinzuweisen. Und siehe da: Ohne dass ich das geplant oder auch nur gewusst hätte, befinden wir uns in einem Saal mit Kinosesseln und wunderbarer Leinwand - wie gemacht für großes Kino! Die Vorführung verläuft fast pannenfrei. Der Film muss nur zweimal gestartet werden, schadet auch nichts!
Es ist zehn Uhr abends. Ich sitze allein im Büro. Es gibt Fruchtkaubonbons und Chips. Abendessen fällt aus.
Ente
Die Abreise beginnt kurios: Ein schriller Paradiesvogel, eine nicht mehr ganz junge, etwas füllige Dame, offenbar eine Ausländerin (jedenfalls ist sie in ihrer Aufmachung nicht mehr als Chinesin zu erkennen), steigt in den Bus, in dem ich auf dem Weg zum Bahnhof bin. Sie trägt ein grünes Folklore-Kleid, aber welche Folklore das sein soll, erschließt sich mir nicht, ist stark geschminkt und - singt! Singt da im Bus vor sich hin, scheint für eine Arie zu proben. Und - das ist eben China - verstörte Blicke erntet sie so gut wie keine.
Ich bin auf dem Weg nach Peking. Das ist mit dem Schnellzug nur eine halbe Stunde von Tianjin entfernt. Dort lotst mich Ex-YUST-Studentin Liu Chao aus der U-Bahnstation, indem sie sagt: "Immer geradeaus!" Also gehe ich immer geradeaus. Aber nach fünfzehn Minuten ist da immer noch keine Liu Chao aufgetaucht und was ich ihr per Mobilfunk beschreibe, weist mit dem, was ich sehen müsste, wenig bis gar keine Ähnlichkeit auf. Also zurück auf Los, ziehe keine 4000 Mark ein und versuche zu ergründen, wie das weibliche Gehirn funktioniert. Schließlich, am Rande von Marktbuden, Menschenauflauf und einer roten Reklamebühne, finde ich sie. "Ja, mein Fehler", räumt sie ein. Ich hätte an der U-Bahnstation einen Rechtsschwenk marsch! vollziehen und DANN geradeaus weitermarschieren müssen. Ziel der ganzen Gefechtsübung ist ein Pekingenten-Restaurant. "Papa hat gesagt, wenn dein Lehrer diesmal dich besuchen kommt, MUSST du ihn zu Pekingente einladen." Tja, dieser Logik kann auch ich mich nicht entziehen. Als Gastgeschenk überreiche ich Spezialitäten aus Tianjin, die Studentin Cai besorgt hat, und ich reise ja eigentlich gern mit wenig Gepäck bzw. Gebäck. Doch ich habe mich verkalkuliert: Liu Chao revanchiert sich prompt mit kiloweise Tüten mit Keksen und Kuchen. Etwa drei Stunden lang vertilgen wir Pekingente und Beilagen und auch ein bisschen "Schmadderkuchen" (eine intern-familiäre Bezeichnung für diese Art von Konditorware). Liu Chao ist nämlich neugieriger als ich, wie denn das von ihr erworbene Produkt auf den menschlichen Gaumen wirkt. Und ich muss sagen: Die Ente rangiert deutlich vor dem Kuchen, denn die ist wirklich köstlich. Fazit: selten so lecker gespeist.
Morgen brauche ich den ganzen Tag nichts mehr zu essen, kündige ich zum Abschied an - am U-Bahngleis trennen sich unsere Wege, wer weiß, für wie lange - und wer mich kennt, weiß, dass das nicht nur so eine Redensart ist.
Concordia
Nachdem ich die Konferenz bis zur heutigen Mittagspause fast um den Verstand gehustet und bereits Hustenpastillen und Menthol-Bonbons im Umfang halber Packungen aufgenötigt bekommen habe, komme ich heute zurück auf den Vorschlag von Studentin Cai, der ich inzwischen ihren Umschlag ausgehändigt habe, mir ein paar Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Wir wandern zwei Stunden Richtung Fluss und sehen uns den vornehmen einstigen deutschen Club "Concordia" an, der sich heute nicht minder vornehm präsentiert. Statt deutscher Geschäftsleute, die es sich hier vor hundert Jahren gut gehen ließen, sind es heute neureiche Chinesen, die sich in stilvollem Ambiente mit antiken Schätzen und historischen Fotos in den Vitrinen bedienen lassen. Gemütlichkeit - die können die Chinesen in der Tat von den Deutschen lernen, hier in den gediegenen Räumen sieht man es.

Wir überqueren den Fluss und lassen uns auf dem Rückweg auf der Brücke von einer Passantin ablichten. Dass ich danach gar nichts zu mir nehmen will, kann Cai nicht fassen. Aber nach einem so üppigen Hotel-Frühstück, das sogar Wurst und Pommes frites umfasste, kann ich natürlich mittags nicht schon wieder Hunger haben! Lieber lasse ich mir noch schnell zeigen, wie ich morgen mit dem Bus von der Uni zum Bahnhof komme.

Lang lebe Liang Qichao!
Als ich fünf Minuten vor Abfahrt des Zuges immer noch in der U-Bahn stehe, werde ich dann doch langsam nervös, um nicht zu sagen: hektisch. In Deutschland mag so was reichen, um den Zug noch zu erreichen, aber in China,wo man über endlose Gänge, Rolltreppen, eine Gepäckkontrolle, einen riesigen Wartesaal, nochmalige Kontrolle und noch eine Rolltreppe zu den Bahnsteigen gelangt, ist das knapp, zumal ich den Nanjinger Südbahnhof, der in seiner Weitläufigkeit mehr einem Flughafen ähnelt, noch gar nicht so gut kenne. Ich habe bereits innerlich mit der Deutschlehrer-Konferenz in Tianjin im Norden Chinas abgeschlossen, hätte mit meinem kruden Keuchhusten ja auch eine gute Entschuldigung parat, da stehe ich nach einem irren Sprint ("Du schaffst es!") doch noch rechtzeitig auf dem Bahnsteig. Der Zug rollt mit einer Minute Verspätung ein. Ich bin völlig durchgeschwitzt.
Da ich nicht ganz Herr meiner Sinne bin, vertue ich mich hinsichtlich der Ankunft des Zuges um eine Stunde und bin völlig platt, als ich um zwei schon in Tianjin bin. Ich verzichte auf die Hilfe der ehemaligen Nanjinger Studentin Cai, die sich per SMS angeboten hat, mich abzuholen (ich bringe ihr einen Umschlag mit wichtigen Unterlagen mit), finde gleichwohl gar schnell die U-Bahn-Linie, aber leider ist die eine Station vor dem Hauptbahnhof, wo ich aussteigen will, unterbrochen: letzter Bauabschnitt noch nicht fertiggestellt, bitte alle aussteigen! Nach einem halbstündigen Umweg habe ich es dann doch geschafft. Vom Bahnhof melde ich mich per Telefon bei der Konferenzleitung, aber da es so laut ist, verstehe ich nichts und mich auch niemand am anderen Ende der Leitung. Ich werde weitergereicht von Pontius zu Pilauts und meine kategorische und reichlich undiplomatisch vorgetragene Weigerung, ein Taxi zu nehmen, sorgt für zusätzliche Irritationen. Zwei chinesische Studenten scheitern an mir. Schließlich lotst mich Frank, ein deutscher Kollege, Richtung Fluss, er nennt mir den Namen des berühmten Liang Qichao, für den in Tianjin ein Museum errichtet wurde; den solle ich mir merken, dort seien alle gerade. Ich folge also auf dessen Uferpromenade dem Fluss. Unterhalb einer Brücke treffe ich auf eine Gruppe älterer Herren, von denen einige in Badehose, andere nur leicht bekleidet sind und einer ist sogar im Wasser. Von der Treppe aus schaue ich zwar nicht ungläubig (ältere Herren, die bei fünf bis zehn Grad schwimmen gehen, gibt es in China öfter), aber doch neugierig zu und rufe anerkennend: "Lihai!" ("Stark!") Schließlich erblicke ich linker Hand ein nachgebautes Türmchen, das entfernt an Venedig erinnert. Entstellt wie nach einer Runde "Stille Post" werden die Worte "Liang Qichao" so vielen Wachbeamten am Rande des historischen, früheren italienischen Konzessionsgebiets an den Kopf geworfen (den kennt hier wirklich jeder!), bis ich tatsächlich endlich schwer atmend und hustend zu der Besuchergruppe im Museum stoße, am Eingang bereits von zwei Kollegen, denen langweilig war, auf den Eingang verwiesen.
