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Mittwoch, 03. Juli 2013

Moschee und Mittagspause für Minderjährige
Von didus, 15:08

Mit der Reise nach Geermu oder Golmud wird ein alter Traum wahr: mitten im Sommer der schwülen, schweiß- und mückentreibenden Hitze Chinas entrinnen durch die Flucht aufs Hochplateau. Golmud liegt auf 2.800 Metern. Gerade habe ich eine Billigabsteige für umgerechnet 20 Mark ergattert. Die Reisekasse ist nach dem Versand von 100 kg Schiffsfracht (siehe Eintrag Sugar Lan) nämlich mächtig ausgedünnt. Den Tag habe ich ob der sengenden Sonne entspannt im “Kinderpark“ verbracht. Davor Rundgang auf dem Gelände der neu erbauten Mega-Moschee und durch das dahinter liegende Moslemviertel Moslemviertelaus beigen Flachbauten, das man getrost als Slum betrachten darf - ein Riesenkontrast zum angrenzenden Betonklotz-Neubaugebiet in Beige und Blau. Unterwegs kam ich an zwei Schulen vorbei (beide neu und wie aus dem Ei gepellt) und die mir zuteil werdende Aufmerksamkeit Aufmerksamkeit seitens der Minderjährigen, die offenbar noch in der Mittagspause sind, ließ deutlich erkennen, dass ein blonder Ausländer sich noch nicht oft hierher verirrt hat.

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Dienstag, 02. Juli 2013

Kind in der Klemme
Von didus, 23:59

Als ich auf dem Weg zum Zug nach Golmud in der Provinz Qinghai bin, fällt mir ein, dass es nicht dumm wäre, wenn ich mir noch ein Schlafwagenbillet für die Rückreise sichern würde, sonst sind die nämlich weg und ich muss wieder so eine Tortur über mich ergehen lassen wie auf der Tour von Xian nach Lanzhou gestern... Gefühlt vierzig Grad. Doch erst stehe ich in der falschen Schlange und dann ist die nächste ziemlich eine ziemlich lange. Als ich endlich am Fahrkartenschalter stehe, vergehen wieder wertvolle Sekunden Sekunden durch Passkontrolle etc. Dann muss ich die Beine in die Hand nehmen. In neun Minuten fährt mein Zug. Die Ausweis- und Gepäckkontrolle in diesem neurotischen Land kostet nämlich auch Zeit.Ein Nude-Fertiggericht geht beim Durchleuchten verloren. Weintrauben und Nektarinen kullern übers Rost. Ich sammle sie notdürftig ein. Dann finde ich den Ausgang zum Zug nicht. Und dann ist da gerade jetzt auch noch ein Kleinkind hinter die Drehtür (so eine wie in der Badeanstalt in Bad Bramstedt) gekrabbelt und kommt da nicht mehr raus. Ich helfe total eigennützig ein bisschen nach und quetsche das Kind damit ein. Es gerät in Panik und beginnt zu weinen.Der Bahnbedienstete, der eben noch die säumige Mutter gerügt hat, findet mein Vorgehen zu rabiat und ich auch. Die Mutter sagt gar nichts. Ich erklimme die metallenen Streben der Schwingtür und bin mit einem Sprung auf der anderen Seite. Wie vom wilden Affen gebissen hetze ich zum sinnlos weit entfernten Bahnsteig, von dem der Zug nach Lhasa in genau zwei Minuten abfahren soll. “Are you o.k.?“, fragt mich eine Mitreisende, als ich Platz genommen habe. Ich, immer noch verstört wegen des Görs in der Drehtür, verneine. Unterwegs glitzert plötzlich ein blaues Band in der Ferne und wird dort eins mit dem Horizont. Der Chinese neben mir und auch viele andere beginnen eine wilde Fotografiererei. Die Bahnstrecke folgt dem Qinghai-See, der wie ein verirrtes Meer in der Steppe liegt. Der Zug wird dem großen Süßwassersee, der manchmal türkis schimmert wie ein grünes Meer, später noch näher kommen. Die Landschaft hat sich inzwischen zu einer hügeligen Grassteppe gewandelt. Nur vereinzelt sind breite Kegel aus bunten Fähnchen, Zelte oder hier und da mal ein Staub aufwirbelndes Moped oder ein einsamer Lkw zu sehen, sonst prägen grasende Kühe oder Pferde, Yaks, später sogar zwei Dromedare das Bild.
Die Vegetation reduziert sich schließlich auf viele kleine Inseln von blassgrünen Gluglus (hierbei handelt es sich um eine Art Stachelschwein ohne Schwein) als einzigem Flora-Rudiment in einer braunen Steinwüste.

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Donnerstag, 27. Juni 2013

Rodscher Wietecker, Teil III
Von didus, 23:59

Ja, inzwischen könnt ihr's schon nicht mehr hören, geschweige denn lesen - Rodscher Wietecker und so. Diesmal also eine Einladung zum Essen seitens des Kollegiums. Ihr ahnt nicht, was Anlass der kleinen Zusammenkunft ist. Ich sammle ein paar verspätete Bücher für die Bibliothek ein und bekomme eine Platiktüte mit Reiseproviant überreicht, so eine Art Sparausgabe des deutschen Präsentkorbs. (Ich hatte um was Praktisches, Verzehrbares gebeten.) Vorher wird aber noch  mal kräftig geschlemmt. Und - schöne Idee meiner scheidenden Chefin: Jeder soll jetzt noch mal was Postives über mich sagen. Einigen fällt sogar was ein. Ich sei nicht so schnell genervt oder eingeschnappt und auch recht kooperativ. "Ach, habt ihr das tatsächlich gemerkt?", scherze ich. Tja, und meine strengen Noten ..., die ließensich rückblickend doch ganz gut als Druckmittel einsetzen: "Bei uns kommt ihr ja vielleicht damit durch, aber ob das für Dr. Didus reicht?!..."
Bevor dann keinem mehr was einfällt, schlage ich vor, doch lieber was zu singen. Wird von den verbleibenden Kollegen einstimmig angenommen. Ganz am Rande wird noch bekannt, dass Dr. Li in diesem Jahr mit dem Förderpreis des Akademischen Austauschdienstes für Nachwuchswissenschaftler geehrt wird, auf meinen Vorschlag hin.

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Sonntag, 23. Juni 2013

Eine runde Sache
Von didus, 23:59

Die Studenten des Jahrgangs 2007 waren es, in deren Klassenraum anno 2008 meine Tätigkeit als Hochschullehrer an der Nanjinger Universität begann. Es macht die Sache rund, sie auch mit Vertreterinnen dieses Jahrgangs ausklingen zu lassen. Yinyin, Yijjie, Yixuan, Feiqian, Chen Dong, Lüxia und Jingting sowie Minmin, Yinyins Freund, ebenfalls ein Student aus meinem ersten Semester in Nanjing (aber Jahrgang 05), haben sich also einladen lassen zu einem Abendessen in vertrauter Runde. Yinyin und Chen Dong haben es sich nicht nehmen lassen, in höchst präsentabler Abendgarderobe zu erscheinen, während ich mich für Brösels unverwüstliche (wenn auch bereits einmal geflickte) Posthose entschieden habe. Ich mache in einer kleinen Ansprache deutlich: "Liebe Studenten, eines vorweg: Dies ist kein Abschiedsessen..." Aber ich bekomme trotzdem Tee, ein Buch und von Feiqian eine Teetasse. Ja, ist denn heut' schon Weihnachten?
Am Ende kommt es zu vorgerückter Stunde (also 21 Uhr in China) sogar zu spontanen Umarmungen wie dereinst mit Oma am Altjahrsabend, obwohl ich als Garant norddeutscher Sittensprödigkeit da ja immer etwas zögerlich bin, doch Yinyin/Minmin und Chen Dong  fahren im Gegensatz zu Yijie und Yixuan nicht mit Linie 2 zurück nach Xianlin und wir alle wissen ja: Abschied ist ein scharfes Schwert!
In der U-Bahn gebe ich Yijie und Yixuan dann die einzigartige Gelegenheit, erbarmungslos mit den Kleidungssünden ihres Lehrers abzurechnen. Welches denn der schrecklichste Fehlgriff gewesen sei,  mit dem ich je vor ihre Klasse getreten sei, bitte ich um Voten. Es gewinnt einstimmig das T-Shirt mit der Aufschrift "Ich war in Dali!" vor dem T-Shirt mit der Aufschrift: "Ich [rotes Herz] Deutsch!"
Tja, also ich fand die schick!

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Die Box
Von didus, 16:48

Gestern traf ich Ruilu auf dem Campus und sah, wie sie sich mit einem merkwürdigen Karton auf dem Fahrrad abmühte. Darin befanden sich die Roben für die Graduierungszeremonie der Magisterstudenten. Ich half Ruilu beim Befestigen der sich verselbständigenden Kiste. Sie bat, ich solle doch bitte auch kommen.
Nachmittags erscheine ich also, rechtzeitig zum Ende des Wolkenbruchs, auf dem alten Campus zum großen Foto-Marathon mit den Magisterstudenten, also Ruilu, Lijie, Xiaochen, Siqiao (Jahrgang 06) sowie Wenxin, Wu Fei und der Rückkehrerin Yan Lili aus dem Jahrgang 05. Außer mir ist nur noch Ex-Vizedekanin Kong dabei. Nach dreißig Minuten enteile ich zum Gottesdienst. Ausnahmsweise bin ich viel zu früh dran, ich habe halb drei mit halb vier verwechselt. In der Mochou-Kirche sind mit Li Yuan und Jenny Fu auch noch zwei alte Bekannte, denen ich tschüs sagen muss.

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Donnerstag, 20. Juni 2013

"Wir werden Sie vermissen!"
Von didus, 23:59

Als der wackere General Turner das Flugzeug besteigt und in den Himmel über Berlin entschwindet, um seiner bisherigen Wirkungsstätte, die er entscheidend geprägt hat,vielleicht für immer den Rücken zu kehren, werden mir auf einmal die ungeplanten Parallelen zu meinem eigenen Geschick bewusst. Und als es schon zwölf Uhr ist, also Unterrichtsende, als der Abspann des Zweiteilers »Die Luftbrücke« läuft, den ich in der heutigen Doppelstunde im Rahmen allgemeiner Landeskunde vorgeführt habe, sage ich: »Abschied nicht nur von General Turner, sondern auch von mir. Und zum Abschied gibt es jetzt noch ein Geschenk!« Dann verteile ich an alle Studenten qualitätsgeprüfte Akademischer-Austauschdienst-Kulis für die bevorstehende Prüfungszeit (»Nur echt mit diesen Buchstaben!«). Klassensprecherin Ding Lan assistiert mir und Dong Jing, das Mädchen mit der weißen Brille, kann sich nicht verkneifen die Verteilaktion zu kommentieren mit den Worten: »Wir werden Sie vermissen!« Mit meinen Noten kann das aber jetzt nicht zusammenhängen. »Ja«, sage ich, »natürlich!« Auch die Nr. 5 der Bestenliste, Yuanqiong sagt im Hinausgehen den sympathischen Satz. Und ich: »Sie können mich ja in Deutschland besuchen. Ich muss jetzt zum Bus!« Als ich vor dem Klassenzimmer auf den ungeordneten Haufen aus Hairong, Yuqiu und einigen anderen treffe und ihnen im Weggehen viel Glück für die Prüfung wünsche, macht Hairong ein Gesicht, als wäre ich ein GI auf dem Weg in den Vietnamkrieg, der seiner Verlobten zuraunt, sie solle mal schön tapfer sein, er sei es ja schließlich auch. Und wenn morgen Yuqiu in die Bibliothek kommen wird, um ein paar Bücher abzugeben, wird sie einen von Hairong selbst geschnitzten Stempel und von sich selbst eine vereinfachte Ausgabe von »Der Traum der roten Kammer« überreichen. Rodscher Wietecker würde sagen: »Abschied ist ein scharfes Schwert!«

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Mittwoch, 19. Juni 2013

Sugar Lan
Von didus, 23:59

Heute kommt Sugar Lan. Hört sich an wie eine Figur aus »Lucky Luke«, doch wer an eine Art Calamity Jane oder Ma Dalton denkt, ist auf dem Holzweg. Mata Hari scheidet völlig aus! Sugar hat rötlich gefärbte Haare und spricht gut Englisch. Ob sie sich den englischen Namen selber ausgesucht hat oder ihr Chef Raymond Chang von der Firma Excelrelo ihr den verpasst hat, weil er sie so süß findet, wage ich nicht zu fragen. Sugar Lan also, so nennt sich die englischsprachige Begleitperson des Räumungskommandos, das heute kommt. Geräumt wird meine Wohnung. Das heißt, die ist eigentlich schon geräumt. Und ich habe Sugar bei einem ihrer drei bis vier vorherigen Anrufe auch mitgeteilt, dass alles bestens verpackt sei. Sie müsse die Kisten nur noch abholen und verstauen. »Ten minutes!«, verkünde ich. Doch dann braucht das Umzugskommando unter Sugars Leitung über eine Stunde. Alles wird noch mal neu verpackt. Der Pförtner, dem ich das Kommando angekündigt habe, damit er Sugar und ihre zwei Packer am Eingang des Wohnkomplexes reinlässt, schaut zu und schüttelt mir emotional bewegt die Hand. Er glaubt wohl, in einen der Kartons werde ich gleich noch gepackt. Statt bei 1,07 Kubikmetern wie von mir errechnet bin ich nun bei 1,5 Kubikmetern wie von Raymond berechnet. Alles, was ich so sorgfältig und mit Bedacht in Koffer und Bundeswehr-Seesack gequetscht hatte: für die Katz'. Selbst den Tennisschläger haben sie wieder vom Dianpingche abgeplündert, wo ich ihn mit Klebeband gewissenhaft befestigt hatte. Ich bezahle Sugar Lan trotzdem die vereinbarten 13.998 Yuan und gebe ihr auf dem Bewertungsbogen, den sie auf Raymonds Weisung vom Kunden ausfüllen lassen muss, die Bestnote. Immerhin gibt es für die Verpackungsorgie keinen Aufpreis. Unten wartet der Umzugswagen auf Sugar, weil ich im vierten Stock wohne und sie im Treppenhaus einen Anruf bekommen hat. Ich sehe dem davonbrausenden weißen Wagen nach. Die weißen Wände meiner leeren Wohnung starren mich an.

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Freitag, 14. Juni 2013

Die Rückkehr nach Pukou
Von didus, 23:59

Zur Verabschiedung der leider in diesem Jahr aus ihrem Dienst an der Universität ausscheidenden ausländischen Lehrkräfte werden wir, also die aus ihrem Dienst an der Universität ausscheidenden Lehrkräfte und die aus ihrem Dienst an der Universität nicht ausscheidenden Lehrkräfte, heute auf das Gelände des der Universität angeschlossenen "Colleges" jenseits des Jangtse verfrachtet. Das bedeutet eine Stunde und fünfzehn Minuten in einem schlecht klimatisierten Bus. Ich bin trotzdem nicht undankbar, denn es gibt ein Wiedersehen mit meiner einstigen Wirkungsstätte in Pukou, wo ich von 2008 bis 2009 unterrichtete. In Pukou ist inzwischen eine gewaltige Bibliothek samt Fernsehproduktionsstätte für 3-D-Filme und Talk-Shows entstanden, ein Atelier nebst Ausstellungsraum und anderes mehr, das uns stolz, aber unstrukturiert vorgeführt wird. Ich habe Mühe, den Ort wiederzuerkennen.
Den "Outstanding Teaching Award", üblicherweise eine Standard-Auszeichnung für alle länger tätigen Lehrer, bekomme ich (im Gegensatz etwa zu meinem französischen Kollegen Alain) im Rahmen des mäßig festlichen Banketts im Mensa-Restaurant nicht überreicht. Das ist in Ordnung, denn mit einer (nach dem Rechtsverständnis der V.R. China) verprügelten Taxi-Tussi und einer eingeschlagenen Eingangstür habe ich mir eher auf anderen Gebieten Meriten erworben als auf denen, durch die man für preiswürdig erachtet wird.
Tja, man ist kaum mit seinen Nachbarn ins Gespräch gekommen (in Pukou gibt es eine deutsche Kollegin, entsandt von der Bosch-Stiftung), kaum hat man mit Alain und Maria (meiner Spanisch-Lehrerin) auf den gemeinsamen Abschied angestoßen, da wird man auch schon wieder verscheucht. Nicht mal zwei Stunden hat der Festsaal von Pukou uns ausgehalten. Ich esse und trinke wie üblich in Ruhe auf/aus und bleibe allein zurück. Als ich die Mensa verlasse, finde ich keinen Bus vor der Tür. Ich mache mich auf eigene Faust auf den Weg. Während ich allein zum Portal wandere, bekomme ich drei Anrufe von Leuten, die sich sorgen, ich könnte verloren gegangen sein. Ich sage ihnen, dass ich am Haupteingang auf den Bus warte. Schließlich nehme ich Platz neben Kollegin Kong, die gar nicht glauben kann, dass ich vor dem Bus am Haupteingang angekommen bin. "Verloren gehen konnte ich ja nicht", sage ich, "schließlich kenne ich mich hier aus!"

Damit ist der Arbeitstag aber für Alain und mich noch lange nicht beendet, denn nach der gemeinsamen Rückkehr feilen wir bei ihm zu Hause noch an dem Titelbild für den Novellenband "Auf den Schwingen der Morgenröte", den ich im Sommer herauszugeben gedenke. Alain habe ich als Grafiker engagiert.