Nach der Führung durch das bewegte Leben des Liang Qichao, einer Galionsfigur der Republikgründung Anfang des Jahrhunderts, bei der ich vor allem durch heftige Hustenanfälle aufgefallen bin (bei der Führung, nicht bei der Republikgründung), ist noch Zeit für die Besichtigung des Viertels in eigener Regie; dabei treffe ich die we(e)rt(h)e YUST-Kollegin Elisabeth und helfe einer weißhaarigen Kollegin, die nächste Pizzeria zu finden. Nach meiner Anreise per pedes kenne ich mich in der früheren italienischen Konzession, die heute so eine Art Freilichtmuseum mit zeitgenössischen gastronomischen Einrichtungen ist, doch um einiges besser aus als der Rest der Truppe. Wenig später sehe ich die Weißhaarige aber wieder allein zwischen den Kolonialstilbauten umherwandern. Nee, sie sei da ganz alleine gewesen, das sei ihr komisch vorgekommen. Kurz bevor der Bus uns um 18 Uhr alle abholt und ins Konferenzzentrum, die Fremdsprachenuniversität Tianjin, bringt, treffe ich im angenehm beheizten Café, das viele Kollegen anzuziehen verstand, auch endlich Frank, der so freundlich war, mich ans Ziel zu lotsen. "Ach, du warst das, aber du bist doch gar kein Ortskundiger hier." - "Nee", räumt er ein, "die Studenten haben das Telefon einfach irgendeinem in die Hand gedrückt, der Deutsch konnte und in der Nähe war, weil sie mit dir nicht zurechtkamen."
Steht auf, wenn ihr...
Nachdem ich gerade im Kino "Die totale Erinnerung" gesehen habe, bin ich wider Erwarten noch unternehmungslustig genug, um doch noch der Einladung des Dichters Huang Fan zu folgen, der sich heute im "Sculpting on Time" (früher einen Steinwurf von meinem Domizil entfernt, inzwischen vierzig Minuten U-Bahn-Fahrt) mit einigen Leuten vom Goethe-Institut trifft und mich dazugebeten hat. Ich kündige mich per Kurznachricht rasch als Gast mit einstündiger Verspätung an.
Neben der Co-Organisatorin der Lesung mit Huang Fan und Stephan Thome (sin-o-meter berichtete) und ihrem aktuellen Gast im Rahmen des Austauschprogramms "Künstler in Residenz", dem Theaterautor Menke-Peitzmeyer ("Steht auf, wenn ihr Schalker seid!"), sind zwei deutsche Damen mittleren Alters zugegen, von denen eine, die eigentlich in Südkorea eingesetzt ist, etwas verschroben wirkt. Gemeinsam versuchen die beiden Damen in diesen Tagen deutsche Bücher in der Nanjinger Stadtbibliothek der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Ich selbst komme nur am Rande auf ein Übersetzungsprojekt zu sprechen, das gerade angelaufen ist und Texte von Huang Fan gemeinsam mit Erzählungen seiner Kolleginnen Dan Yu und Lu Min in einem Band vereinen soll. Als Huang Fan die Rechnung übernimmt, ist das den verschrobenen Damen gar nicht recht. Sie können aber nicht viel dagegen unternehmen.
Peking Land unter
Tja, für uns gibt es leider keinen Bus! Nur Patrizier, die Herren und Damen Professoren und sonstige wichtige Leute, die der konfuzianischen Hierarchie-Lehre gemäß auch in einem besseren Hotel untergebracht sein sollen, wie von einigen Unzufriedenen gemunkelt wird, werden, obwohl dieses Hotel näher liegt, im Anschluss an die "Nacht des Beijing Forums", eine farbenprächtige Bühnenshow mit ansprechend choreografierten Tänzen und Musik, an der großen Halle der Uni abgeholt und dürfen trockenen Fußes nach Hause eilen. Wir Plebejer bekommen eine müllsackähnliche Einwegjacke ausgehändigt (immerhin!) und dürfen zu Fuß nach Hause und das heißt: durch knöchelhohe Seen. Denn Peking besitzt im Gegensatz zu Qingdao, wo die Deutschen sich um die Infrastruktur verdient machten, keine Kanalisation, die verhindern würde, dass alle Straßen nach einem Tag Regen komplett unter Wasser stehen. (Das mit der Qingdaoer Kanalisation sagen übrigens die Chinesen selbst.) Außerdem ist die Temperatur abgestürzt. Viele meiner Kollegen, die unter Führung der deutschen Organisatorin auf dem Weg ins Hotel sind, klagen nicht nur über nasse Füße, sondern auch über Hände, die sich anfühlen wie erfroren. Ich habe mich lange schadlos gehalten, gehe auf Bordsteinkanten und springe über die kleineren Wasserlachen auf den Straßen. Doch dann, vor einem Portal, das wir passieren müssen, erwischt es auch mich: An diesem Engpass ist einfach kein Inselchen auszumachen, zu dem man springen könnte. Das Wasser steht in einer Senke. "Oh nein!", stöhnen bereits einige Kollegen. "Naja, nasser als nass geht ja sowieso nicht."
Schon der Weg zum Festakt glich einer Tour-de-force. Wenn nachts nicht nur alle Gebäude und Straßen grau sind, sondern auch noch nass - wie will man da ans Ziel finden?
Didus rennt
Am Abend soll ein gemütliches Essen mit meiner ehemaligen Schanghaier Kollegin Sabine, meiner aktuellen Kollegin Heidrun sowie dem Vizepräsidenten des Akademischen Austauschdienstes erfolgen, aber kaum sitzen wir alle, wird mir klar, dass ich meine Reisekosten-Abrechnungsbelege von der Dienstreise nach Changchun, die ich dem Botschaftskurier mitgebeben wollte (sicherer Postversand), einfach im Tagungsraum liegen gelassen habe. Wenn die nun weg sind. Mit Schrecken sehe ich vor mir, wie die Reinigungskräfte bei der Tagung in Nanjing anno 2012 Tabula rasa gemacht haben, und pese zurück, um zu retten, was noch zu retten ist. Nachdem ich den Tagungsraum eine Stunde lang vergeblich gesucht, dabei den gesamten Campus der Uni Peking kennen gelernt und, erhitzt trotz Kälte, meine beiden Jacken spazieren getragen habe, stehe ich schließlich, mit Hilfe von Studenten doch noch ans Ziel gelangt, vor verschlossenen Türen. Es werde aber nichts weggeworfen, alles sei sicher, versichert mir ein Pförtner. Am nächsten Morgen werde ich dennoch nur einen leeren Tisch vorfinden. Und dann den Pförtner doch Recht behalten sehen: In einem Nebenraum ist der wichtige Umschlag in Sicherheit gebracht worden.
Zurück zum Abendessen. In dem Restaurant für scharfe Gerichte sind, nachdem ich über zwei Stunden nach meinem abrupten Aufbruch wieder dort eintreffe, schon die Lichter ausgegangen, aber die Deutschen haben wacker durchgehalten, sind mal wieder die letzten Gäste. Ich darf die kalten Reste aufessen und bin halb satt, als wir schließlich, nachdem ich noch ein paar Anekdoten zum Besten gegeben habe, gehen. Entnervt von der Rennerei fahre ich mit der U-Bahn zurück, obwohl es von der Uni bis ins Hotel nur 500 Meter Luftlinie sind.
Beijing Forum
Da wir mit unserer Tagung Teil des internationalen geisteswissenschaftlichen Symposions "Beijing Forum - The Harmony of Civilisations and Prosperity for All" sind, verbringen wir den Vomittag in großen Ballsaal eines Fünf-Sterne-Hotels, der nahezu die Dimensionen eines Fußballfeldes hat. Ban Ki-moon ist leider nicht persönlich erschienen, als UNO-Generalsekretär hat man ja ab und zu auch noch andere Dinge zu erledigen; sein Grußwort flimmert als Video-Botschaft über die Leinwand. Dafür sprechen Gelehrte aus Oxford und von der Columbia-Universität. Und Abdul Kalam, bis 2007 Präsident von Indien (wie bei uns ist der Präsident nicht der politische Entscheidungsträger), stellt in seinem Vortrag "Livable Planet Earth" innerhalb von dreißig Minuten vor, wie man sämtliche Probleme der Welt lösen kann: Bevölkerungswachstum, Wasser- und Energiemangel, Analphabetismus. Leider sitze ich so weit hinten, dass ich seine bunten Schaubilder kaum entziffern kann, und sein schwerzüngiges Indo-Englisch verstehe ich sowieso nicht. Egal - irgendwie wird er die Welt schon retten. Auch der bei der Kurie in Ungnade gefallene Theologie-Professor Hans Küng spricht kein lupenreines Englisch. Man hört den Schweizer Akzent deutlich heraus, aber ich verstehe ihn, also seine Worte, mühelos. Allerdings sitze ich seit der Pause auch etwas weiter vorne. Auch Küng, Leser seiner populärwissenschaftlichen Theologie-Bücher wissen das längst, hat eine Art Weltformel parat, die das sin-o-meter jetzt exklusiv für seine Leser zusammenfasst: Es gibt eine globale Ethik. Diese sagt ja zur Pluralität unterschiedlicher Kulturen mit unterschiedlichen Wurzeln (wie z.B. der alten konfuzianischen Ethik, die im modernen China wieder wichtiger wird). Küng hofft, dass eine globale Ethik dazu beitragen kann, dass es Fortschritte im Austausch zwischen unterschiedlichen Kulturen und gesellschaftlichen Konzepten gibt. Dies ist eine Basis für die Entwicklung moderner Zivilisationen sowie eine Basis für wachsendes Vertrauen. "Only on this ethical basis harmony and prosperity for all in this world can be pursued!", schließt Küng seinen Vortrag. Der katholische Theologie-Professor bringt das Kunststück fertig, während seiner gesamten Redezeit Gott und Jesus nicht ein einziges Mal vorkommen zu lassen, denn zu seinem Konzept einer Universal-Ethik passt das Bekenntnis zum Christentum eigentlich gar nicht.
Am Nachmittag werden wir dann zurückkutschiert zum Tagungszentrum an der Universität Peking.
Im Auge des Betrachters
Soeben bin ich mit dem Schnellzug in Peking eingetroffen (vier Stunden). Seit eineinhalb Stunden irre ich in der Gegend herum, weil ich lediglich eine stark schematisierte Anreiseskizze (die inzwischen nur noch ein Fetzen zerfleddertes Papier ist) und keinen echten Stadtplan in der Hand halte. Nachdem ich schließlich zur U-Bahnstation zurückgekehrt bin, wo ich in einen der empfohlenen Busse einsteige, nachdem mir zwei vor der Nase weggefahren sind, weil ich falsch stand oder unfaufmerksam war, gelange ich schließlich mit Hilfe eines Fingerzeigs des Busfahrers doch noch zum Post- und Kommunikationshotel, wo laut mir zugesandtem Plan die Eröffnungsveranstaltung der internationalen Fachtagung des Zentrums für Deutschlandstudien "Im Auge des Betrachters" stattfinden soll; doch der Plan wurde (typisch China) mal wieder kurzfristig geändert. Ein Student holt mich in der Lobby ab und geleitet mich ans Ziel. Im Anschluss an die Eröffnungszeremonie in der Hong-Ya-Halle der Universität Peking (Beida) war ein Podiumsgespräch zwischen dem Schriftsteller Mo Yan und einem Journalisten der ZEIT geplant. Natürlich erging die Einladung an Mo Yan, bevor er vor ein paar Wochen den Nobelpreis für Literatur zuerkannt bekam. Und man konnte ahnen, dass der Literat nun Besseres zu tun hat: Er steht in seiner Heimat Shandong vor der Kamera für ein Porträt, das dann anlässlich der Preisverleihung in Stockholm gezeigt werden soll. Vertreten wird er von Yu Hua (Brüder), der auch ein Großer der zeitgenössischen chinesischen Literatur ist und übrigens im Gespräch mit dem unverblümt fragenden Journalisten Georg Blume die chinesische Regierung mehrfach kritisiert und sich vor allem über die Zensurbehörde und die Japan-Politik ärgert.
Au!
So schnell kann es gehen. Eben sitze ich noch mit dem frisch zum vierten Mal vermählten Engländer Michael in dessen Lieblingsrestaurant "Houcaller's" am Konfuzius-Tempel und lasse mir erzählen, wie er sich zwischen einer Nymphomanin aus Schanghai und einer etwas spröderen Neureichen aus Tianjin zu entscheiden hatte, am Ende dann aber eine ganz andere Frau, eine Anwältin, heiraten musste, weil er beiden Damen ganz offenherzig von der jeweils anderen zu berichten sich unterstand. "Bahamas - I would have gone to the Bahamas", höre ich ihn der reichen Mittvierzigerin aus Tianjin nachweinen, die ihn zu sich eingeladen hatte, "I always wanted to go there!" Ich höre mir ruhig an, wie er auch mit der dritten chinesischen Ehefrau nach wenigen Wochen Ehe nicht mehr ganz glücklich ist, von der dritten schwärmt und von der zweiten einen Anruf bekommt ("Hello, love!"), eben noch also ist meine Welt in Ordnung und vor allem weit weniger turbulent als Michaels, da merke ich plötzlich: Du, die Plombe ist weg! Hätte vielleicht doch lieber das Steak "ganz durch" wählen sollen. Michael empfiehlt mir die "Dental Clinic" in Gulou. Auch Alain, französischer Kollege mit Zahnproblemen, den ich gleich anrufe, kann zu der Klinik raten. Also mache ich dort gleich einen Termin und man eröffnet mir: "So was wird in China gezogen."
Und so finde ich mich heute, einen Tag später, auf dem Folterstuhl des Zahnklempners der "Dental Clinic" Gulou wieder, muss ein bisschen an "In der Tierklinik" aus der Muppets-Show denken, als der junge chinesische Doc, der zum Glück Englisch spricht ("Don't worry!") und sogar ein Jahr in Heidelberg studiert hat ("Da haben wir so was unter Vollnarkose gemacht!"), mir erst zwei Spritzen in den Unterkiefer jagt, die sich anfühlen, also würden sie irgendwo auf dem anderen Ende meines Lebens wieder austreten, und bereits das erste Blut fließen lassen, und dann so lange mit einer Art Hammer auf meinen linken Weisheitszahn einschlägt, bis der blutig und kaputt aus mir herausgezogen wird, er mir die drei Trümmerteile aushändigt und mich auffordert heute nur noch Obst zu essen. Ich kann aber gar nichts essen, nur Blut spucken. Ich wandele wie ein Geist über den alten Campus, gebe einsilbig beim Schneider in der Qingdao Lu eine Hose in Reparatur. Dann muss ich mal aufs Klo. Inzwischen lässt die Wirkung der beiden dicken Bertas nach und im Klo wird mir plötzlich ganz - Martin würde sagen - "küselig". Die Knie werden weich und ich muss mich jetzt ma' bisschen zusammennehmen, denn sonst lieg' ich hier gleich flach auf'm Klo-Boden der Mensa und irgendein Chinese sammelt mich auf und weiß gar nicht, was er dazu sagen soll. Mit dieser Peinlichkeit vor Augen ist es dann auch nicht mehr schwer, alle sechs Sinne beisammenzuhalten, indem ich mich aufs Waschbecken stütze und ruhig ein- und ausatme. Doch ganz gut, dass meine Tennis-Verabredung mit Vincent heute nicht zustande gekommen ist. Da wäre ich wohl heute nicht in Topform gewesen.