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Freitag, 07. Juni 2013

Die Bank
Von didus, 23:59

Seit Wochen warte ich auf einen günstigen Tauschkurs. Andere lösen ihr Konto auf, wenn sie das Land verlassen, ich schaufele noch ein paar Euros drauf. Denn wo bekommt man sonst 4,75 % Zinsen für Spareinlagen? Seit Anfang Mai liegt also eine beträchtliche Euro-Summe auf meinem chinesischen Konto bei der Industrie- und Kommerzbank von China (ICBC), aber seither ist der Euro-Kurs im freien Fall. Wie einst Uli Hoeneß auf seine Spekulationsgeschäfte starre ich nun täglich auf den Euro-Kurs. Jetzt, Anfang Juni, muss ich zuschlagen: Der Euro ist erstmals über die symbolisch wichtige 8-Yuan-Marke geklettert! Ich schwinge mich also auf mein Dianpingche und sause bei sengender Hitze nach Qixia zur Bank. Dort falle ich jedoch der typisch chinesischen Bevormundungsmentalität zum Opfer, die von der insgesamt wenig in Frage gestellten Maxime ausgeht: Ein Ausländer weiß sowieso nicht, was das Beste für ihn ist. Ich verstehe nur Bahnhof und weiß nicht, was das hier alles so lange dauert. Ich wollte doch einfach nur Geld tauschen!! Nach einer halben Stunde (gefühlt: halber Tag) und etlichen Unterschriften bekomme ich ein weißes Bank-USB-Stäbchen, eine Karte mit Rubbellosen und Durchschläge von mir unterschriebener Formulare ausgehändigt und werde vom freundlichen Assistenten vor einen Computer in der Schalterhalle geschleift. Meine selbst gewählte Geheimzahl wird noch ein halbes Dutzend Mal abgelehnt, aber als der hilfsbereite Assi schon selbst aufgeben will, heißt es endlich: Willkommen beim ICBC-Online-Banking. Dass ich mich gar nicht für Online-Banking registrieren lassen wollte, für diese Mitteilung ist es jetzt irgendwie zu spät. Leider kann man an diesem Computer keinen Sicherheitscode eingeben. Also zurück zum Schalter. Inzwischen ist der Euro-Kurs um 0,04 Yuan gesunken, für mich ein Verlust von 40 Yuan. »You cost me forty yuan!«, sage ich verärgert zum Schalterbeamten. Aber der kann nichts dafür. Der Fuzzi, der mir den ganzen Kram angedreht hat, bedient jetzt einen anderen Kunden. Was klingelt denn jetzt auf einmal ständig das Telefon und meldet SMS-Empfang? Antwort: Ich habe auf dem Formual meine Telefonnummer angegeben. Jetzt kommentiert die Bank jede Kontobewegung mit einer SMS. Wieder eins von den Dingen, bei denen man, wenn man sie endlich hat, gar nicht mehr begreift, wie man bisher ohne sie leben konnte.
Bekanntlich ernten die dümmsten Bauern immer die dicksten Kartoffeln: Ich kann heute nur den Gegenwert von maximal 5000 Dollar umtauschen, also nur einen Bruchteil der Gesamtsumme. Was ich heute noch nicht wissen kann: Bei den nächsten beiden Malen werde ich einen günstigeren Kurs erwischen. Man wird mich also wieder zur Bank sausen sehen – bei Sonnenschein und Regen!

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Sonntag, 26. Mai 2013

Die Nacht
Von didus, 08:01

 Der australische Inhaber des "Blue Sky" ist leider nicht auf dem Laufenden. Denn ich habe vorher extra gefragt. Wie sich nun herausstellt, hat seine Frau dafür gesorgt, dass heute länger offen ist, aber ihm davon nichts gesagt - ein Problem, das Ausländern in China immer wieder begegnet. Ich schlage vor, ein Schild mit der Aufschrift "CL-Finale hier" ans Fenster zu heften. Lieber nicht, meint der Australier und erzählt von einem massiven Personalproblem. Dann bringt er mir noch eine Sprite. Zu dem experimentellen Bittergetränk, das er mir vorgeschlagen hat, konnte er mich nicht überreden.
Ich werde immer müder (wegen der Hör-mal-wer-da-hämmert-Bauarbeiten kann ich morgens nicht mehr gut ausschlafen) und wegen der leidigen Qualmerei, die ich hier eigentlich für geringer eingeschätzt hatte als im benachbarten "Paulaner Brauhaus",  brennen mir die Augen. Aber als der Anpfiff erfolgt, ist alle Müdigkeit wie weggeblasen. Der junge Chinese am Nachbartisch, der mit seinen Kumpels an einer Schale Popcorn nagt (am Popcorn, nicht an der Schale, genau genommen),  fragt mich, für wen ich sei, und schweigt bei meiner Antwort betreten. Beim 1:0 wird mir klar, dass die verbliebenen Gäste allesamt Dortmund-Fans sein müssen, denn ich juble allein und bin nach dem verwandelten Elfmeter zum 1:1 der Einzige, der lange Miene zum wieder offenen Spiel macht. Dann kommt Robben. Der Chinese nimmt's mit Fassung. Letztes Jahr hatten wir die langen Gesichter, erinnere ich ihn, als die Dortmunder zum Empfang der Silbermedaille die Tribüne emporsteigen. Draußen hat wie vor einem Jahr beim Finale heftiger Regen eingesetzt. Ich torkele siegestrunken ins "Paulaner", wo mir Hunderte von Chinesen in Bayern-Trikots entgegentaumeln und endlich klar wird, warum die Dortmund-Fans im "Blue Sky" geschaut haben: Sie wollten sicher sein vor grölenden Anhängern des FC B - und dann kam ich!
Ich sehe mir auf der "Paulaner"-Großleinwand, während Scharen von Kellnerinnen damit beschäftigt sind, Bierkrüge wegzuräumen und Tische zu wischen, noch Teile der Jubelparty auf dem Rasen von Wembley an und begebe mich sodann - es ist längst hell - im Strom der Rotgewandeten und in den Strömen, die vom Himmel fallen, zur U-Bahn, die in 45 Minuten wieder fahren wird.
Cleverer Bursche, der ich bin, habe ich mein Dianpingche in einem Uni-Gebäude abgestellt und kann jetzt wenigstens auf einem trockenen Sattel sitzen. Federleicht schwebe ich meinem Bettchen entgegen. Die Bauarbeiter sind gnädig und lassen die Arbeit am Sonntagmorgen ruhen.

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Samstag, 25. Mai 2013

Der wichtigste Tag des Jahres
Von didus, 23:59

Heute gibt es nach fast zwei Jahren ein Wiedersehen mit Feiqian, einer Studentin des Jahrgangs 07, die auch schon zu Besuch in Großenaspe war. Allerdings ist sie erst mal im falschen Restaurant gelandet und ruft verstört an. Offenbar gibt es zwei "Blue Sky"-Restaurants in der Nähe der Schanghaier Straße. Und ich habe wegen der ansteigenden Hitze und Nervosität mein schönes Bundeswehr-T-Shirt in der U-Bahn ausgezogen und es dann dort liegen gelassen. Eine nach Gewitter lechzende Schwüle liegt über der Stadt. Jetzt muss ich, damit ich Feiqian nicht im Unterhemd gegenübersitze, die hässliche graue Sportjacke, die Mama schon entsorgen wollte, in dem schlecht temperierten Restaurant anbehalten.
Das Wiedersehen mit Feiqian, die von Plänen erzählt, in Deutschland weiterzustudieren, ist allerdings nicht der Grund für die massive Nervosität, die mir in den Gliedern steckt. Der Grund ist nackte Angst: WAS, WENN WIR DAS DING WIEDER NICHT HOLEN?!? Feiqian rückt gegen 22 Uhr wieder ab, nicht ohne meine Pizza zu bezahlen; Ich lese in dem Roman "Indigo", bestelle eine Cola, danach eine Sprite, komme mit dem Besitzer, einem Australier, ins Gespräch, der gar nichts von dem Fußballspiel weiß und mir eröffnet: Eigentlich schlössen sie um zwei.