In der U-Bahnstation treffe ich die Studentin Chang, die, seit sie in Schanghai zum Magisterstudium zugelassen ist, notorisch gut gelaunt ist. Neben ihr Zhu Yan, die ebenfalls in Schanghai studieren wird. Chang ruft laut "Hey!" und wedelt mit den Händen, weil ich sie nicht wahrzunehmen scheine. Ich spucke den ganzen Tag Blut, hole mir gegen fünf Uhr vom San-Zentrum der Uni Schmerzmittel, die ich dann aber wegen eines kritischen SPIEGEL-Berichts über Ibuprofen doch nicht nehme. Später schreibe ich Chang eine E-Mail und behaupte: "Habe Sie und Zhu Yan natürlich gesehen, konnte nur nicht reden wegen Zahnoperation." Changs Antwort: "Das war gar nicht Zhu Yan."
Alles ein bisschen viel gerade
Als ich mich nach hinten umdrehe, fällt mir eine schicke Person ins Auge - starker roter Lippenstift -, die ich erst gar nicht als Jiakun erkenne, eben wegen Lippenstift und so. Ja, es ist sehr erfreulich: Seit sie mit mir kein Deutsch mehr lernt, geht sie wenigstens regelmäßig in den englischsprachigen Gottesdienst von St. Paul's. Sie hat mich natürlich, obwohl sie so tut, als ob nicht, auch längst gesehen und bleibt nach Abschluss des GoDi noch demonstrativ an ihrem Platz sitzen. Ich gehe also zu ihr und frage, warum sie denn nicht auf die an sie abgegangene Kurznachricht per Mobiltelefon geantwortet habe. Weiß ich doch vom gemeinsamen Lernen, dass sie sich um jede dieser Kurznachrichten schert, als würde ihr Leben von der zügigen Zurkenntnisnahme des Inhalts abhängen. Ja, entschuldigt sie sich, es tue ihr Leid, alles ein bisschen viel gerade. Die Wahrheit ist, dass sie mit ihrem englischen Freund - ja, sie hat es endlich geschafft! - zu einer anderen Veranstaltung des Jazz-Festivals gegangen ist, die offenbar sogar noch besser war als der gar nicht böse Ferrari. Dann treffe ich Peter, der bekanntlich mit mir und Jiakun schon mal gemeinsam Tennis gespielt hat. Ich rede eine Weile mit Peter, während Jiakun telefoniert. Und als ich mich hernach wieder zu Jiakun umwende, merke ich, dass etwas nicht mit ihr stimmt. Sie sitzt völlig apathisch immer noch am selben Fleck. Und dann sehe ich, dass ihr Tränen die Wangen runtergelaufen sind. Sie hat nämlich gerade erfahren: Ihre Oma ist gestorben. "Hm, das ist traurig", sage ich und erweise mich damit wohl als typischer spröder Norddeutscher. "War sie krank?" Ja, es sei nicht überraschend gekommen, aber trotzdem ... Wir gehen schließlich noch gemeinsam zur U-Bahn und sie erzählt: Sie hat in der kommenden Woche ein Bewerbungsgespräch, mit dem sie endlich ihre ungeliebte Stelle an der Uni abschütteln könnte, der Engländer wird sie "niemals" heiraten und ist auch gar nicht fromm. Und dann die Sache mit der Oma. "Es ist zu viel!", sagt sie. "Und jetzt kommt auch noch die Beerdigung dazu." Und bittet mich, für sie zu beten. Ganz neue Töne. Denn sonst hat Jiakun immer nach Argumenten gesucht, wieso man von Gott nichts erwarten könne.
Böser Ferrari
Der "böse Ferrari" ist in Wahrheit nicht böse und er ist auch kein Auto, womit dieser Eintrag nun auch nur noch halb so interessant ist. Es handelt sich vielmehr um den deutschen Gitarristen Claus Boesser-Ferrari, der im Rahmen des Nanjinger Jazz-Festivals an der Internationalen Schule ein Solo-Konzert gibt. Und dank meiner Studentin Wenbin habe ich zwei Freikarten bekommen. Hm, zwei. Ich habe am Donnerstag von Jiakun keine Antwort bekommen, dabei hatte sie mir einst vorgeschwärmt, wie toll sie die Veranstaltungen dieses jährlich stattfindenden Festivals findet, und ich glaube, sie wollte mich auch schon mal mitschleppen. Anfang des Monats hat sich aber Huilin wieder mal bei mir gemeldet, als ich gerade beim Baden im Zixia Hu am Fuß des Berges und sie auf dem Zijin Shan, also auf dem Berg, war. Sie hat schon nach ca. einer Minute zugesagt. Wir treffen uns an der U-Bahnstation Xuezelu. Den Theatersaal kennen wir schon, Hier haben wir nämlich letztes Jahr das Weihnachtskonzert der Schule besucht. Boesser-Ferrari holt, zum Teil mit innovativen und experimentellen Eigenkompositionen inklusive Auf-Holz-Klopfen (und wenn er das Ding auf der Bühne in seine Einzelteile zerlegt hätte, hätte es mich auch nicht gewundert) das Äußerste aus dem Instrument heraus. Einige Studentinnen des zweiten Studienjahrs sind auch erschienen, vermutlich ebenfalls mit Wenbin-Freikarten, sind aber viel zu schüchtern, um mich nach Verklingen der letzten Saite anzusprechen. Das mache ich dann, begrüße auch noch rasch die deutsche Mitorganisatorin Marijanne (mit J) und organisiere nun meinerseits ein Gruppenfoto mit gar nicht bösem Ferrari und fröhlich lächelnden Studentinnen, während sich Huilin, die keine Bilder von sich mag, dezent im Hintergrund hält.
Anschließend - es ist noch warm - kann ich Huilin zu einem Eisbecher bei McDonald's gegenüber überreden.
Über den Dächern von Nanjing
Auch mal was Schönes: Mein Kollege, der Berliner Geophysiker Wünnemann, Träger des höchsten Ordens, den die Volksrepublik Ausländern verleiht, hat die deutschen Kollegen und Kolleginnen (noch eine Deutschlehrerin, eine Juristin mit holländischem Freund, eine Historikerin mit Schwerpunkt chinesische Geschichte und eine Psychologin mit Baby) zum Grillen eingeladen, und zwar auf dem Dach! Da es nachts meist noch nicht kälter als 18 Grad wird, eine großartige Idee: Das Apartmenthaus ist hoch genug, um sich als Könige der Welt zu fühlen, die über der ganzen nächtlich illuminierten Stadt thronen, auch wenn uns hier und da ein paar Wolkenkratzer noch überragen.
Zu Gast beim Panzerknacker
Hat er also doch noch dran gedacht, mein Vermieter, der Mann mit der Panzerknacker-Frisur und -Figur (sin-o-meter berichtete), der bei der Installation des Waschmaschinenschlauchs angekündigt hatte, mich in den Oktoberferien zum Essen einzuladen. War das also doch keine von diesen leeren Höflichkeitshülsen, die Chinesen ja manchmal so von sich geben. Dabei habe ich heute wenig Zeit: Für den späten Nachmittag hat sich Martin, Ex-Kollege aus Yanji, angekündigt. Ich stehe um elf Uhr erst eine Weile am falschen U-Bahn-Ausgang, auf der anderen Seite wartet Fan Dong (das ist nicht etwa ein Name, sondern Chinesisch für "Vermieter") unterdes schon mit dem Moped auf mich, was mir dann irgendwann auch klar wird. Flugs sausen wir durch die Straßen im Westen, also ganz auf dem anderen Ende, der Stadt. Die Wohngegend ist ruhig, der Wohnungskomplex ist durch Schlagbaum und Wächter von der Außenwelt abgeschirmt, für das Moped gibt es einen überdachten Stellplatz. Die Wohnung im achten Stock ist typisch für die wohlhabende Mittelschicht und wider Erwarten kommt mit Fan Dong und seiner Frau, beide um die fünfzig, sogar ein einigermaßen vernünftiges Gespräch in Gang. Ich sehe das Bild der einzigen Tochter an der Wand. Sie ist 27 und lebt in Amerika, wo sie als Teil der chinesischen Synchronschwimm-Nationalmannschaft an einer Art Dauertrainingslager teilnimmt. Bei irgendeinem nationalen oder internationalen Wettbewerb ist sie auch mal Zweite geworden, wie ein Fotoposter dokumentiert. Fotos vom Grand Canyon zeigen, dass die Eltern sie dort drüben auch schon besucht haben. Sie kommt selten nach Hause. Die Flüge sind teuer. Ich ahne, warum Fan Dong sich im Gegensatz zu vielen anderen, die ihre günstig erworbenen Spekulationswohnungen an der Sport-Universität, wo ich jetzt wohne, einfach leer stehen lassen, dazu entschlossen hat, durch Mieteinnahmen seine Kasse aufzubessern. Tatsächlich muss man kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die Immobilienblase irgendwann platzen wird, wenn man sich anschaut, wie viel Wohnraum einfach leer steht in Gebäuden, an denen der Zahn der Zeit schon jetzt bedenklich nagt: Wohnraum, den offenbar schon jetzt niemand braucht, während gleichzeitig überall gebaut wird, als gelte es, dadurch sein Leben zu retten.