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Freitag, 24. Mai 2013

Zhufu nimen!
Von didus, 23:59

Die Disputation der Bachelor-Studenten ist wieder ein einziges Kettensägenmassaker, vor allem der Papierkrieg danach, bei dem Papierbögen wild durcheinanderwirbeln. Jeder aus dem Kollegium saugt sich im Minutentakt irgendwelche Gutachten aus dem Finger. Die Bewertung der beiden Arbeiten, die ich betreut habe, geht im Papiermassaker unter. Die Noten hat man ohne mich auch schon ganz gut festgelegt. Dass sich bei der überarbeiteten Fassung Frau Li  viel mehr Mühe gegeben hat als Frau Lan wird in diesem Leben leider keine Würdigung mehr erfahren... Hektik und Eile hängen auch damit zusammen, dass alle Lehrkräfte für 18 Uhr zum Abendessen mit den Absolventen bestellt sind, auch die vier, deren Nachprüfungen nach versägter Abschlussprüfung ich noch gar nicht in Augenschein genommen habe.
Wir steigen bei Frau Wang in den nagelneuen Mercedes - ihr Mann verdient wohl gut -, doch da Professor Kong aus ökologischen Gründen keine Klimaanlage eingeschaltet haben möchte, bin ich schweißnass, als wir endlich am Ziel sind - trotz offenen Fensters. Abteilungsleiterin Yin hält nach dem Essen eine kurze Rede, aus der ich mit meinem Rumpfchinesisch nur "Zhufu nimen!" ("Glückwunsch euch allen!") heraushöre. Da das chinesische Wort "zhufu" auch mit "Segen" übersetzt werden kann, fühle ich mich spontan zu ein paar Noten aus "Du bist würdig" inspiriert, die ich nur so vor mich hin brabbele, was die neben mir sitzende Chefin jedoch sogleich zum Anlass für die Ankündigung nimmt, ich wolle das jetzt mit allen singen. Mir ist sofort klar, dass ich aus der Nummer jetzt nicht mehr herauskomme, und hebe also an: "Zhu-fu ni-men, zhu-fu ni-men, zhu-fu ni-men da-jia!" nach der Melodie: "Du bist würd-dig, du bist wür-dig, du bist wür-dig, o Gott!" Das klingt so unwiderstehlich nach Ohrwurm, dass sofort alle mitsingen. Und so schallt es nun durch den Raum: "Zhufu nimen, zhufu nimen, zhufu nimen dajia!"
Dann der dramatischste Moment des heutigen Tages: Hauptfigur ist ausgerechnet Wu, der Student der alle anderen an Körpergröße überragt. Eigentlich soll Wu nur ein paar Grüße von der in Deutschland weilenden Professorin Chen bestellen, die seine B.A.-Arbeit betreut hat, doch was als launige Ansprache gedacht war, wandelt sich plötzlich, da Wu vom Begriff der Endgültigkeit dieses letzten Studientages brutal ereilt wird wie die sprichwörtliche deutsche Eiche von dem Blitz, der sie fällt, zu einem Kampf mit den Tränen. Wu verliert. Stille tritt ein. Nur die kurze Bewegung von Studentin Huang, die mit Papiertaschentüchern zur Stelle ist, ist zu vernehmen. Schließlich geht die Rede weiter. Und als Wu wieder auf seinem Platz sitzt, da passt nichts besser als ein kräftiges: "Zhufu nimen..."  Noch Tage später werde ich diese neu kreierte Abschlusshymne auf dem Gang des Sprachlehrgebäudes erklingen hören.

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Mittwoch, 22. Mai 2013

Hör mal, wer da hämmert!
Von didus, 23:58

Ich stehe mal  wieder senkrecht im Bett. "Wer da nicht durchdreht, der ist schon verrückt!", sage ich zu mir selbst. Ein Höllenlärm aus der Wohnung über mir: ein grauenvolles Gehämmer, gelegentlicher Einsatz von Bohrmaschinen und Kreissägen. Ohrenstöpsel zwecklos. Dabei war ich doch hier in die Walachei gezogen mit dem ernsthaften Vorsatz, hier Ruhe und Frieden zu finden. Tatsächlich habe ich in den letzten Wochen kaum eine Nacht ohne Watte in den Ohren verbracht. Wer da noch kein Ekzem hat, der kriegt auf jeden Fall eins. Völlig entnervt streife ich mir Hemd und Hose über, beschwere mich erst bei den völlig verstörten Bauarbeitern mit den Worten: "Ist das hier ein Arbeits- oder ein Wohnplatz?", pese bei dreißig Grad und sengender Sonne zum Pförtner, beschwere mich da und lande schließlich bei der Hausverwaltung. Die sprechen dann auch ganz rücksichtsvoll am Telefon mit dem Eigentümer, tragen mein Anliegen, die besonders drastischen Lärmemissionen auf später als neun Uhr morgens zu verlagern, weiter; aber befehlen, bringen sie mir schonend bei, könnten sie dem ja nichts. Ab sieben Uhr seien solche Renovierungsarbeiten nun mal erlaubt. Es kommt noch schlimmer. Die Wohnung gegenüber und die Wohnung unter mir sind ab sofort ebenfalls in Renovierung. Höllenkrach als Drei-Fronten-Belagerung: Ich bin umzingelt!
Fazit: Mit dem Lärm ist es wie mit den Mücken: Ich kann dem Feind, der es nur auf mich, auf mich ganz allein abgesehen hat, nicht entkommen. Wer da nicht durchdreht, der ist schon verrückt.

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Mittwoch, 15. Mai 2013

Lehrstuhlangebot an der Universität Suzhou
Von didus, 23:59

So lautete die Betreffzeile einer E-Mail, die mich schon vor ein paar Wochen erreicht hat. Ehemalige Studentinnen meines Fachbereichs bauen dort seit vier Jahren eine eigene Deutsch-Abteilung auf und suchen noch kundige Lehrkräfte. Da fährt man doch ma' hin, habe ich mir gesagt. Generell verbinde ich ja meinen Geburtstag gern mit netten kleinen Ausflügen in die Region zwischen Shanghai und Nanjing und bin mithin heute bereits zum dritten Mal an einem 15. Mai in der Stadt, die auch als Venedig des Ostens bezeichnet wird. Dabei habe ich eigentlich gar keine Zeit, denn morgen Nachmittag finden die Magisterprüfungen statt und ich sollte eigentlich die Zeit mit der Lektüre der Magisterarbeiten von Ruilu, Wenxin, Lijie und Siqiao verbringen...
Gestern Abend haben mich zwei Studenten - einer mit rosa T-Shirt als Erkennungszeichen - am Bahnhof abgeholt und mich in das komfortable Uni-Hotel chauffieren lassen. Dort werde ich nun heute um neun Uhr abgeholt von der Institutsleiterin und ihrer augenscheinlich wichtigsten Lehrerin, die sich Anna Liu nennt und rotblond gefärbte Haare hat. Im etwas unaufgeräumten Büro auf dem vor über hundert Jahren von amerikanischen Missionaren errichteten Bilderbuchcampus halten wir ein Schwätzchen. Natürlich kennen beide meine Nanjinger Kollegen. Und im Vergleich mit diesen werden die eigenen Grenzen umso klarer erkennbar: Die Abteilung ist ganz neu, es gibt keine promovierten Lehrkräfte und in diesem Semester erstmals Absolventen. Die bisher beschäftigten deutschen Fachkräfte waren nicht erfahren genug und auch keine Germanisten. Es ist zehn Uhr. Die Chefin muss zum Unterricht. Anna führt mich herum und ich lerne den wunderbar altmodischen Campus von "Soochow University" kennen, durch den der Wind der Geschichte weht. Einzig der Jura-Fachbereich hat den Traditionscampus um einen modernen Klotz erweitert. Sogar eine Kirche gibt es gleich nebenan, in die ich einen Blick werfen darf. Anna scheint sogar reichlich interessiert am christlichen Glauben zu sein. Oder hat man sich vorher über mich erkundigt und weiß, was mir wichtig ist? Ich werde in ein Restaurant mit Spezialitäten aus der Provinz Sichuan eingeladen, bedanke mich herzlich für den informativen Rundgang und verspreche, dass man von mir hören wird. Schon vorher hatte ich allerdings klar gemacht, dass ich zunächst die großzügigen Angebote des Akademischen Austauschdienstes anlässlich der Rückkehr nach Deutschland in Anspruch zu nehmen gedenke. Wenn das Institut für deutsche Sprache allerdings 2014 immer noch auf diesem malerischen Campus beheimatet sein sollte...

Den Rest des Tages verbringe ich flanierend. Das geplante Treffen mit Ma Jiaojun, die leider nicht aus Schanghai anreisen konnte, ist ausgefallen. Ich wandere also nun noch einmal die vielen Kanäle entlang, sehe bei den unerlässlichen Foto-Shootings zu, zu denen das Ambiente von Suzhou immer wieder einlädt, und werde schließlich vom Regen überrascht. Zum Abendessen gönne ich mir eine Pizza bei "Papa John's". Der fast perfekte Tag klingt aus mit einem Blick von einer der vielen Brücken auf den nachtschwarzen Kanal. Oder anders ausgedrückt: Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss.

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Mittwoch, 08. Mai 2013

Von Pontius zu Pilatus
Von didus, 23:59

Es regnet. Ich bin spät dran. Ich möchte von der Uni das Geld erstattet bekommen, das ich im Frühjahr für meine aufwändige Zahnrestauration aufwenden musste. Dafür muss ich in die Innenstadt zum alten Campus. Als ich dort gegen 11.15 Uhr ankomme, heißt es, die zuständige Person habe ihre Unterlagen bereits zusammengepackt und sei gegangen. Mir wurde aber nur mitgeteilt, dass ich am Vormittag kommen soll. Ist 11.15 etwa nicht Vormittag? Zudem findet diese Erstattung nur jeweils an drei Tagen am Monatsbeginn statt, von denen für Mai heute der letzte ist. Ich glaube, gleich laufe ich Amok!
Schon stehe ich beim Amt für Ausländerangelegenheiten in der Tür und um meiner unübersehbaren Erregung entgegenzuwirken, führt man für mich einige Telefonate. Ergebnis: Um 14 Uhr könne ich nun doch noch einmal mein Glück bei der Gelderstattung versuchen. Als ich dort jedoch meine Belege vorlege, heißt es: "Sie brauchen eine Rechnung, aus der alle Einzelposten der Behandlung hervorgehen." Ich brauche eine Weile, bis ich die direkten Konsequenzen dieser Aussage begriffen habe. Für mich heißt das nämlich: Ab in die Zahnklinik! Bis um vier Uhr könne ich die dort zu erhaltende Rechnung noch einreichen.
In der Zahnklinik-Gulou stehe ich zunächst am Schalter, dann schickt man mich zu meiner Ärztin. Die ist ganz verblüfft mich wiederzusehen. Da ich den chinesischen Begriff für "Erstattung" mit "Schadenersatz" verwechselt habe, reagiert sie erst mal ganz verstört. Als das Missverständnis geklärt ist, finde ich mich in der Schalterhalle wieder, allerdings an der kleinen Ecktheke, zu der die Zahnärztin mich geschickt hat. Hätte ich auch gleichen finden können. Dort versteht man mein Anliegen sofort und stellt mir nun endlich die gewünschte Rechnung aus. Da ich bis vier Uhr noch etwas Zeit habe, gehe ich zum nahegelegenen Postamt und verschicke zwei Urkunden für Gewinner des von mir mit Mitteln des Akademischen Austauschdienstes durchgeführten Übersetzungswettbewerbs. Dann bin ich wieder an der Erstattungsstelle. Doch leider kann man mir hier kein Geld geben. Man schickt mich an einen anderen Ort, den ich aber gar nicht kenne. In der Schalterhalle unten bekomme ich eine notdürftige Erklärung und begebe mich auf den Gulou-Campus, wo ich verdachtsweise das Büro für die Ausstellung von Campuskarten aufsuche, da die ja auch immer mit Geldangelegenheiten zu tun haben. Dort zeigt man durchs Fenster auf ein gegenüberliegendes Gebäude, dessen Namen ich mir einpräge. Damit wandere ich los und finde tatsächlich ein Gebäude, dessen Erdgeschoss aussieht wie eine Bankfiliale. Die Atmosphäre - bergeweise Belege und Abrechnungszettel, hinter denen junge Frauen akribisch ihrer Sortier- und Archivierungsarbeit nachgehen - erinnert an den verstörenden Science-Fiction-Film Brazil. Ich stehe erst am falschen Schalter und erhalte dann endlich bei der richtigen Dame mein Geld. Das Geld für die Krone, mit knapp 1900 Yuan der Hauptposten, wird mir leider nicht erstattet, aber ich bin trotzdem ein paar Hunderter reicher.

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Montag, 29. April 2013

Campus-Führung
Von didus, 17:15

Ich liege auf dem Rasen im Park westlich des Xianlin-Campus, als mich Ursulas Kurznachricht erreicht. Mit dem Dianpingche bin ich in wenigen Minuten an der U-Bahnstation, wo Ursula wartet wie Regina auf den Stufen. Anschließend gibt es eine Campus-Führung, in meinem Büro statte ich die Besucherin mit Werbegeschenken des Akademischen Austauschdienstes aus, die sich hier über die Jahre angesammelt haben. Zum Abendessen ist sie schon wieder mit dem Studenten verabredet, um den es bei dieser Reise nach Nanjing ja eigentlich geht. Aber für einen Abstecher auf meinen Hausberg (mit Aussichts-Pavillon) reicht die Zeit gerade noch.

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Sonntag, 28. April 2013

Unverhofftes Wiedersehen
Von didus, 23:59

Heute muss ich am Vormittag unterrichten, damit ich die nächsten drei Tage (vor dem Maifeiertag) Urlaub machen kann. Deswegen sitze ich am Nachmittag um halb vier im Gottesdienst der Mochou-Kirche. Am Ende des Gottesdienstes höre ich meinen Namen und glaube meinen Augen nicht zu trauen, als ich erkenne, wer da die ganze Zeit schon ein paar Reihen hinter mir sitzt: meine Kollegin Ursula aus dem weit entfernten Yanji, meiner früheren Wirkungsstätte. Dort wird am Sonntag natürlich nicht gearbeitet und so hat Ursula die freien Tage zu einem Kurzbesuch in Nanjing genutzt, wo sie sich mit einem ehemaligen Studenten trifft. Ich bezeichne es als Hochverrat, dass ich davon nicht in Kenntnis gesetzt wurde. Bevor ich mich zum Tennis mit Vincent, dem US-Chinesen, auf dem alten Uni-Campus verabschiede, lade ich Ursula zu einem Besuch des neuen Campus ein.

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Samstag, 27. April 2013

In Zeiten des zunehmenden Lichts
Von didus, 18:59

In Zeiten des zunehmenden Lichts und der bereits um die dreißig Grad heißen Tage kann man so eine Lesung auch mal draußen vor dem Sprachlehrgebäude des neuen Campus stattfinden lassen, haben sich die Veranstalter gedacht. Zu Besuch ist "In Zeiten des abnehmenden Lichts"-Autor Eugen Ruge, Gast des Goethe-Instituts und der Uni Nanjing. Wir sitzen aber zum Glück im Schatten. Nur dass ausgerechnet heute die Flugzeuge, die Nanjing anfliegen, die Route über den Campus wählen, wirkt sich auf die Lesung wenig vorteilhaft aus.
Studentin Lan, die über den Roman ihre B.A.-Arbeit schreibt, ist leider auf einem Bewerbungsgespräch (und wird dann doch nicht genommen) und lässt ihre Freundin Li eine Frage stellen. In der - typisch chinesisch - eher unkritischen Fragerunde melde ich mich schließlich mit einer Frage zu Wort, die mit den Worten beginnt: "Ich habe eigentlich bei der Lektüre des Romans gar nicht so viel Freude damit gehabt, dass..." und die asynchrone Erzählweise des Romans in Zweifel zieht, worauf Autor Ruge mich, wie er später entschuldigend meint, "mich belehrt", warum das aber gut so sei. Allerdings habe der Verlag gesagt (sehr erhellend!): "Die Reihenfolge der Kapitel ist ganz egal." Da sich der in der "DDR" aufgewachsene Autor mit dem Satz zitieren lässt: "Ich mochte dieses Land [d.i. die 'DDR'] nicht!", bin ich ihm doch eher wohl gesonnen und bekomme nach der Lesung eine Widmung für das Exemplar des Buches, das in meiner Bibliothek steht, weil Kollege Li umsichtig genug war, das von ihm entliehene Buch dabei zu haben.

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Samstag, 20. April 2013

Im Palast des sterblichen Fleisches
Von didus, 18:59

Heute ist das Wetter wieder genau so, wie ich es von meinem ersten Besuch auf dem Jiuhuashan in Erinnerung habe: neblig, grau, im Dauerregen. Trotzdem mache ich mich am Vormittag durch den dichten Nebel noch einmal auf, jenen Ort zu erkunden, den ich letztes Mal verfehlt habe: Xiao Tiantai, den Tempel auf dem kleinen Hügel. Den finde ich nach dreißig Minuten, in denen es von Jiuhuashan-Dorf aus nur mäßig steil bergauf ging, im Nebel. Die Aussicht ist gleich Null. Dennoch sind auf den regennassen Stufen viele wochenendabhängige Touristen in Plastiksäcken unterwegs. Wenige Meter von Xiao Tiantai entfernt erhebt sich eine Pagode, auf die man leider nicht hinauf kann, in die wabernden Dunstschwaden. Pagode und Xiao Tiantai habe ich immerhin gestern schon aus der Ferne betrachten können: bei meinem Aufstieg zum Tiantai. Logische Konsequenz und wissenswert für alle, die die Reise zum Jiuhuashan selbst machen möchten: Vom Xiao Tiantai aus führt eine Treppe abwärts direkt zum "Phenix-Spot", von wo aus man den Aufstieg zum Tiantai beginnt. Frühaufsteher können die ganze Tour also ohne gelben Bus an einem Tag schaffen. Für mich dagegen heißt es jetzt Abschied zu nehmen. Ich werfe noch einen Blick in den "Palast des sterblichen Fleisches" ("Palace of the Flesh of Mortals"), wo man dem Buddha Münzen in zwei Becken werfen kann, damit man das Zeitliche nicht zu früh segnet (ich denke bei solchen Gelegenheiten immer ans Gegenteil: einmal reinlangen und die nächste Busfahrkarte sparen). Von hier aus sind es nur noch wenige Stufen bis Jiuhuashan-Dorf. Ich bin mittags wieder im Tal und erwerbe eine Fahrkarte nach Nanjing für 13 Uhr. Als Verpflegung dienen mir Choco-Prince-Kekse. In Nanjing scheint sich das Tiefdruckgebiet bereits gestern ausgetobt zu haben. Ausnahmsweise fahre ich nicht mit der U-Bahn zurück, sondern mit Bus D1.