Ja, das konnte man ahnen: Es gibt natürlich zur Feier des Tages Hummer! Und ich knabbere und nage so lange an der Köstlichkeit herum, bis man die Tafel aufhebt. Inzwischen ist noch ein befreundetes Ehepaar von Herrn und Frau Fan Dong aufgetaucht, das ebenfalls kein Wort Englisch spricht. Ich bleibe aber am Esstisch sitzen, denn es gibt, extra für mich, noch Jiaozi (chinesische Ravioli). Könnte ja sein, dass ich beim großen Hummerpanzermassaker nicht ganz satt geworden bin. Zum Schluss händigt mir Fan Dong auch noch eine großflächige Tasche mit Mondkuchen zum Mondfest (letzten Sonnabend) aus und bringt mich auf dem Rücksitz seines Kraftrads wieder dorthin, wo ich zuvor abgeholt worden bin - nicht ohne zu versprechen, auch den versprochenen Duschvorhang alsbald anzubringen. Ich fühle mich fürstlich behandelt. Dass ich meine Miete schon zweimal pünktlich für drei Monate im Voraus entrichtet habe, kommt bei den beiden offenbar ja richtig gut an!
Nicht so richtig gut an kommt heute dagegen Ex-Kollege Martin, der mehr anwankt als ankommt und gar nicht reden kann, da er sich auf seiner China-Rundreise zum Abschluss seines mehrjährigen Engagements im Reich der Mitte beträchtlich verkühlt hat. Er hat sogar vorab per SMS versucht, das von mir kurzfristig anberaumte Pizza-Essen abzusagen, was ich jedoch zu verhindern wusste, da ich bereits die aus Suzhou angereiste Ma Jiaojun, die außerdem die ebenfalls von Michaels Weihnachtsparty bekannte Heidier mitbringen möchte, ins Babela's bestellt habe. Die Mädels kommen aber eine Stunde später, weil sie beim Einkaufsbummel versackt sind. Martin lässt sich derweil von mir speisen und tränken und unterhalten. Selbst nickt und schüttkoppt er bloß. Als Ma und Heidier eintreffen, sind wir bereits satt, aber wir beginnen die Party dann einfach noch mal neu.
Auf dem Weg aus dem U-Bahnschacht bringt die letzte Treppenstufe den arg Geschwächten fast zu Fall. Bei mir daheim versucht er dann noch ein paar Sachen, die mir durch Nicken und Schüttkoppen bisher nicht begreiflich zu machen waren, durch Zeichnungen und Worte zu verdeutlichen, dann fällt er erschöpft in die Koje (eigenes Gästezimmer!), muss einmal bei der Drama-Luma (sin-o-meter berichtete) nachpumpen und fällt in einen durch Hustenkrämpfe gelegentlich unterbrochenen Schlaf.
Das E-Rad
Seit Montag, dem Nationalfeiertag, an dem auch ich mir zur Feier des Tages mal ein besonderes Geschenk machte, bin ich nun stolzer Besitzer eines "Dianpingche". Übersetzt heißt das so viel wie Stromflaschengefährt. Die "Stromflasche", das ist der bildhafte chinesische Ausdruck für die gewaltige Batterie, die dieses Elektro-Mofa antreibt und mich so zuverlässig an alle wichtigen Orte in meinem neuen, etwas weitläufigen Wohnbezirk bringt, z.B. zurück zum Ort des Erwerbs dieses umgerechnet 400 Mark teuren Zweirads. Es hat nämlich einen beträchtlichen Makel: Die Bremsen gehen nicht. Doch der Onkel, der mir das Ding im Kaufhaus verkauft hat, justiert mit kundiger Miene und geschickter Hand die Bremse und ich muss meinen Kauf nicht bereuen. Auch sonst ist freilich nicht alles so, wie er mir es am Montag angepriesen hat: Die Batterie reicht nicht für 35 Kilometer, sondern für maximal 20. Und die Spitzengeschwindigkeit liegt wohl auch eher bei 25 als bei 30 km/h. Klar, da kann einem die Notwendigkeit einer Bremse schon mal zweifelhaft erscheinen.
Das große Schlemmen
 
Wie jedes Jahr veranstaltet die Provinzregierung auch diesmal für alle ausländischen Lehrkräfte eine große Sause. Wir werden mit dem Bus hinkutschiert und nach zwei Stunden auch wieder an der Uni abgeliefert. Kollege Alain war so nett, ein paar Fotos bereit zu stellen.

Auf Vortragsreise - Episode 5
Nach dem gemeinsamen englisch-koreanischen Gottesdienst schaffe ich es dann endlich auch, Dana zu erwischen, mit dem ich mich gestern schon zum Essen in der Mensa verabredet habe. Er findet, dass der Präsident meine Gegenwart bisher nicht angemessen gewürdigt hat, und weist ihn in der Mensa, wo er sich eigentlich um wichtigere Gäste zu kümmern hat, auf mich hin. Der Präsident schüttelt mir die Hand, behauptet, sich selbstverständlich an mich zu erinnern, und fragt, wie ich denn zum Flughafen käme. Prompt habe ich einen Chauffeur. Das macht er gerne mal, wenn der Chauffeur nichts zu tun hat. Und so erwartet uns also die schwarze Präsidentenlimousine am Eingang zur Mensa. Das passt mir gut, denn tatsächlich ist die Heizung, zwanzig Kilogramm schwer, unterdessen aufgetaucht. Ich entschädige die außer Dienst gestellte Verwalterin mit einer Ablöse in Naturalien: Sie bekommt den Kosmetik-Koffer (siehe Eintrag Freitag). Dana ist nicht davon zu überzeugen, dass die Plastiktasche, in der sich vorher eine gefaltete Matratze befand, für den Transport der Heizung genügt und nötigt mich, einen seiner alten Koffer zu nehmen. Der wird dann am Flughafen, wo uns der Chauffeur zuverlässig absetzt, auch noch mit Packstreifen umwickelt. Und Dana und ich genehmigen uns ob des unverhofften Zeitgewinns noch ein Getränk im Flughafen-"Loteria".
Am Flughafen lerne ich noch einen Chinesen kennt, der unterwegs nach Yantai ist und erklärt, meine Ex-Studentin Chun Mei zu kennen, wahrscheinlich aber doch eher oberflächlich. In Yantai, wo es eine planmäßige Zwischenlandung gibt, ist der Flughafen zugleich Militärflughafen. Die nach Schanghai Weiterreisenden werden aus dem Flugzeug geholt und wir fahren vorbei an lauter Hangaren mit Militärmaschinen. Am Flugsteig ist Fotografieren verboten. Also, nicht weitererzählen: In Yantai stehen strategisch wichtige Düsenjets!
In Schanghai beginnt dann das große Schleppen: Ich muss mit der Heizung in Danas Schrankkoffer vom Flughafen zum Bahnhof. Es geht durch etliche Hallen. Ausnahmsweise genehmige ich mir so ein Rolldingens. Trotzdem ächze ich ganz schön. Ich bekomme nur noch ein Erste-Klasse-Fahrkarte nach Nanjing. Zum Glück bin ich auf Dienstreise und bekomme den achtzig Prozent teureren Fahrpreis erstattet. Vom Bahnhof geht es in die U-Bahn und am Ziel muss ich dann noch einen Kilometer mit der Heizung bis in meine neue Wohnung zurücklegen. Ich entscheide entnervt, das Ding aus dem Koffer zu holen und die Rollen anzuschrauben. Denn zum Tragen habe ich wirklich keine Lust mehr. Das Unterfangen geht gut, bis ich kurz vorm Ziel bin. Da fällt eine Scheibe von der Rolle und eine Mutter setzt sich auch ab. Ich finde sie im Dunkeln nicht mehr wieder. Die Heizung wird also die letzten 200 Meter plus vier Stockwerke nach oben getragen. Sie wird mich im Winter sicher für die Strapazen des Transports entschädigen. Sie ist moralisch in der Pflicht.