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Freitag, 19. April 2013

Huatai
Von didus, 20:59

Diesmal sind die Affen an einer anderen Stelle und fallen mich nicht an. Ich halte mich auch ganz dezent zurück. Den Gipfel erreiche ich gegen Mittag. Das allgemeine Toursitenziel ist ja der Tiantai-Tempel, aber ich gehe lieber rechter Hand noch ein paar Treppen weiter nach oben und erreiche den 1342 Meter hohen Gipfel des Berges. Dort mache ich erst mal Picknick und erweise mich dabei als echter Chineses: Ich verzehre in Folie eingeschweißte Fertigwurst, ein in Folie eingeschweißtes schwarzes Ei sowie Bananen). Ein Wandersgesell gesellt sich zu mir. Und als ich ihn etwa eine halbe Stunde auf meinem Abstieg zur den Felsspalten mit abschließender Buddha-Höhle (einem Gelass im Felsen, wo früher zwei Mönche gehaust haben sollen) noch einmal wiedertreffe, schenkt er mir seine Wanderkarte. Er selbst hat sich eine andere Route ausgeguckt. Die Karte gibt mir einen vagen Überblick, kann mich aber nicht davor bewahren, am Ende in einer Sackgasse zu landen. Zunächst geht es abwärts ins Tal mit den "Steinen, die wie Tiere geformt sind": Die Fantasie der Chinesen kennt mal wieder keine Grenzen: Wo soll da ein Felsen in Elefanten-, wo einer in Pferdeform sein? Ich seh' da nix! Alles, was ich entdecke, ist ein Gorilla-Gesicht im "Planet der Affen"-Stil auf der Felswand gegenüber, aber Affengesichter sind hier von den Erklärungstafeln gar nicht vorgesehen.
Der Aufstieg zum Huatai, dem Blumen-Plateau, wie man das wohl übersetzen müsste, wird zwar belohnt mit einem kolossalen Panoroma (noch einmal über 1200 Höhenmeter); Blumen gibt es hier auf dem kargen Felsgestein allerdings keine. Der Name verdankt sich dem Sonnenuntergang, der den Aussichtspunkt in ein buntes Blumenmeer verwandeln solle. Außerdem gibt es hier noch die Legende vom treuen Hund, der seinem Herrn nie von der Seite wich und danach mit Buddha-ähnlichen Ehren versehen wurde. Die Fahrkarte für die Seilbahn, die Fußkranke und Immermüde vom Huatai wieder nach unten bringen würde, wird angesichts des Wucherpreises von 80 Yuan von mir boykottiert (in Nanjing zahlt man 20 Yuan, allerdings ist der Berg auch nur ein Drittel so hoch). Ich wähle also den Abstieg von 2011 und dank der kolossalen Aussicht ist das auch die richtige Entscheidung. Ich komme noch an einem Felsen vorbei, der das Antlitz Buddhas darstellen soll, und danach geht es nur noch im Laufschritt bergab mit mir. Als ich am Phönix-Punkt, zugleich Ausgangspunkt meiner Klettertour angekommen bin, habe ich wackelige Knie. Es ist halb sechs. Und zum Glück gibt es noch Busse. Der Rücktransport ist in der 50-Yuan-Buskarte, die ich gestern für die Reise vom Busbahnof in die Tempelstadt bezahlt habe, inbegriffen. Da mein Proviant und Wasservorrat schon seit geraumer Zeit aufgebraucht ist, erwerbe ich an einem Touristenstand erst mal Wasser für den leeren Tank. Das Essen muss dagegen noch etwas warten.

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Donnerstag, 18. April 2013

Zurück auf dem Jiuhuashan
Von didus, 23:59

Wiedersehen mit einer der malerischsten Gegenden in China, dem so genannten Neunblumenberg. Der lag bei meinem letzten Besuch dermaßen im Nebel (sin-o-meter-Bericht und Fotos finden sich hier), dass ausgemacht war: Ich muss da noch mal hin! Bei Sonnenschein. Und den haben wir momentan Tag für Tag.
Ich lande zwar erst mal an der falschen Nanjinger Busstation. Doch mit Bus Nummer 10 ist das Versehen rasch korrigiert. Fahrpreis: 84 Yuan, Abfahrt um zwei Uhr, Ankunft vier Stunden später. Die große Abfertigungshalle am Fuße des Berges, die ich schon kenne, ist werktags am frühen Abend bereits sichtlich ausgestorben, während an Wochenenden Absperrungen benutzt werden müssen, um der Touristenhorden Herr zu werden. Für insgesamt 240 Yuan (190 Yuan für den Zugang zum Jiuhuashan, 50 Yuan für den gelben Tourbus, den ich insgesamt viermal nutzen darf) erwerbe ich das Recht zur touristischen Erkundung der Berge. Ich muss in dem bis auf ein paar schwatzende Angestellte leeren Wartesaal über eine halbe Stunde warten. Erst als eine späte Touristengruppe eintrifft, fährt wieder einer der gelben Busse nach oben.
Ich finde prompt das schön billige Drei-Sterne-Hotel vom letzten Mal wieder und statt der schreienden Bedienung von damals ist diesmal ihre wesentlich sympathischere mutmaßliche Tochter an der Rezeption anzutreffen. Ohne Klimaanlage bin ich bei hundert Yuan pro Nacht. Das ist ein annehmbarer Preis in dieser Touristenhochburg. Sicher wolle sie jetzt für die Registrierung meinen Pass, sage ich noch; dann zucke ich innerlich zusammen... Denn auf einmal wird mir klar, warum ich die ganze Zeit so ein unerklärliches Gefühl hatte, dass etwas nicht stimmt: Mein Pass, ohne den man ja in China nirgends eine Bleibe findet, ist definitiv zu Hause geblieben. Auch die sympathische Rezeptionistin ist da eisern: Wir müssen zur Polizei. Dort gibt es ein Hin und Her. Der überforderte PvD muss den Chef aus dem Bett jagen. Aber der kann auch nichts anderes sagen, als dass es ohne Pass nicht gehe. Ich müsse wieder ins Tal. Aber da werde man mir auch nicht weiterhelfen. Und wie soll ich jetzt ins Tal kommen? Da fährt doch keiner mehr runter. Fest steht: Es geht so nicht. Es gibt keine andere Lösung. Eigentlich gibt es gar keine Lösung. Eigentlich muss ich nach Hause zurück, aber es fährt ja jetzt kein Bus und auch kein Zug mehr. Eine Telefonat mit dem nächsten Vorgesetzten. Gleiche Aussage: geht nicht. Zwanzig Minuten später bedankt sich das Mädel von der Rezeption und wir gehen zurück ins Hotel. Ich habe keine Ahnnung, was aus den Verhandlungen am Ende herausgekommen ist, sage mal auf Verdacht, dass ich einfach zu kein Glück habe. Aber sie meint: "Doch, du hast Glück!". Da dämmert mir, dass die Polizei ein Auge zugedrückt hat. Ich kann bleiben.

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Montag, 15. April 2013

Der Stieleis-Attentäter
Von didus, 23:59

Das ist auch wieder so eine typisch chinesische Unart, die manchem Deutschen einen gehörigen Kulturschock verschaffen könnte: Für Treppenhäuser fühlt sich nicht nur niemand zuständig, die Stufen starren vor Dreck und Staub; neuerdings treibt hier sogar ein Stieleis-Attentäter, der vermutlich sogar noch minderjährig ist, sein Unwesen. Vor ein paar Wochen auf der Treppe zum ersten Stock meines Wohnkomplexes das erste geschmolzenen Vanilleeis, schön zerlaufen, in der Mitte der Holzstiel, als wollte er wie einst Mose das Meer teilen, die Schokosplitter wie kleine schwarze Schiffchen im Ozean der Eissuppe treibend. Und nun ist auf dem Treppenabsatz zum dritten Stock noch ein zweiter Eissee, wie ein Zwilling des ersten, hinzugekommen, damit sich der kleine Eissee auf der Treppe unten mal ja nicht allein fühlt. Und da ja Chinesen nie auf den Boden schauen (weshalb ich in Bus und U-Bahn auch ständig angerempelt werde, wenn ich mit übergeschlagenem Bein auf meinem Platz sitze), ist auch noch prompt ein Nachbar in die Eissuppe reingetreten und hat die Eissuppe schön auf den Stufen verteilt. Inzwischen ist der Eissee im ersten Stock zwar weitgehend ausgetrocknet - man kennt ja das Problem der Trockenheit in China, der Eissee teilt gewissermaßen in nuce das Schicksal seines großen Bruders, des Gelben Flusses - und fristet ein Dasein als dunkelgelbe, klebrig-feuchte Masse, aber er hält sich wacker! "Halt durch, tapferer, kleiner Eissee", ist man fast geneigt ihm zuzurufen, "und lass dich nur nicht wegwischen!"

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Samstag, 13. April 2013

Schnitzeljagd mit Fang Dong
Von didus, 14:50

Tja, wäre er mal pünktlich gekommen, aber als er nach einer halben Stunde noch nicht angerückt ist, um seine drei Monatsmieten zu kassieren, verliere ich die Geduld, denn angesichts des schönen Wetters zieht es mich mit meinem Dianpingche zu einem Ausflug. Ich fahre also nach Qixia, dort kann ich auch im Supermarkt etwas einkaufen. Kurz vor dem Ziel erreicht mich der Anruf von Fang Dong, des Vermieters: Wie will er mich jetzt finden? Ich reiche das Telefon erst mal weiter an eine Passantin auf der Straße - in China ein durchaus übliches Verfahren. Die versteht ihn bestimmt viel besser als ich und kann auch viel besser erklären, wo ich gerade bin. Doch das Gespräch zieht sich ziemlich in die Länge. Das kann doch nicht so kompliziert sein!?!
Schließlich gibt mir die Passantin das Telefon zurück. Fan Dong scheint kapiert zu haben. Ich kaufe mir gegen die sengende Hitze in dem Suguo-Supermarkt, vor dessen Eingang wir uns verabredet haben, etwas zu trinken, setze mich auf eine Bank, warte und warte. Fan Dong muss sich verfahren haben. Schließlich klingelt mein mobiles Fernsprechgerät erneut. Fan Dong vermeldet, er sei da, wo sei ich? Ich erwidere: Ich sei da neben den Majiong spielenden Alten. Er befindet sich offenbar auf der Nordseite des Supermarktes. Ich lotse ihn durch den Supermarkt. Er findet mich nicht, ruft wieder an. Ich durchquere die Südhälfte des Suguo-Marktes. Und dann stelle ich fest, dass es an dieser Stelle zwei Suguos direkt nebeneinander gibt und auf dem kleinen freien Platz zwischen dem großen und dem kleinen Suguo treffen wir uns endlich und mein Vermieter kann seine schwer verdiente Miete kassieren, was ihm ein Strahlen aufs Gesicht zaubert.

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Freitag, 12. April 2013

In Seenot
Von didus, 23:59

Während anderswo gute Freunde ihren Geburtstag begehen, endet für mich heute eine monatelange Tortur: Für knapp 2000 Yuan wird mir heute eine Keramikkrone auf den ruinierten Zahn gesetzt. "Sitzt und passt", freut sich der junge, des Englischen mächtige Zahnarzt.
Ich habe mich mit dem Dichter Huang Fan verabredet, der heute an seiner Universität für Wissenschaft und Technik hohen Besuch aus Deutschland erwartet. Doch den Termin um vier Uhr schaffe ich nicht, denn ich habe mich in Anbetracht des schönen Wetters und um den Abschluss meiner Zahnbehandlung zu feiern spontan zu einer Bootstour über den Xuanwu-See entschlossen. Ich wähle eine alte Seegurke von der zweiten Insel und tuckere, von einer spürbar erlahmenden und bei Gegenwind kaum noch Gegenwehr leistenden Batterie angetrieben, über den See. Als sich die 60 Yuan teure Stunde ihrem Ablauf nähert und ich nur noch durch eine Brücke hindurchmanövrieren muss, um am Ausgangsort der Schipperei anzulangen, geht plötzlich gar nichts mehr. Schlingpflanzen machen den Kahn komplett manövrierunfähig. Lame duck heißt das auf Amerikanisch. Während ich ratlos umherblicke und im stinkenden Sumpf feststecke, läuft die Uhr ab und auch meine Verabredung mit Huang Fan gerät in weite Ferne. Schließlich gelingt es mir, unter Zuhilfenahme meiner Hände an ein Ufer zu gelangen. Ich torkele aus dem Kahn, binde die lahme Ente an einem Busch fest und erreiche zu Fuß den Verleih. Dort kann ich mit einiger Mühe erklären, was vorgefallen ist. Der Chef will mit mir auf einem seetüchtigeren Boot zum Ort des Geschehens fahren, aber als er erfährt, dass ich gar keine Sachen mehr an Bord habe, ist meine Anwesenheit plötzlich nicht mehr vonnöten. An der Kasse will man mir natürlich den anderthalbfachen Betrag von der Kaution abziehen. Ich erkläre mich damit nicht einverstanden und wiederhole immer wieder: "Bu guyide", was so viel bedeutet wie: "War doch keine Absicht!", was die immer unsicherer dreinblickende Dame schließlich veranlasst, mir nur eine Stunde zu berechnen.
Ich eile Richtung Ausgang. Da ruft auch schon die Assistentin von Huang Fan an und verspricht, mich abzuholen. Ich sei hier am See, teile ich mit. Wie lange es denn wohl dauere von der Station Xuanwuhu bis zur Station Xiaolingwei. Sie schätzt: 35 Minuten. Also, sage ich, dann erwarten Sie mich mal um zehn nach fünf dort. Und das schaffe ich dann auch tatsächlich noch. Sie ist mit dem Wagen da, hat mir vorher das Nummernschild per SMS mitgeteilt - alles kein Problem.
In dem schlichten und noch recht kühlen Büro des Institutsleiters Yang Wu wird Professor Kubin im Beisein von Huang Fan, seinem Chef Yang Wu und einer assistierenden Studentin von einer Journalistin interviewt. Es geht um Literaturnobelpreisträger Mo Yan und die chinesische Literatur im Allgemeinen, denn der Professor ist ein angesehener Sinologe, Schriftsteller und Übersetzer. Ich bin zum gemeinsamen Essen im Uni-Restaurant geladen und erfahre so ganz nebenbei, dass der Professor zum Vize-Dekan einer aufstrebenden Universität in Qingdao ernannt worden ist, wo gerade Deutschlehrer gesucht werden. Da werde ich natürlich hellhörig. Auch für mein Buchprojekt "Auf den Schwingen der Morgenröte", mit dem ich einen durch DAAD-Projektgelder finanzierten Übersetzungswettbewerb zu krönen gedenke und das Erzählungen der mir persönlich bekannten drei Nanjinger Autoren Huang Fan, Lu Min und Dan Yu vereinigen soll, weiß der Professor einen Rat und empfiehlt mir einen deutschen Fachverlag. Ich lasse mir für alle Fälle mal eine Visitenkarte geben. An der Veranstaltung im Anschluss nehme ich nicht mehr teil. Ist ja doch alles auf Chinesisch.

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Sonntag, 07. April 2013

La zizanie
Von didus, 23:59

Ja, Rebeckas Brot ist aufgebraucht und es muss Nachschub beschafft werden. Ich stehe also in der deutschen Bäckerei in der Shanghai Lu (Schanghaier Straße) und nehme mir wie üblich von den in einem Körbchen auf dem Tresen stehenden Vollkornbrötchen die letzten zwei verbliebenen und stecke sie in die mitgebrachte Plastiktüte. Damit will ich dann zur Kasse und bezahlen. Zugegeben, man kann das auch anders machen. Wer nämlich ohne typisch deutsch mitgebrachte Tüte in den Laden kommt, muss so lange warten, bis eine von den Verkäuferinnen hinter der Theke die Zeit findet, zu fragen, was man möchte, und einem dann das Gewünschte von auf oder hinter der gläsernen Theke in eine Tüte packt. Der Russe oder Italiener oder vielleicht auch Tscheche, vielleicht auch Serbe? ... Der mich um einen Kopf überragende Mann neben  mir hat offenbar genau darauf schon einige Zeit gewartet und - wer weiß - vielleicht hatte er ja sogar die beiden letzten verbliebenen Brötchen im Auge, die soeben in meiner selbst mitgebrachten Plastiktüte verschwunden sind. Jedenfalls sieht mich der Serbe an, als wäre ich der Mann, der den serbischen Volkshelden Karadzic vors Kriegsgericht gebracht hat, und beginnt zu schimpfen, was das denn für'n Verhalten sei, so was tue man doch nicht. Ich verstehe nicht, was er meint, und teile ihm das mit. Er wird laut. Ich repliziere: "WHAT'S YOUR PROBLEM, MAN??" Und im Nu stehen wir uns gegenüber wie Asterix und Obelix - auch von der Körpergröße kommt es in etwa hin - in Streit um Asterix ("La zizanie"), wo ja bekanntlich jeder mit jedem wegen nichts in Streit gerät und diesem mit hochrotem Kopf Nase an Nase, so dass sich die Nasen fast berühren, gegenüberstehend mit hoher Lautstärke zum Ausdruck bringt, dass ihm dessen Meinung missfällt. Der Inhalt dieser verbalen Auseinandersetzung ist dabei letztlich austauschbar; es sind gegenseitige Vorwürfe, die an der Sache an sich weit vorbeiführen. So ist es auch hier.

Wahrscheinlich hat auch keiner im Laden, der voller Leute ist, die Spur einer Ahnunlg, worum es hier geht. Schließlich verpasst der Serbe, Italiener oder Russe mir noch jenen Rempler, der üblicherweise zu einer Handgreiflichkeit führt, aber da dieses Jahr der FC B ja super drauf ist, bin ich nicht provozierbar und außerdem auch schon auf dem Weg zur Kasse, wo ich dann für meine beiden Vollkornbrötchen bezahle. Umgerechnet zwei Mark.