Auf Vortragsreise - Episode 4
Auch heute wieder Programm auf Programm. Es gibt Frühstück mit Richard und Martin, dann wirke ich gemeinsam mit Richard, der mich auch freundlicherweise seine Fußballschuhe zur Verfügung stellt, bei einem Fußballfreundschaftsspiel mit, habe sogar eine Großchance: Am rechten Pfosten segelt mir der Ball quasi auf den Fuß, aber mein Schuss geht knapp am Pfosten vorbei. In der Halbzeit werde ich wegen Formschwäche ausgewechselt. Danach fallen dir Tore wie reife Früchte, Endstand 5:1 für YUST. Danach Mittagessen mit Helmut, der jetzt Englisch-Lehrer ist (da hat sich was entkoppelt). Am Nachmittag bleibt noch Zeit für einen Spaziergang auf einen Hügel, an dem sich in den letzten Jahren hässliche Industrie angesiedelt hat. Oben ist aber immer noch ein Schäfer allein auf weiter Flur auf Tour wie damals. Und am Abend gibt es ein Konzert mit einem koreanischen Startenor. Dana, den ich unterwegs im Gang treffe, lotse ich an den falschen Ort und komme auch selbst zu spät, weil ich natürlich ebenfalls in dem falschen Saal nach dem Konzert gesucht habe. Ich treffe das neue Deutschlehrer-Ehepaar, zwei pensionierte Lehrer, die genau wie ich spät dran sind, im Treppenhaus vor der Mehrzweckhalle im "Nursing"-Gebäude, und die beiden laden mich, Abteilungsleiterin Ursula und Dana, der eine Viertelstunde vor Schluss auch noch eintrifft, abschließend noch zu einem kleinen Umtrunk in ihre YUST-Wohnung ein.
Auf Vortragsreise - Episode 3
Ich schlage mich in alter Manier mit Bus Nr. 28 zu meiner alten Wirkungsstätte durch, wo drei Tage lang der 20. Geburtstag begangen und durch einen "YUST Homecoming Day" von Ehemaligen unterstrichen wird und wo die Deutsch-Abteilung bereits ein Zimmer für mich gerichtet hat. Vorher schaue ich noch mal kurz bei meinem alten Kollegen Martin vorbei. Dann geht es Schlag auf Schlag: Zunächst gibt es einen "Homecoming-Empfang" für alle Angereisten, bei dem man aber vergisst mich zu empfangen, denn ich bin ja kein Koreaner. Dann stürmt aber doch noch jemand nach vorn ans Redner-Pult und vorne heißt es dann: "Do we have someone from Germany?" Nun kann ich also doch endlich aufstehen und ins Publikum winken. Natürlich treffe ich einige alte Bekannte: Elliot Lee, Sam Folta und der Computer-Sam sind gekommen. Und Dana, aber der ist ja kein Heimkommender, sondern Dagebliebener. Ja, es gibt sogar eine Tasche mit Geschenken für mich: Der YUST-Pullover (grün) stammt zwar eigentlich noch vom 10. Geburtstag, aber man hat schlicht eine knallorangene 20 drübergenäht. Passt scho'. Das rosa Handtuch kann ich auch gut gebrauchen, denn ich habe kein Handtuch mitgebracht. Die Kosmetik-Artikel, die es in der Wundertüte auch noch gibt, waren wohl für mitgereiste Frauen gedacht. Koreaner müssen ja in dem Alter verheiratet sein.
Dann Mittagessen mit den werten Kollegen von der Deutsch-Abteilung, frisch verstärkt mit jungen Kräften. Zaghaft bringe ich schon mal mein Anliegen vor, den alten Elektro-Radiator, den ich hier 2005 zurückließ, zu entführen, weil ich jetzt in der neuen Wohnung keine Heizung mehr habe. Wo mag der stecken?
Am Nachmittag folgt dann der von allen mit Spannung erwartete Vortrag zu Herta Müller. Ich fand mich gestern besser in Form. Es ist ja schon der zweite Aufguss.
Am Abend gibt es dann die übliche Tanz-, Taekwondo-, Theater- und Gesangsveranstaltung anlässlich des Jubiläums draußen auf der Tribüne des Sportplatzes. Höhepunkt: ein Mummenschanz mit bunten Leuchtstangen auf schwarzen Kostümen, die die Studenten auf der Bühne wie hüpfende Skelette aussehen lassen. Wir frieren schon ganz schön da draußen auf dem Fußballfeld (ist ja nicht Nanjing hier), doch man kann sich am Ende am Feuerwerk und dem großen Fackel-Schriftzug mit den YUST-Buchstaben erwärmen.
Auf Vortragsreise - Episode 2
Am Morgen muss ich schon um 7 Uhr auf der Matte stehen. In der Hotel-Lobby treffe ich Guoweis Kollegen von der Dongbeishida, an dessen Medienschule/Abt. Journalistik ich einen Gastvortrag zum deutschen Film halten darf. Der Frau, die das Auto fährt, werde ich nicht vorgestellt, aber ich vermute, es ist die werte Gattin des jungen Kollegen. Beim Auszug aus "Das Leben der Anderen" erwischen wir die falsche Tonspur, dann flimmert auch noch kurz die Szene mit der Prostituierten über den Schirm, die ich gerade nicht zeigen wollte (zum Glück nur Standbild). Die Geburt von Oskar Matzerath ("Die Blechtrommel") verläuft dann schon etwas reibungsloser. Natürlich schaffe ich das Pensum nicht, das ich mir vorgenommen habe. Nach "Lola rennt" ist Schluss und ich muss, nachdem ich zehn Minuten überzogen habe, sanft ausgebremst werden. Ich raffe ein bisschen, verschenke Broschüren zum Studium in Deutschland und werde dann von dem freundlichem Medien-Kollegen wieder in Guoweis Obhut übergeben.
In dem von dem Ex-YUST-Studenten hervorragend organisierten Sonder-Unterricht für Mitarbeiter von FAW-VW, dem chinesischen Joint-Venture mit Volkswagen, werde ich auf eigenen Wunsch umgehend zum Gegenstand eines Quiz ("Wer errät, wer dieser Mann ist?"), was bei Lesern, die mich aus JFS-Zeiten kennen, sicher höchst positive Assoziationen auslösen wird ("Quiz mit Didi!"). Ich freue mich aber noch viel mehr, als Guowei, damals ein eher mittelmäßiger Student, meine strengen Noten noch einmal hervorhebt und dazu den Merksatz an die Tafel schreibt: "Kein Fleiss, kein Preis!"
In der Mittagspause lerne ich in der Mensa Guoweis deutsche Kolleginnen kennen, darunter eine emeritierte Professorin aus Würzburg, die sich noch nicht alt genug fürs Altenteil fühlt. Auch zwei jüngere Kolleginnen sind Teil der Mannschaft. Nach einer ausgedehnten Mittagspause, für die mir an der Fremdsprachenhochschule, die übrigens wie aus dem Ei gepellt wirkt und einiges an Wohlstand verrät, ein eigenes Zimmer mit Bett zugewiesen wird, kommt es dann zum zweiten Vortrag, den ich zeitlich wesentlich souveräner meistere, denn das Thema ist überschaubarer: Herta Müller und ihr Werk. Mit meiner Lektüre von Der Fuchs war damals schon der Jäger bin ich allerdings seit Beginn der Vortragsreise nicht wesentlich vorangekommen.
Nach dem Foto-Termin geht es dann mit den beiden jüngeren Kolleginnen, eine von der Bosch-Stiftung, eine als frisch gebackene freie Lektorin für ein Jahr nach Changchun gekommen, noch mal zum Schlemmen (es gibt Goubarou, eine Spezialität des Nordens, die ich in Yanji lieben lernte); anschließend bringen mich alle drei gemeinsam zum Bahnhof, der derzeit nur eine Art Wartehangar ist, da der offizielle Bahnhof wie fast alles in China Baustelle ist. Während ich warte, spricht mich ein Chinese auf den deutschen Schriftzug auf meiner Stofftasche an. Er hat nämlich mal in Deutschland studiert. Ich weise ihn gleich auf das Alumni-Portal des Akademischen Austauschdienstes hin.