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Sonntag, 31. März 2013

Ostern
Von didus, 23:59

Zum verspäteten Frühstück hat die Jura-Dozentin Rebecka ihre deutschen Kollegen, den Geowissenschaftler Wünnemann (wer ist das?) und mich also, eingeladen. Selbst gebackenes Brot und selbst gebackener Eierlikörkuchen munden vorzüglich. Irgendwas mit Ei muss es ja geben (der Alkohol ist natürlich im Ofen verdunstet)! Zum Abschied steckt uns Rebecka sogar noch dicke Proviantköcher zu. Eine ganze Woche werde ich von Brot und Kuchen zehren!
Günstigerweise gibt es einen englischsprachigen GoDi am Nachmittag um halb vier. Da habe ich mich heute also fast zeitgleich mit den zeitversetzten Deutschen in die Kirche begeben, allerdings bei fünfzehn bis zwanzig Grad mehr auf dem Thermometer, denn es herrscht blauer Himmel über Nanjing! Ich treffe Alex Peng, der aber nicht schießt - keine Angst! - und bedanke mich bei Emilie alias Li Yuan für die Mitteilung der GoDi-Anfangszeit per SMS. Am Ausgang treffe ich den argentinischen Kollegen Carlos samt Familie.

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Donnerstag, 28. März 2013

Honni soit qui mal y pense!
Von didus, 23:59

Ein schönes Prüfungsthema habe ich ausgesucht: Die Kandidaten sollen Sinn oder Unsinn einer unabhängigen Justiz anhand des Hitlerputsches von 1923 und seiner Folgen erörtern. Dazu gibt's einen Text, in dem Hitler mit "H." ersetzt wurde. Wir wollen es mal nicht zu leicht machen. Gestern haben meine Kolleginnen und ich bereits die sechs Kandidaten in einer mündlichen Prüfung gequält. Heute nun muss die Chefin, während ich im Unterricht "Krabat" zeige, mal kurz mit mir reden. Eigentlich ist sie im Rahmen von offizieller Seite anberaumter Inspektionen im Unterricht, über die sich gestern, da sie darüber im Gegensatz zu mir nicht informiert war, schon meine französische Kollegin Lorraine beschwert hat, aber nun gibt es bei einer Filmvorführung ja nicht viel zu inspizieren. Anderes liegt ihr auch spürbar mehr am Herzen: Ich werde auf die Korrektur der von mir verantworteten Prüfung zur Zulassung zum Magisterstudium vorbereitet, denn - honni soit qui mal y pense - natürlich sind da ja einige Kandidaten, zwei junge Damen, ein Herr, von unserer Uni dabei. Die sollen natürlich protegiert werden, das heißt, sollen natürlich nicht protegiert werden, weil das ja nicht gestattet ist, aber es wäre doch schön, wenn die eine Studentin, deren Vater offenbar zu den großzügigen Förderern der Universität gehört, wie die Uni-Leitung meiner Chefin mitzuteilen sich verpflichtet sah, ganz gut abschneiden würde. Und die Studentin aus dem Jahrgang 06, die in der mündlichen Prüfung ja nicht gerade brilliert hat, ist als Lehrkraft an der der Uni angeschlossenen Mittelschule beschäftigt, da wäre es natürlich von Vorteil, um nicht zu sagen wünschenswert wenn...  Und daher zähle man auf meine Kooperation. Die Chefin bittet mich, später, nach getaner Arbeit, zu einer Art Lagebesprechung noch mal bei ihr im Büro vorbeizuschauen. Das sei sehr wichtig.
Zu den Korrekturen werde ich mit anderen Prüfern nachmittags in einen Raum geschickt und darf hier nun völlig autonom die Prüfungen auswerten. Die sechs Prüfungsbögen tragen keine Namen. Aber: Ich kenne natürlich die Handschriften der drei Studenten von unserer Uni, da ich sie alle früher im Unterricht hatte. Deswegen zählt man ja so auf mich! Werde ich also nun zum Handlanger in einem abgekarteten Spiel?!?
Ich erscheine am späten Nachmittag wie verabredet zum Rapport: Die Studentin Zhao (die mit dem großzügigen Vater) hat leider als einzige nicht erkannt, wer "H." ist - alles zusammengenommen das schwächste Ergebnis. Das weitere Vorgehen sieht nun wie folgt aus: Da ein Student von einer anderen Uni (= mir unbekannte Handschrift) nur einen Prozentpunkt besser ist als Zhao können nun die gestern lediglich auf ein Papier gekritzelten Noten der mündlichen Prüfung ein bisschen an die Notwendigkeiten "angepasst" werden, da man nun weiß, um wie viele Prozentpunkte Zhaos mündliche Prüfung besser ausfallen muss als die des anderen Wackelkandidaten.
Am Ende aber ist das Schicksal mit allen Prüflingen gnädig. Durch einen in einer anderen Abteilung frei gewordenen Magisterstudienplatz können nun alle sechs Kandidaten zugelassen werden. (Es hätte ohnehin nur einer aussortiert werden müssen.) Anders formuliert: Den ganzen Prüfzirkus hätte man sich auch sparen können!

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Samstag, 09. März 2013

Hitzewelle
Von didus, 23:59

Und auf einmal steigt das Thermometer hier auf irre dreißig Grad! Ich sause auf meinem Dianpingche in die benachbarte Gemeinde Qixia, wo ich mich vor neun Monaten unter erschwerten Bedingungen bei der Polizeidienststelle anmelden musste. Qixia lässt unweigerlich an "Asterix und die Trabantenstadt" denken. Auf dem Weg dorthin fährt man an hohläugigen Betongiganten vorbei, wird von Baustaub bedeckt, den der Wind ununterbrochen mit sich führt und landet schließlich in Straßenzügen, die begrenzt werden von gleichförmigen parallel geschalteten Hochhausfassaden mit spitzem Giebel, unter dem sich ihre Seelen erfolgreich zu verkriechen scheinten. Am Einkaufszentrum kaufe ich ein und klettere dann auf den kleinen Hügel dahinter. Dort sitze ich in einem kleinen Pavillon. Die ganze Zeit starrt mir ein etwa elfjähriges Mädchen aufs Buch. Am Ende sitzt sie so dicht bei mir, dass es nur noch wenige Sekunden dauern kann, bis sie auf meinem Schoß sitzt. Dabei hat das Buch gar keine Bilder! Nachdem sie endlich, nach etwa einer halben Stunde, ihre Neugier in die erste Frage gekleidet hat, ruft mich die Chefin mit einem Auftrag an: Prüfung für Magisterkandidaten erstellen. So nebenbei erwähnt sie auch noch ein Jobangebot an der Universität Suzhou. Das kommt für mich eigentlich jetzt gar nicht in Betracht, aber ich könne mir die Uni ja gleichwohl mal anschauen, sage ich. Schließlich muss das kleine Mädchen heim und ich schwinge mich auch auf mein Dianpingche, das mich jedoch in wenigen Tagen im Stich lassen und danach erst mal mit Plattfuß im Keller verschwinden wird. Und die Hitzewelle wird einem kühlen Tiefdruckgebiet weichen.

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Montag, 04. März 2013

Muslimische Nudeln
Von didus, 23:59

Auf dem Weg zur Bank treffe ich meinen französischen Kollegen Alain. Wir entscheiden uns in einem muslimischen Restaurant muslimische Nudeln essen zu gehen. Erst dann hole ich mir meine Bankkarte zurück. Es hakt erst ein wenig, aber dann erkenne ich meine Nummer irgendwo auf einer langen Liste - wie viele Karten ziehen denn diese Dinger pro Wochenende ein? Erschreckend! Schließlich habe ich die Karte wieder in der Hand. Um die ATM-Maschine mache ich diesmal lieber einen weiten Bogen.

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Sonntag, 03. März 2013

Du, die Karte ist weg!
Von didus, 23:59

Ich will mit meiner deutschen Bankkarte etwas Geld von meinem deutschen Konto abheben, weil das Geld nach der langen Reise langsam knapp wird. Schwupp, da ist die Karte weg. Während ich vollkommen entnervt mit der ATM-Maschine rede, erbarmt sich die Dame am Nachbar-ATM-Gerät und ruft den Notruf an. Der kann mir aber nur mitteilen, dass ich mich bis zum morgigen Montag gedulden müsse. Die junge Dame ist inzwischen von meinem Geschick so erschüttert, dass sie mir einen Hundert-Yuan-Schein hinhält. Aber da sie morgen nicht mehr in der Stadt ist, muss ich das Angebot leider ablehnen. Ich kann ihr ja das Geld nicht zurückzahlen. Mit dem  Geld im Portmonee komme ich auch noch bis nach Hause. Ich habe nur so dramatisiert, damit sich was tut. Aber auch in China arbeiten die Banken nur, wenn sie selbst was davon haben.

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