Leider ist es im Zug viel zu warm und ich. Kann. Nicht. Schlafen. (So schreibt man das ja wohl heute!?!)

Auf Vortragsreise - Episode 1
Ich sitze im Flugzeug nach Changchun, wo ich morgen zwei Vorträge halten werde, ehe ich dann am Abend weiterreise nach Yanji, zum 20. Geburtstag meiner ehemaligen Wirkungsstätte. Dabei hatte Guowei, Ex-Student der Yanjier Uni YUST zunächst massive Probleme, seinen Dekan von dem unbedingten Nutzen eines literaturwissenschaftlichen Fachvortrags von mir zu überzeugen. Also hat Guowei für alle Fälle einen Ersatztermin in der School of Media der Dongbeishida (PH Nordostchina) organisiert, wo ich über Tendenzen des neueren deutschen Films referieren werde. Als mir vor ein paar Tagen meine Kollegin Kong eröffnete, dass sie diesen zweifelnden Dekan persönlich kenne, bat ich sie, noch etwas Reklame für mich zu machen. Und dann gingen die Türen auf wie bei einer Kuckucksuhr zur vollen Stunde. Das Ergebnis ist, dass ich nun erstens nicht bei Guowei privat untergebracht bin, sondern in ein schickes Hotel in Uni-Nähe komme, zweitens morgen also zwei Vorträge halten werde und drittens auch noch ins feudale Schlemmerrestaurant eingeladen werde. Außer Guowei ist noch der mit ihm befreundete Hochschullehrer der Dongbeishida dabei, der den anderen Vortrag organisiert hat. Ich werde schon am Flughafen vom etwas nervösen Guowei empfangen (SMS-Auszug: "Die Ankunftszeit ist 18 Uhr, nicht 19.25 Uhr? Das ist eine bedeutende Änderung! Wieso haben Sie nicht früher gesagt?"), der gleich wieder an der Strippe hängt und seinen Kollegen anfunkt. Denn dessen Uni hat sogar einen Chauffeur samt Limousine (naja...) bereit gestellt! Dafür muss ich morgen aber auch schon um sieben auf der Matte stehen.
Geht doch!
Als ich vom Unterricht auf dem Weg zur Stätte der Verwüstung bin, ruft mir Kollege Chang hinterher, der immer dafür zuständig ist, die Scherben aufzukehren, die ich mit meinen unbedachten Aktionen verursache. In Nullkommanichts habe ich eine Campus-Karte, mit der man ins Gebäude kann. Wir mussten dafür nur mal kurz in einen Kontrollraum mit Computer-System. Es wird sich jedoch rasch erweisen, dass ich die Karte kaum brauche, denn erstens ist der von mir frei gesprengte Weg immer noch passierbar, auch wenn davor jetzt behelfsmäßig ein Schreibtisch gerückt wurde; und zweitens öffnet mir der Pförnter in vorauseilendem Gehorsam jetzt immer gleich die Tür, wenn er mich nur von Weitem sieht. Es gibt also Fortschritte. Auch beim neuen Briefkasten, der mir zugesichert war, kann es sich nur noch um Wochen handeln. Trotz dieser zunächst nachsichtigen Behandlung komme ich natürlich um ein kräftiges Tadel seitens meiner Vorgesetzten nicht herum. Ich solle doch geduldiger sein. Das hier sei China. Und wenn Chinesen in Deutschland Türen öffentlicher Einrichtungen einschlagen würden, wenn mal was nicht klappt...?
Scherbengericht
Türen und ich in China - eine ganz eigene Geschichte: 2004 kam jemand durch die Tür, während ich schlief und leerte meine Taschen. 2005 kriegte ich in China die Tür nicht auf, denn der Mechanismus im Hotelzimmer war kaputt. Und legendär ist mein Fußtritt im selben Jahr bei ca. minus 10 Grad Kälte, als ich die Eingangstür meiner damaligen Uni YUST eintrat, um Einlass zu erhalten. Und genau dieser Vorgang hat sich nun, als müsste ich einen nicht-digitalen Fingerabdruck an jeder Uni hinterlassen, an der ich unterrichte, auf dem neuen Campus der Nanjinger Uni wiederholt. Etwas ermattet komme ich also zu dem nagelneuen Gebäude, das neuerdings das Deutsch-Institut und meine Bibliothek beherbergt und will für den morgigen Unterricht die DVD "Liebe Mauer" aus selbiger holen, aber die Tür ist zu. Meine Universal-Campus-Karte ist immer noch nicht freigeschaltet. Zusammen mit dem immer noch fehlenden Internet und dem Chaos mit den Büchern, die sich leider nicht von selbst in die neuen Regale stellen, ist das alles einfach ein bisschen viel für mich. Wie damals im Winter von Yanji rufe ich nach dem Pförtner, wie damals muss der irgendwo sein, denn wie damals brennt innen Licht, wie damals klopfe ich wie ein Irrer und mache Krach. Dann rüttle ich energisch an der Glastür, die ein Stahlschloss auf der anderen Seite sichert. Und dann passiert es: Die ganze Tür bricht in sich zusammen wie Lord Voldemort im letzten Harry Potter, Tausende, was rede ich: Millionen kleinster, zentimeterdicker Scherben ergießen sich über mich, schlitzt meinen linken Arm auf, reißt ein Loch in mein T-Shirt. Aber der Pförtner ist immer noch nicht zu sehen. Mein Arm sieht aus wie der Oberschenkel von Ewald Lienen nach jenem legendären Foul. Ich blute auf dem Weg in den dritten Stock den Flur, Gang und Fahrstuhl voll. Mein Portmonee ist rot, die Hose kriegt Flecken. Ich blute wie ein Schwein im Schlachthof, aber ist natürlich alles halb so wild. Anders als damals gibt es keine Rangelei mit dem Pförtner, als ich mit der DVD zum Ort des Geschehens zurückkehre, wo der fassungslose Mensch vor dem Scherbenhaufen seiner Daseinsberechtigung steht. Ich hinterlasse vielmehr brav meinen Namen. Und um mir selbst zu beweisen, dass ich völlig unversehrt bin, klettere ich mit dem blutenden Arm auch noch über den zwei, drei Meter hohen Zaun, der mich neuerdings (auch so ein Ärgernis) von meinem neuen Zuhause abschneidet. Und das gleich vier Mal, denn ich muss noch mal zurück: Habe ich doch in der Aufregung meinen Schlüssel im Büro vergessen. Tja, man muss immer das Positive sehen: Beim zweiten Mal komme ich ganz leicht rein!
Durchgangsverkehr im "Sculpting on Time"
Nicht nur ich bin wieder zurück in Nanjing, auch die Göttinger Doppelmaster-Studentinnen. Davon kann ich mich überzeugen, als mir im "Sculpting on Time", wo ich fleißig sino-o-meter-Einträge tippe, plötzlich Yixuan alias Linde auf die Schulter klopft (was sonst nicht ihre Art ist). Die Studentin, die in Großenaspe bereits das Glück dieser Erde auf dem Rücken der Pferde fand, assistiert am Ende ihres Praktiukms eine Dame vom Verlag Vandenhoeck & Rupprecht auf ihrer Kontakteknüpfreise in China. Zuvor waren beide auf der Pekinger Buchmesse. Ein deutscher Doppelmagister-Student gesellt sich zu uns. Und schließlich stellt sich noch dessen Kommilitonin vor, die sich für das freie Zimmer in meiner neuen Wohnung interessiert.
Xiyiji
Tja, das ist wieder eine Überschrift, die von allen sin-o-meter-Lesern nur Juli versteht: Es geht um meine Waschmaschine, die immer noch in meiner alten Wohnung steht, aber bei mir türmen sich die Wäscheberge. Ich suche also unweit der Haltestelle Xuezelu die Agentur auf, die mir im Juni die neue Wohnung verschafft hat, denn dort hatte man mir in Aussicht gestellt, einen freien Fuhrunternehmer für mich ausfindig zu machen. Aber wo war die Agentur noch mal? Ich stelle fest: Hier wimmelt es nur so von Makler-Agenturen. Und alle Büros sehen gleich aus: kleine Bürotische mit Computern hinter bedruckten Scheiben. Ich gehe also eínfach mal irgendwo rein und versuche es auf die chinesische Tour: bisschen blöd und unbedarft anstellen (Ausländer-Bonus nutzen!) und mal sehen, was passiert. Während man in Deutschland schlicht vor die Tür gesetzt worden wäre, fühlen sich die Angestellten der offensichtlich falschen Agentur irgendwie für mich verantwortlich. In dem zweiten Laden, den ich probiere, rufe ich erst mal Chen an, der irgendwo unterwegs ist, und gebe das Telefon an die Dame weiter. Irgendwie scheint sie Chen zu k ennen. Doch der richtige Laden? Die telefonieren jedenfalls noch ein paar Mal. Schließlich handelt sie mit jemand Drittem einen Preis von 150 bis 200 Yuan (je nach Schwierigkeitsgrad des Transports) aus und geht mit mir auf die Straße, telefoniert noch mal mit Chen, keine Ahnung, worüber. Irgendwann fährt schließlich ein Mann mit einem Toyota-Transporter vor, lädt erst mich, kurz darauf noch seine Frau ein, programmiert den Navigator, fährt wie ein Fahranfänger und nach einer knappen Stunde im Stau landen wir in Gulou. Die Waschmaschine ist zum Glück schon unten. Mit dem letzten Stromfluss meines Akkus hatte ich noch mal kurz im alten Wohnheim angerufen und die scheinen mich verstanden zu haben. Das spart mir vermutlich 50 Yuan. Allerdings erweist sich das Ding als der erwartet schwere Brocken. Die drei Stockwerke bis zu meiner neuen Wohnung werden zur Extrem-Belastung für mich und den jungen Fuhrunternehmer, dessen schmächtige Frau an der Seite noch mit anpackt, damit wir nicht von dem gefühlt 100 kg schweren Ding begraben werden. Den alten Computer habe ich auch noch schnell mit eingepackt. Den wollte sowieso keiner mehr haben. Ich verabschiede mich ächzend von dem jungen Paar und überreiche 150 Yuan. Er blinzelt noch mal kurz, aber es war so abgemacht. Nur: Wer schließt mir jetzt das Ding an?
Auf falschem Kurs
Und gleich die nächste peinliche Panne: Mir wurde mitgeteilt, ich hätte heute in den Unterrichtsstunden drei und vier den Kurs Literarische Lektüre 2 zu geben. Ich gebe Bücher aus, die ich extra in der Pause mit zwei Studenten heranschaffe, ich verteile Referate und halte selbst ein Einleitungsreferat. Doch am Ende der Stunde schwant mir Böses. "Wir haben doch schon einen Lektürekurs bei Frau Yin. Aber wir haben jetzt keinen Kurs zum Texteverfassen", teilen mir einige irritierte, besorgte Studenten mit. Sie müssen sich gefühlt haben wie im falschen Film. Den Kurs zum Verfassen einer Abschlussarbeit halte in der Tat normalerweise ich. Und so stellt sich rasch heraus: Der Kurs ist falsch. Ruder herumreißen, Fehler im System! Die Lage wird von Schuljahr zu Schuljahr ernster: Zu Beginn des letzten Semesters wollte ich den richtigen Kurs im falschen (leeren) Raum geben, diesmal stimmt der Raum, aber der Kurs nicht. Und es ist abzusehen: Nächstes Jahr wird es dann für mich weder Raum noch Kurs geben!
Krötenschlucken für Anfänger
Schock in der Nachmittagsstunde: Mein schlimmster Albtraum (neue Rechtschreibung) wird wahr: 6000 Bücher – das sind ca. 1,8 Tonnen – müssen nun, nach dem Umzug auf den neuen Campus im Außenbezirk von Nanjing, nicht von jenen Arbeitern, die mir alle Arbeit abnehmen sollten, wieder in die Regale gestellt, sondern von: mir. Denn, ja, leider ... die Arbeiter sind nicht mehr da. Da habe es ein Missverständnis gegeben. Immerhin: Ganz allein lässt man mich nicht: In einer konzertierten Aktion wuchten Lehrer und Studenten gemeinsam die Bücher aus dem neuen Konferenszsaal, wo sie zwischengelagert wurden. Der Schweiß fließt in Strömen, die Studenten, die zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden, bewahren tapfer Haltung. Aber als die Bücher erst mal aus dem Sitzungssaal raus sind, ist die Motivation, mir Arbeit abzunehmen, auch nur noch halb so groß. O-Ton Didus: »Das dauert noch eine Woche. Mindestens!«
Und das ist nicht die einzige Kröte, die ich schlucken muss: Auch der Internetanschluss, von dem es geheißen hatte, nach den Ferien sei er im neuen Büro garantiert verfügbar, ist nirgends zu erblicken. Nach und nach stellt sich heraus: Es wird keinen geben, nur einen Intranet-Anschluss für den Uni-internen Bereich. Und deswegen entstehen diese Zeilen hier in einem Café mit W-Lan. Grau ist alle Theorie!
Armel heiratet Cosette
Mein letzter großer Auftritt vor der Rückreise nach Deutschland: die Hochzeitsfeier von meinem Hauskreisleiter Armel (Gabun) mit Cosette (Ruanda). Der ganze Tag steht im Zeichen dieser gesegneten Verbindung. Am Morgen die Trauung in der katholischen Kirche, die einmal mehr beweist, dass in China die Bauwut selbst vor dem Heiligsten nicht Halt macht, denn die Hochzeitsgäste werden wegen Renovierungsarbeiten in einen kleinen Nebenraum gepfercht, der zum Bersten voll ist. Wie viele andere Gäste drücke ich die Bank in einem Vorraum und erst als für mich jemand seinen Platz räumt, erhalte ich eine Sitzgelegenheit im Saal. Der Tag klingt feierlich aus im Ramada-Hotel. Noch einmal kann ich mit meinen Brüdern im Geiste Elysée (Tschad) und Francis (Kongo) einen heben. Trotz des üppigen Büfetts lassen sich Spuren der kolossalen Strapazen der letzten Tage und der kolossalen Hitze auf meinem Antlitz nicht verleugnen und zu allem Überfluss muss ich mich diesmal an die Regel halten, dass man gehen muss, wenn's am schönsten ist, d.h., Viertel vor elf muss ich das Feld räumen, um die letzte Metro zu meinem neuen Wohnort nicht zu verfehlen. Für die andern ist da noch lange nicht Schluss, denn: Afrikanische Hochzeiten dauern deutlich länger als chinesische!
Die Pruefung aus dem Koffer
Sie staunen. Sie lachen schon vorher. "Diese Pruefung ist so schwer", sage ich, oeffne das Reissverschlussfach von Stephan Thomes Rollkoffer und entnehme ihm die Pruefungspapiere, "dass man sie im Koffer tragen muss!" Wer jetzt lacht, gehoert vermutlich zu den zehn besseren Studenten.
Ja, die beiden Pruefungswochen, die heute enden, waren anders als die frueherer Tage, denn jedes Mal erschien ich mit einem schweren Koffer im Unterrichtsraum. An jedem Tag, den mich der Uni-Bus nach Xianlin bringt, kann ich schliesslich ein paar Gegenstaende umziehen lassen. Am Ende werde ich diesen Umzug komplett per Bus und U-Bahn bewerkstelligt haben.
Am schlimmsten war der gestrige Abend, an dem ich, von einem Wolkenbruch ueberrascht, einen vollen Rollkoffer, einen vollen Bundeswehrseesack (so schwer, dass ich manchmal nach hinten taumelte) und zwei volle Stofftaschen von A (Guangzhou Lu) nach B (NJU Xianlin Campus) bewegt habe. Eine Ochsentour, eine Tour de force, eine Plackerei, an deren Ende aber immerhin die erste Nacht im friedlichen neuen Heim und der erste Morgen standen, an dem ich trotz Unterricht um acht Uhr nicht vor 7.15 Uhr aufstehen musste.
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